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»Die Vorfahren Darken Rahls verhielten sich nicht anders als er, indem sie sämtliche nicht mit der Gabe gesegneten Nachkommen ausschalteten, von deren Geburt sie Wind bekommen hatten. Lathea und ich waren damals jung und voller Eifer, den Bedürftigen zu helfen, aber auch denen, die nach unserem Empfinden zu Unrecht verfolgt wurden. Mit Hilfe unserer Gabe wollten wir dazu beitragen, die Welt zum Besseren zu verändern. Obwohl wir beide ganz unterschiedliche Dinge zu studieren hofften, unternahmen wir diese Reise doch aus nahezu denselben Gründen.«

Jennsen fand, daß dies ihren Vorstellungen ziemlich nahe kam und exakt der Hilfe entsprach, von der sie die ganze Zeit redete, doch wußte sie auch, daß dies nicht der geeignete Augenblick war, um wieder davon anzufangen. Statt dessen fragte sie, »Wieso mußtet Ihr die weite Reise bis zum Palast der Propheten machen, um diese Dinge zu lernen?«

»Die Hexenmeisterinnen dort sind dafür berühmt, sich mit vielen Dingen auszukennen, mit Zauberern, mit Magie, am besten jedoch mit den Angelegenheiten, die diese Welt und die Welten jenseits davon betreffen.«

»Die Welten jenseits davon?« Jennsen zeigte auf die Fläche außerhalb des vergoldeten äußeren Rings der ganz in der Nähe liegenden Huldigung. »Ihr meint die Welt der Toten?«

Althea lehnte sich zurück und überlegte. »Nun ja, nicht ganz. Ist dir die Huldigung vertraut?« Althea wartete Jennsens Nicken ab, bevor sie fortfuhr. »Die Hexenmeisterinnen im Palast der Propheten besitzen Kenntnisse über die Wechselwirkung zwischen der Gabe und dem Schleier zwischen den Welten sowie ihrer jeweiligen Wechselbeziehung untereinander – wie eben all diese Dinge zusammengehören. Man nennt sie Schwestern des Lichts.«

Jennsen schoß Sebastians Bemerkung durch den Kopf, die Schwestern des Lichts hätten sich jetzt Jagang angeschlossen. Offenbar hatten sie etwas mit dem Licht des Schöpfers, vor allem aber mit der Gabe im Zentrum der Huldigung zu tun.

Dann kam ihr noch ein anderer Gedanke. »Hat das etwas mit Latheas Bemerkung zu tun? Daß Ihr im Stande seid, die ... Lücken in der Welt zu sehen, wie sie es nannte?«

In Altheas Lächeln zeigte sich die Freude eines Lehrers, der erkennt, daß sein Schüler kurz vor einer entscheidenden Erkenntnis steht. »Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Du mußt wissen, daß die nicht mit der Gabe gesegneten Nachkommen des Lord Rahl – eines jeden Lord Rahl, seit Tausenden von Jahren – sich von allen anderen Menschen unterscheiden. Für diejenigen unter uns, die mit der Gabe gesegnet sind, seid ihr Lücken in der Welt.«

»Was genau bedeutet das – Lücken in der Welt?«

»Wir sind blind in Bezug auf Euch.«

»Blind? Aber Ihr könnt mich doch sehen, und Lathea konnte mich ebenfalls sehen.«

»Nicht mit den Augen blind, sondern mit der Gabe.« Sie deutete mit einer ausladenden Geste erst auf den mit einem Eisenkessel am Feuer sitzenden Friedrich, dann zum Fenster.

»Überall gibt es lebendige Wesen. Du nimmst sie, genau wie ich und alle anderen auch, mit den Augen wahr – du siehst Friedrich und die Bäume und so weiter.« Sie hob zur Unterstreichung ihres Standpunkts ihren Zeigefinger. »Ich dagegen nehme sie auch über meine Gabe wahr.

Wiewohl es durchaus sein mag, daß unsere Augen euer Vorhandensein registrieren, können diejenigen unter uns, die die Gabe besitzen, euch mit dieser Seite ihrer Persönlichkeit trotzdem nicht wahrnehmen. Darken Rahl konnte dich nicht besser sehen als ich, und das Gleiche gilt für den neuen Lord Rahl. Für diejenigen unter uns, die die Gabe besitzen, bist du eine Lücke in der Welt.«

»Aber... aber«, stammelte Jennsen verwirrt, »das ist doch völlig unlogisch. Er hat mich verfolgt, er hat Männer ausgesandt, die mich ergreifen sollten – sie hatten sogar ein Stück Papier dabei, auf dem mein Name stand.«

»Mag sein, daß sie Jagd auf dich machen, aber nur im herkömmlichen Sinn. Es ist ihnen völlig unmöglich, dich mit den Mitteln der Magie zu finden. Er ist gezwungen, zusätzlich zu seiner Intelligenz und Gerissenheit Spione, Bestechungsgelder und Drohungen einzusetzen, um dich aufzuspüren. Verhielte es sich nicht so, brauchte er ja nur anstelle von Soldaten mit deinem Namen auf einem Stück Papier irgendein magisches Wesen loszuschicken, das dich für ihn aufgreift, und der Fall wäre erledigt.«

»Wollt Ihr damit etwa sagen, ich bin für ihn längst unsichtbar?«

»Nein. Ich kenne dich; ich erinnere mich an dein rotes Haar. Ich habe dich wiedererkannt, weil ich mich an deine Mutter erinnert habe und du ihr sehr stark ähnelst. Auf diese Art kenne ich dich – die Art, wie jeder einen anderen kennt und wiedererkennt. Lebte Darken Rahl noch, würde er dich vielleicht auch wiedererkennen – vorausgesetzt, er erinnerte sich noch an deine Mutter. Andere, die ihn kannten, könnten über die Ähnlichkeit mit deiner Mutter hinaus etwas von ihm in dir wiederfinden, so wie ich. Für uns, die wir die Gabe besitzen, gleichst du in vieler Hinsicht allen anderen Menschen, außer eben, daß du eine Lücke in der Welt bist.«

Jennsen hatte die Stirn nachdenklich in Falten gelegt, was ihr erst auffiel, als Althea ihre Daumen gegeneinander trommelte.

»Damals, während meines Aufenthalts im Palast der Propheten«, meinte sie schließlich, »lernte ich eine Frau namens Adie kennen, eine Hexenmeisterin wie ich. Sie war aus einem fernen Land allein in die Alte Welt gereist, um so viel wie möglich zu lernen. Doch Adie war blind.«

»Blind? Sie konnte allein auf Reisen gehen, obwohl sie blind war?«

Die Erinnerung an diese Frau ließ Althea versonnen lächeln. »Aber ja. Sie bediente sich dabei ihrer Gabe, nicht ihrer Augen. Alle Hexenmeisterinnen – überhaupt alle mit der Gabe Gesegneten – verfügen über außerordentliche Talente. Hinzu kommt, daß die Gabe sich nicht nur in ihren Erscheinungsformen unterscheidet, sondern diese Erscheinungsformen sind auch unterschiedlich stark ausgeprägt. Bei manchen ist sie sehr stark, bei anderen eher schwach. Jeder von uns ist ein individuelles Wesen. In Bezug auf unser besonderes Talent, die Gabe, sind wir allesamt einzigartig, ganz so wie du auf andere Weise einzigartig bist.«

»Und was war nun mit Eurer Freundin, dieser Adie?«

»Ja, richtig. Nun, Adies Gabe verriet ihr mehr über ihre Umgebung als meine Augen mir. Ganz so, wie nicht mit der Gabe gesegnete Blinde sich eher auf ihr Gehör verlassen und lernen, besser zu hören als du oder ich, verfuhr Adie mit ihrer Gabe. Sie sah, indem sie jenen winzig kleinen Funken der Gabe des Schöpfers spürte, der allen Wesen und Dingen innewohnt – dem Leben selbst, und überhaupt der ganzen Schöpfung. Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Für mich, Darken Rahl und Adie existierst du einfach nicht. Du bist eine Lücke in der Welt.«

Jennsen fuhr ein Schrecken in die Glieder, aus Gründen, die sie zuerst gar nicht verstand. Dann, plötzlich, begann das Gefühl dieser entsetzlichen Angst allmählich Gestalt anzunehmen. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schössen.

»Der Schöpfer hat mir kein Leben eingehaucht, so wie allen anderen? Ich bin so etwas wie eine ... Mißgeburt? Mein Vater wollte mich töten lassen, weil ich so etwas wie eine Mißbildung der Natur bin?«

»Nein, nein, Kind«, sagte Althea und beugte sich vor, um ihr beschwichtigend mit der Hand übers Haar zu streichen, »das habe ich ganz und gar nicht damit sagen wollen. Hör mir erst einmal weiter zu.«

Jennsen nickte, sich die Tränen fortwischend. »Ich höre.«

»Der Umstand, daß du anders bist, macht dich noch nicht zu einem schlechten Menschen.«

»Und was bin ich dann letztlich?«

»Mein liebes Kind, du bist eine Säule der Schöpfung.«

»Aber gerade habt Ihr doch gesagt...«

»Ich sagte, daß die mit der Gabe Gesegneten dich mit ihr nicht wahrnehmen können. Ich habe weder behauptet, daß du nicht existierst, noch daß du nicht, wie wir anderen, Teil der Schöpfung bist. Eine Eule kann im Dunkeln sehen. Macht es dich etwa zu einem schlechten Menschen, daß die Menschen dich im Gegensatz zur Eule nicht sehen können? Die begrenzten Fähigkeiten eines Menschen machen einen anderen noch nicht schlecht. Bewiesen wird dadurch nur eins, daß unsere Fähigkeiten begrenzt sind.«