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Sebastian, einen Ausdruck zorniger Erregung im Gesicht, beugte sich zu ihr hinüber. »Was hat dieser riesige Hornochse da eigentlich von Magie gefaselt?«, zischte er.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte sie mit gesenkter Stimme. Dann seufzte sie. »Jedenfalls hat er mir geholfen, Euch freizubekommen.«

Sie hätte ihm gern geantwortet, daß Tom vielleicht groß war, doch gewiß kein Ochse, unterließ es dann aber. Aus irgendeinem Grund war ihr nicht danach, mit Sebastian über Tom zu sprechen. Er hatte ihr zwar geholfen, Sebastian zu befreien, aber was sie zusammen erlebt hatten, schien ihr aus irgendeinem Grund nicht für fremde Ohren bestimmt.

Als sie den Rand des Marktplatzes endlich erreicht hatten, winkten Joe und Clayton ihnen zum Abschied hinterher, während Jennsen und Sebastian ihre Pferde zu einem Galopp hinaus in die kalte, menschenleere Azrith-Ebene antrieben.

30

Jennsen und Sebastian ritten in nordwestlicher Richtung quer durch die Azrith-Ebene, unweit jener Strecke, die Jennsen noch am selben Morgen mit Tom in seinem Wagen zurückgelegt hatte. Ihr Besuch bei Althea erst tags zuvor sowie die tückische Wanderung durch den Sumpf schienen ihr schon jetzt in weite Ferne gerückt. Da der Tag nahezu vorüber war, konnten sie vor Einbruch der Dunkelheit keine größere Strecke mehr zurücklegen und waren gezwungen, ihr Lager in der offenen Ebene aufzuschlagen.

»Solange diese Halsabschneider praktisch noch in unmittelbarer Nähe sind, können wir es uns nicht erlauben, ein Feuer anzuzünden«, sagte Sebastian, als er sie frösteln sah. »Sie könnten uns über Meilen hinweg ausmachen, während wir, nachtblind vom Feuer, nicht einmal merken würden, daß sie sich an uns heranschleichen.«

Der mondlose Himmel über ihnen glich einem endlosen, mit funkelnden Sternen übersäten Tuch. Jennsen mußte an Altheas Bemerkung über Vögel denken, die man in einer mondlosen Nacht daran erkennen könne, daß sie im Vorüberfliegen die Sterne verdeckten. Auf die gleiche Weise, hatte sie gesagt, könne sie jemanden erkennen, der eine Lücke in der Weit sei. Vögel sah Jennsen keine; nur drei Kojoten in der Ferne, die auf einem nächtlichen Beutezug durch ihr Revier trabten. In dieser ebenen, konturlosen Landschaft waren sie allein im Schein der Sterne bereits problemlos zu erkennen, als sie auf die Jagd nach kleinen, nachtaktiven Tieren gingen.

Jennsen band ihr Bettzeug mit tauben Fingern hinter dem Sattel los und zerrte es herunter. »Wo sollten wir Eurer Meinung nach denn das Holz für ein Feuer hernehmen?«

Sebastian drehte sich um und sah sie an. Ein zaghaftes Lächeln ging über seine Lippen. »Daran hab ich überhaupt nicht gedacht. Wahrscheinlich könnten wir gar kein Feuer machen, selbst wenn wir wollten.«

Sie ließ den Blick forschend über die Ebene schweifen, während sie den Sattel von Rustys Rücken herunterzog und neben Sebastian auf die Erde legte. Obwohl ihr nur das kalte Licht der Sterne zur Verfügung stand, konnte sie alles recht deutlich erkennen. »Falls sich jemand nähert, würden wir ihn kommen sehen. Was meint Ihr, sollte einer von uns über Nacht Wache halten?«

»Nein. Wenn wir uns nicht von der Stelle rühren, wird man uns hier draußen in dieser endlosen, dunklen Weite ohne ein Lagerfeuer niemals finden. Ich denke, es wäre klüger, ein wenig zu schlafen, damit wir morgen schneller vorankommen.«

Jetzt, da die Pferde angepflockt waren, benutzte sie ihren Sattel als Sitzgelegenheit. Beim Ausrollen ihres Bettzeugs entdeckte sie zwei kleine, darin eingewickelte Stoffbündel. Sie war vollkommen sicher, nichts dergleichen dort versteckt zu haben. Neugierig löste sie den Knoten an einem der Bündel und fand darin eingewickelt eine Fleischpastete. Dann sah sie, daß Sebastian soeben die gleiche Entdeckung machte.

»Sieht ganz so aus, als hätte sich der Schöpfer unser angenommen«, meinte er.

Jennsen betrachtete die Fleischpastete auf ihrem Schoß und mußte lächeln. »Die hat Tom für uns eingepackt.«

Sebastian fragte nicht, woher sie das wußte. »Der Schöpfer hat sich unser durch Tom angenommen. Bruder Narev sagt, selbst wenn wir glauben, daß ein anderer sich unser angenommen hat, so ist es in Wahrheit der Schöpfer, der durch ihn wirkt. Wir in der Alten Welt glauben, daß wir mit einer Spende an einen Bedürftigen in Wahrheit nur das Werk des Schöpfers tun. Deshalb ist das Wohlergehen anderer auch unsere heilige Pflicht.«

Jennsen vermied es, etwas darauf zu erwidern; sie befürchtete, er könnte denken, sie wolle Bruder Narev oder womöglich gar den Schöpfer kritisieren. Es stand ihr nicht zu, das Wort eines großen Mannes wie Bruder Narev in Zweifel zu ziehen. Im Gegensatz zu diesem Bruder Narev hatte sie noch nie ein gutes Werk getan; sie hatte nicht mal jemandem eine Fleischpastete eingepackt oder sich sonst irgendwie nützlich gemacht. Jennsen hatte den Eindruck, als hatte sie den Menschen bislang nichts als Ärger und Leid beschert – ihrer Mutter, Althea, Friedrich, und wer weiß wie vielen anderen noch. Falls es irgendeine Kraft gab, die durch sie wirkte, so war es gewiß nicht die des Schöpfers.

Vielleicht weil er ihre Gedanken zum Teil aus ihrem Gesichtsausdruck erriet, meinte Sebastian begütigend, »Deswegen helfe ich Euch ja – weil ich der festen Überzeugung bin, daß der Schöpfer es von mir erwartet. Deshalb weiß ich auch, daß Bruder Narev und Kaiser Jagang es gutheißen würden, wenn ich Euch helfe. Genau dafür kämpfen wir – daß die Menschen sich umeinander kümmern, indem sie ihre Bürde teilen.«

Sie lächelte, nicht nur aus Dankbarkeit, sondern auch ein wenig über die Vorstellung, daß jemand an so hehre Ideale glauben konnte; hehre Ideale, die ihr allerdings aus Gründen, die sie nicht einmal richtig verstand, wie ein Dolchstoß in den Rücken vorkamen.

Jennsen sah von der Fleischpastete in ihrem Schoß auf. »Deshalb helft Ihr mir also.« Ihr Lächeln wirkte aufgesetzt. »Weil es Eure Pflicht ist.«

Sebastian sah fast so aus, als wäre er geohrfeigt worden. »Nein.« Er kam näher und ließ sich auf ein Knie hinunter. »Nein. Ich ... anfangs natürlich schon, aber... es ist nicht bloß eine Pflicht.«

»Aus Eurem Mund klingt es, als wäre ich eine Leprakranke, die Ihr glaubt retten ...«

»Aber nein – so ist das ganz und gar nicht.« Noch während er nach Worten suchte, erschien auf seinem Gesicht wieder dieses strahlende Lächeln, das Lächeln, das ihr Herz mit Sehnsucht füllte. »Jemandem wie Euch bin ich noch nie begegnet, Jennsen. Ich schwöre, ich habe noch nie eine so schöne oder so kluge Frau gesehen wie Euch. In Eurer Gegenwart komme ich mir vor wie ein ... wie ein Niemand. Aber Ihr braucht mich nur anzulächeln, und schon fühle ich mich wichtig und bedeutend. Dieses Gefühl hat mir noch kein Mensch gegeben. Anfangs war es vielleicht Pflichtgefühl, aber jetzt, ich schwöre ...«

Jennsen war schockiert, als sie ihn solche Dinge sagen hörte, als sie diese liebevolle Aufrichtigkeit, diesen flehenden Ernst in seiner Stimme hörte.

»Das wußte ich nicht.«

»Ich hätte Euch niemals küssen dürfen. Ich weiß, es war nicht richtig. Ich bin Soldat in einer Armee, die gegen Unterdrückung kämpft. Mein Leben ist einzig der Hilfe für mein Volk und allen anderen Menschen gewidmet. Einer Frau wie Euch habe ich nichts zu bieten.«

Sie wußte beim besten Willen nicht, wieso er ihr etwas zu bieten haben mußte. Er hatte ihr das Leben gerettet. »Und wieso habt Ihr mich dann geküßt?«

Er sah ihr in die Augen und schien seine Worte unter großen Qualen aus einem bodenlosen Abgrund hervorholen zu müssen. »Ich war dagegen machtlos; es tut mir leid. Ich habe versucht, mich dagegen zu wehren. Es war verkehrt, das weiß ich, aber als wir so nah beieinander standen und ich in Eure wunderschönen Augen blickte und ihr mich festhieltet – und ich Euch ... ich habe mir noch nie in meinem Leben etwas so sehr gewünscht... ich mußte es einfach tun.«

Jennsen senkte den Blick und starrte auf die Fleischpastete. Sebastian zog sich, wie gewöhnlich, hinter seine Maske aus Gelassenheit zurück und setzte sich wieder auf seinen Sattel.