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Doch dann stolperte Jennsen unvermittelt auf ebenen Boden. Irgendwo brannte ein Lagerfeuer. Sie starrte darauf, im ersten Augenblick unfähig, diese Szenerie zu begreifen.

»Jennsen!« Tom sprang auf, kam herbeigeeilt und legte ihr seinen kräftigen Arm um die Schultern, um sie zu stützen. »Bei den Gütigen Seelen, seid Ihr wohlauf?«

Sie nickte, zu erschöpft, um zu sprechen. Er bekam das Nicken gar nicht mehr mit, da er bereits zum Wagen hinüberlief. Jennsen ließ sich schwer auf den grasbewachsenen Boden fallen und verschnaufte, sie war überrascht, endlich am Ziel zu sein, und sprachlos vor Erleichterung, daß sie den Sumpf hinter sich hatte.

Tom kam mit einer Decke in der Hand zurückgelaufen. »Ihr seid ja naß bis auf die Knochen«, sagte er, während er die Decke um sie legte. »Was ist bloß passiert?«

»Ich habe ein Bad genommen.«

Er unterbrach das Abtupfen ihres Gesichts mit dem Deckenzipfel und sah sie stirnrunzelnd an. »Ich will euch ja keine Vorschriften machen, was Ihr zu tun habt, trotzdem glaube ich. das war keine gute Idee.«

»Die Schlange wäre mit Euch da sicherlich einer Meinung.«

Seine Stirn furchte sich noch tiefer als er sein Gesicht ganz nah an ihres heranschob. »Die Schlange? Was ist da unten vorgefallen?«

Immer noch nach Atem ringend, tat Jennsen seine Frage mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. Sie hatte solche Angst gehabt, dort unten von der Dunkelheit überrascht zu werden, daß sie sich völlig verausgabt hatte.

Allmählich holte die Angst sie wieder ein. Ihre Schultern fingen an zu zittern, und plötzlich merkte sie, daß sie sich an Toms muskulösen Arm klammerte, als ginge es ums nackte Überleben. Er schien es gar nicht zu bemerken, und falls doch, enthielt er sich jeden Kommentars. Obwohl es gut tat, seine Kraft zu spüren, seinen festen, Verläßlichkeit ausstrahlenden Körper und seine aufrichtige Besorgnis, ließ sie wieder von ihm ab.

»Seid Ihr bei Althea gewesen?«

Sie nickte, und als er ihr einen Wasserschlauch reichte, trank sie gierig.

»Ich schwöre, ich habe noch nie gehört, daß jemand es geschafft hätte, wieder aus dem Sumpf herauszukommen – es sei denn, er hat ihn, nachdem man ihn eingeladen hatte, von der anderen Seite her betreten. Habt Ihr irgendwelche Tiere gesehen?«

»Eine Schlange, dicker als Euer Bein, hat sich um meinen Körper geschlungen; ich hatte ziemlich ausgiebig Gelegenheit, sie mir anzusehen – ausgiebiger als mir lieb war, wenn ich ehrlich sein soll.«

Er stieß einen leisen Pfiff aus. »Dann hat die Hexenmeisterin Euch also geholfen? Ihr habt bekommen, was Ihr so unbedingt von ihr wolltet?« Er hielt unvermittelt inne und schien seine Neugier zu zügeln. »Verzeiht. Ihr friert und seid völlig durchnäßt. Ich sollte Euch nicht so mit Fragen überhäufen.«

»Althea und ich hatten eine lange Unterhaltung miteinander. Ich kann nicht behaupten, daß ich bekommen hätte, was ich wollte, aber immerhin ist es besser, die Wahrheit zu kennen, als irgendwelchen Wunschvorstellungen nachzujagen.«

Seine Augen, seine Art, dafür zu sorgen, daß die wärmende Decke sie ganz einhüllte, verriet, wie beunruhigt er war. »Wenn Ihr die dringend benötigte Hilfe nicht bekommen habt, was wollt Ihr dann jetzt tun?«

Jennsen zog ihr Messer und atmete tief durch, um sich zu wappnen. Dann hielt sie es ihm vors Gesicht, so daß der Schein des Lagerfeuers auf das Heft fiel. Das ziselierte Metall, aus dem der prunkvoll verzierte Buchstabe »R« gebildet war, funkelte, als wäre es mit Edelsteinen besetzt. Sie hielt es vor sich wie einen Talisman, wie eine in Silber gegossene offizielle Verlautbarung, wie einen Befehl von ganz oben, dem man sich nicht widersetzen konnte.

»Ich muß zurück in den Palast.«

Ohne Zögern nahm Tom sie mit seinen kräftigen Armen auf, als wäre sie nicht schwerer als ein junges Lamm, und trug sie hinüber zum Wagen. Er hob sie über die Seitenwand und setzte sie behutsam, inmitten eines Deckenhaufens, auf der Ladefläche ab.

»Seid unbesorgt – ich bringe Euch hin. Den schwierigen Teil habt Ihr hinter Euch, jetzt legt Euch einfach unter die warmen Decken, ruht Euch aus und laßt Euch von mir hinfahren.«

Jennsen war erleichtert, als sie ihre Vermutungen bestätigt sah. Ein bißchen schäbig kam sie sich aber auch dabei vor, denn sie log ihn an, benutzte ihn. Das war nicht richtig, doch sie wußte nicht, wie sie sich sonst hätte verhalten sollen.

Bevor er sich abwenden konnte, hielt sie ihn am Arm fest. »Tom, habt Ihr eigentlich gar keine Angst, mir zu helfen, da ich doch verwickelt bin in etwas so ...«

»Gefährliches?«, beendete er den Satz für sie. »Was ich tue, ist nichts verglichen mit dem Risiko, das Ihr dort unten eingegangen seid.« Er wies auf ihr verfilztes Haar. »Ich bin niemand Besonderer wie Ihr, aber ich freue mich, daß Ihr mir erlaubt, das wenige zu tun, was in meinen Kräften steht.«

»Ich bin nicht annähernd so besonders, wie Ihr zu glauben scheint.« Auf einmal kam sie sich eher gewöhnlich vor. »Ich tue nur, was ich glaube, tun zu müssen.«

Tom zog noch ein paar Decken hervor. »Ich komme viel unter Leute, ich brauche keine Gabe, um zu erkennen, daß Ihr etwas Besonderes seid.«

»Ihr seid Euch darüber im Klaren, daß dies eine geheime Mission ist und ich Euch nicht verraten kann, was ich vorhabe? Tut mir leid, aber ich kann es wirklich nicht.«

»Natürlich nicht. Nur außergewöhnliche Menschen tragen eine so besondere Waffe. Ich hatte nicht erwartet, daß Ihr ein Wort darüber verlieren würdet, und hätte auch niemals nachgefragt.«

»Danke, Tom.«

Er lächelte. »Wickelt Euch einfach in die Decken ein und seht zu, daß Ihr trocken werdet. Wir werden in Kürze wieder in der Azrith-Ebene sein. Für den Fall, daß Ihr es vergessen haben solltet, Dort draußen herrscht Winter. In Eurem durchnäßten Zustand würdet Ihr glatt erfrieren.«

»Nochmals danke, Tom. Ihr seid wirklich sehr freundlich.« Zu erschöpft von der ganzen Quälerei, um länger aufrecht sitzen zu bleiben, ließ Jennsen sich nach hinten in die Decken fallen.

»Ich verlasse mich darauf, daß Ihr Lord Rahl von mir berichtet«, meinte er mit seinem unbekümmerten Lachen. Tom löschte rasch das Feuer, dann kletterte er auf den Wagenbock. Ganz ohne Hintergedanken half er ihr bei einer Sache, von der er zumindest annehmen mußte, daß sie ein gewisses Risiko barg. Die Vorstellung, was ihm zustoßen könnte, wenn er dabei geschnappt wurde, wie er Darken Rahls Tochter half, machte ihr Angst. Er glaubte, Lord Rahl zu helfen, dabei tat er das genaue Gegenteil, ohne auch nur zu ahnen, was er damit riskierte. Sie würde ihn in noch weit größere Gefahr bringen, bevor die Sache ausgestanden war.

Sie hatten erst eine kurze Strecke zurückgelegt, da war Jennsen bereits fest eingeschlafen.

25

Hoch oben auf dem Wagenbock sah Jennsen das gewaltige Felsplateau allmählich immer näher rücken. Die Morgensonne beleuchtete die himmelwärts ragenden Steinmauern das Palasts des Volkes und tauchte sie in ein warmes, pastellfarbenes Licht. Obwohl sich der Wind gelegt hatte, war die morgendliche Luft noch immer kalt. Nach der stinkenden Fäulnis des Sumpfgebietes empfand sie den flachen, trockenen, steinigen Geruch der offenen Ebene als überaus angenehm.

Sie strich sich mit den Fingerspitzen über die Stirn und versuchte ihre dumpfen, hämmernden Kopfschmerzen ein wenig zu lindern. Tom war die ganze Nacht durchgefahren, und sie hatte auf der Ladefläche des dahinholpernden Wagens geschlafen, allerdings weder gut noch annähernd lange genug. Aber wenigstens hatte sie ein bißchen schlafen können, und sie waren wieder zurück.

»Wirklich schade, daß Lord Rahl zur Zeit nicht hier ist.«