Sebastians Miene verzog sich zu einem verschmitzten Lächeln. »Nein, wir können nicht zulassen, daß Lord Rahl unser Volk mit Krieg überzieht, ohne uns seiner Aggression zu widersetzen und dafür zu sorgen, daß er sie teuer bezahlt. Wir sind fest entschlossen, uns dem Kampf zu stellen und zu gewinnen – genau wie Ihr. Zur Zeit weilt Kaiser Jagang bei unseren Truppen, die ihren Regierungssitz in den Midlands, die Stadt Aydindril, belagern. Dort steht auch der Palast der Konfessoren – der Palast der Gemahlin des Lord Rahl. Wir sind im Begriff, einen Keil in die Neue Welt zu treiben. Sobald es Frühling wird, werden wir Aydindril einnehmen und der Neuen Welt damit das Rückgrat brechen.«
»Nun, das konnte ich nicht ahnen. Wußtet Ihr denn die ganze Zeit, daß Kaiser Jagang ein so kühnes Unternehmen plant?«
Sebastian hätte beinahe laut gelacht. »Ich bin sein oberster Stratege.«
Jennsen fiel der Unterkiefer herunter. »Ihr? Ihr habt Euch das alles ausgedacht?«
Er überging ihr großäugiges Staunen. »Kaiser Jagang ist auf Grund seines genialen Verstandes in der Alten Welt an die Macht gekommen. Er hatte in dieser Angelegenheit zwei Möglichkeiten, ihm lagen zwei verschiedene Empfehlungen vor, erstens ein Angriff auf die Midlands, oder aber zuvor ein Angriff auf D’Hara. Bruder Narevs Überlegungen gingen dahin, daß das Recht auf unserer Seite sei und der Schöpfer uns in jedem Fall den Sieg zubilligen würde, demzufolge gab er keiner Lösung den Vorzug und konnte keinen militärischen Rat erteilen.
Der Kaiser selbst hatte Aydindril längst als Ziel ins Auge gefaßt, wollte sich dazu aber nicht äußern, bevor er die Empfehlungen gehört hatte. Meine Empfehlung gab schließlich den Ausschlag. Kaiser Jagang bedient sich nicht immer meiner Kriegslist, aber in diesem Fall war ich sehr froh, daß er meine Ansicht teilte – die Einnahme der Stadt und des Palasts der Gemahlin des Lord Rahl wäre nicht nur ein gewaltiger militärischer Erfolg, sondern träfe unseren Feind auch an seiner verwundbarsten Stelle.«
Jennsen begann ihn wieder so zu sehen wie ganz am Anfang, voller Ehrfurcht für seine tatsächliche Bedeutung. Vor ihr stand ein Mann, der zumindest in gewissem Maße den Lauf der Geschichte beeinflußte.
»Glaubt Ihr nicht, der Kaiser könnte den Palast inzwischen längst eingenommen haben?«
»Nein«, antwortete er entschieden. »Wir werden unsere tapferen Soldaten auf keinen Fall sinnlos für die Eroberung eines so wichtigen militärischen Ziels opfern, solange das Wetter für uns nicht günstig ist. Deshalb werden wir Aydindril im Frühling einnehmen, wenn dieser fürchterliche Winter vorüber ist. Ich denke, wir können noch rechtzeitig für dieses große Ereignis zu ihnen stoßen.«
Diese Aussicht versetzte Jennsen in helle Begeisterung – die Streitkräfte eines freien Volkes würden Lord Rahl einen gewaltigen Schlag versetzen. Aber gleichzeitig wurde ihr bewußt, daß dies den Anfang vom Ende D’Haras bedeutete; im Grunde aber bedeutete es nur das Ende einer Schreckensherrschaft.
Diese Nacht, im Schein des knisternden Feuers, erschien ihr plötzlich in mehr als einer Hinsicht bemerkenswert. Der Welt standen große Umwälzungen bevor, und sie würde daran teilhaben. Sie selbst hatte sich in dieser Nacht auch verändert.
Das Feuer wärmte eine Seite ihres Gesichts. Ihr wurde bewußt, daß sie Sebastian noch nie mit nacktem Oberkörper gesehen hatte. Der Anblick gefiel ihr.
Er faßte sie sacht bei der Schulter. »Kaiser Jagang möchte Euch gerne kennenlernen.«
»Mich? Aber ich bin doch völlig unwichtig.«
»Nicht doch, Jennsen, ich kann Euch versichern, Kaiser Jagang wird geradezu versessen darauf sein, die mutige Frau kennen zu lernen, die bereit ist, eine derart gewagte Tat für unser tapferes Volk und die Zukunft einer befreiten Menschheit zu begehen, um so der Geißel des Hauses Rahl ein Ende zu bereiten. Bruder Narev plant, für das historische Ereignis der Eroberung Aydindrils und des Palasts der Konfessoren aus der Alten Welt anzureisen, um Zeuge des großen Sieges im Namen unseres Volkes zu werden. Ich bin sicher, auch er wäre geradezu entzückt, Euch kennen zu lernen.«
»Bruder Narev ...«
Jennsen dachte an die gewaltigen Umwälzungen, von denen sie bis zu diesem Augenblick nichts gewußt hatte. Jetzt auf einmal war sie Teil davon. Ein Schauder überlief sie bei dem Gedanken, daß sie Jagang den Gerechten treffen sollte – einen richtigen Kaiser – und vielleicht sogar Bruder Narev, Sebastians Worten zufolge so ziemlich der bedeutendste geistige Führer, der je gelebt hatte.
Ohne Sebastian wäre dies alles nicht möglich gewesen. Er war ein bemerkenswerter Mann – in jeder Hinsicht, angefangen bei seinen wunderbaren blauen Augen, dann seine höchst ungewöhnlichen weißen Haarstoppeln, bis hin zu seinem gewinnenden Lächeln und seinem überragenden Verstand.
»Da Ihr an der Planung des Feldzugs beteiligt wart, möchte ich Euch sagen, wie sehr es mich freut, daß Ihr vor Ort sein werdet, um den Triumph Eurer Strategie miterleben zu können. Aber ich muß gestehen, auch für mich wäre es eine große Ehre, diesem Ereignis in Gegenwart so großer und edler Männer beizuwohnen.«
Obwohl Sebastian bescheiden wie immer wirkte, glaubte sie für einen kurzen Moment so etwas wie Stolz in seinen Augen aufblitzen zu sehen; doch sogleich wurde er wieder ernst. »Aber wenn wir Kaiser Jagang gegenübertreten, dürft Ihr bei seinem Anblick nicht erschrecken.«
»Was meint Ihr?«
»Kaiser Jagang wurde vom Schöpfer mit Augen bedacht, die mehr sehen als die gewöhnlicher Menschen. Törichte Menschen fürchten sich vor seinem Aussehen. Ich wollte Euch nur vorwarnen, damit Ihr keine Angst vor einem so großen Mann habt, nur weil er sich äußerlich von anderen unterscheidet.«
»Das werde ich bestimmt nicht.«
»Dann ist es also abgemacht.«
Jennsen schmunzelte. »Ich bin mit Eurer neuen Strategie einverstanden. Wir können gleich morgen früh in die Midlands, zu Kaiser Jagang und den Schwestern des Lichts aufbrechen.«
Er schien sie kaum zu hören. Sein Blick schweifte über ihr Gesicht und ihr Haar und kehrte schließlich zu ihren Augen zurück.
»Ihr seid die schönste Frau, die mir je begegnet ist.«
Jennsen spürte, wie sein Griff fester wurde und er sie an sich zog. »Es schmeichelt mir, wenn Ihr so etwas sagt«, hörte sie sich sagen. Er war der Vertraute und Berater eines Kaisers, sie nur ein einfaches Mädchen, das in den Wäldern aufgewachsen war. Er machte Geschichte, sie lief vor ihr davon – bis jetzt.
Und doch war er auch einfach nur Sebastian, ein Mann, mit dem sie sich unterhielt, mit dem sie reiste, mit dem sie zusammen aß. Zahllose Male hatte sie ihn vor Erschöpfung gähnen und einschlafen sehen.
Unvermittelt preßte er seinen Mund auf ihre Lippen und zog sie fest in seine Arme. Es war ein überaus sinnliches Gefühl, seine Lippen auf ihrem Mund zu spüren; seine Arme hielten sie nicht einfach nur fest, sie beschützten sie. Jennsen schloß die Augen und gab sich seinem Kuß völlig hin. Sein Körper fühlte sich so fest an. Er ergriff ihr Haar im Nacken, zog sie stöhnend an sich und küßte sie, bis sie unerwartet seine warme Zunge spürte. Jennsen wurde schwindelig vor lauter Wonne.
Plötzlich spürte sie den Druck des Bettzeugs auf ihrem Körper. Der Schock, auf dem Rücken zu liegen, unter seinem schweren Körper, verwirrte sie dermaßen, daß sie nicht wußte, was sie tun sollte. Sie wollte, daß er aufhörte, bevor er zu weit ging. Gleichzeitig hatte sie Angst, etwas zu tun, das ihn am Weitermachen hinderte, schließlich sollte er nicht glauben, daß sie ihn verschmähte.
Und plötzlich wurde ihr auch bewußt, wie überaus allein sie waren. Dieses Gefühl der Einsamkeit war ihr nicht geheuer, und doch hatte es gleichzeitig etwas Erregendes. Jetzt, da sie beide so völlig auf sich gestellt waren, konnte nur sie allein ihn aufhalten. Was immer sie jetzt tat, würde nicht nur über ihren weiteren Lebensweg entscheiden, sondern auch über Sebastians Empfindungen für sie. Es gab ihr ein angenehmes Gefühl von Macht.