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Sie wählten eine über Straßen oder Pfade führende Route, da nur sehr vereinzelt Menschen unterwegs waren. Sebastian war stets auf der Hut, insgeheim jedoch zuversichtlich, daß sie trotz allem sicher waren. Jetzt, da das Messer an ihrem Gürtel ihr ein allgegenwärtiges Gefühl von Sicherheit gab, fand auch Jennsen es besser, das Wagnis der Straßen und Pfade einzugehen, statt sich querfeldein durchzuschlagen, über abgelegenes und unbekanntes, unter einer dichten Schneedecke verborgenes Gelände. Querfeldein zu reisen war immer schwierig, manchmal sogar gefährlich, und in Anbetracht der schier unüberwindbaren Barriere aus hochaufragenden Bergen ringsumher oftmals vollkommen unmöglich. Der Winter erschwerte diese Art des Reisens zusätzlich, indem er die unter dem Schnee lauernden Gefahren überdeckte. Sollten sie es unsinnigerweise trotzdem versuchen, mußten sie befürchten, daß sich eines ihrer Pferde ein Bein brach.

An jenem Abend – Jennsen hatte gerade mit dem Bau eines Unterschlupfs aus einem Dutzend lose ineinander verflochtener junger Bäume und darüber gelegter Fichtenzweige begonnen – kam Sebastian vor Anstrengung keuchend in ihr Lager zurückgestolpert. Seine Hände waren blutverschmiert.

»Ein Soldat«, japste er, nach Atem ringend.

Jennsen wußte sofort, welche Art Soldat er meinte. »Aber wie ist es möglich, daß jemand uns gefolgt ist? Wie?«

Sie reagierte so hemmungslos wütend, bestürmte ihn derart mit ihren Fragen, daß Sebastian peinlich berührt den Blick abwandte. »Die mit der Gabe Gesegneten des Lord Rahl sind uns auf den Fersen.« Er atmete einmal tief durch. »Vergeßt nicht, Zauberer Nathan Rahl hat Euch im Palast gesehen.«

Das ergab keinen Sinn. Für die mit der Gabe Gesegneten war sie eine Lücke in der Welt; wie konnten diese Leute sie dann verfolgen?

Er bemerkte den zweifelnden Ausdruck auf ihrem Gesicht. »Es ist nicht sonderlich schwer, Spuren im Schnee zu verfolgen.«

Der Schnee, natürlich. Nickend gab sie sich geschlagen, während ihre Wut in Angst umschlug. »Gehört er einem der Quadronen an?«

»Ich bin nicht sicher. Auf jeden Fall war es ein d’Haranischer Soldat; er hat sich plötzlich wie aus dem Nichts auf mich geworfen. Ich mußte um mein Leben kämpfen und habe ihn schließlich getötet, trotzdem müssen wir augenblicklich von hier verschwinden, falls noch andere in der Nähe sein sollten.«

Sie war zu verängstigt, um irgendwelche Einwände vorzubringen. Die Vorstellung, daß Soldaten sich aus dem Dunkel auf sie stürzen konnten, verlieh ihren Bewegungen beim Satteln der Pferde eine ungeheure Schnelligkeit. Im nu waren sie aufgesessen und flogen, solange es noch hell genug war, um etwas zu erkennen, in rasendem Tempo dahin. Nach einer Weile mußten sie zu Fuß weitergehen, um die Pferde verschnaufen zu lassen. Sebastian war sicher, daß sie jeden möglichen Verfolger ein gutes Stück abgeschüttelt hatten.

Am nächsten Abend waren sie so erschöpft, daß sie selbst auf die Gefahr hin, gefaßt zu werden, halt machen mußten. Sie schliefen aneinander gelehnt im Sitzen vor einem winzigen Lagerfeuer, eine Baumfalle im Rücken.

In den darauf folgenden Tagen kamen sie langsam, aber stetig voran, ohne auch nur die Spur eines Verfolgers zu erkennen, was Jennsen aber kaum beruhigen konnte. Sie wußte, diese Männer würden niemals aufgeben.

Eine Reihe sonniger Tage erlaubte ihnen ein rasches Vorankommen, aber auch das war kaum ein Trost für Jennsen, da sie dabei unübersehbare Spuren hinterließen und die Soldaten, die ihnen auf den Fersen waren, ebenso schnell vorankamen.

Und dann verschlechterte sich das Wetter dramatisch. Fünf Tage lang kämpften sie sich unter nahezu schneesturmartigen Bedingungen weiter. Solange sie noch imstande waren, die Pfade und schmalen Straßen zu erkennen und einen Fuß vor den anderen zu setzen, konnten sie es sich nicht erlauben, halt zu machen, da Wind und Schnee ihre Spuren fast ebensoschnell verwischten, wie sie sie erzeugten. Jennsen hatte lange genug unter freiem Himmel gelebt, um zu wissen, daß man ihren Spuren unter diesen Witterungsbedingungen unmöglich folgen konnte. Zum ersten Mal keimte so etwas wie Hoffnung auf, sie könnten ihren Kopf vielleicht doch noch aus der Schlinge ziehen.

Eines Tages, es war später Nachmittag, als der Wind sich schließlich vollends legte und die Stille des Winters wieder Einkehr hielt, stießen sie auf eine Frau, die sich schweren Schrittes über eine dieser Straßen kämpfte. Während sie sich auf ihren Pferden näherten, sah Jennsen, daß sie ein schweres Bündel in den Armen trug. Trotz des Wetterumschwungs trieben noch dicke Schneeflocken in der Luft; die Sonne blinzelte durch einen orangefarbenen Riß in der Wolkendecke und verlieh dem grauen Tag einen seltsam goldenen Glanz.

Die Frau hörte sie kommen und trat zur Seite. Als sie sie eingeholt hatten, hob sie einen Arm.

»Könnt Ihr mir bitte helfen?«

Jennsen glaubte ein kleines, ganz in Decken gehülltes Kind in den Armen der Frau zu erkennen.

Der Ausdruck auf Sebastians Gesicht ließ Jennsen befürchten, daß er die Absicht hatte, weiterzureiten. Als Begründung würde er anführen, daß sie schlecht anhalten konnten, wenn ihnen Meuchler und womöglich sogar Zauberer Rahl auf den Fersen waren, dabei war Jennsen, zumindest im Augenblick, ziemlich zuversichtlich, daß sie ihre Häscher abgeschüttelt hatten.

Als Sebastian ihr einen verstohlenen Seitenblick zuwarf, wandte sie sich mit leiser Stimme an ihn, bevor er Gelegenheit hatte, etwas zu sagen. »Sieht ganz so aus, als hätte sich der Schöpfer dieser bedürftigen Frau angenommen, indem er uns schickt, um ihr zu helfen.«

Ob es ihre Worte waren, die Sebastian überzeugten, oder er es einfach nicht wagte, die Absichten des Schöpfers in Frage zu stellen, wußte Jennsen nicht, jedenfalls riß er sein Pferd herum und ließ es anhalten. Während er abstieg und die Zügel beider Pferde ergriff, ließ Jennsen sich von Rusty heruntergleiten. Sie mußte durch knietiefen Schnee stapfen, um zu der Frau zu gelangen.

Diese streckte ihnen ihr Bündel entgegen, offenbar in der Hoffnung, damit alles zu erklären, ihrem Aussehen nach hätte sie sich vermutlich auch vom Hüter persönlich helfen lassen. Jennsen schlug eine Ecke der Decke aus gebleichter Wolle zurück und erblickte einen kleinen Jungen von vielleicht drei oder vier Jahren mit fleckig rotem Gesicht. Er lag vollkommen still mit geschlossenen Augen da, denn er hatte hohes Fieber.

Jennsen befreite sie von ihrer Last. Die Frau, die etwa in Jennsens Alter war, wirkte ebenfalls erschöpft. Sie wich nicht von Jennsens Seite; tiefe Sorgenfalten zerfurchten ihr Gesicht.

»Ich weiß nicht, was er hat«, erklärte sie, den Tränen nahe. »Er ist ganz einfach plötzlich krank gewesen.«

»Wieso seid Ihr bei diesem Wetter unterwegs?«, fragte Sebastian.

»Mein Mann ist vor zwei Tagen auf die Jagd gegangen, und ich erwarte ihn frühestens in ein paar Tagen zurück. Ich konnte einfach nicht länger ohne Hilfe warten.«

»Aber was tut Ihr hier draußen?«, hakte Jennsen nach. »Wo wollt Ihr überhaupt hin?«

»Zu den Raug’Moss.«

»Den was?«, fragte Sebastian hinter Jennsens Rücken.

»Es sind Heiler«, raunte Jennsen ihm zu.

Die Frau strich ihrem kleinen Jungen mit den Fingern über die Wange. Sie konnte kaum die Augen von seinem winzigen Gesicht lassen, schließlich aber sah sie doch auf.

»Könnt Ihr mir helfen, ihn dorthin zu bringen? Ich fürchte, sein Zustand verschlechtert sich zusehends.«

»Ich weiß nicht, ob wir...«

»Wie weit ist es bis dorthin?«, fiel Jennsen Sebastian ins Wort.

Die Frau wies die Straße hinunter. »Dort entlang, in Eure Richtung. Es ist nicht weit.«

»Wie weit?«, wiederholte Sebastian ihre Frage.

Zum ersten Mal brach die Frau in Tränen aus. »Ich weiß es nicht. Ich hatte gehofft, bis zum Abend dort zu sein, aber jetzt wird es schon bald dunkel. Ich fürchte, es ist zu weit für mich. Könnt Ihr mir helfen, bitte?«

Jennsen wiegte den schlafenden Jungen in den Armen, während sie die Frau anlächelte. »Selbstverständlich werden wir Euch helfen.«