»War es schwierig, bis zu Altheas Haus zu gelangen?«, brach er endlich das Schweigen.
Erst jetzt wurde ihr bewußt, daß sie, ganz von den Geschehnissen in Anspruch genommen, kaum etwas über die Dinge erzählt hatte, die sich während seiner Gefangenschaft zugetragen hatten.
»Ich mußte durch einen Sumpf, aber ich hab’s geschafft.«
Im Grunde genommen widerstrebte es ihr, sich über ihre Schwierigkeiten zu beklagen, über ihre Ängste, ihren Kampf mit der Schlange und daß sie fast ertrunken wäre. Das alles gehörte der Vergangenheit an – sie hatte überlebt. Sebastian hatte während dieser ganzen Zeit mit dem Bewußtsein im Gefängnis gesessen, jeden Augenblick getötet oder gefoltert werden zu können. Althea war für immer im Sumpf gefangen. Anderen erging es weit schlechter als ihr.
»Ein Sumpf, das klingt wunderbar, muß angenehmer gewesen sein als diese scheußliche Kälte. So etwas habe ich mein Lebtag noch nicht erlebt.«
»Soll das heißen, dort, wo Ihr herkommt, in der Alten Welt, wird es niemals kalt?«
»Nein. Sicher, im Winter gibt es manchmal Kälteperioden – natürlich nicht so wie hier – und manchmal regnet es auch, aber diesen verheerenden Schnee und die elende Kälte wie in der Neuen Welt kennen wir bei uns nicht. Ich weiß wirklich nicht, warum jemand den Wunsch verspüren sollte, hierzu leben.«
Ein Winter ohne Schnee und Kälte war eine erschreckende Vorstellung für sie; schon allein der Gedanke bereitete ihr größte Schwierigkeiten.
»Wo sollten wir sonst leben? Wir haben keine andere Wahl.«
»Vermutlich«, räumte er seufzend ein.
»Der Winter geht vorüber, und bevor Ihr Euch recht verseht, ist es schon wieder Frühling, Ihr werdet sehen.«
»Hoffentlich. Da wäre ich ja noch lieber an diesem Ort, den Ihr irgendwann einmal erwähnt habt, dem Glutofen des Hüters, als hier in dieser zu Eis erstarrten Ödnis.«
Jennsen runzelte die Stirn. »Den Ort, den ich einmal erwähnt habe? Ich habe nie von einem Ort gesprochen, der Glutofen des Hüters genannt wird.«
»Doch, habt Ihr, ganz bestimmt.« Sebastian schob die Scheite mit seinem Schwert zusammen, damit das Feuer auflodern konnte. Funken stoben in die Dunkelheit. »Es ist noch gar nicht lange her, im Palast.«
Jennsen streckte die Hände vor, um ihre Finger in der strahlenden Hitze zu wärmen. »Daran erinnere ich mich gar nicht.«
»Ihr sagtet, Althea sei dort gewesen.«
»Wo?«
»Bei den Säulen der Schöpfung.«
Jennsen zog ihre Hände wieder unter ihren Umhang und starrte ihn entgeistert an. »Nein, das habe ich nie behauptet. Sie meinte damit etwas völlig anderes – keinen Ort, den sie einmal aufgesucht hat.«
»Und was hat sie dann damit gemeint?«
Jennsen tat die Frage mit einer ungeduldigen Handbewegung ab. »Das war nur leeres Gerede; es ist unwichtig.« Sie strich sich eine rote Haarlocke aus dem Gesicht. »Die Säulen der Schöpfung sind ein Ort?«
Er nickte. »Ich sagte es bereits, der Glutofen des Hüters.«
Sie verschränkte gereizt die Arme. »Und was soll das heißen?«
Verwirrt über ihren Tonfall sah er auf. »Ihr wißt schon, heiß eben. Wie wenn man sagt, ›Heute ist es so heiß wie im Glutofen des Hüters.‹ Deswegen nennen die Leute diesen Ort manchmal so, sein richtiger Name aber lautet die Säulen der Schöpfung.«
»Und dort seid Ihr gewesen?«
»Ihr scherzt wohl? Ich kenne nicht mal jemanden, der dort gewesen ist. Die Menschen haben Angst vor diesem Ort. Manche glauben, daß er bereits zum Einflußbereich des Hüters gehört und es dort nichts als Tod und Verderben gibt.«
»Wo liegt er?«
Er wies mit seinem Schwert Richtung Süden. »In einer verlassenen Gegend unten in der Alten Welt. Ihr wißt ja, wie das ist – abgelegene Orte wecken in den Menschen oft abergläubische Gedanken.«
Jennsen richtete den Blick wieder in die Flammen und versuchte, dies alles in ihrem Kopf in Einklang zu bringen. Irgend etwas an der Geschichte schien nicht recht zu stimmen, irgend etwas daran beunruhigte sie.
»Wieso wird er so genannt? Die Säulen der Schöpfung?«
Abermals irritiert über ihren Ton, zuckte Sebastian mit den Achseln. »Das sagte ich doch schon, es handelt sich um einen verlassenen Ort, an dem es heiß ist wie im Glutofen des Hüters, und dem die Menschen eben wegen dieser Hitze diesen Namen gegeben haben. Und was den richtigen Namen anbetrifft...«
»Wenn niemand dort hingeht, wieso ist dann so viel über diesen Ort bekannt?«
»Natürlich sind im Laufe der Zeit einige Leute dorthin gekommen, oder besser, in seine Nähe, die wieder anderen dann davon berichtet haben. So etwas spricht sich rum, das Wissen mehrt sich. Er liegt in einer Gegend ganz ähnlich der Ebene hier...«
»Der Azrith-Ebene?«
»Ja, die Gegend ist ebenso menschenleer wie die Azrith-Ebene, nur sehr viel weitläufiger. Außerdem herrscht dort ständig eine große Hitze, Trockenheit sowie eine geradezu mörderische Hitze. Nur ein paar Handelsstraßen streifen diese Gegend an ihrem äußersten, unfruchtbaren Rand. Ohne angemessene Kleidung, die einen gegen die glühende Sonne und den brennenden Wind schützt, würde man in kürzester Zeit bei lebendigem Leib verdorren. Und ohne ausreichende Wasservorräte überlebt man dort erst recht nicht lange.«
»Und dieser Ort wird Säulen der Schöpfung genannt?«
»Nein, das ist nur das Gebiet, das man vorher durchqueren muß. Ungefähr in der Mitte dieses endlosen weiten Landes gibt es angeblich eine Senke, ein weites Tal, in dem es noch viel heißer ist – mörderisch heiß, heiß wie im Glutofen des Hüters eben. Das sind die Säulen der Schöpfung.«
»Aber warum wird der Ort so genannt?«
Sebastian schob mit seinem Stiefel etwas Sand zusammen, um zu verhindern, daß die rot glühenden Holzstücke, die von den Scheiten in die flirrende Hitze fielen, sich überall verteilten. »Es heißt, unterhalb der Klippen, unterhalb der umliegenden zerklüfteten Felswände und Steilhänge, tief unten inmitten des weiten Tals, stünden gewaltige Felsensäulen. Diese in den Himmel ragenden Gesteinsformationen haben dem Ort seinen Namen gegeben.«
Jennsen wendete die Spieße mit dem Pökelfleisch. »Das wäre durchaus passend, Säulen aus Stein.«
»Ganz ähnliche Felsensäulen habe ich auch schon woanders gesehen; dort hatten sich die Steine wie in einem durcheinander geratenen Stapel Münzen übereinandergeschichtet. Es heißt, diese hier seien besonders ungewöhnlich, so als reckte sich die Welt aus Ehrfurcht vor dem Schöpfer dem Himmel entgegen, weshalb manche diesen Ort für heilig halten. Nun herrscht dort aber eine lebensbedrohliche Hitze; während einige also vom Glutofen des Schöpfers sprechen, bringen ihn andere mit dem Hüter in Verbindung – und nennen ihn eben Glutofen des Hüters. Aber auch von der Hitze abgesehen gibt es genug Gründe, diesen Ort zu fürchten, denn für viele ist es ein Ort der Kämpfe und Auseinandersetzungen mit dem Jenseits, in die man sich besser nicht einmischt.«
»Schöpfung und Zerstörung – Leben und Tod –, das alles vereint an einem einzigen Ort?«
Der Schein des Feuers tanzte in seinen Augen, als er zu ihr hinübersah. »So erzählt man sich.«
»Wollt Ihr damit andeuten, manche Menschen glauben, an diesem Ort versuche der Tod die Welt des Lebens zu vernichten?«
»Der Tod hat es immer auf die Lebenden abgesehen. Bruder Narev lehrt, daß es das Böse im Menschen selbst ist, das dem Schatten des Hüters gleich die Welt verdunkelt. Geben wir dem Bösen nach, verleihen wir ihm damit in der Welt des Lebens Macht; das versetzt den Hüter in den Stand, die Säulen der Schöpfung umzustürzen, was wiederum das Ende der Welt bedeuten würde.«
Seine Worte ließen Jennsen bis ins Mark frösteln, so als hatte die kalte Hand des Todes sie gestreift. Es mochte durchaus typisch sein für eine Hexenmeisterin, mit geschickten Wortverdrehungen ihr Spiel zu treiben. Ihre Mutter hatte sie gewarnt, daß Hexenmeisterinnen einem nie verrieten, was sie tatsachlich wußten, und wichtige Dinge oftmals für sich behielten.