Kleinlaut antwortete Jennsen, »Nein.«
»Du siehst also, Jennsen Rahl. ich kann dir nicht helfen. Nicht, weil ich eigensüchtig wäre, wie du es ausdrückst, sondern weil ich einfach nicht mehr die Kraft hätte, einen Bann für dich zu sprechen, selbst wenn ich es wollte. Du mußt die Fähigkeit, dir selbst zu helfen, den freien Willen, das zu tun. was du tun mußt, in dir selber suchen. Nur so kannst du wirklich Erfolg im Leben haben.
Ich kann keinen Bann für dich sprechen, um deine Probleme zu lösen, denn ich habe einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, für den letzten Bann zu büßen, den ich für dich gesprochen habe. Ginge es nur um mich, würde ich es gern auf mich nehmen, denn ich habe etwas getan, an das ich wirklich glaube. All das ist die Schuld eines bösartigen Mannes, nicht die eines unschuldigen Kindes. Trotzdem leide ich jeden Tag. denn ich habe nicht nur mein eigenes Leben verwirkt, sondern auch Friedrichs. Er hätte ...«
»Überhaupt nichts hätte ich.« Er war hinter Jennsen getreten. »Ich habe jeden einzelnen Tag meines Lebens als besondere Ehre angesehen, weil du ein Teil davon bist. Dein Lächeln ist für mich wie eine vom Schöpfer persönlich vergoldete Sonne, die Licht in mein bescheidenes Dasein wirft. Wenn dies der Preis war für all das, was ich gewonnen habe, dann habe ich ihn gern bezahlt. Werte meine Freude nicht ab, Althea, indem du sie als gering darstellst.«
Althea sah wieder hinunter zu Jennsen. »Siehst du? Das ist meine tägliche Folter, zu wissen, was ich für diesen Mann niemals sein noch tun konnte.«
Schluchzend kauerte Jennsen zu Füßen der Frau.
»Magie«, kam Altheas Stimme leise von oben, »bedeutet stets Ärger, den man nicht gebrauchen kann.«
24
Jennsens Gedanken verloren sich in einem Nebel aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Der Sumpf existierte nur insofern, als er der Boden unter ihren Füßen war, sie umgab und über ihrem Kopf wucherte, ihre Gedanken jedoch waren wirrer und chaotischer als all das verschlungene Geäst rings um sie her. So vieles, was sie geglaubt hatte, war letzten Endes falsch gewesen; was nicht nur bedeutete, daß sie viele ihrer Hoffnungen aufgeben, sondern auch ihre Lösungen verwerfen mußte.
Vor lauter Tränen konnte sie kaum den Weg erkennen, auf dem sie ging; nahezu blind stapfte sie durch den Morast.
Irgendwann blickte sie über ihre Schulter auf die endlose, dunkle Wasserfläche und überlegte, ob es nicht vielleicht besser wäre, wenn sie hinunterfiele, von der Tiefe verschlungen würde und es endlich hinter sich hätte. Der Gedanke erschien ihr verlockend, er verhieß ihr ebenjenen inneren Frieden, nach dem sie sich so sehnte. Endlich Frieden. Vielleicht könnte sie dann bei ihrer Mutter und den anderen Gütigen Seelen sein.
Sie bezweifelte allerdings, ob die Gütigen Seelen eine Selbstmörderin aufnehmen würden. Es war falsch zu töten, es sei denn zur Verteidigung eines Menschenlebens. Wenn Jennsen aufgab, dann wären all die Mühen ihrer Mutter, ihr ganzes aufopferungsvolles Leben vergeblich gewesen.
Auch Althea hatte bei dem Versuch, ihr zu helfen, nahezu alles verloren. Wie konnte Jennsen solche Tapferkeit ignorieren – und zwar nicht nur Altheas, sondern auch Friedrichs? So elend ihr wegen ihrer Schuldgefühle auch zumute sein mochte, das eine Leben, das sie besaß, durfte sie nicht einfach fortwerfen.
Trotzdem fühlte sie sich, als hätte sie Althea der Chance auf ein eigenständiges Leben beraubt. Woher nahm Jennsen überhaupt das Recht, von anderen Hilfe zu erwarten? Warum sollten andere ihretwegen Leben und Freiheit verwirken? Jennsens Mutter war nicht die Einzige, die ihretwegen gelitten hatte. Althea und Friedrich waren an den Sumpf gebunden, Lathea hatte man ermordet und Sebastian wurde gefangen gehalten. Selbst Tom, der oben auf der Wiese auf sie wartete, hatte den Verdienst seines Lebensunterhalts hintangestellt, nur um ihr beistehen zu können.
So viele Menschen hatten versucht, ihr zu helfen, und dafür einen hohen Preis zahlen müssen. Wie war sie nur auf die Idee gekommen, daß sie andere für ihre Ziele einspannen durfte? Andererseits – wie konnte sie ohne ihre Hilfe weiterexistieren?
Nachdem sie das schmale Felsband und den Tümpel hinter sich gelassen hatte, schleppte sich Jennsen mühsam durch ein endloses Wurzelgewirr; zweimal fiel sie der Länge nach hin, doch beide Male stand sie wieder auf und ging weiter. Beim dritten Sturz schlug sie so fest mit dem Gesicht auf, daß sie vor Schmerz kurz das Bewußtsein verlor. Überzeugt, etwas müsse gebrochen sein, tastete Jennsen mit den Fingern Wangenknochen und Stirn ab, konnte aber weder Blut noch einen offenen Bruch entdecken. Als sie dort zwischen den schlangenartigen Wurzeln lag, überkam sie ein Gefühl von Scham wegen all des Ärgers, den sie in das Leben anderer getragen hatte.
Und schließlich wurde sie wütend.
Jennsen.
Sie mußte an die Worte ihrer Mutter denken, »Verstecke dich niemals hinter Schuldgefühlen, nur weil andere Menschen böse sind.«
Jennsen stützte sich auf ihre Arme. Wie viele andere mochten versucht haben, den Menschen, die wie Jennsen waren, den Nachkommen des Lord Rahl, zu helfen, und hatten dafür mit dem Leben büßen müssen? Wie viele würden es noch tun?
Lord Rahl war es, der die Verantwortung für diese ruinierten Leben trug.
Jennsen., gib dich hin.
Hatte es denn nie ein Ende?
Grushdeva du kalt misht.
Sebastian war nur der Letzte in einer langen Reihe. Wurde er in diesem Moment ihretwegen gefoltert? Bezahlte auch er mit dem Leben dafür, daß er ihr half?
Gib dich hin.
Armer Sebastian. Plötzlich wurde sie sich der Sehnsucht nach ihm schmerzlich bewußt. Er war so freundlich gewesen, ihr zu helfen, so tapfer, so stark.
Tu vasht misht. Tu vask misht. Grushdeva du kalt misht.
Die Stimme, beharrlich, gebieterisch, hallte durch ihren Kopf, leise Worte flüsternd, die keinen Sinn ergaben. Sie erhob sich unsicher. Hatte sie denn überhaupt kein eigenes Leben – nicht einmal in ihren Gedanken? Mußte sie andauernd verfolgt werden, entweder von Lord Rahl oder von dieser Stimme?
Jenn -
»Laß mich in Ruhe!«
Sie mußte Sebastian helfen.
Und schon eilte sie weiter, setzte einen Fuß vor den anderen, schob Schlingpflanzen und Zweige zur Seite und bahnte sich so einen Weg durch das Dickicht. Sie mußte endlich begreifen, daß es ganz allein bei ihr lag, das zu tun, was nötig war, um sich selbst zu helfen – und auch anderen.
Jennsen, gib dich hin.
»Nein. Laß mich in Frieden!«
Sie war das alles so leid. Und jetzt wurde sie auch noch wütend.
Jennsen stürmte weiter durch den Sumpf. Sie mußte Sebastian helfen, und dazu mußte sie zu ihm zurück; zum Glück wartete Tom auf sie.
Aber was dann? Wie würde sie Sebastian aus dem Gefängnis herausbekommen?
Als sie die ausgedehnte Wasserfläche erreichte, wo sie zuvor der Schlange begegnet war, hielt sie inne, ließ den Blick suchend über die stille, unbewegte Wasserfläche schweifen, konnte aber nichts erkennen. Nirgendwo ragten Wurzeln, die in Wahrheit Schlangen sein mochten, aus der Wasseroberfläche. Es wurde langsam schummrig, deshalb konnte sie nicht sehen, ob in den dunklen Schatten unter dem wuchernden Blattwerk am Ufer etwas lauerte.
Sebastians Leben stand auf Messers Schneide! Jennsen watete in das Wasser hinein.
Sie stand bereits bis zur Hüfte darin, als ihr einfiel, daß sie eigentlich einen Stock hatte mitnehmen wollen, der ihr auf dem Rückweg durch das offene Wasser helfen sollte, das Gleichgewicht zu wahren. Unschlüssig blieb sie stehen und ging mit sich zu Rate, ob sie zurückgehen sollte, um einen abzuschneiden. Doch da der Rückweg ebenso lang gewesen wäre wie der Weg nach vorn, ging sie weiter. Sich mit den Füßen vorantastend, gelangte sie auf einen festen Untergrund aus Wurzeln, echten Wurzeln. Solange sie auf den Wurzeln blieb, reichte ihr das Wasser überraschenderweise nur bis zu den Knien, und sie konnte ihre Röcke raffen, damit sie beim Waten durch das undurchsichtige Wasser nicht noch nasser wurden.