»Aber begreift Ihr denn nicht? Propheten sehen nicht alles über jeden einzelnen Menschen im Voraus, so als wäre das gesamte Weltgeschehen ein einziges, gewaltiges Spektakel, das nur noch gemäß eines vom Propheten bereits vorab gelesenen Manuskripts aufgeführt werden müßte. Gewöhnlich sieht ein Prophet nur einige ausgewählte Dinge – möglicherweise sogar Dinge, die er selbst ausgewählt hat. Andere Dinge aber Dinge, die er nicht voraussieht, könnte er zu beeinflussen suchen.«
Nyda sah sich stirnrunzelnd nach den beiden um. »Was wollt Ihr damit sagen?«
Jennsen ahnte, daß sie sich nur sicher fühlen konnte, wenn sie Nydas Sorge um Lord Rahl wachhielt. »Damit meine ich, daß er mir, wollte er Lord Rahl tatsächlich schaden, etwas erzählen würde, das mich zurückschrecken ließe, und zwar nur aus ebendiesem Grund, auch wenn er ein solches Ereignis gar nicht sähe.«
Nydas Stirnrunzeln wurde immer ernster. »Wollt Ihr damit andeuten, er könnte lügen?«
»Ja.«
»Aber warum sollte Zauberer Rahl Lord Rahl schaden wollen?«
»Das habe ich Euch doch schon erklärt, weil er gefährlich ist. Deswegen hat man ihn im Palast der Propheten hinter Schloß und Riegel gebracht. Wer weiß, was man dort sonst noch über ihn wußte.«
»Das erklärt noch immer nicht, warum Zauberer Rahl den Wunsch haben sollte, Lord Rahl zu schaden.«
Jennsen kam sich vor wie bei einem Messerkampf, bei dem sie sich vor der rasiermesserscharfen Zunge dieser Frau hüten müßte. »Es sind ja nicht nur die Prophezeiungen – der Mann ist obendrein Zauberer. Er besitzt die Gabe. Ich weiß nicht, ob er ein Interesse daran hat, Lord Rahl zu schaden – vielleicht stimmt das gar nicht –, nur will ich nicht das Leben des Lord Rahl riskieren, um es herauszufinden. Meine Kenntnis der Magie ist groß genug, um zu wissen, daß ich besser nicht mit Dingen herumhantieren sollte, die über meinen Horizont gehen. Ich muß Lord Rahls Leben absoluten Vorrang einräumen, deshalb aber noch lange nicht glauben, daß Nathan Rahl darauf aus ist, jemandem zu schaden. Ich will damit nur sagen, daß es meine Aufgabe ist, Lord Rahl zu beschützen; und daß ich kein Risiko mit dieser Magie eingehen möchte, einer Magie, gegenüber der ich machtlos bin.«
Nyda stieß die Tür am Ende der Fußgängerbrücke mit der Schulter auf. »Dem kann ich nur beipflichten; mit Magie will ich auch nichts zu schaffen haben. Aber wenn Lord Rahl von diesem prophetischen Zauberer Gefahr droht, dann solltet Ihr vielleicht besser hier bleiben, damit wir der Sache nachgehen können.«
»Ob Nathan Rahl gefährlich ist, weiß ich nicht, aber ich bin in einer dringenden Angelegenheit unterwegs, von der ich mit Sicherheit weiß, daß sie eine ernste Gefahr für Lord Rahl bedeutet. Es ist meine Pflicht, mich darum zu kümmern.«
Nyda versuchte, eine Tür zu öffnen, fand sie jedoch verschlossen und setzte ihren Weg durch den schmuddeligen Flur fort. »Aber wenn Eure Vermutungen über Nathan Rahl zutreffen, müssen wir...«
»Ich hatte gehofft, Ihr könntet für mich diesen Nathan Rahl im Auge behalten. Ich kann nicht alles allein machen. Würdet Ihr ihn für mich beobachten?«
»Wollt Ihr, daß ich ihn töte?«
»Nein.« Jennsen war überrascht, wie schnell die Mord-Sith zu einer solchen Tat bereit war. »Natürlich nicht. Ich meinte bloß, Ihr solltet acht geben und ihn im Auge behalten, mehr nicht.«
Nyda war an einer weiteren Tür angelangt – dieses Mal ließ sich der Riegel anheben. Vor dem Öffnen drehte sie sich noch einmal zu den beiden um, und der Ausdruck in ihren Augen, als ihr Blick vom einen zum anderen schweifte, gefiel Jennsen gar nicht.
»Das Ganze ist völlig verrückt«, meinte Nyda. »Zu vieles ergibt keinen Sinn, zu viele Dinge passen nicht zusammen. Ich mag es nicht, wenn die Dinge keinen Sinn ergeben.«
Sie war wie ein gefährliches Raubtier, das sich jeden Moment auf sie stürzen konnte. Jennsen mußte einen Weg finden, das Thema endgültig zu beenden. Sie erinnerte sich an die Worte Captain Lerners, mit denen er seiner tiefen Überzeugung Ausdruck verliehen hatte, und wiederholte sie leise gegenüber Nyda.
»Der neue Lord Rahl hat alles verändert, sämtliche Regeln – er hat die ganze Welt auf den Kopf gestellt.«
Endlich stieß Nyda einen tiefen Seufzer aus, und ein versonnenes Lächeln umspielte ihre Lippen.
»Ja, das ist wohl wahr«, meinte sie versöhnlich. »Welch unglaubliches Wunder. Deswegen würde ich ja auch mein Leben opfern, um ihn zu beschützen, deswegen bin ich so besorgt.«
»Genau wie ich. Deswegen muß ich unbedingt meine Mission erfüllen.«
Nyda wandte sich ab und führte sie zu einer düsteren Wendeltreppe, die sich nach unten in den Felsen schraubte. Jennsen war sich darüber im Klaren, daß ihre zurechtgesponnene Geschichte nicht völlig überzeugend klang; zu ihrer großen Verblüffung tat sie dennoch ihre Wirkung.
Ein langer Marsch über scheinbar endlos in die Tiefe führende Treppen und durch düstere Korridore, die gelegentlich mit Soldaten bevölkerte Flure kreuzten, führte sie in noch tiefere Gefilde des Felsplateaus unter dem Palast des Volkes. Daß Sebastian den größten Teil des Weges seine Hand auf ihrem Rücken hatte, hatte etwas beruhigend Tröstliches und war ihr eine große Hilfe. Jennsen konnte kaum glauben, daß sie ihn tatsachlich freibekommen hatte. Nicht mehr lange, und sie würde den Palast verlassen haben und in Sicherheit sein.
Irgendwo im Innern des Felsplateaus kamen sie im zentralen, für die Öffentlichkeit zugänglichen Bereich heraus; Nyda hatte sie auf einem direkteren Weg nach unten geführt, um Zeit zu sparen. Jennsen hätte sich lieber weiter an die versteckteren Wege gehalten, doch offenbar endeten alle diese Abkürzungen in dem für die Öffentlichkeit zugänglichen Bereich; sie würden ihren Weg hinunter aus dem Palast also inmitten des allgemeinen Gedränges beschließen müssen.
Kleine Stände, an denen Speisen verkauft wurden, säumten ihren Weg, auf dem sich die Menschenmassen während ihres langen Aufstiegs zum Palast schleppenden Schritts nach oben schoben. Einige in der Nähe patrouillierende Soldaten bemerkten, daß sie gegen den Menschenstrom nach unten liefen. Wie alle Soldaten, die sie im Palast gesehen hatte, waren es hoch gewachsene, muskulöse Männer mit wachem Blick. In ihren Lederrüstungen und Kettenpanzern und mit den an ihrem Gürtel hängenden Waffen boten sie einen furchterregenden Anblick. Nachdem sie jedoch gesehen hatten, daß Nyda sie begleitete, richteten sie ihre forschenden Blicke wieder auf die anderen Passanten.
Als Jennsen Sebastian seine Kapuze hochschlagen sah, wurde ihr bewußt, daß es vermutlich keine schlechte Idee wäre, ihre roten Haare zu verstecken, deshalb folgte sie seinem Beispiel. Die Luft im Innern des Felsplateaus war eisig, und eine ganze Reihe von Leuten trug Kapuzen oder Hüte als Kopfbedeckung, sie würde damit also keinen Verdacht erregen.
Als sie in den unteren Bereichen im Innern des Plateaus das ferne Ende eines Treppenabsatzes erreichten und in die nächste nach unten führende Treppenflucht einbiegen wollten, hob Jennsen den Kopf. Soeben verließ auf der anderen Seite des Absatzes ein großer älterer Mann mit vollem, glattem weißen Haar, das ihm bis auf die Schultern reichte, die von oben kommende Treppe. Trotz seines fortgeschrittenen Alters war er noch immer ein auffallend gut aussehender Mann, dessen Bewegungen Kraft und Ausdauer verrieten.
Er sah auf. Sein Blick begegnete Jennsens.
In den tiefdunklen blauen Augen des Mannes schien die Welt stehen zu bleiben.
Jennsen erstarrte. Irgend etwas an ihm kam ihr vage bekannt vor, etwas an diesen Augen nahm ihre ganze Aufmerksamkeit gefangen.
Sebastian war zwei Schritte hinter ihr stehen geblieben, Nyda stand seitlich neben ihr; die Mord-Sith folgte Jennsens Blick mit den Augen.
Der Mann musterte Jennsen mit seinen falkenhaft funkelnden Augen, so als waren die beiden die einzigen Menschen im ganzen Palast.
»Gütige Seelen«, hauchte Nyda. »Das muß Nathan Rahl sein.«