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Jennsen brachte ihm den schweren grauen Steinmörser mitsamt Stößel und stellte beides neben der Lampe auf den Tisch. Er gab gerade ein senffarbenes Pulver in das Schälchen und war so vertieft in seine Arbeit, daß er seinen Umhang nicht ausgezogen hatte, als er die hinderliche Kapuze zurückschlug, erhielt sie endlich Gelegenheit, ihn genauer anzusehen.

Seine Züge hatten, im Gegensatz zu denen des Zauberers Rahl, nichts Überraschendes oder Auffälliges. Weder in den großen Augen des Mannes noch in seinem offenen Gesicht oder der durchaus freundlich wirkenden Mundpartie vermochte sie irgend etwas zu entdecken, das ihr vertraut erschienen wäre. Er deutete auf eine Flasche aus geriffeltem grünen Glas.

»Wenn es Euch nichts ausmacht, könntet Ihr mir bitte eins davon zermahlen?«

Während er in die Ecke eilte, um einen braunen Steinguttopf aus einem der hohen Regale zu nehmen, löste Jennsen den Drahtbügelverschluß und entfernte den Glasdeckel des Gefäßes. Überrascht betrachtete sie die überaus merkwürdigen kleinen Gegenstände darin, wobei es vor allem ihre Form war, die sie in Erstaunen versetzte. Sie drehte eins mit dem Finger um; es war dunkel, flach und rund. Im Schein der Lampe konnte sie erkennen, daß es getrocknet worden war. Dann schüttelte sie das Gefäß und stellte fest, Sie sahen alle gleich aus – wie lauter kleine Huldigungen.

Wie das magische Symbol, so besaßen auch diese kleinen Gegenstände einen Außenkreis, einen Teil, der an ein darin liegendes Quadrat erinnerte, sowie einen kleineren Kreis im Innern des Quadrats. Darüber war eine weitere Struktur erkennbar, die dies alles miteinander verband und stark an einen dicken Stern erinnerte. Obgleich es den Huldigungen, wie sie sie immer gezeichnet gesehen hatte, nicht haargenau glich, wies es doch eine bestechende Ähnlichkeit auf.

»Was ist das?«, fragte sie.

Der Heiler ließ seinen Umhang von den Schultern gleiten und krempelte die Ärmel seines einfachen Gewandes hoch. »Es sind Teile einer Blume – der getrocknete untere Teil des Staubfadens einer Bergfieberrose. Niedliche kleine Dinger sind das, Ihr habt sie bestimmt schon einmal gesehen. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Farben, je nachdem, wo sie wachsen, am bekanntesten aber ist das ganz gewöhnliche Rot. Hat Euch Euer Ehemann etwa noch nie einen Strauß Bergfieberrosen mitgebracht?«

Jennsen spürte, wie sie errötete. »Er ist gar nicht – wir reisen nur zusammen. Wir sind befreundet, weiter nichts.«

»Ach so«, meinte er; es klang weder überrascht noch neugierig. Er zeigte darauf. »Seht Ihr? Die Blütenblätter sind hier an diesen Stellen befestigt. Entfernt man Blütenblätter und Samen und trocknet diesen ausgesuchten Teil des Kopfes, sehen sie am Ende so aus.«

Jennsen lächelte. »Sie sehen aus wie kleine Huldigungen.«

Er nickte und erwiderte ihr Lächeln. »Und genau wie eine Huldigung können sie sowohl heilen als auch töten.«

»Wie ist es möglich, daß sie eine so unterschiedliche Wirkung haben können?«

»Einer dieser getrockneten Blütenköpfe, zermahlen und diesem Trank beigegeben, verhilft dem Jungen zu einem tiefen Schlaf, damit er das Fieber bekämpfen und es ausschwitzen kann. Mehr als eine würde dagegen ein solches Fieber erst hervorrufen.«

»Tatsächlich?«

Er schien ihre nächste Frage geahnt zu haben, denn er beugte sich vor und hob einen Finger. »Nähmet Ihr dagegen zwei Dutzend davon ein, ganz sicher aber bei dreißig, wäret Ihr rettungslos verloren. So ein Fieber kann schnell einen tödlichen Verlauf nehmen. Es ist die Wirkung, die der Pflanze ihren Namen gegeben hat.« Er zeigte ihr ein verschmitztes Lächeln. »In vieler Hinsicht ein recht passender Name für eine Blume, die man so gern mit der Liebe in Verbindung bringt.«

»Vermutlich«, erwiderte sie nachdenklich. »Aber angenommen, man nähme mehr als eine, aber weniger als ein Dutzend ein, würde man dann auch sterben?«

»Wenn Ihr dumm genug wärt, zehn oder zwölf zu zermahlen und Eurem Tee beizugeben, würdet Ihr mit Sicherheit an Fieber erkranken.«

»Und schließlich daran sterben, ganz so, als hätte man mehr zu sich genommen?«

Er mußte schmunzeln, als er die aufrichtige Sorge in ihrem Gesicht bemerkte. »Nein, von einer so geringen Menge würdet Ihr nur leichtes Fieber bekommen. In ein, zwei Tagen hättet Ihr es überstanden.«

Jennsen warf einen vorsichtigen Blick auf die winzigen, wie kleine Huldigungen aussehenden Blütenteile.

»Es passiert Euch nichts, wenn Ihr eins berührt«, sagte er, als er ihre Reaktion auf die große Menge in dem Gefäß bemerkte. »Man muß sie schon zu sich nehmen, um eine Wirkung zu spüren. Und wie gesagt, selbst dann wird eine, in Verbindung mit den anderen Mitteln, dem Jungen bloß gegen sein Fieber helfen.«

Jennsen lächelte verlegen und langte mit zwei Fingern in das Gefäß, um ein Blütenteil herauszufischen, das sie dann in den Mörser warf; es erinnerte wirklich sehr an eine Huldigung.

»Ware es für einen Erwachsenen im Wachzustand bestimmt, würde ich es einfach mit den Fingern zerdrücken«, erläuterte der Heiler, während er Honig in das Schälchen träufelte, »aber er ist klein und schläft außerdem. Ich muß ihn dazu bringen, daß er es nach und nach zu sich nimmt, zermahlt es also bitte äußerst fein.«

Als er fertig war, gab er das dunkle Pulver der Bergfieberrosenblüte hinzu, die Jennsen für ihn zermahlen hatte. Wie die Huldigung, der sie so ähnlich sah, konnte sie Leben retten oder töten.

Sie fragte sich, was Sebastian wohl von der Geschichte hielt, und überlegte, ob Bruder Narev die Bergfieberrose wegen ihrer potentiell tödlichen Wirkung womöglich sogar ausmerzen wollte.

Jennsen stellte die Gefäße des Heilers wieder ins Regal zurück, während er den mit Honig gesüßten Trank zu dem Jungen hinübertrug. Mit der tatkräftigen Hilfe der Mutter setzten sie ihm das Schälchen ganz vorsichtig an seine zarten Lippen und versuchten, ihn zum Trinken zu bewegen. Mit viel Geduld gelang es ihnen, den schlafenden Jungen dahin zu bringen, daß er daran nippte und das kostbare Getränk, Tropfen für Tropfen, so wie sie es ihm in den offenen Mund träufelten, hinunterschluckte.

Sie waren noch immer damit beschäftigt, als Sebastian von der Scheune zurückkehrte. Ehe er die Tür wieder schließen konnte, erhaschte sie einen Blick auf den nächtlichen Sternenhimmel. Ein Schwall eiskalter Luft drang an ihre Beine und ließ sie bis zu den Schultern hoch frösteln. Abflauen des Windes bei gleichzeitig sternenklar aufreißendem Himmel bedeutete oft eine überaus kalte Nacht.

Sebastian, der es kaum erwarten konnte, sich aufzuwärmen, ging schnurstracks zum Feuer. Der Heiler legte der Frau sacht eine Hand auf die Schulter und nickte ihr ermutigend zu, während sie ihrem kranken Kind den Trank einflößte, dann überließ er sie ihrer Arbeit und gesellte sich, nachdem er seinen Umhang auf einen Haken gleich neben der Tür gehängt hatte, am Feuer zu Jennsen und Sebastian.

»Diese Frau und das Kind, sind das Verwandte von Euch?«, erkundigte er sich.

»Nein«, antwortete Jennsen. Die Hitze des Feuers bewog sie, ebenfalls ihren Umhang auszuziehen; sie legte ihn über die Bank am Tisch. »Wir haben sie nur hergebracht.«

»Aha«, meinte er. »Nun, sie ist herzlich eingeladen, über Nacht mit ihrem Jungen hier zu bleiben. Ich werde ohnehin die ganze Zeit ein Auge auf ihn haben müssen.« Sie hatte vollkommen vergessen, wie ungewöhnlich das Messer war, das sie an ihrem Gürtel trug, bis er es schließlich bemerkte. »Bitte«, meinte er, »nehmt Euch von dem Eintopf, den ich über dem Feuer hängen habe. Wir haben für unsere Besucher stets reichlich davon vorbereitet. Zum Weiterreisen ist es zu spät. Es steht Euch frei, die Hütten über Nacht zu benutzen. Sie stehen zur Zeit alle leer. Ihr könnt Euch also für die Nacht jeder eine aussuchen.«

»Ihr tätet uns damit einen großen Gefallen«, erwiderte Sebastian. »Vielen Dank.«

Gerade wollte Jennsen einwenden, daß sie sich auch eine Hütte teilen könnten, als ihr bewußt wurde, daß er es nur gesagt hatte, weil sie ihm gegenüber erwähnt hatte, Sebastian sei gar nicht ihr Ehemann. Sie merkte, wie seltsam es klingen mußte, wenn sie jetzt irgendwelche Einwände gegen den Vorschlag äußerte, also ließ sie es sein.