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Jennsen konnte sich nicht an das Haus erinnern, sofern es denn überhaupt dasselbe Haus war. Ihre Erinnerung an den Besuch bei Althea setzte sich eher aus Eindrücken von freundlichen Gesichtern zusammen und nicht so sehr aus Bildern eines konkreten Ortes. Die Wände mit den zahlreichen Dingen, an denen sie ihre Augen weiden lassen konnte, kamen ihr vertraut vor. Überall sah man geschnitzte Figuren von Vögeln, Fischen und anderen Tieren; manche der geschnitzten Figuren waren bemalt, andere im Naturzustand belassen, Federn, Schuppen und Fell jedoch so detailliert wiedergegeben, daß sie fast wie durch Magie zu Holz erstarrte Lebewesen wirkten. Ein Wandspiegel war mit einem Sonnenaufgangssymbol verziert, dessen Strahlen abwechselnd vergoldet und versilbert waren.

Zum Kamin hin lag ein großes rotgoldenes Kissen auf dem Fußboden. Jennsens Blick wurde auf ein quadratisches, auf dem Boden vor dem Kissen liegendes Spielbrett mit einer vergoldeten Huldigung gelenkt. Sie glich genau der Huldigung, die sie selbst oft zeichnete, diese allerdings, das erkannte sie augenblicklich, war echt. Etwas seitlich davon lagen kleine Steinchen zu einem Stapel aufgehäuft.

In einem prunkvoll gearbeiteten Sessel mit hoher Lehne und geschnitzten Armstützen saß eine zierliche Frau mit großen, dunklen Augen, die um so eindrucksvoller wirkten, als sie von goldblonden, mit Grau durchsetzten Haaren umsäumt wurden. Das Haar umrahmte ihr Gesicht und fiel schwungvoll bis auf die Schultern. Ihre Handgelenke ruhten auf den Armstützen, während sie mit ihren schlanken Fingern anmutig über den Schwung der geschnitzten Schnecke an deren Enden strich.

»Ich bin Althea.« Ihre Stimme war sanft, enthielt aber unverkennbar einen Unterton von Autorität. Sie stand nicht auf.

Jennsen machte einen Knicks. »Madam, bitte verzeiht, daß ich so ungeladen und unerwartet hereinplatze.«

»Ungeladen vielleicht, aber gewiß nicht unerwartet, Jennsen.«

»Ihr kennt meinen Namen?« Zu spät merkte Jennsen, wie albern ihre Frage klingen mußte, die Frau war schließlich Hexenmeisterin.

Althea lächelte, was ihr durchaus vorteilhaft zu Gesicht stand. »Ich erinnere mich an dich. Eine Begegnung mit jemandem wie dir vergißt man nicht.«

Jennsen wußte nicht recht, was genau sie damit meinte, bedankte sich aber trotzdem bei ihr.

Das Lächeln auf Altheas Gesicht wurde strahlender, bis sich kleine Fältchen um ihre Augen bildeten. »Gütiger Himmel, du bist deiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Wäre da nicht das rote Haar, würde ich glatt meinen, ich wäre in der Zeit zurückgeeilt bis zu unserer letzten Begegnung, als sie genauso alt war wie du jetzt.« Sie hielt ihre Hand ausgestreckt vor ihren Körper. »Dabei warst du damals gerade mal so groß.«

Jennsen spürte, daß ihr Gesicht so rot wurde wie ihr Haar.

»Und wie geht es ihr?«

Jennsen mußte schlucken. »Meine Mutter ... meine Mutter ist von uns gegangen.« Sie schlug, von Kummer übermannt, die Augen nieder. »Sie wurde ermordet.«

»Das tut mir sehr leid«, warf Friedrich ein, der hinter ihr stand. Er legte ihr mitfühlend eine Hand auf die Schulter. »Wirklich, das tut es. Ich kannte sie ein wenig, aus dem Palast. Sie war eine durch und durch anständige Person.«

»Wie ist das passiert?«, wollte Althea wissen.

»Sie haben uns schließlich doch noch geschnappt.«

»Euch geschnappt?« Althea reagierte leicht überrascht. »Wer denn?«

»Nun, die d’Haranischen Soldaten. Die Männer des Lord Rahl.«

Altheas Blick erfaßte wieder Jennsens Gesicht. »Es schmerzt mich, das zu hören. Liebes.«

Jennsen nickte. »Aber ich muß Euch warnen. Ich war bei Eurer Schwester...«

»Du hast sie vor ihrem Tod noch gesehen?«

Jennsen sah sie überrascht an. »Aber ja. Ich ging zu ihr, weil ich dringend Hilfe brauchte. Mir war eingefallen, daß meine Mutter den Namen einer Hexenmeisterin erwähnte, die uns vor langer Zeit einmal geholfen hat, aber dann habe ich wohl die Namen verwechselt, und so landete ich schließlich bei Eurer Schwester. Sie wollte mich nicht einmal empfangen und sagte, sie könne nichts für mich tun, da Ihr es gewesen wäret, die mir damals geholfen hätte. Deswegen mußte ich unbedingt herkommen.«

»Wie hast du überhaupt hergefunden?«, fragte Friedrich, mit einer Handbewegung auf den Pfad vor dem Haus deutend. »Du bist doch gewiß vom Weg abgekommen.«

»Ich bin doch gar nicht über diesen Weg gekommen, sondern hinten herum, durch den Sumpf.«

Jetzt machte sogar Althea ein erstauntes Gesicht. »Aber hinten herum existiert keinerlei Weg.«

»Na ja, einen richtigen Weg gibt es dort nicht, ich hab mich eben irgendwie durchgeschlagen.«

»Von dieser Seite aus kann niemand bis zu uns gelangen«, beharrte Althea. »Es gibt dort draußen Wesen, die diese Seite bewachen.«

»Ich weiß. Ich hatte einen Zusammenstoß mit einer riesigen Schlange ...«

»Du hast die Schlange gesehen?«, unterbrach Friedrich sie erstaunt.

Jennsen nickte. »Ich hielt sie für eine Wurzel und bin aus Versehen draufgetreten. Es kam zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf ich gezwungen war ein Bad zu nehmen.«

Die beiden sahen sie auf eine Weise an, die Jennsen nervös machte.

»Ja, schon gut«, meinte Althea, wegen der Schlange offenbar nicht weiter besorgt; sie winkte ab, so als wollte sie mit derart unwesentlichen Einzelheiten nicht behelligt werden, »aber du hast doch bestimmt auch die anderen Wesen gesehen.«

Jennsens Blick wanderte von Friedrichs großen Augen zu Altheas gerunzelter Stirn. »Außer der Schlange habe ich überhaupt nichts gesehen.«

»Die Schlange ist nichts weiter als eine Schlange«, erklärte Althea. »Dort unten gibt es aber auch sehr gefährliche Wesen, Wesen, die niemals jemanden durchlassen würden. Niemanden. Wie, im Namen der Schöpfung, konntest du dich nur an ihnen vorüberschleichen?«

»Welcher Art sind denn diese Wesen?«

»Magische Wesen«, antwortete Althea düster.

»Tut mir leid, aber ich kann Euch nicht mehr sagen, als daß ich durchgekommen bin und außer der Schlange nicht das Geringste gesehen habe.« Sie sah zur Decke, die Stirn nachdenklich in Falten gelegt. »Nur im Wasser ist mir noch etwas aufgefallen – merkwürdige Wesen, die unter der Wasseroberfläche lauerten.«

»Fische wahrscheinlich«, meinte Friedrich spöttisch.

»Und im Gebüsch auch – ich habe irgendwelche Wesen im Gebüsch gesehen. Also, direkt gesehen hab ich sie eigentlich nicht, aber ich sah, wie sich die Büsche bewegten, und wußte, daß sich dort drinnen etwas verbirgt. Sie sind allerdings nie aus ihrem Versteck herausgekommen.«

»Diese Wesen«, erklärte Althea. »verstecken sich nicht im Gebüsch, denn sie fürchten sich vor nichts. Sie wären hervorgekommen und hätten dich in Stücke gerissen.«

»Ich weiß auch nicht, warum sie es nicht getan haben«, erwiderte Jennsen. Ihr Blick fiel durch das Fenster auf den Rand der endlosen Fläche aus dunklen Gewässern im Schatten des Schlingpflanzengewirrs, und sie verspürte einen sorgenvollen Stich, als sie an ihren Rückweg dachte. Sebastians Leben stand auf dem Spiel, und sie empfand das sinnlose Gerede der Hexenmeisterin darüber, was in dem Sumpfgebiet hauste, als enttäuschend. Schließlich war es ihr gelungen, sich durchzuschlagen, offenbar war es also nicht ganz so unmöglich, wie die beiden ihr weismachen wollten. »Wieso lebt Ihr überhaupt hier draußen? Wenn Ihr so weise seid, warum lebt Ihr dann in diesem schlangenverpesteten Sumpf?«

Althea zog eine Braue hoch. »Weil ich es vorziehe, wenn meine Schlangen weder Arme noch Beine haben.«

Jennsen atmete tief durch und versuchte es erneut. »Ich bin zu Euch gekommen, Althea. weil ich dringend Eure Hilfe brauche.«

Althea schüttelte den Kopf, als wollte sie nichts davon hören. »Ich kann dir nicht helfen.«

Jennsen war verblüfft, daß ihre Bitte so mir nichts, dir nichts abgeschlagen wurde. »Aber Ihr müßt.«

»Tatsachlich?«

»Bitte, Ihr habt mir doch schon einmal geholfen, und jetzt brauche ich Eure Hilfe wieder. Ich bin mit meinem Latein am Ende und weiß einfach nicht mehr, was ich tun soll. Ich weiß nicht einmal, warum Lord Rahl mich überhaupt umbringen will.«