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»Aufstehen!« Die Mord-Sith stand aufrecht über ihnen. »Alle beide.«

Sebastian konnte nicht, noch nicht, Jennsen dagegen war sofort auf den Beinen und blickte der Frau trotzig ins Gesicht. »Das dulde ich nicht! Wenn ich Lord Rahl davon erzähle, wird er Euch auspeitschen lassen!«

Die Frau hielt ihr stirnrunzelnd den Strafer hin. »Nehmt ihn in die Hand.«

Jennsen packte die Waffe und stieß sie wieder zur Seite. »Hört auf damit!«

»Aber er funktioniert«, murmelte die Mord-Sith bei sich, »das weiß ich genau – ich kann es deutlich spüren.«

Sie wandte sich herum und preßte das fürchterliche Ding versuchsweise gegen den Arm des Captains. Dieser schrie auf und sackte auf die Knie.

Die Mord-Sith starrte sie bloß an. »Wie macht Ihr das?«

»Was denn?«

»Daß Ihr ihn anfassen könnt, ohne Schmerzen zu spüren. Niemand ist gegen die Berührung eines Strafers gefeit – nicht einmal Lord Rahl selbst.«

In diesem Augenblick begriff Jennsen, daß etwas noch nie Dagewesenes geschehen war, sie verstand es nicht aber ihr wurde sofort klar, daß sie die Gelegenheit beim Schopf packen mußte, solange die Situation verworren war.

»Ihr wolltet etwas Magie – jetzt hab Ihr sie gesehen.«

»Aber wie ...«

»Meint Ihr etwa, Lord Rahl würde mir erlauben, das Messer zu tragen, wenn ich nicht dazu befugt wäre?«

»Aber ein Strafer...«

Der Captain war im Begriff, sich wieder aufzurappeln. »Was ist eigentlich in Euch gefahren? Ich kämpfe doch für die gleiche Sache wie Ihr.«

»Und diese Sache ist es, Lord Rahl zu beschützen«, fauchte die Frau ihn an. Sie hielt den Strafer in die Höhe. »Das ist das Werkzeug, mit dem ich ihn beschütze. Ich muß wissen, ob damit etwas nicht stimmt, wenn ich meine Pflicht ihm gegenüber nicht vernachlässigen will.«

Jennsen langte nach oben, schloß die Finger um die Waffe und hielt sie fest, während sie der Mord-Sith in die Augen sah. Sie ermahnte sich, nur nicht aus der Rolle zu fallen und den Schein zu wahren, und überlegte fieberhaft, wie sie sich jetzt wohl verhalten würde, wäre sie tatsächlich eine Angehörige der Elitetruppen Lord Rahls.

»Eure Besorgnis verstehe ich durchaus«, erwiderte Jennsen entschieden, fest entschlossen, sich die unverhoffte Chance nicht entgehen zu lassen, obwohl sie sie selbst kaum einzuschätzen wußte. »Ich bin mir darüber im klaren, daß Ihr Lord Rahl beschützen wollt. Diese Loyalität und heilige Pflicht teilen wir, denn unser Leben gehört ihm. Ich bin in einer wichtigen Mission unterwegs, deren Ziel sich mit Eurem deckt – Lord Rahl zu beschützen. Ihr könnt unmöglich wissen, was dies alles beinhaltet, und mir fehlt einfach die Zeit, es Euch auch nur ansatzweise zu erklären. Das Leben des Lord Rahl ist in Gefahr. Wenn Ihr mich in meiner Arbeit, ihn zu schützen, behindert, dann gefährdet Ihr ihn, und ich werde Euch ebenso beseitigen müssen wie jede andere Bedrohung für sein Leben.«

Die Mord-Sith ließ sich Jennsens Worte durch den Kopf gehen. Jennsen hatte nicht die leiseste Ahnung, was genau sie dabei dachte, doch allein die Tatsache, daß sie überhaupt nachdachte, war mehr, als sie den Mord-Sith bislang zugebilligt hatte.

Schließlich langte die Mord-Sith hinunter, schob eine Hand unter Sebastians Arm und half ihm auf. Als er sicher auf den Beinen stand, wandte sie sich wieder an Jennsen.

»Ich würde mich gern mit der Reitgerte auspeitschen lassen und noch weit Schlimmeres ertragen, wenn es zu Lord Rahls Schutz beitrüge. Also geht jetzt – und beeilt Euch gefälligst.« Sie bedachte Jennsen mit einem dünnen, aber herzlichen Lächeln und versetzte ihr dann einen herzhaften Klaps gegen die Schulter. »Mögen die Gütigen Seelen mit Euch sein.« Sie zögerte. »Trotzdem muß ich unbedingt wissen, wieso Ihr die Kraft des Strafers nicht spürt. Eigentlich ist das völlig unmöglich.«

Jennsen war fassungslos, daß eine derart verdorbene Person es wagte, den Namen der Gütigen Seelen zu Hilfe zu rufen; schließlich war ihre Mutter jetzt eine von ihnen. »Tut mir leid, aber das gehört auch zu den Dingen, die Euch zu erzählen ich nicht mal ansatzweise Zeit genug habe; ganz abgesehen davon bin ich im Interesse der Sicherheit Lord Rahls gezwungen, darüber Stillschweigen zu bewahren.«

Die Mord-Sith blickte sie lange und durchdringend an. »Ich bin Nyda«, meinte sie schließlich. »Schwört mir persönlich, daß Ihr Wort halten und ihn beschützen werdet.«

»Ich schwöre es, Nyda, aber jetzt muß ich fort, ich darf wirklich keine Zeit mehr verlieren – aus welchem Grund auch immer.«

Bevor Jennsen sich von der Stelle rühren konnte, hatte die Mord-Sith bereits eine Hand voll ihres Kleides und Umhangs an der Schulter gepackt. »Wir können es uns unter keinen Umständen erlauben, diesen Lord Rahl zu verlieren, denn dann verlieren wir alles. Sollte ich dahinterkommen, daß Ihr mich angelogen habt, garantiere ich Euch zweierlei, erstens, daß Ihr kein Loch finden werdet, das tief genug ist, um Euch vor mir zu verkriechen, und zweitens, daß Euer Tod selbst Eure schlimmsten Alpträume übertreffen wird. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Angesichts des Ausdrucks wütender Entschlossenheit in Nydas Augen konnte Jennsen nur wortlos nicken.

Die Frau machte kehrt und begann die Stufen hinaufzusteigen. »Und jetzt verschwindet.«

»Seid Ihr wohlauf?«, erkundigte sich der Captain bei Sebastian.

Sebastian klopfte sich den Staub von den Knien, während er auf die Treppe zuhielt. »Ich hätte mich lieber mit der Reitgerte auspeitschen lassen als das, aber ich schätze, ich werd’s überleben.«

Der Captain massierte seinen Arm und verzog mitfühlend das Gesicht. »Ich habe Eure Sachen dort oben unter Verschluß, Euer Geld und die Waffen.«

»Das Geld gehört Lord Rahl«, verbesserte Sebastian.

Jennsen wünschte sich nichts mehr, als diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Sie hastete die Stufen hinauf und mußte an sich halten, um nicht plötzlich loszurennen.

»Oh, und noch etwas«, rief die Mord-Sith die Stufen herunter. Sie war stehen geblieben, ihre Hand auf dem rostigen Handlauf, als die anderen hinter ihr die Treppe hinaufeilten. »Das vergaß ich Euch zu sagen.«

»Was habt Ihr uns zu sagen vergessen?«, fragte Jennsen.

»Dieser Palastbeamte, der zu mir kam, um mich zu holen, der Mann im weißen Gewand ...«

»Was ist mit ihm?«, fragte Jennsen, als sie sie eingeholt hatte.

»Er wollte sich nach seinem Besuch bei mir auf die Suche nach Zauberer Rahl machen, um ihn herzubegleiten, damit er ebenfalls mit Euch sprechen kann.«

Jennsen spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich.

»Lord Rahl befindet sich weit weg von hier, im Süden«, meinte der Captain spöttisch, der hinter ihnen die Treppe hinaufkam.

»Ich spreche nicht von Lord Rahl«, sagte Nyda. »Sondern von Zauberer Rahl. Zauberer Nathan Rahl.«

28

An den Namen Nathan Rahl erinnerte sich Jennsen. Althea hatte ihr erzählt, sie sei ihm in der Alten Welt begegnet, im Palast der Propheten. Offenbar war es dem alten Zauberer irgendwie gelungen, sich trotz der unüberwindbaren magischen Schilde zu befreien.

Jennsen hielt die Mord-Sith am Ellbogen fest. »Was hat er hier zu suchen, Nyda?«

»Ich weiß es nicht. Ich bin ihm noch nicht begegnet.«

»Er darf uns auf keinen Fall sehen.« Jennsen schob Nyda, sie zur Eile drängend, vor sich her. »Für Erklärungen habe ich keine Zeit, aber der Mann ist sehr gefährlich.«

Am oberen Treppenende schaute sich Nyda erst nach beiden Seiten um, bevor sie Jennsen in die Augen sah. »Gefährlich? Seid Ihr da wirklich sicher?«

»Ja!«

»Also gut. Dann kommt mit mir.«

»Ich brauche noch meine Sachen«, meinte Sebastian.

»Dort drüben.« Der Captain deutete auf eine nicht weit entfernte Tür.

Während Nyda Schmiere stand, folgte Sebastian dein Captain hinein. Jennsen wartete derweil mit zitternden Knien in der Türnische und sah zu, wie der Captain die Laterne absetzte und drinnen eine zweite Tür aufschloß. Er und Sebastian nahmen die Laterne mit und betraten den dahinter liegenden Raum. Jennsen hörte einen kurzen Wortwechsel sowie das Geräusch der Gegenstände, die aus den Regalen genommen wurden. Kurz darauf trat Sebastian vor dein Captain wieder heraus in den Korridor. »Gehen wir.«