Er wirkte vollkommen unauffällig, ein Mann in einem grünen Umhang, genauso wie zuvor. Kaum einer würde darunter das Waffenarsenal vermuten, das er am Körper trug. Der einzige Unterschied zu anderen Menschen waren seine blauen Augen und sein weißes Stoppelhaar; vielleicht war das der Grund, weshalb ihn die Palastwache angehalten hatte.
Der Captain faßte Jennsen beim Arm. »Wie sie schon sagte« – er deutete mit einem Nicken auf die Mord-Sith – »mögen die Gütigen Seelen stets mit Euch sein.«
Er überließ ihr die Laterne. Jennsen sprach ihm mit leiser Stimme ihren aufrichtigen Dank aus, bevor sie, den Captain der Palastwache allein zurücklassend, den beiden anderen mit großen Schritten den Korridor entlang hinterhereilte.
Nyda führte sie durch schummrige Flure und ungenutzte Räume, sie passierten einen schmalen, nicht überdachten Einschnitt – zumindest konnte Jennsen, als sie nach oben blickte, dort nichts als Dunkelheit ausmachen. Der Fußboden schien aus nacktem Fels zu bestehen, während die Mauer zur Rechten aus eher gewöhnlichen, behauenen Steinen bestand. Auf der linken Seite aber war der Korridor von gewaltigen, rosa gesprenkelten Granitquadern gesäumt. Jeder der glatt polierten Quader war größer als alle Häuser, in denen Jennsen je gewohnt hatte, und doch waren sie so eng verfugt, daß man keine Messerklinge hätte dazwischenschieben können.
Am Ende des Korridors mit den riesigen Steinquadern an den Seiten mußten sie sich durch eine niedrige Tür ducken, um auf einen schmalen, eisernen Steg zu gelangen, der mit Planken ausgelegt war; die strichdünne Fußgängerbrücke überspannte einen breiten Riß im Muttergestein des Felsplateaus. Im Schein ihrer Laterne konnte Jennsen erkennen, daß die blanken Felswände senkrecht in die Tiefe stürzten. Das Licht ihrer Laterne reichte nicht annähernd bis auf den Grund. Hier, auf dem schmalen Steg, der über dieser gewaltigen Leere in der Luft zu schweben schien, kam sie sich winzig wie eine Ameise vor.
Die Mord-Sith, die sich, eine Hand am Geländer, über die Brücke tastete, blieb stehen und sah über ihre Schulter. »Wieso ist Zauberer Rahl eigentlich gefährlich?« Es war nicht zu übersehen, daß die Frage sie schon eine Weile beschäftigte. »Womit könnte er Euch Ärger machen?« Der Klang ihrer Stimme hallte von den umliegenden Felswänden wider.
Mitten auf dem Steg über den schwarzen Abgrund am Weitergehen gehindert, spürte Jennsen das Schwanken der Brücke unter ihren Füßen. Ihr wurde schwindelig. Die Mord-Sith wartete, während Jennsen überlegte, was sie darauf erwidern sollte. Ein Blick in Sebastians schreckensbleiches Gesicht verriet ihr, daß er ebenfalls keine Idee hatte. Flugs beschloß sie, einen Teil der Wahrheit einzuflechten, für den Fall, daß der Mann Nyda doch nicht völlig unbekannt war.
»Er ist ein Prophet. Er ist von einem Ort geflohen, wo man ihn gefangen hielt, einem Ort. wo er niemandem schaden konnte. Man hatte ihn aufgrund seiner Gefährlichkeit dort eingesperrt.«
Die Mord-Sith zog ihren langen blonden Schopf über die Schulter nach vorn und strich der Lange nach darüber, während sie sich Jennsens Worte durch den Kopf gehen ließ. Offenkundig hatte sie noch immer nicht die Absicht weiterzugehen. »Nach allem, was ich gehört habe, soll er ein ziemlich interessanter Mann sein.« In ihren Augen blitzte neu erwachte Streitlust auf.
»Jedenfalls ist er gefahrlich«, beharrte Jennsen.
»Inwiefern?«
»Er könnte meine Mission gefährden.«
»Wie das?«
»Das sagte ich doch schon – er ist ein Prophet.«
»Eine Prophezeiung kann durchaus Vorteile haben; sie könnte Euch bei Eurem Einsatz zum Schutz des Lord Rahl hilfreich sein.« Die Stirn der Mord-Sith furchte sich tiefer. »Warum solltet Ihr auf eine solche Hilfe verzichten wollen?«
Jennsen rief sich ins Gedächtnis zurück, was ihr Althea über Prophezeiungen erzählt hatte. »Nun, er könnte mir zum Beispiel erzählen, wie ich sterbe, sogar den genauen Tag. Angenommen, Ihr müßtet Lord Rahl vor einer drohenden Gefahr bewahren und wüßtet, daß Ihr schon am nächsten Tag auf grauenhafte Art ums Leben kämet, mitsamt der genauen Stunde und allen quälenden Einzelheiten. Das könnte Euch in einen Zustand lähmender Angst versetzen, und in dieser panischen, durch das Wissen um Euren Todeszeitpunkt und -ort ausgelösten Verzweiflung wäret Ihr natürlich kaum die geeignete Person, um das Leben des Lord Rahl zu schützen.«
Nydas Stirnrunzeln glättete sich nur unwesentlich. »Glaubt Ihr wirklich, Zauberer Rahl würde Euch so etwas erzählen?«
»Was glaubt Ihr, warum man ihn eingesperrt hat? Weil er gefährlich ist. Prophezeiungen können für Personen wie mich, die Lord Rahl beschützen, überaus gefährlich sein.«
»Oder hilfreich«, meinte Nyda. »Wenn Ihr wüßtet, daß etwas Schlimmes geschieht, könntet Ihr es doch verhindern.«
»Dann wäre es wohl kaum eine Prophezeiung, oder?«
Nyda strich sich mit der Hand über den Zopf, während sie über die tiefere Bedeutung der Bemerkung nachdachte. »Aber wenn Ihr von einem nahenden Unheil wüßtet, könntet Ihr die Prophezeiung doch einfach nicht beachten und das Unglück abwenden.«
»Könnte man Prophezeiungen unbeachtet lassen, würde man sie dadurch widerlegen. Und eine widerlegte, unerfüllte Prophezeiung wäre nichts weiter als das törichte, inhaltslose Geplapper eines alten Mannes, oder? Wie sollte man Prophezeiungen dann von dem leeren Geschwätz eines Geisteskranken unterscheiden, der von sich behauptet, er sei ein Prophet?
Aber es ist eben kein leeres Geschwätz«, fuhr Jennsen beharrlich fort und wünschte, Nyda ginge endlich weiter. Wenn sie die Frau nicht überzeugen konnte und gegen sie kämpfen mußte, wäre dies ein denkbar ungeeigneter Ort. Die Mord-Sith war kräftig und gewandt, und da Sebastian hinter ihr stand, wäre er kaum eine große Hilfe. Außerdem drehte sich Jennsen, hier oben an diese schwankende Brücke über den Abgrund geklammert, der Kopf. Hoch gelegene Orte behagten ihr nicht.
Nyda nickte resigniert. Endlich drehte sie sich um und setzte ihren Weg über die Brücke fort. »Aber trotzdem würde ich versuchen, die Prophezeiung zu verändern.«
Einen stillen Seufzer ausstoßend, folgte Jennsen ihr mit schlurfenden, tastenden Schritten dicht auf den Fersen. Auf unbegreifliche Weise schienen ihre Worte die Mord-Sith nachhaltig zu beeinflussen.
Sie warf einen Blick über das Geländer, konnte aber noch immer keinen Boden erkennen. »Prophezeiungen können nicht verändert werden, weil sie sonst keine Prophezeiungen waren. Prophezeiungen werden von Propheten erstellt, die die Gabe dafür besitzen.«
Mittlerweile hatte Nyda wieder ihren Zopf nach vorn geholt und strich mit der Hand darüber. »Aber wenn er ein Prophet ist, dann kennt er die Zukunft, und die kann, wie Ihr sagt, nicht verändert werden, denn sonst wäre es ja keine Prophezeiung – das heißt also, er würde Euch lediglich erzählen, was passieren wird. Daran können weder er noch Ihr etwas ändern. Würde die Vorhersage dazu führen, daß Ihr Lord Rahl im Stich laßt, würde er auch dieses Ereignis vorhersehen, also ist es vorherbestimmt und wäre demzufolge ohnehin bereits Teil der Prophezeiung.«
Jennsen strich sich eine Haarsträhne aus den Augen, während sie sich, die Hände fest am Geländer, ganz allmählich über die Brücke tastete. In Gedanken suchte sie fieberhaft nach einer logischen Antwort. Sie hatte keine Ahnung, ob das, was sie so daherredete, stimmte oder nicht, aber sie fand, daß es recht überzeugend klang und außerdem seine Wirkung nicht verfehlte. Das Problem war nur, daß Nyda ständig irgendwelche Fragen stellte, deren Beantwortung Jennsen zunehmend schwer fiel. Fast war es, als wäre sie in den Abgrund unter ihr hinabgestiegen, und jeder Versuch, wieder daraus hervorzuklettern, ließe sie nur tiefer abrutschen. Sie versuchte, so gut es ging, jeden Anflug von Verzweiflung aus ihrer Stimme herauszuhalten.