Aber was hatte Althea wirklich damit beabsichtigt, als sie Jennsen ganz beiläufig als »Säule der Schöpfung« bezeichnete? Obwohl Jennsen es nicht verstand, schien jetzt kein Zweifel mehr zu bestehen, daß Althea insgeheim einen bestimmten Zweck damit verfolgt hatte, ihr diesen Namen in den Kopf zu setzen.
»Und was war nun mit Althea? Wieso konnte sie Euch nicht helfen?«
Seine Stimme riß Jennsen aus ihren Überlegungen. Sie sah, daß die kleinen Spieße mit dem Pökelfleisch noch weiter garen mußten, drehte sie um und überlegte währenddessen, wie sich seine Frage möglichst einfach beantworten ließe.
»Sie erklärte mir, als ich noch ein kleines Mädchen war, hätte sie mir schon einmal geholfen. Darken Rahl kam dahinter und machte sie deswegen zum Krüppel. Außerdem entstellte er ihre Gabe, so daß sie ihre eigene Magie nicht mehr benutzen kann. Sie hätte also selbst dann keinen Bann mehr für mich sprechen können, wenn sie gewollt hätte.«
»Vielleicht hat Darken Rahl damit, ohne es zu wissen, das Werk des Schöpfers getan.«
Jennsen runzelte erstaunt die Stirn. »Was wollt Ihr damit sagen?«
»Die Imperiale Ordnung hat es sich zum Ziel gesetzt, die Magie in der Welt auszumerzen. Bruder Narev sagt, auf diese Weise verrichten wir das Werk des Schöpfers, denn Magie ist böse.«
»Und wie denkt Ihr darüber? Glaubt Ihr wirklich, die Gabe des Schöpfers könnte böse sein?«
»Wozu wird Magie denn benutzt?« Er maß sie unter halb geöffneten Lidern mit einem Blick, dem seine Verärgerung deutlich anzusehen war. »Wird sie dazu benutzt, Menschen – den Kindern des Schöpfers – in diesem Leben beizustehen? Nein. Sie wird ausschließlich aus eigennützigen Motiven eingesetzt. Seht Euch doch nur das Haus Rahl an. Seit Tausenden von Jahren bedient man sich dort der Gabe, um die Herrschaft über D’Hara auszuüben. Und wie sah diese Herrschaft aus? Hat sie den Menschen dort jemals geholfen oder genützt? Oder war es stets nur eine Herrschaft der Folter und des Todes?«
Die letzte Bemerkung war nicht etwa eine Frage, sondern eine Feststellung, zudem eine, der Jennsen schlecht widersprechen konnte.
»Vielleicht«, fügte Sebastian hinzu, »hat der Schöpfer durch Darken Rahl bewirkt, daß der Makel der Magie von Althea genommen und sie gnädigerweise von ihm befreit wurde.«
Jennsen stützte ihr Kinn auf die Knie und beobachtete das brutzelnde Fleisch. Althea hatte gesagt, ihr sei nur die Gabe der Prophezeiung geblieben, und sich beklagt, diese sei nichts als eine Qual.
Ihre Mutter hatte ihr beigebracht eine Huldigung zu zeichnen, und ihr erklärt, die Gabe sei ein Geschenk des Schöpfers. In den richtigen Händen war eine Huldigung Magie. Obwohl Jennsen selbst keine magischen Kräfte besaß, hatte das magische Symbol sie bei mehreren Gelegenheiten beschützt. Sie wußte zwar, daß Menschen im Stande waren, Böses zu tun, trotzdem behagte ihr die Vorstellung nicht, daß die Gabe schlecht sein sollte.
Behutsam versuchte sie sich dem Thema von einer anderen Seite her zu nähern. »Ihr sagtet, Kaiser Jagang habe Hexenmeisterinnen in seinen Reihen, die Schwestern des Lichts, die mir vielleicht helfen könnten. Sie benutzen doch ebenfalls Magie. Wenn aber Magie böse ist...«
»Sie bedienen sich der Magie für die Erreichung unseres Ziels, damit die Magie eines Tages in der ganzen Welt ausgemerzt werden kann.«
»Wie soll das einen Sinn ergeben? Wenn Ihr tatsächlich überzeugt seid, daß Magie böse ist, wieso kommt Ihr dann auf die Idee. Euch mit etwas zu verbünden, das Ihr in aller Öffentlichkeit als böse brandmarkt?«
Als sie ihm einen der Spieße hinhielt, begutachtete Sebastian das Pökelfleisch, ehe er mit der Spitze seines Messers ein Stück herunterzog. Er fuchtelte ihr mit dem Messer vor dem Gesicht herum.
»Die Menschen bringen sich mit Messern und Schwertern gegenseitig um. Wollten wir diese Waffen ausmerzen, mit dem Ziel, dem Morden ein Ende zu machen, wäre dies mit Worten allein wohl kaum zu schaffen. Wir müßten den Menschen ihre Messer und Schwerter mit Gewalt wegnehmen, um dem Wahnsinn der Gewalt zum Wohle aller Einhalt zu gebieten. Die Menschen sind nicht bereit, das Böse so ohne Weiteres aufzugeben. Im Kampf um die Erlösung der Welt von diesem Übel waren wir geradezu gezwungen, Messer und Schwerter zu benutzen. Dann erst würde die Welt ihren Frieden finden. Gabe es diese Mordwerkzeuge nicht mehr würden die Leidenschaften der Menschen abkühlen und der Hüter würde aus den Herzen der Menschen fliehen.«
Jennsen schnitt sich ein brutzelndes Stück Fleisch ab und blies darauf, um es ein wenig abzukühlen. »Und deshalb bedient Ihr Euch auf diese Weise der Magie?«
»So ist es.« Sebastian kaute und ließ ein anerkennendes Brummen über den Geschmack vernehmen, bevor er das Stück hinunterschluckte und fortfuhr. »Wir wollen das Übel der Magie ausmerzen, müssen uns in diesem Kampf aber der Magie bedienen, da sonst das Böse obsiegen würde.«
Jennsen biß ein saftiges Stück Fleisch ab und pflichtete seiner Ansicht über den Geschmack mit einem zufriedenen Stöhnen bei. Es war herrlich, etwas Warmes in den Magen zu bekommen.
»Und sind Bruder Narev und Kaiser Jagang auch der Meinung, daß Messer und Schwerter schlecht sind?«
»Selbstverständlich, denn ihr einziger Zweck besteht im Verstümmeln und Morden; natürlich sprechen wir hier nicht von Werkzeugen wie Brotmessern und Ähnlichem, aber Waffen sind zweifellos von Übel. Eines Tages werden die Menschen jedoch von dieser Geißel befreit sein, und die Plage des Mordens und Tötens wird der Vergangenheit angehören.«
»Wollt Ihr damit sagen, daß nicht einmal mehr Soldaten Waffen tragen werden?«
»Nein, zur Verteidigung eines freien und friedliebenden Volkes werden Soldaten immer bewaffnet sein müssen.«
»Aber wie können die Menschen sich selbst schützen?«
»Wovor denn?«
Jennsen neigte tadelnd den Kopf in seine Richtung. »Ohne das Messer, das ich bei mir trage, hätten die Soldaten mich ohne Weiteres zusammen mit meiner Mutter töten können.«
»Diese Soldaten waren böse, unsere dagegen kämpfen nur für das Gute, für den Schutz und die Sicherheit des Volkes und nicht, um es zu unterwerfen. Wir werden die d’Haranischen Streitkräfte vernichtend schlagen, und dann wird Friede herrschen.«
»Aber selbst wenn ...«
Er beugte sich zu ihr. »Begreift Ihr denn nicht? Ist die Magie erst einmal ausgemerzt, werden schon bald keine Waffen mehr erforderlich sein. Es sind die fehlgeleiteten leidenschaftlichen Gefühle der Menschen, die zur tödlichen Gefahr werden, solange ihnen Waffen zur Verfügung stehen, mit denen sie Mord und Totschlag begehen können.«
»Soldaten haben auch leidenschaftliche Gefühle.«
Er tat den Gedanken mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. »Nicht, wenn sie entsprechend ausgebildet sind und unter der Aufsicht rechtschaffener Offiziere stehen.«
Jennsen blickte in den funkelnden Sternenhimmel. Seine Vorstellung von einer idealen Welt klang zweifellos verlockend. Aber wenn es tatsächlich stimmte, was er sagte, diente die Magie, so wie diese Leute sie einsetzten, einem guten Zweck, was wiederum bedeutete, daß sie weder gut noch schlecht sein konnte; vielmehr würde der moralische Wert einer Handlung, genau wie im Fall ihres Messers, von der Absicht der Person bestimmt, die sich der Magie bediente, und nicht von der Magie selbst. Doch diesen Gedanken behielt sie für sich und stellte statt dessen eine weitere Frage.
»Wie sähe eine Welt ohne Magie aus?«
Ein Lächeln verklärte Sebastians Züge. »Alle Menschen wären gleich; niemand besäße mehr einen ungerechtfertigten Vorteil gegenüber anderen.« Er spießte noch ein Stück Fleisch auf. »Die Menschen würden alle Hand in Hand arbeiten, denn es gäbe keine Unterschiede mehr. Der ungerechte Einsatz von Magie wäre verboten, und es wäre unmöglich, seine Mitmenschen auszunutzen. Ihr, zum Beispiel, wäret frei, Euer Leben zu leben, ohne daß Lord Rahl Euch mit seiner Magie verfolgt.«