»Ich habe noch nie erlebt, daß sich jemand etwas Vergleichbares erlaubt hätte.«
Es war ein überraschend schönes Gefühl zu wissen, daß sie ihn überrascht, ihm eine Freude gemacht hatte.
Er fühlte sich so angenehm an, so kräftig. In den dunklen Winkel gezwängt, nahm er sie fest in seine Arme. Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Wange. »Ich hatte solche Angst um Euch.«
»Ich weiß.«
»Habt Ihr Euch auch gefürchtet?«
Er nickte. »Ich hatte nur einen einzigen Gedanken im Kopf, daß ich Euch niemals wiedersehen würde.«
Sein Gesicht war so nah, daß sie die Wärme spürte, die von seiner Haut ausging. Der Länge nach spürte sie seinen ganzen Körper, seine Beine, seinen Oberkörper, der sich an sie schmiegte, als er ihre Lippen zart mit seinen streifte. Ihr Herz schlug wie wild.
Doch dann ließ er wieder von ihr ab, so als hätte er es sich anders überlegt. Sie war nur froh, daß er sie noch immer in den Armen hielt, denn als sie merkte, daß er sie beinahe geküßt hätte, war sie nicht mehr sicher, ob ihre Beine sie noch tragen würden. Welch schwindelerregende Vorstellung wäre das gewesen, ein heimlicher Kuß im Dunkeln – oder jedenfalls fast ein Kuß. Jennsen glaubte mit Sebastian völlig allein zu sein und kraftlos in seinen Armen zu liegen. Geborgen. Plötzlich zog er sie fester an sich, wie übermannt, so als hätte etwas von ihm Besitz ergriffen, das er nicht länger steuern konnte. In seinen Augen glaubte sie so etwas wie bedingungslose Hingabe zu erkennen.
Und dann küßte er sie.
Jennsen stand da wie versteinert; sie war überrascht, daß er es tatsächlich tat, daß er sie küßte und in den Armen hielt, wie sie es bei den Liebenden beobachtet hatte.
Schließlich nahm auch sie ihn fester in die Arme, hielt ihn eng umschlungen und erwiderte seinen Kuß .
Sie hatte bisher nicht die geringste Vorstellung gehabt, daß etwas so wundervoll berauschend sein konnte. Nie im Leben hätte Jennsen für möglich gehalten, daß ihr so etwas passieren könnte. Natürlich hatte sie davon geträumt, gleichzeitig aber immer gewußt, daß es nur eine Wunschvorstellung war.
Und jetzt war es wie durch Magie geschehen.
Ein hilfloses Stöhnen entwich ihrer Kehle, als er sie fest in die Arme schloß, sie stürmisch an sich drückte und sie mit leidenschaftlicher Hingabe küßte. Sie war sich seines Armes auf ihrer Hüfte überdeutlich bewußt, seines anderen Armes um ihre Schultern, ihrer Brüste, die gegen seine harten Brustmuskeln gedrückt wurden, seines Mundes, der sich auf ihre Lippen preßte, und des sehnsüchtigen Stöhnens, mit dem er auf ihr Stöhnen reagierte.
Dann war es ganz unerwartet vorbei. Fast war es, als hatte er seine Fassung wiedergefunden und sich mit Gewalt gezwungen aufzuhören. Jennsen atmete keuchend. Das Gefühl, in seinen Armen zu liegen, gefiel ihr. Nur wenige Zoll voneinander entfernt, schauten sie einander in die Augen.
Alles war so erschreckend schnell geschehen, so unerwartet, so verwirrend – und doch ganz wie von selbst.
Am liebsten hätte sie sich gleich der nächsten Umarmung, dem nächsten glühenden Kuß hingegeben, aber als er sich umsah, ob jemand in der Nähe war oder ihnen womöglich gar zusah, nahm sie sich zusammen; ihr war wieder eingefallen, wo sie sich befanden und warum sie sich in diesen düsteren Winkel gezwängt hatten.
Nathan Rahl war ihnen auf den Fersen; zwischen ihm und ihnen stand nur Nyda. Wenn er ihr Jennsens Identität verriet und sie ihm glaubte, hätten sie die gesamte Armee auf den Fersen.
Sie mußten den Palast augenblicklich verlassen.
Sebastians Blick wanderte suchend über die Menge, während er sich vergewisserte, daß niemand sie beobachtete. »Gehen wir.«
Er fand ihre Hand und zog sie fast ein wenig ungeduldig aus ihrem Versteck und zur nächsten Treppe hin.
Die Flut widersprüchlicher Gefühle, von Angst über Scham bis hin zu übermütiger Freude, hatte Jennsen benommen gemacht, und sie nahm die Stufen beim Hinuntersteigen beinahe gar nicht wahr. Sie versuchte ganz normal auszusehen, so wie alle anderen, die einfach nach einem Besuch den Palast verließen, dabei fühlte sie sich alles andere als normal. Ihr war als müßte jeder der sie ansah, sofort sehen, daß Sebastian sie geküßt hatte.
Als ein Soldat sich unerwartet in ihre Richtung drehte, klammerte sie sich mit beiden Händen an Sebastians Arm, legte ihm den Kopf an die Schulter und lächelte den Mann wie bei einer flüchtigen Begrüßung an. Das Ablenkungsmanöver genügte, um an ihm vorbei und weiterzugehen, bevor er auch nur auf den Gedanken kam, Sebastian anzuschauen.
»Das war schnell geschaltet«, raunte ihr Sebastian erleichtert zu.
Nachdem sie den Soldaten passiert hatten, legten sie wieder einen Schritt zu. Die vielen Eindrücke, die sie auf dem Hinweg aufgenommen hatten, verschmolzen jetzt zu einem nebelhaften Durcheinander. Nichts davon interessierte sie; sie wollte nur noch fort von diesem Palast, wo man Sebastian verhaftet hatte und sie beide in ständiger Gefahr schwebten. Die unablässige Anspannung, unter der sie hier gestanden hatte, hatte sie mehr erschöpft als die Gefahren im Sumpf.
Endlich endeten die Stufen. Das Licht, das durch den mächtigen Schlund der prachtvollen Eingangshalle hereinfiel, machte es schwierig, etwas zu erkennen, trotzdem war ihnen der Anblick der aus dem Felsplateau herausführenden Öffnung höchst willkommen. Hand in Hand hielten sie zusammen auf das Licht zu.
Überall herrschte gewaltiges Gedränge, Menschen machten an den Verkaufsständen halt, beobachteten Passanten oder bestaunten die gewaltigen Ausmaße, während wieder andere an ihnen vorbei hinauf zu den Stufen strömten. Die nahe bei den Seitenwänden postierten Soldaten beobachteten die Leute, die hineingingen, weshalb sie und Sebastian sich mehr in der Mitte hielten. Die Soldaten schienen sich mehr für die Neuankömmlinge zu interessieren als für die, die den Palast verließen.
Draußen vor dem Felsenturm begrüßte sie kaltes Tageslicht. Wie zuvor herrschte auch auf dem Marktplatz unterhalb des Plateaus hektische Betriebsamkeit. Die behelfsmäßig angelegten Straßen, die an Zelten und Ständen vorbeiführten, waren voller Menschen, die etwas suchten und gelegentlich stehen blieben, um einen Kauf zu tätigen.
Sie hatte ihm berichtet, daß sowohl die Pferde als auch Betty nicht mehr aufzufinden waren, deshalb brachte Sebastian sie statt dessen zu einer nahen Einfriedung, in der eine Reihe von Pferden aller Rassen standen. Der Mann, der die Pferde beaufsichtigte, hockte auf einem Lattenverschlag, der einen Teil der mit Seilen abgetrennten Umfriedung bildete, und rieb sich vor Kälte die Arme; Sättel lagen aufgereiht in einer Linie längs des behelfsmäßigen Zauns.
»Wir würden gern ein paar Pferde kaufen«, wandte sich Sebastian im Näherkommen an ihn, den Zustand der Tiere in Augenschein nehmend.
Der Mann sah auf, die Augen gegen die Sonne zusammenkneifend. »Schön für Euch.«
»Verkauft Ihr nun welche, oder verkauft ihr keine?«
»Keine«, lautete seine Antwort. Er drehte sich herum und spie aus, dann wischte er sich mit dem Handrücken übers Kinn. »Die Pferde hier haben alle einen Besitzer. Ich werde dafür bezahlt, daß ich auf sie aufpasse, nicht fürs Verkaufen. Wenn ich anfange, die Viecher zu verhökern, zieht man mir wahrscheinlich bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren.«
»Wißt Ihr denn, wer hier Pferde verkauft?«
»Tut mir leid, kann ich nicht sagen. Seht Euch einfach um.«
Sie bedankten sich bei ihm, dann gingen sie die notdürftig angelegte Straße hinunter und hielten entsprechend Ausschau. Jennsen machte es nichts aus, zu Fuß zu gehen – mit ihrer Mutter war sie meistens so gereist –, aber sie hatte auch Verständnis für Sebastians dringendes Bedürfnis, ein Pferd aufzutreiben. Sie waren eben erst mit knapper Not entkommen, und solange der Zauberer Nathan Rahl sie aufzuhalten versuchte, mußten sie den Palast des Volkes so schnell und so weit wie möglich hinter sich lassen.
Dann kamen sie zu einer weiteren Koppel.