»Könnte es sein, daß die Lücken in der Welt, so wie ich, in Wahrheit eher selten sind?«
»Ja«, räumte Althea mit leiser Stimme ein.
Jennsen glaubte eine unterschwellige Anspannung hinter der einsilbigen Antwort zu erkennen. »Wollt Ihr damit andeuten, daß noch mehr dahinter steckt als die schlichte Tatsache, daß wir für die mit der Gabe Gesegneten Lücken in der Welt sind?«
»Ja. Das war einer der Gründe, weshalb ich die Schwestern des Lichts zu Studienzwecken aufsuchte. Ich wollte die Wechselwirkung zwischen der Gabe und dem Leben, wie wir es kennen – der Schöpfung –, besser verstehen lernen.«
»Konnten die Schwestern des Lichts Euch denn helfen?«
»Leider nein.« Althea schüttelte langsam den Kopf. »Das Ganze ist vielfältiger, Jennsen, als selbst ich es durchschaue. Ich habe den Verdacht, daß es dabei um etwas sehr viel Wichtigeres geht.«
Jennsen konnte sich nicht vorstellen, was das sein sollte. »Wie viele Nachkommen werden denn ganz ohne die Gabe geboren?«
»Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, geschieht es überaus selten, daß mehr als ein Nachkomme eines jeden Lord Rahl mit der Gabe, so wie wir sie uns vorstellen, geboren wird – sein Samen vermag nur einen einzigen echten Erben zu zeugen.« Althea beugte sich mit erhobenem Zeigefinger vor. »Möglich wäre aber, daß viele dieser anderen, obschon nach herkömmlichem Verständnis nicht mit der Gabe gesegnet, diesen ansonsten unsichtbaren und unnützen Funken der Gabe besitzen, so daß sie aufgespürt und vernichtet werden können, bevor andere wie ich überhaupt von ihrer Existenz erfahren.«
»Säulen der Schöpfung«, warf Jennsen voller Sarkasmus ein Althea lachte amüsiert. »Auf diese Weise klingt es vielleicht etwas freundlicher.«
»Aber für die mit der Gabe Gesegneten sind wir Lücken in der Welt.«
Altheas Lächeln erlosch. »So ist es. Wenn Adie hier wäre und du vor ihr stündest, sähe sie alles – nur dich nicht, in Bezug auf dich wäre sie blind. Für Adie, die allein mit Hilfe ihrer Gabe sehen kann, wärst du im wahrsten Sinne des Wortes eine Lücke in der Welt.«
»Das hebt nicht gerade mein Selbstwertgefühl.«
Altheas Lächeln kehrte zurück. »Verstehst du denn nicht, Kind? Es beweist lediglich die Beschränkung. Für einen Blinden ist jeder eine Lücke in der Welt.«
Jennsen dachte darüber nach. »Dann ist es also nur eine Frage der Wahrnehmung; es gibt Menschen, denen einfach die Fähigkeit fehlt, mich auf eine sehr eingeschränkte Weise wahrzunehmen.«
Althea bedachte sie mit einem einzigen knappen Nicken. »Genauso ist es. Aber weil die mit der Gabe Gesegneten ihr Talent oft ganz unbewußt benutzen, so wie du dein Sehvermögen, ist es für die mit der Gabe Gesegneten sehr verwirrend, jemandem wie dir zu begegnen.«
»Verwirrend? Warum denn verwirrend?«
»Weil es etwas Verstörendes hat, wenn die Sinneswahrnehmungen nicht übereinstimmen.«
»Aber sie können mich doch trotzdem noch sehen, wieso wirke ich dann verstörend auf sie?«
»Nun, stell dir vor, du hörst eine Stimme, könntest aber nicht feststellen, woher sie kommt.«
Das brauchte Jennsen sich nicht vorzustellen; sie wußte nur zu gut, wie verstörend das sein konnte.
»Oder stell dir vor«, fuhr die Hexenmeisterin fort, »du könntest mich zwar sehen, aber wenn du die Hand ausstrecktest, um mich zu berühren, griffe diese Hand durch mich hindurch, als wäre ich überhaupt nicht vorhanden. Würde dich das nicht verstören?«
»Vermutlich schon«, mußte Jennsen zugeben. »Sind wir denn auch noch in anderer Hinsicht anders?«
»Das weiß ich nicht. Es geschieht äußerst selten, daß man jemandem wie dir noch zu Lebzeiten über den Weg läuft. Zwar ist es durchaus möglich, daß noch andere existieren, und einmal ist mir ein Gerücht zu Ohren gekommen, wonach einer von ihnen bei den Raug’Moss genannten Heilern gelebt haben soll, aber mit Gewißheit weiß ich nur von dir.«
Jennsen hatte die Heiler, die Raug’Moss, in sehr jungen Jahren zusammen mit ihrer Mutter aufgesucht. »Wißt Ihr seinen Namen?«
»Der Name, den man sich damals hinter vorgehaltener Hand erzählte, lautete Drefan, doch weiß ich natürlich nicht, ob er stimmt. Aber selbst wenn, wäre die Wahrscheinlichkeit überaus gering, daß er noch lebt.«
Jennsen dachte laut nach, »Wäre es möglich, daß wir so sind, um uns schützen zu können? Es gibt doch auch Tiere, die von Geburt an spezielle Eigenschaften besitzen, die ihnen im Überlebenskampf helfen. Rehkitze, zum Beispiel, haben Plätze, wo sie sich verstecken können, die sie für Räuber unsichtbar machen – also zu Lücken in der Welt.«
Die Vorstellung ließ Althea schmunzeln. »Ein überaus treffender Vergleich. Da ich mich aber mit Magie auskenne, vermute ich doch eher, daß der wahre Grund komplizierter ist. Alles strebt nach Ausgewogenheit. Rehe und Wölfe finden eine Art Mittelweg – die Verstecke der Kitze helfen diesen im Überlebenskampf, was wiederum die Existenz der Wölfe gefährdet, die dringend Nahrung brauchen. Diese Dinge sind ein ewiges Hin und Her. Fräßen die Wölfe sämtliche Kitze, würden die Rehe aussterben; aber auch die Wölfe würden aussterben, wenn sie keine andere Nahrungsquelle hätten, denn sie hätten das Gleichgewicht zwischen ihnen und den Rehen verschoben. Beide bestehen nebeneinander in einem Zustand der Ausgewogenheit, der beiden Spezies das Überleben garantiert, wenn auch auf Kosten einiger Einzelwesen.
Im Fall von Magie ist Ausgewogenheit von entscheidender Bedeutung. Was bei oberflächlicher Betrachtung ganz einfach erscheinen mag, erweist sich in seinen Ursachen oft als überaus komplex. Ich vermute, daß bei deinesgleichen eine wohl durchdachte Ausgewogenheit erzeugt wurde und daß eure Existenz als Lücken in der Welt nur ein untergeordnetes Symptom darstellt.«
»Zeigt sich die Ausgewogenheit vielleicht teilweise darin, daß manche mit der Gabe Gesegnete mich wahrnehmen können, so wie die Rehkitze, die trotz ihres Verstecks gefunden werden? Eure Schwester meinte, Ihr könntet die Lücken in der Welt erkennen.«
»Nein, das kann ich nicht, zumindest nicht vollständig. Ich habe mir lediglich ein paar Kniffe mit der Gabe beigebracht, ganz so wie Adie übrigens.« Jennsen runzelte verwirrt die Stirn, daher fragte Althea, »Kann man bei Neumond einen Vogel sehen?«
»Nein, wenn nicht einmal der Mond am Himmel steht, ist das unmöglich.«
»Unmöglich? Nun, nicht ganz.« Althea zeigte in den Himmel und deutete mit ihrer Handbewegung eine Flugbahn an. »Du wirst bemerken, daß sich dort, wo der Vogel vorüberfliegt, ein dunkler Schatten vor die Sterne schiebt. Behältst du diese Lücken am Himmel im Auge, ist das in gewisser Weise so, als könntest du die Vögel selbst sehen.«
»Also nur eine andere Form der Wahrnehmung?« Jennsen mußte über den gelungenen Einfall schmunzeln. »Auf diese Weise seht Ihr also Menschen wie mich?«
»Mit diesem Vergleich kann ich es dir am einfachsten erklären. Doch alles hat seine Grenzen. Einen Vogel nachts auf diese Weise zu sehen funktioniert nur wenn er vor einem sternenübersäten Hintergrund fliegt, wenn der Himmel nicht bewölkt ist und so weiter. Bei Menschen wie dir verhält es sich ganz ähnlich. Ich habe mir einfach eine kleine List ausgedacht, wie ich deinesgleichen erkennen kann, aber sie funktioniert nur bedingt.«
»Konntet Ihr bei Eurem Aufenthalt im Palast der Propheten etwas über Euer Talent der Prophezeiung in Erfahrung bringen? Vielleicht könnte mir das bei meiner Aufgabe in irgendeiner Form weiterhelfen?«
»Nichts, was im Zusammenhang mit den Prophezeiungen steht, wäre für dich von Nutzen.«
»Aber warum nicht?«
Althea neigte den Kopf nach vorn, so als bezweifelte sie, ob Jennsen richtig zugehört hatte. »Von wem stammen die Prophezeiungen?«
»Von den Propheten.«
»Und bei den Propheten ist dieses Talent stark ausgeprägt. Die Kunst, Prophezeiungen abzugeben, ist eine Form der Magie. Nun können die mit der Gabe Gesegneten dich mit ihrer Gabe nicht sehen, wie du dich erinnerst. Deswegen kannst du auch niemals Gegenstand einer Prophezeiung sein, da diese von den Propheten stammt und sie weder dich noch die Propheten selbst wahrnehmen kann.