Tom zuckte mit den Achseln. »Ich bin bloß der Fahrer des Wagens. An Eurer Stelle, Sergeant, würde ich diese junge Dame nicht länger aufhalten.«
»Was Ihr nicht sagt.«
»Ja, das sage ich«, erwiderte Tom im Brustton der Überzeugung.
Der Sergeant sah Tom lange und durchdringend in die Augen. Schließlich drehte er sich um und wies einen Soldaten mit einer kurbelnden Handbewegung an, die Brücke herunterzulassen.
Jennsen deutete mit dem Messer die Straße hinauf zum Palast. »Wie finde ich die Verliese, in denen die Gefangenen untergebracht sind?«
Als die Zahnräder zu rattern anfingen und die Brücke sich herabzusenken begann, wandte er sich an Jennsen.
»Fragt oben bei den Wachen nach. Die können Euch den Weg erklären. Ma’am.«
»Danke.« Damit war das Gespräch für sie beendet. Sie richtete sich wieder auf, blickte nach vorn und wartete darauf, bis die Brücke herabgelassen war. Kaum war sie mit einem dumpfen Geräusch an ihrem Platz gelandet, winkte der Sergeant sie durch. Tom bedankte sich mit einem Nicken und ließ die Zügel schnellen.
Jennsen merkte, daß ihr durchaus realer Zorn ihrem Auftritt förderlich war. Es störte sie jedoch, daß Tom eine, wenn auch kleine, Rolle beim Gelingen des Bluffs gespielt hatte. Sie wollte sich nicht bis zum Schluß von ihm helfen lassen und entschied, daß es klug wäre, ihre Verärgerung auch gegenüber den anderen Wachen deutlich zu zeigen.
»Wollt Ihr die Gefangenen besuchen?«, fragte Tom.
Ihr wurde bewußt, daß sie nie davon gesprochen hatte, warum sie in den Palast zurückmußte. »Ja. Ein Mann wurde versehentlich festgenommen. Ich bin hier, um dafür zu sorgen, daß er wieder freigelassen wird.«
Tom hielt die Pferde mit den Zügeln zurück und ließ sie am Außenrand der Kurve gehen, damit er den Wagen um eine Spitzkehre manövrieren konnte. »Dann solltet Ihr nach Captain Lerner fragen«, meinte er nach einer Weile.
Jennsen blickte zu ihm hinüber, überrascht, daß er einen Namen genannt und keinen Einwand vorgebracht hatte. »Ist er ein Freund von Euch?«
Mit geübter Präzision vollführten die Zügel eine kaum merkliche Bewegung und lenkten so die Pferde um die Kurve. »Ich weiß nicht, ob ich ihn als Freund bezeichnen soll. Hatte halt ein-, zweimal mit ihm zu tun.«
»Wein?«
Tom mußte schmunzeln. »Nein, es ging um etwas anderes.«
Offensichtlich hatte er nicht die Absicht zu verraten, was dieses andere war. Jennsen betrachtete die endlose Weite der Azrith-Ebene und das ferne Gebirge, während sie über den Steilhang weiter zum Felsplateau hinaufstiegen. Irgendwo jenseits dieser Ebene, hinter diesen Bergen, lag die Freiheit.
Am oberen Ende verlief die Straße wieder eben und endete vor einem riesigen Tor in der massiven Außenmauer des Palasts. Die am Tor postierten Wachen winkten sie durch und gaben ihren unsichtbaren Kameraden hinter den Mauern mit einer kurzen, auf einer Pfeife geblasenen Tonfolge ein Signal. Jennsen fiel auf, daß ihr Kommen angekündigt worden sein mußte.
Ihr blieb fast die Luft weg, als sie aus dem kurzen, durch die mächtigen Außenmauern führenden Tunnel ins Freie gelangten. Vor ihnen erstreckten sich ausgedehnte Parkanlagen. Die in weitem Bogen zu einer breiten, mehr als eine halbe Meile entfernten Außentreppe führende Straße wurde von Rasenflächen und Hecken eingefaßt. Das gesamte Gelände innerhalb der Palastmauern wimmelte nur so von Soldaten in eleganten Leder- und Kettenpanzeruniformen, über denen sie wollene Waffenröcke trugen. Viele von ihnen, alle mit Langspießen in exakt demselben Winkel in den Händen, säumten ihren Weg. Diese Soldaten waren nicht zum Vergnügen hier; sie gehörten nicht zu der Sorte, die bereit war sich von irgend etwas, das die Straße heraufkam, überraschen zu lassen.
Tom nahm dies alles eher gelassen auf. Jennsen bemühte sich, nach vorn zu blicken und inmitten all dieser Pracht unbeeindruckt auszusehen.
Vor der breiten Außentreppe erwartete sie ein über einhundert Mann starkes Empfangskomitee der Palastwache. Tom lenkte den Wagen in den offenen Kessel, den sie mit ihrer Straßensperre gebildet hatten. Auf der Treppe, mit Blick über die Soldaten, sah Jennsen drei mit glänzenden Gewändern gekleidete Männer stehen. Zwei der Gewänder waren silberfarben; zwischen ihnen, eine Stufe weiter oben, stand ein älterer, weiß gekleideter Mann, die Hände in den Ärmeln verschränkt, deren goldfarbener Besatz im Sonnenlicht funkelte.
Tom zog die Wagenbremse an, als ein Soldat sich der Pferde annahm, um zu verhindern, daß sie unruhig wurden. Bevor er noch Anstalten machen konnte abzusteigen, legte Jennsen eine Hand auf Toms Arm und hielt ihn zurück.
»Bis hierhin und nicht weiter.«
»Aber Ihr...»
»Ihr habt bereits genug getan. Ihr habt mir geholfen, als ich Eure Hilfe brauchte. Von jetzt an komme ich allein zurecht.«
Er ließ seine blauen Augen ruhig über die Wachen schweifen und schien ihr nur widerstrebend beipflichten zu wollen. »Ich glaube, es könnte nicht schaden, wenn ich Euch begleite.«
»Es wäre mir lieber, wenn Ihr zu Euren Brüdern zurückgingt.«
Er betrachtete die Hand auf seinem Arm, dann sah er ihr in die Augen. »Ganz wie Ihr wollt.« Er senkte seine Stimme, bis sie kaum mehr als ein Flüstern war. »Werde ich Euch wiedersehen?«
Es klang eher wie eine Bitte, denn wie eine Frage. Jennsen brachte es nicht übers Herz, ihm eine solche Bagatelle abzuschlagen, nicht nach allem, was er für sie getan hatte.
»Wir werden zum Markt hinuntergehen müssen, um Pferde zu kaufen. Ich werde vorher bei Euch vorbeischauen, sobald ich hier drinnen fertig bin und den Gefangenen freibekommen habe.«
»Versprochen?«
Flüsternd erwiderte sie, »Ich muß Euch noch für Eure Dienste bezahlen, schon vergessen?«
Sein schiefes Grinsen kehrte zurück. »Ein Mensch wie Ihr ist mir noch nie begegnet, Jennsen. Ich ...« Dann bemerkte er die Soldaten, erinnerte sich, wo er sich befand, und räusperte sich. »Ich bin Euch dankbar, daß Ihr mir erlaubt habt, Euch ein wenig beizustehen, Ma’am. Und was das Übrige anbelangt, so nehme ich Euch beim Wort.«
Er hielt sie auf ein letztes Wort mit seiner kräftigen Hand am Arm fest und sprach mit leiser, feierlicher Stimme, »Stahl gegen Stahl, auf daß er die Magie gegen die Magie sein kann.«
Jennsen hatte nicht die leiseste Ahnung, was er damit meinte, antwortete ihm aber mit einem kurzen, entschlossenen Nicken.
Um zu vermeiden, daß die Soldaten sie am Ende doch für eine weichliche Person hielten, wandte Jennsen sich ab, kletterte vom Wagen herunter und trat vor den Mann, der offensichtlich das Sagen hatte. Sie gestattete ihm nur einen flüchtigen Blick auf das Messer, bevor sie es in die Scheide an ihrem Gürtel zurückschob.
»Ich muß den Mann sprechen, der für die hier einsitzenden Gefangenen verantwortlich ist. Captain Lerner, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt.«
Er runzelte die Stirn. »Ihr wünscht den Captain der Gefängniswache zu sprechen?«
Jennsen tat seine Frage mit einer knappen Handbewegung ab. »Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Selbstverständlich benötige ich eine Eskorte. Ich denke, Ihr sowie einige Eurer Männer werden genügen.«
Als sie die Stufen hinaufzusteigen begann und dabei über ihre Schulter blickte, sah sie Tom ihr zuzwinkern. Es machte ihr Mut. Die Soldaten hatten Platz gemacht, um seinen Wagen durchzulassen, daher ließ er die Zügel schnellen und trieb seine kräftigen Pferde an. Es gefiel Jennsen überhaupt nicht, diesen Mann, der ihr so viel Mut gemacht hatte, wegfahren zu sehen, doch zwang sie sich sogleich, nicht ständig an ihre Ängste zu denken.
»Ihr dort«, sagte sie, auf den Mann im weißen Gewand zeigend, »bringt mich in die Quartiere der Gefangenen.«
Auf einen Fingerzeig des Mannes hin, dessen Schädeldecke durch sein licht werdendes Haar schimmerte, kehrten die meisten der Soldaten auf ihren Posten zurück. Der Offizier mit dem ungeklärten Rang sowie ein Dutzend seiner Soldaten blieben hinter ihr.
»Dürfte ich das Messer sehen?«, fragte der Mann im weißen Gewand freundlich.