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»Wie ist das zu verstehen?«

»Lord Rahl, der neue Lord Rahl, hat ihn getötet – und uns dadurch alle vor diesem unehelichen Sproß Darken Rahls bewahrt.«

Jennsen.

Jennsen saß da wie vom Donner gerührt. »Wißt Ihr das ganz genau?«, war alles, was ihr als Erwiderung einfiel. »Ich meine, seid Ihr sicher, daß es Lord Rahl war, der das getan hat?«

»Es fielen zwar einige höfliche Bemerkungen über Drefan und seinen Tod im Dienste des Volkes von D’Hara, aber wie die übrigen Raug’Moss bin auch ich trotzdem der festen Überzeugung, daß Lord Rahl Drefan getötet hat.«

Jennsen.

Höfliche Bemerkungen, höfliche Bemerkungen über einen Mord. Jennsen vermutete, daß man einen Lord Rahl nicht einfach ganz offen des Mordes beschuldigte. Ermordet wurden nur gewöhnliche Menschen; die Opfer eines Lord Rahl starben im Dienste des Volkes von D’Hara.

Jennsen spürte, wie ihr das Entsetzen darüber, daß Lord Rahl ihr einen Mord näher gekommen war, die Brust zusammenschnürte. Nicht Darken Rahl hatte Drefan aufgespürt, sondern Richard Rahl. Und dieser Richard Rahl würde irgendwann auch sie aufspüren.

Sie hielt ihre zitternden Hände im Schoß fest und hoffte, daß wenigstens ihrem Gesicht nichts anzusehen war. Dieser Mann stand offenkundig in treuer Ergebenheit zu Lord Rahl.

Gib dich hin.

Der knappe Befehl hallte noch lange nach in ihrem Kopf.

34

Jennsen kauerte allein auf dem Fußboden vor dem kräftig lodernden Feuer, das Sebastian für sie angezündet hatte, und starrte geistesabwesend in die Flammen. Der Abschied von dem Heiler und der Mutter des Jungen war ihr nur noch verschwommen in Erinnerung, und von ihrem Rückweg, als sie sich mit langsamen, schweren Schritten durch Schnee und Kälte zu der leeren Hütte geschleppt hatte, hatte sie kaum etwas mitbekommen.

Sie wußte nicht, wie lange sie jetzt schon dort saß und ihren düsteren Gedanken nachhing, die ihr in unablässiger Folge durch den Kopf schwirrten.

Seit Althea ihr von Drefan erzählt hatte, hatte Jennsen sich an die Hoffnung geklammert, aus dieser Verbindung Kraft schöpfen zu können, vorausgesetzt, es gelang ihr, diesen anderen Nachkömmling Darken Rahls, ihren Halbbruder und eine Lücke in der Welt wie sie, aufzuspüren. Sie hatte geglaubt, daß vielleicht eine Art Verwandtschaft sie miteinander verband und sie durch ihren gemeinsamen Kampf zu einer Klärung ihrer jeweiligen Stellung im Leben finden könnten. Nun würde sie nie mehr erfahren, ob etwas davon hätte Wirklichkeit werden können oder nicht...

Jennsen.

Die Gedanken schossen ihr wie reißende Sturzbäche durch den Kopf, ein heilloses Durcheinander aus Hoffnung und Verzweiflung, entsetzlicher Angst und Wut.

Tu vash misht. Tu vask misht. Grushdeva du kalt misht.

Und auch die Stimme war da, irgendwo jenseits der brodelnden Gedanken, jenseits ihrer aufgewühlten Gefühle, jenseits von Chaos und Verwirrtheit. und flüsterte wieder einmal diese seltsam lockenden Worte.

Bis schließlich alle anderen Gedanken in der glühenden Hitze ihres Zorns verdampften.

Jennsen. Gib dich hin.

Plötzlich wußte sie, was sie zu tun hatte.

Jennsen erhob sich, auf einmal geradezu beschwingt von dem seltsamen Gefühl inneren Friedens, einen Entschluß gefaßt zu haben. Sie warf sich ihren Umhang über die Schultern und stapfte entschlossen hinaus in die friedliche, eisige, lautlose Nacht. Die Luft war so kalt, daß jeder Atemzug schmerzte. Der jungfräuliche Schnee knirschte unter ihren Sohlen, als sie in die noch frischen Spuren trat.

Zitternd vor Kälte, vielleicht auch wegen der Ungeheuerlichkeit ihres Entschlusses, klopfte sie leise an die Tür der letzten Hütte. Gleich darauf öffnete Sebastian sie gerade weit genug, um zu erkennen, daß sie es war, dann zog er sie rasch auf, um Jennsen hineinzulassen. Eilig trat sie durch die Tür in den Schein des Feuers und in die wohlige Wärme, die sich wie eine schützende Hülle um sie legte.

Sebastian trug kein Hemd. Aus seinem Geruch von Sauberkeit und dem um seinen Hals geschlungenen Handtuch schloß sie, daß sie ihn offenbar an der Waschschüssel erwischt hatte. Wahrscheinlich hatte er auch in ihrer Hütte eine Schüssel mit Wasser gefüllt, sie hatte es nur nicht bemerkt.

Die Stirn besorgt in Falten gelegt, wartete Sebastian gespannt zu hören, was sie zu ihm geführt haben mochte. Jennsen trat auf ihn zu, so nah, daß sie seine Körperwärme spürte. Die geballten Fäuste seitlich am Körper, sah sie ihm unerschrocken in die Augen.

»Ich habe mich entschlossen, Richard Rahl zu töten.«

Er musterte ihr Gesicht, so als hätte er die ganze Zeit gewußt, daß sie eines Tages diese unvermeidliche Notwendigkeit einsehen würde. Ohne etwas zu erwidern wartete er ab, was sie ihm außerdem noch zu sagen hatte.

»Mir ist jetzt klar geworden, daß Ihr Recht hattet«, fuhr sie fort. »Wenn ich ihn nicht beseitige, werde ich niemals sicher sein. Ich werde niemals frei sein, mein eigenes Leben zu leben. Ich bin die Einzige, die dafür in Frage kommt – ich muß es tun.«

Was sie ihm nicht verriet, war, warum es unbedingt sie sein mußte.

Er faßte sie beim Oberarm, ohne seinen durchbohrenden Blick von ihr abzuwenden. »Es wird schwierig sein, an einen solchen Mann heranzukommen, um Euren Plan in die Tat umzusetzen. Ich habe Euch erzählt, daß wir Hexenmeisterinnen in Diensten des Kaisers haben, Hexenmeisterinnen, die für das Ende der Herrschaft des Lord Rahl kämpfen. Laßt mich Euch zuerst zu ihnen bringen.«

Jennsen war einzig auf ihren Entschluß konzentriert gewesen, weniger darauf, wie dieser sich im Einzelnen durchführen ließe. Auf ihre Vorgehensweise oder darauf, wie sie mit den verschiedenen Schutzringen von Personen fertig werden sollte, die diesen Mann umgaben, hatte sie keinen Gedanken verschwendet. Für den eigentlichen Mord mußte sie nah genug an ihn heran. Sie hatte sich immer nur selbst vor ihrem inneren Auge gesehen, wie sie. das Messer in ihrer geballten Faust, auf ihn einstach, ihm ihren Haß ins Gesicht schrie, und wie sehr sie sich wünschte, daß er für alle seine Verbrechen büßen möge. Sie war ausschließlich auf die Tat selbst fixiert gewesen, nicht darauf, wie sie es schaffen sollte, in seine unmittelbare Nähe zu gelangen. Wenn sie Erfolg haben wollte, galt es, gewisse praktische Dinge in entsprechendem Maß zu berücksichtigen.

»Meint Ihr, diese Frauen könnten mir helfen und die Magie zur Abschaffung der Magie einsetzen, wie Ihr vorhin sagtet? Glaubt Ihr, diese Frauen könnten mir die Mittel beschaffen, die ich benötige, um gegen ihn vorzugehen?«

Sebastian nickte. »Sonst hätte ich es Euch nicht vorgeschlagen. Ich kenne die zerstörerische Kraft der Magie auf Seiten Lord Rahls – ich habe sie mit eigenen Augen gesehen – und weiß, wie unsere Hexenmeisterinnen uns geholfen haben, uns dagegen zu wehren. Magie allein wird nicht genügen, aber ich denke, sie werden uns wertvolle Hilfe zur Verfügung stellen können.«

Jennsen drückte den Rücken durch und reckte ihr Kinn vor. »Dafür wäre ich sehr dankbar. Ich werde mit Freuden jede Hilfe annehmen, die sie zu bieten haben.«

Ein dünnes Lächeln spielte um seine Mundwinkel.

»Aber eines sollt Ihr wissen«, fügte sie hinzu. »Ob mit oder ohne ihre Hilfe, ich bin fest entschlossen, Richard Rahl zu töten. Und wenn ich allein und mit leeren Händen losziehen muß, ich werde ihn töten. Ich werde nicht eher ruhen, bis es vollbracht ist, denn erst wenn ich ihn getötet habe, gehört mein Leben mir – und die Schuld daran trägt allein er, nicht ich. Ich bin lange genug weggelaufen, damit ist jetzt endgültig Schluß.«

»Verstehe. Dann werde ich Euch also zu den Hexenmeisterinnen bringen.«

»Was meint Ihr, wie weit ist es noch bis in die Alte Welt?«

»Wir werden zunächst einmal gar nicht in die Alte Welt gehen. Morgen früh werden wir einen Paß nach Westen über die Berge suchen, denn wir müssen als Erstes in die Midlands.«

»Aber ich dachte, Kaiser Jagang und die Schwestern des Lichts befänden sich in der Alten Welt.«