Etwas stieß gegen ihr Bein, so daß Jennsen furchtbar erschrak. Ganz kurz nur sah sie Schuppen aufblitzen, als sie mit dem Fuß abrutschte, doch dann erkannte sie mit einem berauschenden Gefühl der Erleichterung, daß es bloß ein Fisch war der von dannen flitzte.
Beim Versuch, Gleichgewicht und Halt wiederzufinden, trat Jennsen mit ihrem ganzen Gewicht in ein bodenloses, schwarzes Loch. Sie hatte nur noch Zeit, kurz Luft zu holen, bevor das Wasser über ihrem Kopf zusammenschlug und Dunkelheit sie umgab. Im Untergehen bemerkte sie einen Strudel aus kleinen Bläschen; überrascht trat sie wie von Sinnen mit den Beinen aus und versuchte den Boden, irgendetwas zu berühren, um nicht unterzugehen, doch da war nichts – sie befand sich in tiefem Wasser und wurde von ihren nassen Kleidern nach unten gezogen. Statt ihr Gewicht zu tragen, drohten jetzt selbst ihre Stiefel sie in die Tiefe zu ziehen.
Mit den Armen rudernd kam Jennsen gerade lange genug an die Oberfläche, um kurz Luft zu holen, bevor sie erneut untertauchte.
Alles ging entsetzlich schnell. So sehr sie sich an das Leben klammerte, es schien ihr zwischen den Fingern zu zerrinnen. Alles erschien ihr unwirklich.
Jennsen.
Schatten näherten sich.
Jennsen.
Die Stimme hatte einen drängenden Unterton.
Jennsen.
Etwas stieß gegen sie. Sie sah etwas schillernd Grünes aufblitzen.
Die Schlange!
Hätte sie gekonnt, hätte sie lauthals aufgeschrien. Sie war dazu verdammt, hilflos mit anzusehen, wie der endlos lange Körper des Tieres unter ihr ringelnd näher kam.
Jennsen war zu erschöpft, um sich zu wehren.
Jennsen.
Jetzt würde sie ertrinken.
Dunkle Schlingen legten sich um ihren Körper.
Es tat weh.
Sie hatte immer geglaubt, wenn man ertrank, würden einen sanfte Fluten sacht in ihre Arme schließen, doch so war es keineswegs. Die Schmerzen waren schlimmer als alles, was sie bis dahin erlebt hatte. Das Gefühl, hilflos zu ersticken, war entsetzlich, denn ein schneidender, unerträglicher Schmerz drohte ihre Brust zu zermalmen. Verzweifelt wünschte sie sich sein Ende herbei.
Es tat weh.
Jennsen.
Sie fragte sich, wieso die Stimme sie nicht aufforderte, sich hinzugeben, so wie sonst. Sie empfand es als Ironie, daß die Stimme sie nicht darum bat, sondern nur ihren Namen rief, jetzt, da sie endlich bereit war, sich der Schlange und somit ihrem Schicksal zu überlassen.
Jennsen spürte einen Stoß von etwas Hartem gegen ihre Schulter. Es folgte ein nicht minder harter Schlag gegen ihren Kopf, dann gegen die Hüfte.
Sie wurde gegen das Ufer gedrückt, dort, wo die Wurzeln ins Wasser hineinwuchsen. Beinahe ohne zu merken, was sie tat, packte sie die Wurzeln und begann wie von Sinnen daran zu ziehen. Das Tier unter ihr drückte sie weiterhin sachte nach oben.
Dann endlich durchbrach Jennsen die Wasseroberfläche. Gierig sog sie die Luft mit weit aufgerissenem Mund in ihre Lungen; sie war außerstande, sich vollends aus dem Wasser zu ziehen, aber wenigstens war ihr Kopf im Trockenen und sie bekam wieder Luft.
Keuchend, die Augen geschlossen, klammerte sich Jennsen mit zitternden Fingern an die Wurzeln, um zu verhindern, daß sie ins Wasser zurückrutschte. Es war ein wunderbares Gefühl, als ihre verzweifelten Atemzüge die Lungen füllten. Sie spürte, wie ihre Kräfte mit jedem Atemzug zurückkehrten.
Schließlich gelang es ihr, sich Zoll um Zoll, Hand über Hand, an den Wurzeln aufs Ufer zu ziehen. Keuchend, hustend und bebend ließ sie sich auf die Seite fallen und beobachtete den nur wenige Zoll entfernten trägen Wellenschlag des Wassers. Dann sah sie, wie der Kopf der Schlange die Wasseroberfläche durchbrach, mit müheloser Eleganz und völlig lautlos. Die gelben, in den schwarzen Streifen eingebetteten Augen musterten sie. Eine ganze Weile starrten sie einander an.
»Danke«, hauchte Jennsen.
Eines der Wesen, die sie am meisten fürchtete, war zu ihrem Retter geworden!
Nachdem sie sich ein wenig erholt hatte, setzte sie sich wieder in Bewegung und kroch auf Händen und Knien auf höher gelegenes Gelände; das Wasser lief ihr dabei unablässig aus Kleidung und Haaren. Sie konnte noch nicht aufstehen, traute ihren Beinen noch nicht, also krabbelte sie auf allen vieren. Es tat gut, sich wieder bewegen zu können; kurz darauf richtete sie sich unsicher wieder auf. Sie mußte unbedingt weiter. Die Zeit lief ihr wieder davon.
Mit eiligen Schritten hastete sie durch das Dickicht aus Schlingpflanzen und dornigem Gestrüpp, über verdrehte Wurzeln hinweg und zwischen Bäumen hindurch; als sie endlich die Stelle erreichte, wo der Fels über dem moosbewachsenen Waldboden anzusteigen begann, legte sich ihre innere Unruhe. Erleichtert, daß sie die markante Stelle in dem weglosen Sumpfgebiet gefunden hatte und die feuchte, morastige Senke verlassen konnte, begann sie den Felsgrat hinaufzuklettern. Es wurde mit jeder Minute düsterer, und es war ein weiter Weg bis oben. Solange es noch hell genug war, durfte sie also auf keinen Fall anhalten. Bei jedem Stolpern rief sie sich erneut ins Gedächtnis, daß der Grund an manchen Stellen zu den Seiten hin jäh abfiel, und ermahnte sich zu größerer Vorsicht. Wenn sie im Dunkeln von einer Klippe stürzte, wäre bestimmt keine hilfsbereite Schlange zur Stelle, die sie auffing.
Während des Aufstiegs ging sie in Gedanken immer wieder alles durch, was Althea ihr erklärt hatte, in der Hoffnung, daß ihr etwas davon weiterhelfen könnte. Jennsen wußte nicht, wie sie Sebastian befreien sollte, aber sie wußte, daß sie es versuchen mußte – sie war seine einzige Hoffnung.
Tom. Wieso hatte Tom ihr eigentlich geholfen? Diese winzig kleine Frage ragte plötzlich wie ein Fels aus der Landschaft ihrer Gedanken heraus, nicht unähnlich dem steilen Grat, der nach oben aus dem Sumpf herausführte. Allerdings wußte sie nicht, zu welcher Antwort sie sie führen würde.
Tom hatte ihr geholfen – aber warum?
Sich in Gedanken ganz auf diese eine Frage konzentrierend, schleppte sie sich mühsam den steilen Anstieg hinauf. Nach seinen eigenen Worten hätte er es sich nie verziehen, wenn er tatenlos mit angesehen hätte, wie sie ganz allein und ohne Vorräte in die AzrithEbene aufbrach.
Aber sie wußte, daß mehr dahinter steckte. Er wirkte absolut entschlossen, ihr zu helfen, fast, als fühlte er sich dazu verpflichtet.
Desweiteren hatte er sie gebeten, Lord Rahl von seiner Hilfe zu erzählen, und ihr gesagt, daß er ein anständiger Mensch sei. Die Erinnerung daran ließ sie einfach nicht mehr los. Die Bemerkung war zwar ganz beiläufig gefallen, trotzdem war sie ernst gemeint gewesen. Nur, was hatte er damit gemeint?
Sie ging es in Gedanken immer wieder durch, während sie den felsigen Hang hinaufkletterte. Jennsen erinnerte sich, daß Tom ihr Messer bemerkt hatte, als sie nach ihrer gestohlenen Geldbörse suchte. Sie legte eine Pause ein und richtete sich auf. War es möglich, daß Tom sie für eine Art Abgesandte oder Agentin Lord Rahls hielt?
Jennsen ging weiter und tauchte unter einer Reihe schwerer Zweige hinweg, die bis knapp über den Felsen herabhingen. Als sie auf der anderen Seite stehen blieb und sich umsah, merkte sie, daß es rasch immer dunkler wurde. Eilig kletterte sie weiter den steilen Hang hinauf und mußte dabei daran denken, wie Tom ihr rotes Haar angesehen hatte.
Just in diesem Augenblick flog ein dunkler Schatten genau auf ihr Gesicht zu. Jennsen stieß einen spitzen Schrei aus und wäre beinahe hingefallen, als der dunkle Schatten sich wieder entfernte. Fledermäuse. Sie legte eine Hand auf ihr klopfendes Herz, es flatterte genauso schnell wie deren Flügel. Die kleinen Tierchen waren aus ihren Höhlen hervorgekommen, um sich die winzigen Insekten zu schnappen, von denen es in der Luft nur so wimmelte.
Plötzlich wurde ihr klar, daß sie in ihrem Schreck leicht hätte einen Schritt zurückweichen und abstürzen können. Die Vorstellung, daß ein kurzes Nachlassen der Aufmerksamkeit, ein Schreck, ein loser Stein, ein Ausrutscher sie in einen Abgrund stürzen lassen konnte, aus dem es keine Wiederkehr gab, war beängstigend. Außerdem war sie besorgt wegen der Tiere, die sie jetzt, da sie den Sumpf beinahe hinter sich glaubte, noch immer aus der Dunkelheit anfallen konnten.