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Sie faßte Jennsen beim Arm. »Tut mir leid, wenn ich Euch Mühe mache.«

»Schon gut. Ein kurzer Ritt macht keine Mühe.«

»Wir können Euch doch nicht hier draußen mit einem kranken Kind allein lassen«, pflichtete Sebastian ihr bei. »Deshalb werden wir Euch zu diesen Heilern bringen.«

»Laßt mich eben aufsitzen, dann reicht Ihr mir Euren Jungen hinauf«, sagte sie und gab das Kind in die Arme seiner Mutter zurück.

Kaum saß sie im Sattel, streckte Jennsen ihre Arme nach unten. Zuerst zögerte die Frau, aus Angst, sich von ihrem Kind zu trennen, doch dann reichte sie ihn kurzentschlossen hinauf. Jennsen legte den schlafenden Jungen in ihren Schoß und vergewisserte sich, daß er dort gut aufgehoben war während Sebastian sich mit der Frau bei den Armen faßte und ihr hinter sich aufs Pferd half. Als sie losritten, hatte sie ihre Arme fest um Sebastians Hüften geschlungen, doch galt ihr Blick ausschließlich Jennsen und dem Jungen.

Jennsen ritt voraus, um der Frau die Gewähr zu geben, die Fremde, die jetzt ihr Kind sowie alle ihre Hoffnungen in den Armen hielt, im Auge behalten zu können. Sie trieb Rusty vorwärts durch den tiefen Schnee, denn sie befürchtete, daß der Junge nicht wirklich schlief, sondern aufgrund des hohen Fiebers das Bewußtsein verloren hatte.

Immer wieder blies ihnen der böige Wind den Schnee ins Gesicht, als sie im schwindenden Licht die Straße entlangjagten. Die Sorge um den Jungen, der Wunsch, ihn in hilfreiche Hände zu übergeben, ließ die Straße endlos erscheinen. Jede Anhöhe gab nur den Blick auf weitere endlose Wälder frei, hinter jeder Straßenbiegung sah man wieder nur das nächste Stück menschenleeren Forsts. Zudem war Jennsen besorgt, weil ihre Pferde im tiefen Schnee nicht ohne Pause so gehetzt werden durften, da sie sonst zusammenbrechen konnten. Obwohl es bereits dunkel wurde, würden sie ihr Tempo früher oder später drosseln müssen, um die überanstrengten Pferde verschnaufen zu lassen.

Als Sebastian einen Pfiff ausstieß, sah Jennsen über die Schulter.

»Dort entlang«, rief die Frau und deutete auf eine Abkürzung über einem schmaleren Pfad.

Jennsen zog Rusty nach rechts hinüber und trieb ihn den Pfad hinan; dieser stieg unvermittelt an und wand sich in Serpentinen den steilen Hang hinauf. Die Bäume am Berghang waren gewaltig, ihr Umfang konnte es mit dem ihres Pferdes aufnehmen. Erst in schwindelnder Höhe breiteten sich die ersten Äste aus und versperrten den Blick auf den bleiernen Himmel. Die Schneedecke war noch vollkommen jungfräulich, doch die Lage des Pfades, die gewellte Vertiefung in der Oberfläche des Schnees, die verschlungene und doch eindeutige Linie, die er durch den Wald zwischen Felsen und schneebedecktem Gestrüpp hindurch verfolgte, sowie der Verlauf, den er unter steilen Felsüberhängen und an vorspringenden Simsen entlang nahm, machten es nicht übermäßig schwer, ihm zu folgen.

Jennsen sah nach dem schlafenden Jungen auf ihrem Schoß und fand ihn unverändert. Sie suchte den Wald ringsum nach Anzeichen menschlicher Besiedlung ab, konnte aber keine entdecken, doch der Geruch von Holzrauch in der Luft sagte ihr, daß es nicht mehr weit sein konnte. Ein Blick über die Schulter in das Gesicht der Mutter bestätigte ihre Vermutung. Nach dem Überqueren einer kleinen Hügelkuppe sahen sie mehrere kleine aus Holz errichtete Bauten vor sich, die sich an einem sanft ansteigenden, bewaldeten Hang entlangzogen. In einer Lichtung dahinter stand eine kleine Scheune mit einer eingezäunten Koppel. Ein Pferd am Balkenzaun, die Ohren wachsam aufgestellt, beobachtete sie; es hob den Kopf und begrüßte sie mit einem Wiehern. Rusty und Pete erwiderten die Begrüßung mit einem kurzen Schnauben.

Jennsen schob zwei Finger zwischen die Zähne und pfiff, während Rusty sich durch die Schneeverwehungen zu der kleinen Hütte am oberen Rand der Lichtung hinaufarbeitete, der einzigen, aus deren Schornstein Rauch aufstieg.

Als sie das Gebäude erreichte, wurde die Tür geöffnet; ein Mann, der sich gerade einen Leinenumhang überwarf, kam heraus, um sie zu begrüßen. Er war nicht alt, konnte also von daher der von ihr gesuchte Mann sein. Er hatte sich die Kapuze gegen die Kälte übergestreift, bevor sie einen vernünftigen Blick auf sein Gesicht erhaschen konnte.

»Wir haben einen kranken Jungen dabei«, sagte Jennsen, als der Mann Rustys Zügel ergriff. »Gehört Ihr zu den unter dem Namen Raug’Moss bekannten Heilern?«

Der Mann nickte nur. »Tragt ihn ins Haus.«

Die Mutter des Jungen hatte sich bereits von Sebastians Pferd heruntergleiten lassen und wartete neben Jennsen, um den Jungen in Empfang zu nehmen. »Dem Schöpfer sei Dank, daß Ihr heute hier seid.«

Der Heiler legte ihr zur Beruhigung die Hand auf den Rücken und schob die Frau sacht Richtung Tür, während er mit einem Neigen des Kopfes auf Sebastian deutete. »Ihr seid herzlich eingeladen, Eure Pferde zu meinem hinten in die Koppel zu stellen und anschließend ins Haus zu kommen.«

Sebastian bedankte sich bei ihm und führte die Pferde weg, während Jennsen den beiden anderen zur Tür folgte; sie hatte im schwindenden Licht noch immer keinen vernünftigen Blick auf das Gesicht des Mannes erhaschen können.

Es war der Hoffnung zu viel, das wußte sie, aber wenigstens war dieser Mann ein Raug’Moss und würde ihre Frage beantworten können.

33

Drinnen in der Hütte nahm eine große Feuerstelle aus rund geschliffenen Steinen den größten Teil der rechten Wand ein. Neben den beiden in die hinteren Zimmer führenden Türdurchbrüchen hingen Vorhänge aus grobem Sackleinen. Auf dem roh behauenen Kaminsims stand, wie auch auf dem derben Bohlentisch, eine Lampe, doch keine von beiden brannte. Im Kamin knisterten und knackten Eichenscheite, die für einen rauchgeschwängerten, aber einladenden Geruch und ein gemütliches, flackerndes Licht im Raum sorgten. Neben dem Feuer, an einem rußgeschwärzten Eisenarm, hing ein mit einem Deckel versehener Wasserkessel. Nach so langer Zeit draußen in Wind und Wetter fand Jennsen es drinnen fast zu warm.

Der Heiler legte den Jungen auf eine der Pritschen, die an der Wand gegenüber dem Kamin aufgereiht standen. Die Mutter ließ sich auf ein Knie hinunter und sah zu, wie er die Decke auseinanderschlug. Jennsen wandte sich ab und ließ den Blick beiläufig durch die Hütte wandern, um sich zu vergewissern, daß dort keine unliebsamen Überraschungen lauerten. Aus den Kaminen der anderen Hütten war kein Rauch aufgestiegen, und sie hatte auch keine Spuren im frischen Schnee gesehen, was aber nicht bedeuten mußte, daß die anderen Hütten unbewohnt waren.

Jennsen schlenderte durch den Raum, vorbei an dem auf Schrägen aufgebockten Tisch in der Mitte, um sich die Hände am Kamin zu wärmen, was ihr Gelegenheit gab, einen Blick in die beiden nach hinten hinaus gelegenen Zimmer zu werfen. Beide waren winzig und enthielten nur eine Schlafpritsche sowie ein paar an Haken aufgehängte Kleiderstücke – außer ihnen befand sich also niemand in der Hütte. Zwischen den beiden Türen standen einfache Schränke aus Fichtenholz.

Während Jennsen ihre Hände über dem Feuer wärmte und die Mutter des Jungen ihm leise ein Schlaflied sang, eilte der Heiler zu einem der Schränke, dem er mehrere tönerne Gefäße entnahm.

»Holt Ihr bitte Feuer für die Lampe?«, bat er, während er seinen Arm voll Utensilien auf dem Tisch ablud.

Jennsen brach einen langen Fidibus von einem der an der Seite aufgeschichteten Scheite ab und hielt ihn in die lodernden Flammen, bis er Feuer fing. Während sie die Lampe anzündete und anschließend den Glaskolben wieder darüberstülpte, entnahm er mehreren der Gefäße eine Prise feinen Pulvers und gab dieses in ein weißes Schälchen.

»Wie geht es dem Jungen?«, erkundigte sie sich im Flüsterton.

Er warf ihr quer durch den Raum einen Blick zu. »Nicht gut.«

»Kann ich Euch irgendwie helfen?«, erkundigte sich Jennsen, nachdem sie den Docht eingestellt hatte.

Er zog den Korken aus einem der Gefäße. »Wenn es Euch nichts ausmacht, könnt Ihr mir den steinernen Mörser und den Stößel drüben aus dem mittleren Schrank holen.«