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»Ich hatte auch mal eins davon, früher«, sagte er, mit einem Nicken auf das Messer deutend, das sie in die Scheide zurückgeschoben hatte. »Ist schon ein paar Jahre her.«

»Und jetzt nicht mehr?« Sie drückte leicht auf den Handschutz, bis sie spürte, daß das Messer mit einem Klicken einrastete.

Er zuckte mit den Achseln. »Irgendwann wird man es leid, sein Leben ständig für den Lord Rahl aufs Spiel zu setzen.«

Jennsen befürchtete, er könnte sie etwas über Lord Rahl fragen, etwas, auf das sie keine Antwort wußte, obwohl sie das eigentlich sollte. Um ihm zuvorzukommen, sagte sie, »Ihr habt also unter Darken Rahl gedient. Das war vor meiner Zeit. Es muß eine große Ehre gewesen sein, diesen Mann gekannt zu haben.«

»Ihr habt ihn ganz offensichtlich nicht gekannt.«

Sie war davon ausgegangen, daß jeder in Staatsdiensten ein loyaler Gefolgsmann sein müsse, und hielt es für das Klügste, an dieser Annahme festzuhalten. Doch dem war offenbar nicht so.

Captain Lerner drehte den Kopf zur Seite und spuckte aus, dann sah er sie herausfordernd an. »Darken Rahl war ein geisteskranker Hurensohn. Ich hätte ihm liebend gern ein Messer zwischen die Rippen gestoßen und es säuberlich herumgedreht.«

Trotz ihrer Ängstlichkeit blieb sie nach außen hin ruhig und gefaßt.

»Warum habt Ihr es dann nicht getan?«

»Gesunder Menschenverstand zahlt sich nicht aus. wenn die ganze Welt verrückt spielt. Ich habe schließlich durchblicken lassen, zu alt zu sein, und statt dessen die Arbeit hier unten angenommen. Schließlich hat ein Besserer, als ich es jemals war, Darken Rahl zum Hüter gejagt.«

Diese überraschende Gefühlsregung brachte Jennsen vollends aus dem Konzept. Sie vermochte nicht einzuschätzen, ob der Mann Darken Rahl tatsächlich gehaßt hatte, oder ob er dies nur vor ihr behauptete, um seine Ergebenheit gegenüber dem neuen Lord Rahl, Richard, zu beweisen, der seinen Vater umgebracht und die Macht an sich gerissen hatte.

»Nun, Tom sagte mir, Ihr wäret nicht dumm. Ich nehme an, er wußte, wovon er sprach.«

Daraufhin fing der Captain an zu lachen; es war ein tiefes, von Herzen kommendes Lachen, das Jennsen unerwartet schmunzeln ließ, so unpassend erschien es ihr bei einem Mann, der ansonsten aussah, als sei der Tod sein bester Freund.

»Tom muß es ja wissen.« Er salutierte mit einem Faustschlag auf sein Herz, während sein Gesicht einen versöhnlicheren Zug annahm und er ganz unbekümmert lächelte. Wieder einmal hatte Tom ihr geholfen.

Jennsen schlug sich ebenfalls mit der Faust aufs Herz und erwiderte den militärischen Gruß. Es schien ihr das Richtige zu sein. »Ich heiße Jennsen.«

»Freut mich, Jennsen.« Er seufzte. »Hatte ich den neuen Lord Rahl so gekannt wie Ihr, vielleicht wäre ich dann immer noch im Dienst, zusammen mit Euch. Aber da hatte ich bereits gekündigt und mich nach hier unten versetzen lassen. Unter dem neuen Lord Rahl hat sich alles verändert, alle Regeln – er hat die Welt geradezu auf den Kopf gestellt, könnte man sagen.«

Jennsen befürchtete, daß sie im Begriff war, sich auf gefährliches Terrain zu begeben. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was der Mann damit meinte, und deshalb Angst, etwas darauf zu erwidern. Also nickte sie einfach nur und brachte das Gespräch wieder auf den Grund für ihr Kommen.

»Jetzt verstehe ich, warum Tom sagte, Ihr wäret der Mann, an den man sich wenden müßte.«

»Worum geht es überhaupt, Jennsen?«

Sie atmete ganz zwanglos tief durch, um sich zu wappnen. Hundertmal hatte sie sich alles zurechtgelegt, vor und zurück überlegt, und war nun auf alle Möglichkeiten vorbereitet, wie sie hoffte.

»Euch ist natürlich bekannt, daß wir, die wir Lord Rahl in dieser Position dienen, nicht immer jedem erzählen können, was wir tun oder wer wir sind.«

Captain Lerner nickte. »Natürlich.«

Jennsen verschränkte die Arme und versuchte entspannt zu wirken, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug. Die riskanteste Kuppe war genommen, sie hatte also richtig vermutet.

»Nun, ich hatte einen Mann bei mir, mit dem ich zusammenarbeite«, fuhr Jennsen fort. »Wie ich hörte, hat man ihn gefangen genommen, was mich nicht wirklich überrascht. Der Mann fallt in der Menge auf – was jedoch genau den Anforderungen unseres Auftrags entsprach. Leider wurde offenbar auch die Palastwache auf ihn aufmerksam. Wegen unseres Auftrags und der Leute, mit denen wir es zu tun haben, war er schwer bewaffnet, was die Wachen, die ihn gefangen genommen haben, zweifellos nervös gemacht haben dürfte.

Da er zuvor noch nie hier war wußte er nicht, wem er vertrauen konnte, und im Übrigen sind wir hinter Verrätern her.«

Der Captain hatte die Stirn in Falten gelegt und rieb sich nachdenklich das Kinn. »Verräter? Hier, im Palast?«

»Noch wissen wir es nicht sicher. Wir vermuten aber, daß Agenten eingeschleust wurden – die Leute, hinter denen wir her sind –, weswegen er es nicht gewagt hat, sich jemandem anzuvertrauen. Käme seine wahre Identität den falschen Leuten zu Ohren, brächte das uns alle in Gefahr. Ich bezweifle sogar, daß er Euch seinen richtigen Namen genannt hat. auszuschließen ist es aber nicht – Sebastian. Aufgrund unserer Gefährdung wird er sich darüber im Klaren gewesen sein, daß das Risiko für die anderen in unserer Truppe um so geringer ist, je weniger er sagt.«

Er hatte den Blick, offenbar ganz gefesselt von ihrer Geschichte, in die Ferne gerichtet.

»Nein ... diesen Namen hat kein Gefangener angegeben.« Er runzelte die Stirn und überlegte angestrengt. »Wie sieht er aus?«

»Einige Jahre älter als ich, blaue Augen, kurzes, weißes Haar.«

Die Beschreibung kam dem Captain sofort bekannt vor. »Ach, der.«

»Dann sind meine Informationen korrekt? Ihr habt ihn hier bei Euch?«

»Ja, er ist hier bei uns. Das heißt, wenn wir tatsächlich vom selben Mann reden. Eure Beschreibung scheint jedenfalls zu passen.«

»Gut. Ich brauche ihn unbedingt zurück, denn ich habe dringende Aufgaben für ihn, die keinerlei Aufschub dulden. Wir müssen sofort aufbrechen, bevor die Spur weiter erkaltet. Am besten machen wir kein großes Aufhebens um seine Freilassung. Wir müssen so unbeobachtet wie möglich verschwinden, da es dem Verschwörerring gelungen sein könnte, bis in die Armee einzudringen.«

Captain Lerner verschränkte die Arme, beugte sich seufzend ein wenig zu ihr herunter und sah sie an, etwa so, wie ein großer Bruder seine kleine Schwester ansehen mochte. »Seid Ihr sicher, daß er zu Euren Leuten gehört, Jennsen?«

Jennsen hatte Angst, ihren Bluff zu überziehen. »Er wurde vor allem deswegen für diesen Auftrag ausgewählt, weil kein Soldat vermuten würde, daß er zu uns gehört. Wenn man ihn so vor sich sieht, käme man nie darauf. Wie sich gezeigt hat, versteht er sich darauf, ganz nah an die Verschwörer heranzukommen, ohne sie Wind davon bekommen zu lassen, daß er zu uns gehört.«

»Aber täuscht Ihr Euch auch bestimmt nicht über die Gesinnung des Mannes? Seid Ihr absolut sicher, daß er Lord Rahl niemals auch nur der geringsten Gefahr aussetzen würde?«

»Sebastian gehört zu meinen Leuten, daran besteht kein Zweifel, aber ich weiß natürlich nicht, ob Euer Gefangener auch tatsachlich mein Sebastian ist. Ich denke, am besten werfe ich einen Blick auf ihn, um ganz sicher zu sein. Warum fragt Ihr?«

Der Captain blickte kopfschüttelnd in die Ferne. »Ich weiß nicht recht. Viele Jahre lang habe ich das Messer getragen, so wie Ihr dies jetzt offenbar auch vorhabt, und Orte aufgesucht, wo man es nicht tragen kann, weil man damit seine wahre Identität preisgäbe. Ich muß Euch nicht erklären, daß man durch dieses Leben in ständiger Gefahr ein gewisses Gespür für Menschen bekommt. Dieser junge Mann mit den weißen Haaren hat etwas an sich, bei dem sich mir die Nackenhaare sträuben.«

Jennsen wußte nichts darauf zu erwidern. Der Captain war doppelt so kräftig gebaut wie Sebastian, seine äußere Erscheinung konnte es also kaum sein, die dem Mann so sehr zu schaffen machte. Vielleicht spürte der Captain, wie überaus gefährlich Sebastian im Umgang mit Waffen war. Die Augen des Captains hatten ihre Spielerei mit dem Messer sehr aufmerksam verfolgt.