Im Übrigen war es eine vollkommen natürliche und harmlose Angelegenheit, mit Sebastian zusammen unter freiem Himmel zu schlafen, in einer gemeinsamen Hütte dagegen schien es irgendwie anders. Sie erinnerte sich zwar, daß sie auf ihrer langen Reise zum Palast des Volkes ja mehrfach in Gasthäusern abgestiegen waren, aber das war gewesen, bevor er sie geküßt hatte.
»Ist dies die Siedlung der Raug’Moss?«, fragte Jennsen dann.
Er lächelte über ihre Frage, so als fände er sie erheiternd, ohne sich jedoch über ihre Unwissenheit lustig machen zu wollen. »Keineswegs. Dies ist nur einer von mehreren kleinen Außenposten, die wir auf Reisen als Zuflucht nutzen – und wo die Menschen, die unsere Dienste in Anspruch nehmen müssen. Kontakt zu uns aufnehmen können.«
»Dann kann der Junge wohl von Glück reden, daß Ihr hier wart«, meinte Sebastian.
Der Raug’Moss sah Sebastian forschend in die Augen. »Wenn er überlebt, werde ich mich freuen, daß ich hier war und ihm helfen konnte. Wir lassen häufig einen Bruder in dieser Station zurück.«
»Warum das?«, fragte Jennsen.
»Außenposten wie dieser tragen zum Einkommen der Raug’Moss bei, weil wir hier unsere Dienste Menschen anbieten können, die sonst keinen Zugang zu Heilern haben.«
»Einkommen?«, wunderte sich Jennsen. »Ich dachte, die Raug’Moss helfen den Menschen aus Nächstenliebe, nicht um Gewinn zu machen.«
»Der Eintopf, das Feuer im Kamin, das Dach über dem Kopf – all diese Dinge erscheinen nicht einfach wie durch Magie aus dem Nichts, nur weil sie gebraucht werden. Wir erwarten, daß die Menschen, die uns wegen unseres Wissens aufsuchen, für dessen Erwerb wir ein Leben lang gebraucht haben, als Gegenleistung für diese Hilfe etwas bezahlen. Wie können wir anderen helfen, wenn wir verhungern? Wenn man über die notwendigen Mittel verfügt, ist Nächstenliebe stets nur eine Frage der freien, persönlichen Entscheidung, wird sie aber erwartet oder gar erzwungen, ist sie nichts anderes als ein höfliches Wort für Sklaverei.«
Der Heiler hatte natürlich nicht sie damit gemeint, trotzdem versetzten seine Worte Jennsen einen schmerzhaften Stich. Hatte sie nicht immer erwartet, daß andere ihr halfen, in der Annahme, die Hilfe stünde ihr ganz einfach zu, weil sie darauf angewiesen war?
Sebastian kramte in einer seiner Taschen, brachte einen Silbertaler zum Vorschein und bot ihn dem Mann an. »Wir würden gern unseren Besitz mit Euch teilen, als Gegenleistung dafür, daß Ihr Euren mit uns teilt.«
Nach einem äußerst flüchtigen Blick auf Jennsens Messer erwiderte er, »In Eurem Fall ist das nicht erforderlich.«
»Wir bestehen aber darauf«, meinte Jennsen, der bei dem Gedanken unwohl war, daß dieses Geld im Grunde nicht mal ihr gehörte.
Er nahm die Bezahlung mit einer knappen Verbeugung an. »Im rechten Schrank stehen Schalen. Bitte, bedient Euch selbst; ich muß mich um den Jungen kümmern.«
Jennsen und Sebastian saßen auf einer Bank am Schrägentisch und verspeisten jeder zwei Portionen des herzhaften Eintopfs aus dem großen Kessel. Es war die köstlichste Mahlzeit seit – seit den Fleischpasteten, die Tom ihnen eingepackt hatte.
»Diese Geschichte hat sich sehr zu unserem Vorteil entwickelt«, meinte Sebastian mit gesenkter Stimme.
Jennsen beugte sich zu ihm, während er in seinem Eintopf rührte.
»Wieso?«
Er sah aus seinen blauen Augen zu ihr hoch. »Die Pferde bekommen ordentlich zu fressen und können sich vernünftig ausruhen – und wir auch. Das verschafft uns einen Vorteil gegenüber unseren Verfolgern.«
»Meint Ihr wirklich, sie könnten in der Nähe sein?«
Achselzuckend machte sich Sebastian wieder über seinen Eintopf her. Er sah kurz zur anderen Zimmerseite hinüber, bevor er antwortete. »Es wäre schließlich nicht das erste Mal, daß sie uns überraschen, oder?«
Jennsen gab ihm nickend Recht ehe sie sich wieder über ihre Mahlzeit hermachte und schweigend weiteraß.
»Wie auch immer«, meinte er. »Sowohl wir als auch die Pferde bekommen dadurch eine dringend benötigte Mahlzeit sowie eine Ruhepause. Wenn wir unseren Vorsprung vergrößern wollen, kann das nur nützlich sein. Zum Glück habt Ihr mich daran erinnert, daß der Schöpfer den Bedürftigen stets hilft.«
Sein Lächeln erwärmte Jennsen das Herz. »Ich hoffe nur, es nützt auch dem armen Jungen.«
»Das hoffe ich auch«, meinte er.
»Ich räume eben ab, und dann sehe ich nach, ob die beiden Hilfe brauchen.«
Nickend schob er das fetzte Stück Lammfleisch auf seinen Löffel. »Nehmt Ihr die vorletzte Hütte. Ich beziehe die dahinter, ganz am Ende, und zünde Euch zuerst ein Feuer an, während Ihr hier aufräumt.«
Nachdem er seinen Löffel in die leere Schale gelegt hatte, schob Jennsen ihre Hand auf seine. »Schlaft gut.«
Sie genoß es, wie er sie verstohlen anlächelte; anschließend beobachtete sie, wie er leise mit dem Heiler sprach. Aus dem Nicken des Mannes schloß sie, daß Sebastian sich bei ihm bedankt und ihm eine gute Nacht gewünscht hatte. Die Mutter kauerte neben ihrem kleinen Jungen und strich ihm über die Stirn, während sie sich ebenfalls bei Sebastian für seine Hilfe bedankte; sie nahm kaum Notiz von dem kalten Luftzug, der durch die Hütte wehte, als er durch die Tür nach draußen ging.
Jennsen brachte der Frau eine dampfende Schale mit Eintopf. Sie nahm sie höflich, aber geistesabwesend entgegen, da ihre Aufmerksamkeit ganz dem kleinen, in ihrem Schoß schlafenden Sorgenkind galt. Auf Jennsens Drängen erklärte sich der Heiler seufzend einverstanden, am Tisch Platz zu nehmen, während sie ihm eine Schale seines Eintopfs vorsetzte.
»Gar nicht mal übel, dabei hab ich ihn selbst gemacht«, meinte er gut gelaunt, als sie ihm einen Krug Wasser brachte.
Jennsen versicherte ihm lachend, der Meinung sei sie auch. Sie ließ ihn essen und beschäftigte sich derweil damit, die schmutzigen Suppenschalen in einem hölzernen Spüleimer abzuwaschen. Als sie sah, daß der Heiler seine Mahlzeit fast beendet hatte, setzte sie sich unmittelbar neben ihm auf die Bank, um ihn gewissermaßen unter vier Augen sprechen zu können. »Wir müssen morgen sehr früh aufbrechen; für den Fall, daß ich Euch dann verpassen sollte, möchte ich mich daher schon jetzt für Eure Hilfe heute Abend bedanken, und zwar nicht nur im Namen des Jungen, sondern auch in unserem.«
Auch wenn er nicht offen hinsah, entnahm sie seinem Gesichtsausdruck, daß er ihre Absicht, sehr früh aufzubrechen, mit dem Messer in ihrem Gürtel in Verbindung brachte. Sie unternahm nichts, um ihn von dieser Folgerung abzubringen.
»Wir wissen die großzügige Spende für unsere Glaubensgemeinschaft sehr zu würdigen. Sie wird uns bei unseren Bemühungen, unser Volk zu unterstützen, sehr hilfreich sein.«
Jennsen wußte, daß er nur die Zeit überbrücken wollte, bis sie sagte, was sie wirklich auf dem Herzen hatte, also rückte sie schließlich damit heraus. »Ich möchte mich nach einem Mann erkundigen, der meines Wissens bei den Raug’Moss lebt. Möglicherweise ist er sogar Heiler, ich bin nicht sicher. Ich wußte gern, ob Ihr mir etwas über ihn sagen könnt.«
Er zuckte mit den Achseln. »Nur zu. Ich werde Euch erzählen, was ich weiß.«
»Sein Name lautet Drefan.«
Zum allerersten Mal an diesem Abend verrieten die Augen des Mannes eine gefühlsmäßige Regung. »Drefan war ein übles Gezücht Darken Rahls.«
Jennsen mußte sich zusammenreißen, um sich keine Reaktion auf seine heftige Erwiderung anmerken zu lassen. Sie ermahnte sich, daß er das Messer mit dem Symbol des Hauses Rahl gesehen hatte; vielleicht hatte das seine Ausdrucksweise beeinflußt. Jedenfalls hatte er sich ziemlich unmißverständlich ausgedrückt.
»Das ist mir bekannt. Trotzdem muß ich ihn dringend finden.«
»Ihr kommt zu spät.« Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Herrscher Rahl beschütze uns«, zitierte er aus der Andacht.