Ich besitze zwar das schwach ausgeprägte Talent, Prophezeiungen abzugeben, aber das macht mich noch nicht zu einer Prophetin. Während meines Aufenthalts bei den Schwestern des Lichts habe ich mehrere Jahrzehnte in ihren Kellergewölben zugebracht, um die Prophezeiungen zu studieren, die über Generationen hinweg von großen Propheten niedergeschrieben worden waren. Sowohl aus eigener Erfahrung als auch aus dem in Büchern Gelesenen kann ich dir sagen, daß die Prophezeiungen in Bezug auf dich ebenso blind sind wie Adie. Soweit es die Prophezeiungen betrifft, hat es Menschen wie dich weder in der Vergangenheit gegeben noch gibt es sie jetzt oder wird es sie irgendwann in Zukunft geben.«
Jennsen stutzte. »Eine Lücke in der Welt, fürwahr.«
»Im Palast begegnete ich einem Propheten namens Nathan, und obwohl ich über deinesgleichen nichts in Erfahrung bringen konnte, habe ich doch etwas über mein Talent gelernt, im Wesentlichen, wie begrenzt es ist. Schließlich kam es so weit, daß mich die Dinge, die ich dort erfuhr, nicht mehr losließen.«
»Wie meint Ihr das?«
»Der Palast der Propheten wurde vor vielen tausend Jahren errichtet; er gleicht keinem mir sonst bekannten Ort. Sowohl der eigentliche Palast als auch das gesamte Gelände sind von einem einzigartigen Bann umgeben. Dieser Bann verändert den Alterungsprozeß all derer, die unter ihm stehen.«
»Dann hat er also in gewisser Weise auch Euch verändert?«
»Aber ja, er verändert jeden. Wer unter dem Bann des Palastes der Propheten lebt, dessen Alterungsprozeß verlangsamt sich. Während die Menschen außerhalb der Palastmauern ihrem Leben nachgingen und dabei etwa zehn bis fünfzehn Jahre älter wurden, alterten wir im Palast gerade mal ein Jahr.«
Jennsen machte ein skeptisches Gesicht. »Wie ist so was möglich?«
»Nichts bleibt ewig gleich; die Welt ist einem ständigen Wandel unterworfen. Damals, im Großen Krieg vor dreitausend Jahren, war die Welt völlig anders als heute. Als die große Barriere im Süden D’Haras errichtet wurde, waren auch die Zauberer anders; damals besaßen sie noch unvorstellbare Macht.«
»Darken Rahl war auch sehr mächtig.«
»So mächtig Darken Rahl auch gewesen sein mag, im Vergleich mit den Zauberern der damaligen Zeit war er ein Niemand. Sie beherrschten Kräfte, von denen Darken Rahl nur träumen konnte.«
»Demzufolge sind die Zauberer alle ausgestorben, die über diese ungeheure Macht verfügten? Seit damals ist kein einziger Zauberer wie sie mehr geboren worden?«
Den Blick in die Ferne gerichtet, antwortete Althea mit ernster Stimme, »Jemand wie sie ist seit dem Großen Krieg nicht mehr geboren worden. Schließlich wurden sogar die Zauberer selbst immer seltener. Jetzt aber, zum ersten Mal seit dreitausend Jahren, ist wieder ein solcher Mann geboren worden, dein Halbbruder Richard.«
Wie sich herausstellte, war ihr Verfolger noch sehr viel furchterregender, als sie ihm selbst in ihrer überaus lebhaften Phantasie zugetraut hatte. Der jetzige Lord Rahl war in jeder Hinsicht mächtiger und gefährlicher als ihr gemeinsamer Vater.
»Da es sich um ein so epochales Ereignis handelte, wußten viele im Palast der Propheten schon lange vor Richards Geburt von ihm. Man setzte große Hoffnungen auf diesen Mann, diesen Kriegszauberer.«
»Kriegszauberer?« Das Wort hatte einen Klang, der Jennsen ganz und gar nicht gefiel.
»Ganz recht. Es herrschte große Uneinigkeit, was die Auslegung der Prophezeiung über seine Geburt betraf – sogar über die Bedeutung des Begriffs ›Kriegszauberer‹ selbst. Während meines Aufenthalts im Palast hatte ich zweimal kurz Gelegenheit, den eben erwähnten Propheten Nathan – Nathan Rahl – zu treffen.«
Jennsen klappte der Unterkiefer herunter. »Nathan Rahl? Soll das heißen, er war ein echter Rahl?«
Althea lächelte, nicht nur über ihre Erinnerung, sondern auch über Jennsens überraschte Reaktion. »O ja, er war ein echter Rahl, herrisch, machtbewußt, klug, charmant und unvorstellbar gefährlich. Er wurde hinter unüberwindbaren magischen Schilden gefangen gehalten, wo er kein Unheil anrichten konnte, und doch ist es ihm gelegentlich gelungen. Ja, ein echter Rahl. Dabei war er schon über neunhundert Jahre alt.«
»Das ist doch unmöglich«, widersprach Jennsen, ehe sie Gelegenheit hatte, sich eines Besseren zu besinnen.
Friedrich war neben sie getreten und räusperte sich geräuschvoll. Er reichte seiner Frau eine Tasse dampfenden Tee, anschließend reichte er eine weitere hinunter zu Jennsen. Die unausgesprochene Frage in den Augen, wandte sich Jennsen wieder Althea zu.
»Ich bin jetzt fast zweihundert Jahre alt«, sagte sie.
Jennsen sah sie entgeistert an. Althea sah zwar alt aus, aber so alt nun auch wieder nicht.
»Zum Teil war diese Geschichte mit meinem Alter und dem Bann, der meinen Alterungsprozeß verlangsamte, dafür verantwortlich, daß ich etwas mit dir und deiner Mutter zu tun bekam, als du noch klein warst.« Althea seufzte schwer und trank einen Schluck Tee. »Was mich zu der gegenwärtigen Geschichte zurückbringt, zu deiner Frage, und warum ich dir mit Magie nicht helfen kann.«
Jennsen nippte, dann blickte sie kurz hoch zu Friedrich, der etwa genau so alt aussah wie Althea. »Dann seid Ihr im selben Alter?«
»Aber nein«, scherzte er »Althea hat sich einen viel zu jungen Mann genommen.«
Jennsen bemerkte die Blicke, die die beiden wechselten; es waren die vertrauten Blicke zweier sich sehr nahestehender Menschen. Sie konnte ihnen an den Augen ablesen, daß schon die kleinste Regung im Gesicht des anderen genügte, um sich zu verständigen. Bei ihr und ihrer Mutter war es genauso gewesen, sie brauchten sich nur anzusehen, und schon wußten sie, was der andere dachte.
»Ich lernte Friedrich bei meiner Rückkehr aus der Alten Welt kennen. Damals war ich ungefähr genauso viel gealtert wie er. Natürlich hatte ich sehr viel länger gelebt, doch das sah man meinem Körper nicht an, denn ich hatte ja unter dem Bann des Palasts der Propheten gestanden.«
Jennsen klammerte sich an jedes Wort. »Zu dieser Zeit habt Ihr auch meine Mutter kennen gelernt?«
»Ja. Siehst du, der Bann im Palast, der Bann, der die Zeit veränderte, brachte mich auf die Idee, wie ich Menschen wie dir helfen könnte. Ich wußte, daß die üblichen Methoden, Menschen wie dich mit einem magischen Netz einzufangen, nie so recht zu funktionieren schienen. Andere hatten sich daran versucht und waren gescheitert; die Nachkommen wurden getötet. Schließlich kam ich auf die Idee, das Netz nicht über dich auszuwerfen, sondern über die, die mit dir und deiner Mutter in Kontakt traten.«
Jennsen beugte sich gespannt vor; sie hatte das sichere Gefühl, endlich zum Kern dessen vorzudringen, was ihr am Ende die ersehnte Hilfe bringen konnte. »Was habt Ihr getan? Welche Art von Magie habt Ihr benutzt?«
»Ich benutzte eine Magie, die das Zeitempfinden verändert.«
»Das verstehe ich nicht. Wie hat sich das ausgewirkt?«
»Nun, wie ich bereits sagte, hatte Darken Rahl nur eine Möglichkeit, dich zu suchen – indem er sich der gebräuchlichen Methoden bediente. Und an diesen gebräuchlichen Methoden nahm ich kleine Veränderungen vor. Ich richtete es so ein, daß sich die Zeitwahrnehmung derer, die von deiner Existenz wußten, veränderte.«
»Ich verstehe noch immer nicht. Wie ... was habt Ihr denn nun an ihrer Wahrnehmung verändert? Zeit ist Zeit.«
Althea beugte sich vor, ein verschmitztes Grinsen im Gesicht. »Ich habe sie glauben gemacht, du wärst gerade erst geboren worden.«
»Wann?«
»Immerzu. Wann immer sie auf eine dich betreffende Information stießen, die dich als von Darken Rahl gezeugtes Kind auswies, nahmen sie dich als Neugeborenes wahr, was dann auch so in ihren Berichten stand. Während du anfangs zwei, dann zehn Monate, dann vier, fünf und schließlich sechs Jahre alt warst, suchten sie noch immer nach einem Neugeborenen, und zwar völlig unabhängig davon, wie lange sie bereits von deiner Existenz wußten. Der Bann verlangsamte ihr Zeitempfinden, und zwar allein deine Person betreffend, so daß sie stets auf der Suche nach einem neugeborenen und nicht nach einem heranwachsenden Mädchen waren.