»Seid Ihr befugt, Pferde zu verkaufen?«, wandte Sebastian sich an den Mann, der die Tiere bewachte.
Der Mann lehnte, die Arme vor der Brust verschränkt, an einem Pfosten. »Nein. Die hier sind unverkäuflich.«
Sebastian nickte. »Trotzdem danke.«
Unvermittelt hielt der Mann Sebastian an seinem Umhang fest, ehe die beiden sich entfernen konnten. Er beugte sich vor. »Ihr wollt die Gegend hier verlassen?«
Achselzuckend antwortete Sebastian, »Wir gehen wieder in den Süden zurück und dachten, es wäre keine schlechte Idee, ein Pferd mitzunehmen, wo wir schon auf Besuch im Palast sind.«
Der Mann lehnte sich ein Stück zur Seite und sah sich nach beiden Seiten um. »Kommt nach Einbruch der Dunkelheit wieder her. So lange habt Ihr doch vor, noch hier zu bleiben? Vielleicht kann ich Euch weiterhelfen.«
Sebastian nickte. »Ich habe noch etwas Geschäftliches zu erledigen, das mich den ganzen Tag in Anspruch nehmen wird. Ich bin zurück, sobald es dunkel ist.«
Er nahm Jennsen beim Arm und schob sie durch das dichte Gedränge auf der Straße. Sie mußten zwei Schwestern ausweichen, die sich ganz begeistert über die Halsketten unterhielten, die sie eben erstanden hatten, während ihr hinter ihnen gehender Vater sich mit einer Unmenge von Einkäufen abschleppte. Die Mutter, ein Ziegenpaar im Schlepptau, hielt ein Auge auf ihre Mädchen. Jennsen spürte einen Stich, fühlte sie sich doch an Betty erinnert.
»Seid Ihr verrückt?«, flüsterte sie Sebastian zu; sie war verwirrt, daß er dem Mann gesagt hatte, er werde nach Einbruch der Dunkelheit wiederkommen. »Wir können unmöglich den ganzen Tag hier bleiben.«
»Natürlich nicht. Der Mann ist ein Halsabschneider. Ich mußte ihn fragen, ob er Pferde verkauft, also weiß er, daß ich das nötige Geld dafür habe, und will mich darum erleichtern. Gingen wir nach Einbruch der Dunkelheit dorthin zurück, hätte er wahrscheinlich ein paar Freunde irgendwo in einem dunklen Winkel versteckt, die uns auflauern, um uns übers Ohr zu hauen.«
»Er ist ein Dieb? Ist das Euer Ernst?«
»Hier wimmelt es nur so von Dieben.« Sebastian beugte sich zu ihr, einen Ausdruck unerbittlicher Harte im Gesicht. »Das hier ist D’Hara – ein Land, in dem die Schwachen von den Habgierigen und Schamlosen ausgebeutet werden, wo sich die Menschen einen Teufel um das Wohlergehen ihrer Mitmenschen scheren, und noch viel weniger um die Zukunft der Menschheit.«
Jennsen wußte nur zu gut, was er meinte. Auf dem Weg zum Palast des Volkes hatte Sebastian ihr ja von Bruder Narev und seinen Lehren erzählt, von seiner Hoffnung auf eine Zukunft, in der nicht Leiden das Schicksal der Menschen bestimmte, in der es weder Hunger noch Krankheit oder Grausamkeit gab und jeder auf das Wohl seiner Mitmenschen achtete. Sebastian hatte ihr erklärt, mit der gütigen Hilfe Jagangs des Gerechten und dem Willen aller anständigen und rechtschaffenen Menschen werde die Bruderschaft der Ordnung dies herbeiführen. Jennsen hatte Mühe, sich eine so wundervolle Welt vorzustellen, eine Welt fernab von Lord Rahl.
»Aber wenn der Mann ein Dieb war, wieso habt Ihr dann gesagt, Ihr kämet wieder?«
»Wenn ich ihm erzählt hätte, ich könnte nicht warten, hätte er seinen Kumpanen womöglich gleich einen Wink gegeben. Wir kennen sie nicht, aber sie uns; für sie wäre es bestimmt ein Leichtes, einen Ort zu finden, wo sie uns überraschen können.«
»Glaubt Ihr das wirklich?«
»Wie ich schon sagte, hier wimmelt es nur so von Dieben. Wenn man nicht acht gibt, kann es leicht geschehen, daß einem jemand den Geldbeutel vom Gürtel schneidet, ohne daß man etwas merkt.«
Gerade wollte sie ihm gestehen, daß ihr genau das bereits passiert war, als sie ihren Namen rufen hörte.
»Jennsen! Jennsen!«
Es war Tom. Dank seiner Körpergröße ragte er wie ein Fels aus der Brandung, trotzdem hatte er die Hand gehoben und winkte ihr so als befürchtete er, sie könnte ihn womöglich übersehen.
Sebastian beugte sich zu ihr. »Ihr kennt ihn?«
»Er hat mir geholfen, Euch freizubekommen.«
Für weitere Erklärungen hatte Jennsen keine Zeit, weil sie dem hünenhaften Mann, der ihr so überschwenglich zuwinkte, mit einem Lächeln zeigen wollte, daß sie ihn gesehen hatte. Tom freute sich wie ein junger Hund, sie wiederzusehen, und verließ augenblicklich seinen Stand, um sie mitten auf der Straße zu begrüßen.
Tom strahlte über das ganze Gesicht. »Ich wußte, daß Ihr wie versprochen kommen würdet. Joe und Clayton haben mich deswegen schon für verrückt erklärt, aber ich hab ihnen gesagt, Ihr würdet Wort halten und noch kurz vorbeischauen, bevor Ihr aufbrecht.«
»Ich ... ich komme gerade aus dem Palast.« Sie klopfte mit der Hand auf ihren Umhang, auf die Stelle, unter der das Messer versteckt war. »Ich fürchte, wir sind sehr in Eile und müssen sofort aufbrechen.«
Tom nickte verständnisvoll. Er ergriff Sebastians Hand und schüttelte sie, als wären sie alte Freunde, die sich lange nicht gesehen hatten.
»Ich bin Tom. Ihr müßt der Freund sein, dem Jennsen helfen wollte.«
»Ganz recht. Ich bin Sebastian.«
Tom wies mit zur Seite geneigtem Kopf auf Jennsen. »Sie hat’s faustdick hinter den Ohren, was?«
»Jemand wie sie ist mir noch nie begegnet«, pflichtete Sebastian ihm bei.
»Etwas Besseres als eine Frau wie sie an seiner Seite kann sich ein Mann nicht wünschen«, bestätigte Tom. Dann trat er zwischen sie, legte ihnen die Arme um die Schultern, um jedes Entrinnen unmöglich zu machen, und führte sie zu seinem Stand. »Ich hab etwas für Euch beide.«
»Und was soll das sein?«, fragte Jennsen.
Sie konnten es sich nicht leisten, Zeit zu verlieren. Sie mußten unbedingt fort sein, bevor der Zauberer sich entweder selbst auf die Suche nach ihnen machte oder ihnen Truppen hinterhersandte. Jetzt, da Nathan sie gesehen hatte, konnte er den Palastwachen eine Personenbeschreibung geben. Bestimmt waren ihre Gesichter langst überall bekannt.
»Ihr werdet schon sehen«, antwortete Tom geheimnisvoll.
Sie sah lächelnd zu dem blonden Hünen hoch. »Raus mit der Sprache, was ist es?«
Tom langte in seine Hosentasche und brachte einen Geldbeutel zum Vorschein. Er reichte ihn ihr. »Also, erst einmal habe ich Euch das hier wiederbeschafft.«
»Mein Geld?«
Tom grinste, als er den erstaunten Ausdruck in ihrem Gesicht sah, als sie den vertrauten, abgewetzten Lederbeutel wieder in Händen hielt. »Es wird Euch freuen zu hören, daß der Gentleman, der ihn bei sich trug, ihn nur äußerst ungern hergeben wollte; da er jedoch nicht sein Eigentum war, hat er schließlich doch noch das Licht der Vernunft erblickt – und ein paar Sterne obendrein.«
Tom stieß sie verschwörerisch gegen die Schulter, so als wollte er sagen, sie wisse schon, was er damit meinte.
Sebastians Blick folgte ihren Bewegungen, als sie den Umhang zurückschlug und den Geldbeutel an ihrem Gürtel befestigte. Seinem Gesicht nach wußte er nur zu gut, was damit geschehen war.
»Aber wie habt Ihr ihn gefunden?«
Tom zuckte mit den Achseln. »Auf einen Besucher wirkt der Markt riesengroß, aber wenn man oft hier ist, kennt man die Stammkunden und weiß, womit sie ihr Geld verdienen. Nach Eurer Beschreibung des Taschendiebs wußte ich Bescheid. Er kam heute Morgen ganz früh hier vorbei, seinen Spruch auf den Lippen, und versuchte, einer Frau ihr Geld abzuluchsen. Ziemlich genau vor unserem Stand sah ich ihn dann seine Hand zwischen das Gepäck unter ihrem Tuch schieben, also hab ich ihn mir beim Kragen geschnappt. Danach hatten meine Brüder und ich eine ausführliche Unterredung mit ihm über die Gegenstände, die er ›gefunden‹ hatte, die ihm aber selbstverständlich nicht gehörten.«
»Hier wimmelt es von Dieben«, bestätigte Jennsen.
Tom schüttelte den Kopf. »Ihr solltet einen Ort nicht nach einem einzelnen Mann beurteilen. Versteht mich nicht falsch – es gibt sie durchaus. Aber die meisten Leute hier sind grundehrlich. Wie ich die Dinge sehe, werdet Ihr überall auf Diebe treffen, das war schon immer so, und daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Aber am meisten Angst machen mir die Leute, die Tugend und ein besseres Leben predigen, während sie die guten Vorsätze der Menschen dazu benutzen, ihnen den Blick auf die Wahrheit zu verstellen.«