»Aber ich sehe nicht, wie mir das ohne die Hilfe von Magie gelingen soll. Ich bin ein Niemand.«
»Ein Niemand«, schnaubte Althea spöttisch und lehnte sich zurück. Sie wurde mehr und mehr zur ungeduldigen Lehrerin, deren Schülerin sich ungeschickt anstellt. »Du bist durchaus jemand; du bist Jennsen, ein kluges Mädchen, das seinen Kopf zu gebrauchen weiß. Du solltest dich nicht vor mir auf die Knie werfen, so tun, als hättest du von nichts eine Ahnung, und mir mit deinem Unvermögen in den Ohren liegen und im selben Atemzug darum bitten, ein anderer möge dir die Arbeit abnehmen.
Wenn du dein Leben lang auf andere angewiesen bleiben willst, dann laufe nur weiter herum und bitte andere, dir die Arbeit abzunehmen. Sie werden dir den Gefallen tun. du wirst jedoch feststellen, daß du einen Preis dafür bezahlen mußt, deine Entscheidungsfreiheit, deine Freiheit überhaupt, ja, dein ganzes Leben. Sie werden dir die Arbeit abnehmen, und als Folge davon wirst du ewig in ihrer Pflicht stehen, denn du hast deine Freiheit zu einem jämmerlichen Preis verscherbelt. Dann, und nur dann, wirst du ein Niemand sein, der immer nur auf andere angewiesen ist, und zwar weil du selbst es so gewollt hast, niemand sonst.«
»Aber vielleicht verhält es sich in diesem Fall ja ganz anders ...«
»Die Sonne geht im Osten auf; es gibt keine Sonderregelungen, nur weil du es gern so hättest. Ich weiß, wovon ich spreche, und ich sage dir, Magie ist keine Lösung.«
»Aber die Magie ...«
»Magie ist immer nur ein Mittel zum Zweck, aber keine Lösung.«
Jennsen ermahnte sich, nicht die Fassung zu verlieren, dabei hätte sie die Frau am liebsten bei den Schultern gepackt und geschüttelt, bis sie sich bereit erklärt hätte, ihr zu helfen. Doch anders als bei Lathea war sie diesmal nicht gewillt, sich diese Hilfe zu verscherzen. »Was meint Ihr damit, Magie ist keine Lösung? Magie ist mächtig.«
»Du besitzt doch ein Messer. Hast du es mir nicht selbst gezeigt?«
»Ja, richtig.«
»Angenommen, du bist hungrig, bedrohst du dann einen anderen damit, um ihm sein Brot wegzunehmen? Nein. Du bringst ihn dazu, dir Brot zu geben, indem du ihm im Gegenzug eine Münze überläßt.«
»Wollt Ihr damit sagen, Ihr glaubt, man könnte diese Leute bestechen?«
Noch ein Seufzer. »Nein. Nach allem, was ich weiß, kann ich dir versichern, daß sie sich nicht bestechen lassen – zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Dennoch besteht da im Prinzip eine gewisse Ähnlichkeit.
Wenn Friedrich Brot möchte, dann benutzt er sein Messer nicht, um es dem wegzunehmen, der welches hat – jedenfalls nicht auf diese Weise, wie du offenbar Magie benutzen willst. Er gebraucht statt dessen seinen Kopf und benutzt sein Messer als Werkzeug, um damit Figuren zu schnitzen und sie hinterher zu vergolden. Anschließend verkauft er, was er mit dem Messer hergestellt hat, und dieses Geld wiederum tauscht er gegen Brot ein.
Verstehst du jetzt? Würde er sein Messer – das Werkzeug – dazu benutzen, das Problem der Brotbeschaffung auf direktem Weg zu lösen, würde ihm das am Ende mehr schaden als nützen.«
»Dann meint Ihr also, ich müßte die Magie auf indirekte Weise benutzen, gewissermaßen als Werkzeug?«
Althea seufzte schwer. »Nein, mein Kind. Laß die Magie ganz aus dem Spiel. Gebrauche deinen Verstand. Magie bringt nichts als Scherereien. Gebrauche deinen Kopf.«
»Das hab ich bereits«, sagte Jennsen. »Es war nicht einfach, aber ich habe meinen Kopf gebraucht, um zu Euch zu kommen und Hilfe zu holen. Was ich jetzt brauche, ist ein Bann, den ich als Werkzeug benutzen kann.«
Althea wandte sich ab und schaute in den Kamin, in die lodernden Flammen. »Auf diese Weise kann ich dir nicht helfen. Ich kann es nicht tun, es steht nicht in meiner Macht.«
»Aber gewiß doch. Ihr habt es ja schon einmal getan.« Mit diesen Worten brach ein ganzes Leben voller Enttäuschungen und Ängste, voller Verluste und vergeblichem Bemühen aus ihr heraus, und sie fing bitterlich an zu weinen.
Althea vermied es, ihr in die Augen zu sehen. »So glaub mir doch, ich kann keinen solchen Bann für dich sprechen.«
Jennsen unterdrückte ihre Tränen. »Bitte, Althea, ich möchte doch nur in Frieden gelassen werden. Ihr habt die Macht dazu.«
»Die habe ich keineswegs, das hast du dir in deiner Phantasie nur so zurechtgelegt. Ich habe dir auf die einzige Weise geholfen, die mir zur Verfügung steht.«
»Wie könnt Ihr nur einfach dasitzen, obwohl Ihr wißt, daß andere Menschen leiden und sterben – und mir Eure Hilfe verweigern? Wie könnt Ihr nur so selbstsüchtig sein, Althea?«
Friedrich schob eine Hand unter Jennsens Arm und bedeutete ihr damit aufzustehen. »Tut mir leid, aber du hast dein Anliegen vorgebracht und gehört, was Althea dazu zu sagen hat. Wenn du klug bist, wirst du das Gehörte beherzigen und dir selbst helfen. Jetzt ist es Zeit für dich zu gehen.«
Jennsen riß sich los. »Alles, was ich will, ist ein Zauber, der mir hilft! Wie kann sie nur so selbstsüchtig sein!«
Friedrichs Augen funkelten wütend, auch wenn seiner Stimme nichts davon anzumerken war. »Es steht dir nicht zu, so mit uns zu reden. Du weißt nichts, gar nichts, über all die vielen Opfer, die sie gebracht hat. Es wird Zeit für dich zu ...«
»Friedrich«, unterbrach ihn Althea milde, »warum brühst du uns nicht einen Tee auf?«
»Es gibt keinen Grund, dich ihr gegenüber zu irgendwelchen Erklärungen verpflichtet zu fühlen, Althea – ihr am allerwenigsten.«
Althea sah lächelnd zu ihm hoch. »Es ist schon in Ordnung.«
»Welche Erklärungen denn?«, fragte Jennsen.
»Mein Gemahl mag sich in deinen Ohren etwas schroff anhören, dabei möchte er nur vermeiden, daß ich dich belaste. Er weiß, daß viele Menschen unglücklich mit dem Wissen fortgehen, das ich ihnen gebe.« Sie wandte ihre dunklen Augen ihrem Gemahl zu. »Setzt du uns nun einen Tee auf?«
Friedrich gab sich schließlich geschlagen und nickte.
»Von welchem Wissen sprecht Ihr? Was verschweigt Ihr mir?«, fragte Jennsen.
Während Friedrich zum Küchenschrank ging und den Wasserkessel und Tassen herausnahm, die er auf den Tisch stellte, bedeutete Althea Jennsen, auf dem Kissen vor ihr Platz zu nehmen.
23
Jennsen machte es sich auf dem rotgoldenen Kissen bequem.
»Vor vielen Jahren«, begann Althea, ihre Hände im Schoß ihres schwarzweiß bedruckten Kleides faltend, »vor mehr Jahren, als du vielleicht glauben magst reiste ich mit meiner Schwester über die große Barriere unten im Süden in die Alte Welt.«
Jennsen entschied, daß es fürs Erste vielleicht am besten wäre, sich still zu verhalten und so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen, statt immer wieder darauf zurückzukommen, daß sie bestimmte Dinge längst wußte, daß der neue Lord Rahl – entschlossen. Eroberungen zu machen – die große Barriere im Süden zerstört hatte, um in die Alte Welt einzufallen, und daß Sebastian aus der Alten Welt angereist war, um die Möglichkeiten auszuloten, wie Kaiser Jagang der Gerechte bei seinem Kampf gegen die d’Haranische Invasion unterstützt werden konnte. Wenn sie dies alles selbst ein wenig besser durchschaute, so ihr Hintergedanke, fand sie vielleicht doch noch einen Weg, Althea zu überzeugen, ihr zu helfen.
»Wir reisten in die Alte Welt, um dort einen Ort mit Namen Palast der Propheten aufzusuchen«, fuhr Althea fort. Auch das wußte Jennsen bereits von Sebastian. »Ich besitze die Gabe für eine sehr ursprüngliche Form der Prophezeiung. Darüber wollte ich so viel wie möglich in Erfahrung bringen, während meine Schwester vorhatte, sich über Heilverfahren und dergleichen kundig zu machen. Darüber hinaus aber wollte ich auch etwas über Menschen wie dich lernen.«
»Wie mich?«, fragte Jennsen. »Was wollt Ihr damit sagen?«