»Woher wollt Ihr das wissen?«, fragte Sebastian.
Sie kam näher und stellte sich neben Jennsen, ihre Aufmerksamkeit auf den Mann geheftet. »Weil er die Augen eines Rahl hat, die Darken Rahls. Diese Augen haben mich schon oft genug in meinen Alpträumen verfolgt.«
Nydas Blick schweifte hinüber zu Jennsen; sie runzelte die Stirn.
Plötzlich wußte Jennsen, wo sie die Augen des Mannes schon einmal gesehen hatte – im Spiegel.
29
Der Zauberer hob die Hände und deutete über das Gedränge hinweg.
»Halt!«, rief er mit tiefer, kräftiger Stimme, einer Stimme, die Jennsen selbst im Lärm um sie herum deutlich ausmachen konnte. »Stehen bleiben!«
Nyda schaute sie aus großen Augen an, so als könnte ihr jeden Moment ein Licht aufgehen. Jennsen faßte sie beim Arm.
»Ihr müßt ihn aufhalten.«
Nyda löste ihren Blick und schaute über ihre Schulter hinüber zu dem Mann, der auf sie zugelaufen kam, dann sah sie wieder Jennsen an.
Jennsen mußte an Altheas Bemerkung denken, ihr Äußeres erinnere sie ein wenig an die Familie Rahl, und daß andere, die Darken Rahl gekannt hatten, sie wiedererkennen könnten. Sie krallte ihre Finger in Nydas Lederanzug. »Haltet ihn auf! Hört nicht auf ihn, egal, was er sagt!«
»Aber vielleicht will er bloß ...«
Jennsen packte noch fester zu und schüttelte die Frau. »Habt Ihr eigentlich überhaupt nichts begriffen von dem. was ich gesagt habe? Er könnte versuchen zu verhindern, daß ich Lord Rahl helfe; er könnte außerdem versuchen, Euch hinters Licht zu führen. Bitte, Nyda – Lord Rahls Leben ist ernsthaft in Gefahr.«
Die Erwähnung des Namens Lord Rahl ließ sie ihre Fassung wiedergewinnen.
»Geht«, sagte Nyda, und fügte dann ungeduldig hinzu, »Macht schon.«
Jennsen nickte und stürzte die Stufen hinunter. Ihr blieb gerade noch Zeit für einen flüchtigen Blick; sie sah, wie der Prophet mit großen Schritten auf sie zuhielt. Nyda, ihren Strafer in der Hand, lief ihm entgegen.
Sebastian packte sie bei der Hand und zog sie eilig die Stufen hinunter, so daß Jennsen keine Gelegenheit mehr hatte, einen Blick auf den Zauberer zu erhaschen. Sie hatte sich nicht klar gemacht, welche Wirkung der Anblick eines Verwandten auf sie haben würde; und sie hatte nicht erwartet, es ihm an den Augen anzusehen. Bis jetzt hatte es immer nur ihre Mutter und sie selbst gegeben. Der Anblick dieses Mannes, der in gewisser Weise ihr Fleisch und Blut war rief bei ihr eine überaus gemischte Gefühlsregung hervor – eine Art sehnsuchtsvolle Beklommenheit.
Aber wenn er sie faßte, wäre ihr Schicksal besiegelt.
Als sie eine Ebene erreicht hatten, auf der Soldaten stationiert waren, drosselten sie ihr Tempo. Jennsen zog ihre Kapuze tiefer ins Gesicht und achtete darauf, daß sie ihr Haar und einen Teil des Gesichts verdeckte, da sie befürchten mußte, jemand könnte sie als Tochter Darken Rahls erkennen. Nachdem ihr klar geworden war daß dieses Problem sie zusätzlich beschäftigen würde, krampfte sich ihr Magen vor lauter Sorge zusammen.
Sebastian legte ihr einen Arm um die Hüfte und zog sie eng an seinen Körper, während er sich einen Weg durch den träge dahinfließenden Menschenstrom bahnte. Um den in der Nähe der Balustrade patrouillierenden Soldaten aus dem Weg zu gehen, mußte er Jennsen zu der mit Sitzbänken versehenen Seite hinübermanövrieren, was sie auf ihrem verschlungenen Pfad durch die Reihen der Passanten näher an die Verkaufsstände heranbrachte.
Sie hatten den Rand des Absatzes erreicht und waren soeben im Begriff, weiter hinunterzusteigen, als sie eine große Patrouille erspähten, die ihnen die Treppe hoch entgegenkam. Sebastian zögerte. Ihr war sofort klar, daß ihm die Situation durch den Kopf ging, als er das letzte Mal die Aufmerksamkeit der Soldaten erregt hatte. Es handelte sich um einen großen Trupp – völlig ausgeschlossen, ihn zu passieren, ohne sich ihm auf Armeslänge zu nähern. Die Soldaten nahmen jeden sorgfältig in Augenschein, während sie die Stufen heraufstiegen.
Jennsen bezweifelte, daß sie Sebastian noch einmal allein durch Überredungskunst aus einer Gefängniszelle befreien konnte. Da sie in seiner Begleitung war, würde man sie diesmal vermutlich in Gewahrsam nehmen, um sie zu verhören, und wenn man sie anschließend länger festhielte, würde Nathan Rahl ihr Schicksal besiegeln. Sie spürte ein Gefühl von Panik und Unausweichlichkeit, das sie beinahe zu erdrücken drohte.
Da Jennsen sich nicht von Sebastian trennen wollte, packte sie ihn beim Arm und zerrte ihn quer über den Absatz wieder zurück, vorbei an Paaren auf den Banken, vorbei an den Schlangen vor den Verkaufstresen und den eng umschlungenen Pärchen in den Schatten, und zog ihn in eine der dunklen Nischen. Nach der langen Lauferei vor Anstrengung keuchend, zwängte sie ihre Schultern in den engen Winkel zwischen der Rückwand eines Verkaufsstands und einem Pfeiler und zog Sebastian vor sich, so daß er den Soldaten den Rücken zukehrte.
Dank seiner hochgeschlagenen Kapuze würden sie nicht viel von ihm sehen. Falls sie überhaupt Notiz von ihnen nahmen, würden sie gerade genug sehen, um zu erkennen, daß sie eine Frau war. Sie würden wie ein ganz normales Paar wirken. Jennsen legte ihre Arme um Sebastians Hüfte, damit sie von all den anderen ganz gewöhnlichen Pärchen nicht zu unterscheiden wären, die ein paar Augenblicke der Zweisamkeit genossen.
In ihrer kleinen Zuflucht war es merklich leiser; das Geräusch ihres schweren Atems übertönte das nicht weit entfernte Stimmengewirr.
So warteten sie darauf, daß die Soldaten vorübermarschierten. Jennsen war sprachlos vor Dankbarkeit, daß die Gütigen Seelen ihr geholfen hatten, Sebastian zu befreien.
»Ich hätte nicht geglaubt, daß ich Euch jemals wiedersehen würde«, sagte er leise, zum ersten Mal seit seiner Befreiung mit ihr allein, und zum ersten Mal in der Lage, ungestört mit ihr zu sprechen.
Jennsen löste ihren Blick von den Passanten; als sie ihm in die Augen schaute, sah sie, wie ernst er es meinte. »Ich konnte Euch doch nicht einfach dort drin schmoren lassen.«
Er schüttelte den Kopf. »Ich finde es unglaublich, was Ihr getan habt. Wie Ihr es allein durch Überredung bis in den Palast hinein schaffen konntet. Ihr habt sie einfach um den kleinen Finger gewickelt. Wie habt Ihr das bloß gemacht?«
Jennsen mußte schlucken; nach diesem Ansturm der Gefühle, nach all der Angst, der freudigen Erregung, der Panik und dem Gefühl des Triumphes war sie den Tränen nahe. »Ich mußte es einfach tun, das ist alles. Ich mußte Euch da rausholen.« Sie vergewisserte sich, daß niemand in der Nähe war bevor sie fortfuhr. »Ich fand die Vorstellung, daß Ihr da drinnen sitzt und man Euch etwas antun könnte, unerträglich. Also ging ich zu Althea, der Hexenmeisterin, um mir Hilfe zu holen.
»So also habt Ihr es geschafft, mit ihrer Magie?«
Jennsen schüttelte den Kopf und sah ihm in die Augen. »Nein. Althea konnte mir nicht helfen – aber das ist eine lange Geschichte. Statt dessen erzählte sie mir von ihrer Reise in Eure Heimat, in die Alte Welt.« Sie lächelte. »Wie gesagt, das ist eine lange Geschichte, die ich Euch ein andermal erzählen werde. Es hat etwas mit den Säulen der Schöpfung zu tun.«
Er machte ein erstauntes Gesicht. »Wollt Ihr damit etwa sagen, sie ist tatsächlich dort gewesen?«
»Wo?«
»Bei den Säulen der Schöpfung – sie hat diesen Ort tatsächlich besucht, als sie in der Alten Welt war?« Sein Blick folgte einen Moment lang einem Soldaten. »Ihr habt gesagt, es hätte etwas damit zu tun, wie sie Euch geholfen hat. Dann hat sie diesen Ort also mit eigenen Augen gesehen?«
»Was ...? Nein ... sie konnte mir ja gar nicht helfen. Sie sagte, das müsse ich schon selber tun. Ich hatte fürchterliche Angst um Euch und wußte nicht, was ich tun sollte. Da fiel mir wieder ein, was Ihr mir über das Täuschen anderer erzählt hattet.«
Jennsen runzelte die Stirn und sah ihn fragend an. »Was meintet Ihr eigentlich damit, sie hätte die ...«
Sie kam nicht mehr dazu, ihren Satz zu beenden oder ihren Gedanken zu Ende zu denken, denn er sah ihr in die Augen und lächelte sein zauberhaftes Lächeln.