Aus ihren heimlichen Gedanken gerissen, schlug Jennsen die Augen auf. »Wie?«
»Lord Rahl.« Tom deutete nach rechts hinüber, Richtung Süden. »Zu schade, daß er nicht hier ist, um Euch zu helfen.«
Er hatte nach Süden gezeigt, dorthin, wo die Alte Welt lag. Jennsens Mutter hatte gelegentlich von den Banden gesprochen, die das d’Haranische Volk mit dem jeweiligen Lord Rahl verband. Deren uralte und geheimnisvolle Magie ermöglichte es den D’Haranern, den Aufenthaltsort Lord Rahls zu spüren.
Welcher Nutzen Lord Rahl aus diesen Banden erwuchs, wußte Jennsen nicht, in ihren Augen waren sie nichts weiter als ein weiteres Mittel seiner Willkürherrschaft über das eigene Volk. Nach Aussage ihrer Mutter war auch Jennsen sich der Bande bewußt obwohl sie aus einem unerfindlichen Grund nie etwas davon merkte. Vielleicht waren sie bei ihr – wie bei vielen anderen D’Haranern auch – zu schwach, so daß sie ganz einfach nichts davon spürte.
Für Tom als D’Haraner waren die Bande eine Selbstverständlichkeit; und soeben hatte er Jennsen eine wertvolle Information gegeben, Lord Rahl befand sich nicht in seinem Palast. Die Neuigkeit gab ihren Hoffnungen Auftrieb. Ein Problem weniger, um das sie sich kümmern mußte.
Lord Rahl war nach Süden gezogen, wahrscheinlich in die Alte Welt, um gegen die Menschen dort Krieg zu führen, wie Sebastian ihr erzählt hatte. »Ja«, antwortete sie, »wirklich schade.« Auf dem Markt unterhalb des Felsplateaus herrschte bereits reges Treiben. Tom lenkte, wie er ihr mitteilte, sein Gespann auf den Markt, zu der Stelle, wo er mit seinen Brüdern einen Stand aufgeschlagen hatte, um eine Fuhre Wein an den Mann zu bringen. Vielleicht kam Irma ja zur selben Stelle?
Während der Wagen noch über den harten, verkrusteten Boden der Azrith-Ebene rumpelte, ließ Jennsen die menschenleere Straße, die sich an der Seitenwand des Plateaus hinaufwand, nicht aus den Augen.
»Nehmt die Straße«, sagte sie.
»Was?«
»Nehmt die Straße hinauf zum Palast.«
»Seid Ihr sicher. Jennsen? Ich halte das für keine gute Idee. Sie ist ausschließlich offiziellen Zwecken vorbehalten.«
»Nehmt die Straße.«
Statt einer Antwort drängte er die Pferde nach links, fort von ihrem Kurs Richtung Markt und hielt statt dessen auf das untere Ende der Straße zu. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er verstohlen seine rätselhafte Mitreisende musterte.
Die am Fuß des Plateaus, dort, wo die Straße anzusteigen begann, stationierten Soldaten beobachteten sie. Als der Wagen sie fast erreicht hatte, holte Jennsen ihr Messer hervor.
»Nicht anhalten«, sagte sie an Tom gewandt und hielt den Blick weiter genau nach vorn gerichtet. »Fahrt einfach weiter.«
Als sie die Soldaten erreicht hatten, hielt Jennsen ihnen das Messer hin, und zwar an der Klinge, so daß der Griff aus ihrer geschlossenen Hand hervorlugte. Ohne sie eines Blickes zu würdigen, den Blick nach vorn auf die Straße gerichtet, präsentierte sie ihnen das Messer, so als wäre es zu viel verlangt, mit ihnen zu sprechen.
Sämtliche Augenpaare verfolgten den Messergriff, während er an den Soldaten vorüberglitt; niemand machte Anstalten, den Wagen anzuhalten. Tom stieß einen leisen, anerkennenden Pfiff aus. Der Wagen rollte holpernd und ratternd unbehelligt weiter.
Die Straße wand sich in gleichmäßigen Serpentinen hinauf zum Plateau. Meist gab es reichlich Platz, gelegentlich jedoch wurde die Straße schmaler, so daß der Wagen gezwungen war, sehr dicht an den schwindelerregenden Abgrund heranzufahren. Jede scharfe Kurve gewährte ihnen einen neuen Ausblick, eine andere Aussicht auf die endlose Weite der Azrith-Ebene, die sich tief unter ihnen erstreckte. In der Ferne wurde die Ebene von dunstig blauen Bergen gesäumt.
Als sie bei der Brücke anlangten, mußten sie schließlich doch anhalten, denn die Brücke war hochgezogen. Jennsens Selbstsicherheit wie auch ihr Plan gerieten leicht ins Wanken, als sie erkennen mußte, daß es wahrscheinlich dieser Umstand war und nicht etwa ihr dreister Auftritt, der die Soldaten bewogen hatte, sie passieren zu lassen. Sie wußten, daß sie die Klamm nicht überwinden konnte, solange die Palastwache die Brücke nicht herabließ, und sie wußten auch, daß sie nicht einfach in den Palast hineinstürmen konnte; gleichzeitig hatten sie es auf diese Weise vermeiden können, eine Frau anzusprechen, die womöglich im Besitz einer Art offiziellen Passes von Lord Rahl persönlich war. Schlimmer noch, Jennsen erkannte jetzt, wie die Soldaten Personen aussonderten, die sie für mögliche Eindringlinge hielten, noch dazu an einer Stelle, an der es kein Entkommen gab.
Kein Wunder, daß Tom ihr von der Straße abgeraten hatte.
Erhitzt von der Anstrengung des Aufstiegs, warfen die Pferde angesichts der Unterbrechung nervös den Kopf hin und her. Ein Mann trat vor sie hin und ergriff ihre Trensen, um sie ruhig zu halten. Soldaten näherten sich dem Wagen von der Seite her. Jennsen saß auf der der Felsenklippe zugewandten Seite, und obwohl sie auch einige Soldaten erblickte, die den hinteren Bereich auf ihrer Seite sicherten, näherten sich die meisten von ihnen auf Toms Seite.
»Tag, Sergeant«, rief Tom.
Der Soldat warf einen forschenden Blick ins Wageninnere und schaute dann, nachdem er dort nichts gefunden hatte, hoch zu den beiden auf dem Bock. »Guten Tag.«
Jennsen wußte, daß dies nicht der rechte Augenblick war, ängstlich aufzutreten. Wenn sie hier versagte, wäre alles verloren. Als die Soldaten nahe genug waren, langte sie an Tom vorbei, um dem Sergeanten der Palastwache das Messer unter die Nase zu halten und ihm den Griff wie einen königlichen Paß zu präsentieren.
»Laßt die Brücke herunter«, herrschte sie ihn an, bevor er überhaupt den Mund aufmachen konnte, um ihr eine Frage zu stellen.
Der Sergeant besah sich den Messergriff genau, bevor er ihren bohrenden Blick erwiderte. »In welcher Angelegenheit kommt Ihr?«
Obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug, zeigte sie dem Offizier einen ebenso unbeugsamen wie unergründlichen Blick.
»In einer Angelegenheit des Lord Rahl. Laßt die Brücke herunter.«
Sie fand, daß er leicht verblüfft auf ihren Tonfall reagierte. Vielleicht hatte ihn ihre unerwartete Antwort ebenfalls verunsichert, jedenfalls konnte sie sehen, wie seine Vorsicht wuchs und seine Gesichtsmuskeln sich anspannten; er gab sich jedoch keineswegs geschlagen.
»Etwas mehr müßtet Ihr mir schon verraten, Ma’am.«
Jennsen ließ das Messer durch die Finger wandern; das blankpolierte Metall blinkte im Sonnenlicht, bis es schließlich, der Griff senkrecht in ihrer Faust, abermals abrupt zum Stillstand kam, so daß der Soldat den kunstvoll verzierten Buchstaben »R« deutlich sehen konnte. Wie beiläufig streifte sie ihre Kapuze ab, um ihr wallend rotes Haar dem Sonnenlicht und den erstaunten Blicken der Soldaten auszusetzen. Sie konnte ihnen an den Augen ablesen, daß ihre Geste unmißverständlich angekommen war.
»Ich bin mir bewußt, daß Ihr einen Auftrag zu erfüllen habt«, erwiderte Jennsen mit kalter Ruhe, »aber das Gleiche gilt für mich. Ich bin in offiziellen Geschäften des Lord Rahl unterwegs. Ihr werdet zweifellos selbst einschätzen können, wie unzufrieden Lord Rahl mit mir wäre, würde ich diese Angelegenheit mit jedem diskutieren, der mich danach fragt. Ich habe daher nicht die Absicht, dies zu tun. Ihr könnt jedoch versichert sein, ich wäre nicht hier, ginge es nicht um Leben und Tod. Ihr stehlt mir meine kostbare Zeit, Sergeant. Und jetzt laßt die Brücke herunter.«
»Und wie, bitte, lautet Euer werter Name, Ma’am?«
Jennsen beugte sich noch weiter an Tom vorbei, um dem Sergeanten ihre Verärgerung noch deutlicher zeigen zu können.
»Wenn Ihr diese Brücke nicht herunterlaßt, und zwar auf der Stelle, werde ich Euch für immer als von Lord Rahl persönlich geschicktes Unheil in Erinnerung bleiben.«
Der Sergeant, dem mehrere Dutzend mit Langspießen sowie mit Armbrüsten, Schwertern und Streitäxten bewaffnete Soldaten den Rücken stärkten, zuckte mit keiner Wimper. Er sah Tom an.
»Und welche Rolle spielt Ihr in diesem Spiel?«