Vielleicht erkannte der Captain auch anhand verschiedener kleiner Details, daß Sebastian kein D’Haraner war. Das könnte unangenehm werden, aber Jennsen hatte sich für alle Fälle eine Erklärung zurechtgelegt.
»Ist Tom noch immer so ein Schwerenöter?«, fragte er.
»Ach, Ihr kennt doch Tom. Er verkauft jetzt Wein, zusammen mit seinen beiden Brüdern Joe und Clayton.«
Der Captain sah sie ungläubig an. »Tom – zusammen mit seinen Brüdern? Und er verkauft Wein?« Er schüttelte den Kopf, während sein Grinsen immer breiter wurde. »Ich wußte zu gern, was er wirklich im Schilde führt.«
Jennsen zuckte mit den Achseln. »Nun, jedenfalls verkauft er das im Augenblick. Die drei ziehen durch die Gegend, kaufen Waren ein und transportieren sie hierher, um sie wieder zu verkaufen.«
Als er das hörte, gab er ihr lachend einen Klaps auf die Schulter. »Das klingt, als wollte er, daß man es überall herumerzählt. Kein Wunder, daß er Euch vertraut.«
Mittlerweile war Jennsen vollends verwirrt; um nicht aufzufliegen, wollte sie auf jeden Fall verhindern, länger in eine riskante Plauderei über Tom verwickelt zu werden. Im Grunde wußte sie kaum etwas über ihn, dieser Mann hier jedoch augenscheinlich schon.
»Ich denke, ich sollte mir jetzt den Burschen mal ansehen, den Ihr hier bei Euch habt. Wenn es tatsächlich Sebastian ist, werde ich ihm Beine machen müssen, damit er sich endlich an die Arbeit begibt.«
»Richtig«, bestätigte Captain Lerner mit einem entschlossenen Nicken. »Wenn er tatsächlich Euer Mann ist, erfahre ich wenigstens endlich seinen Namen.« Er drehte sich zur eisenbeschlagenen Tür herum und wühlte in seiner Tasche nach dem Schlüssel. »Wenn er es ist, kann er von Glück reden, daß Ihr ihn holen gekommen seid, bevor eine von diesen rot gekleideten Frauen auftaucht, um ihn zu verhören. Denen würde er in kürzester Zeit sehr viel mehr als seinen Namen nennen. Er hätte sich selbst und Euch eine Menge Ärger ersparen können, wenn er uns gleich zu Beginn gesagt hätte, was es mit ihm auf sich hat.«
Jennsen wurde fast schwindlig vor Erleichterung, daß Sebastian nicht von einer Mord-Sith gefoltert worden war. »Wenn man im Auftrag des Lord Rahl unterwegs ist, hält man sich bedeckt«, antwortete sie. »Sebastian weiß, zu welchen Opfern man für unsere Arbeit bereit sein muß.«
Der Captain gab ein zustimmendes Brummen von sich, während er den Schlüssel herumdrehte. Der Riegel löste sich mit einem hallenden, metallischen Schnappen. »Für diesen Lord Rahl würde ich ebenfalls meinen Mund halten – selbst wenn eine Mord-Sith mir Fragen stellt. Aber offenbar kennt Ihr Lord Rahl besser als ich, daher brauche ich Euch das wohl nicht zu erzählen.«
Jennsen verstand keineswegs, was er meinte, fragte aber auch nicht weiter nach. Als der Captain an der Tür zog, gab sie ganz allmählich nach, und man sah einen langen, von wenigen über die gesamte Länge verteilten Kerzen beleuchteten Gang. Zu beiden Seiten waren Türen mit kleinen vergitterten Öffnungen darin. Als sie daran vorübergingen, wurden ihnen aus etlichen dieser Öffnungen Arme entgegengestreckt. Aus dem Dunkel dahinter drang das Gebrüll von Stimmen, die sie mit abscheulichen Flüchen und Verwünschungen überhäuften. An den greifenden Händen und den zahllosen Stimmen erkannte sie, daß in jeder Zelle mehr als nur ein paar Gefangene untergebracht waren.
Jennsen folgte dem Captain immer tiefer in das Festungsgefängnis. Sie war schockiert über die schlüpfrigen, vulgären Bemerkungen und auch über das johlende Gelächter der Gefangenen, ließ sich ihre Beklommenheit und Angst aber nicht anmerken und setzte eine gleichgültige Miene auf.
Captain Lerner hielt sich in der Mitte des Ganges und schlug gelegentlich eine nach ihm greifende Hand weg. »Nehmt Euch in acht«, warnte er sie.
Jennsen wollte gerade nach dem Grund fragen, als jemand mit etwas Nassem, Glitschigem nach ihr warf. Das Zeug verfehlte sie und klatschte an die gegenüberliegende Wand. Zu ihrem Entsetzen sah sie, daß es Exkremente waren. Mehrere andere Männer folgten diesem Beispiel, und Jennsen mußte sich ducken, um nicht getroffen zu werden. Unvermittelt trat der Captain gegen eine Zellentür; das Scheppern des Fußtritts hallte den Gang auf und ab, eine Warnung, die die Männer bewog, sich in den Hintergrund ihrer Zellen zurückzuziehen. Erst als der wütend dreinblickende Captain überzeugt war daß alle seine Botschaft verstanden hatten, setzte er seinen Weg fort.
Jennsen konnte sich nicht enthalten, ihn mit leiser Stimme zu fragen, »Was wirft man all diesen Männern eigentlich vor?«
Der Captain warf einen Blick über die Schulter. »Alles Mögliche, Mord, Vergewaltigung und Ähnliches mehr. Einige von ihnen sind Spione, die Sorte Kerle, hinter denen ihr her seid.«
Der Gestank war so entsetzlich, daß sie sich fast übergeben hätte. Der blanke Haß der Gefängnisinsassen mochte ja noch verständlich sein, überlegte sie. aber so viel Mitgefühl sie auch für die Gefangenen der Soldaten des Lord Rahl aufbrachte, für Männer, die gegen seine brutale Herrschaft aufbegehrten – ihr Verhalten ließ jeden Vorwurf der Verdorbenheit berechtigt erscheinen. Jennsen blieb Captain Lerner dicht auf den Fersen, als dieser in einen Seitengang einbog.
Er entnahm einer in den Fels geschlagenen Nische eine Laterne und zündete sie an einer in der Nähe befestigten Kerze an. Der Schein der Laterne war gerade hell genug, um ein wenig Licht in diesen Alptraum zu werfen und alles noch erschreckender wirken zu lassen.
Schließlich mußte eine weitere Verbindungstür aufgeschlossen werden, hinter der sie in einen niedrigen Gang gelangten, dessen Türen in sehr viel dichteren Abständen aufeinander folgten. Sie vermutete, daß dies die Einzelzellen waren. Am Ende angekommen, entriegelte Captain Lerner eine weitere Verbindungstür, und sie gelangten in einen noch schmaleren Gang, der kaum breiter war als seine Schultern. Der Captain blieb stehen und hielt die Laterne hoch, um durch das winzige Loch in der Tür rechter Hand zu sehen. Zufrieden mit dem, was er sah, drückte er ihr die Laterne in die Hand und entriegelte die Tür.
»In diesem Teil hier sind ganz besondere Gefangene untergebracht«, sagte er zur Erläuterung.
Er mußte mit beiden Händen zupacken und sein ganzes Körpergewicht einsetzen, um die Tür aufzuziehen, die sich daraufhin mit protestierendem Kreischen in Bewegung setzte. Drinnen erkannte Jennsen zu ihrer Überraschung, daß es sich nur um einen kleinen, leeren Vorraum mit einer zweiten Tür am anderen Ende handelte. Die Zellen waren mit einer Doppeltür versehen, um eine Flucht noch unwahrscheinlicher zu machen. Nachdem er auch die zweite Tür entriegelt hatte, nahm er die Laterne wieder an sich.
Der Captain duckte sich durch den engen Durchgang; dabei schob er das Licht voran, so daß sein massiger, den Türrahmen ausfüllender Körper sie für einen Moment in völliger Dunkelheit zurückließ. Sobald er hindurch war, reichte er ihr eine stützende Hand, damit sie nicht über die hohe Schwelle stolperte. Jennsen ergriff die Hand des hünenhaften Mannes und trat in die Zelle. Sie war geräumiger als erwartet und schien aus dem massiven Muttergestein des Plateaus gehauen worden zu sein.
Sebastian saß auf einer in den Stein gehauenen Bank auf der gegenüberliegenden Seite. Er hatte sie vom Augenblick ihres Eintretens an mit seinen blauen Augen verfolgt, Augen, denen sie anzusehen glaubte, wie sehr er sich danach sehnte, diesen Ort verlassen zu können. Nichtsdestoweniger ließ er sich keinerlei Regung anmerken und schwieg. Dem äußeren Anschein nach wäre kein Mensch darauf gekommen, daß die beiden einander kannten.
Er hatte seinen Umhang säuberlich zusammengefaltet und benutzte ihn auf dem kalten Stein als Kopfkissen. Ganz in der Nähe stand ein Wassergefäß. Seine Kleidung war ordentlich; nichts an ihm deutete darauf hin, daß er mißhandelt worden wäre.
Es tat so gut, sein Gesicht wiederzusehen, seine Augen, sein weißes Stoppelhaar. Er benetzte sich die Lippen, diese wunderschönen Lippen, mit denen er sie so oft angelächelt hatte. Jetzt wagte er allerdings nicht zu lächeln.