Dabei war es nur ein Kuß, ein gewagterer als im Palast, ja, aber trotzdem nur ein Kuß. Ein Kuß, der ihr den Kopf verdrehte und ihr Herz schneller schlagen ließ.
Sie gab sich seiner Umarmung völlig hin, wagte sogar, seinen Kuß zu erwidern, und war begeistert über das glühende Verlangen, das sie damit in ihm weckte. Zum ersten Mal fühlte sie sich als Frau – als begehrenswerte Frau. Sie strich mit den Händen über die geschmeidige Haut auf seinem Rücken, ertastete seinen Körper und spürte seine Geschmeidigkeit, als er sich an sie schmiegte.
»Jenn«, hauchte er ihr atemlos ins Ohr, »ich liebe dich.«
Jennsen war so überwältigt, daß es ihr die Sprache verschlug. Alles erschien ihr unwirklich. Es kam ihr vor, als müßte sie dies alles träumen oder als steckte sie im Körper einer anderen. Ihr war bewußt, daß sie ihn die Worte hatte sprechen hören, und doch erschien es ihr nicht wirklich. Sie hatte Angst, ihm zu glauben, sich der Gewißheit hinzugeben, daß dies tatsächlich geschah, daß es ihr passierte – oder sie es sich vielleicht doch nur einbildete.
»Aber ... das kannst du unmöglich ernst meinen.« Ihre Worte waren wie ein Schutzwall, trotz der ungewohnten Vertraulichkeit.
»Doch«, keuchte er. »Bestimmt. Ich bin machtlos dagegen, Jennsen. Ich liebe dich.«
Sein warmer Atem kitzelte ihr Ohr, bis ein wohliger Schauer ihren Körper durchflutete.
Aus irgendeinem Grund schoß ihr die Erinnerung an Tom durch den Kopf. Sie sah ihn gewissermaßen vor sich, wie er sie anlächelte. Tom würde sich niemals so verhalten. Sie wußte nicht, woher sie diese Gewißheit nahm, und doch war es so. Tom hätte sich ihr niemals auf diese Weise genähert, um ihr seine Liebe zu zeigen.
Aus irgendeinem Grund versetzte ihr der Gedanke an Tom einen schmerzhaften Stich.
»Sebastian ...«
»Morgen werden wir aufbrechen, um unsere Bestimmung zu erfüllen...«
Jennsen nickte an seiner Schulter, verwundert, daß diese Worte irgendwie leidenschaftlich klangen. Ihre Bestimmung. Sie klammerte sich an ihn, spürte seinen schweißnassen, erhitzten Rücken, spürte, wie er seinen Körper gegen ihr Bein preßte, sie spürte seinen Arm quer über ihrem Bauch, seine Hand, die über ihre Hüfte strich, und merkte, wie sie darauf hoffte, daß er etwas zu ihr sagte, etwas, das sie erregte und ihr Angst machte, und gleichzeitig inständig darum bat, er möge es nicht tun.
»Aber diese Nacht gehört uns, Jenn, du mußt nur wollen.«
Jennsen.
»Sebastian ...«
Jennsen.
»Ich liebe dich, Jennsen. Ich liebe dich.«
Jennsen.
Sie wünschte sich, Toms Bild würde aus ihren Gedanken verschwinden.
»Sebastian, ich weiß nicht, was ...«
»Ich hab das nie gewollt, hatte nie die Absicht, mich zu diesen Gefühlen hinreißen zu lassen, aber jetzt ist es passiert. Ich liebe dich, Jenn. Gütiger Schöpfer, ich bin völlig machtlos dagegen.«
Sie schloß die Augen, als er sie auf den Hals küßte. Es tat so gut, sein zärtliches Geflüster an ihrem Ohr zu hören, ein Geflüster, das ein wenig an ein gequältes, von Reue und Wut triefendes Geständnis erinnerte, und zur selben Zeit erfüllt war von verzweifelter Hoffnung.
»Ich liebe dich«, flüsterte er wieder.
Jennsen.
Früher hatte sie sich nie für sonderlich anziehend gehalten, in diesem Moment aber fühlte sie sich mehr als schön – verführerisch schön.
Gib dich hin.
Sie küßte ihn auf den Hals, gab ihm einen Kuß aufs Ohr und liebkoste es, wie er es zuvor bei ihr getan hatte. Sein ganzer Körper schien in Flammen zu stehen.
Dann plötzlich erstarrte sie, als er seine Hand unter ihr Kleid schob. Seine Finger glitten über ihr nacktes Knie, über ihre entblößte Hüfte. Ihr Atem stockte; sie riß die Augen auf und starrte an die dunklen Dachbalken. Er preßte seinen Mund auf ihren, bevor sie das Wort aussprechen konnte, das ihr auf den Lippen lag. Mit der Faust schlug sie ihm gegen die Schulter, einmal, aus Verzweiflung, daß sie dieses eine so wichtige Wort nicht sagen durfte.
Doch dann verbannte sie auch das ungebetene Bild von Tom gewaltsam aus ihren Gedanken, indem sie sich ganz auf Sebastian und das, was er mit ihr anstellte, konzentrierte. Seine Berührungen schwächten sie auf eine Weise, die sie nach mehr verlangen ließ.
»Sebastian ...«, stöhnte sie. »Oh, Sebastian ...«
»Ich liebe dich so sehr, Jenn.« Er zwang ihre Knie weit auseinander und schob sich zwischen ihre zitternden Schenkel. »Ich brauche dich, Jenn. Ich brauche dich so sehr. Ich kann ohne dich nicht leben. Ich schwöre es.«
Angeblich war es allein ihre Entscheidung, das versuchte sie sich immer wieder einzureden.
»Sebastian ...«
Gib dich hin.
»Ja«, hauchte sie. »Die Gütigen Seelen mögen mir verzeihen, ja.«
35
Oba lehnte eine Schulter gegen die rot angestrichene Seitenwand eines etwas abseits stehenden Wagens und ließ, die Hände in den Hosentaschen, den Blick gelangweilt über den geschäftigen Marktplatz schweifen. Die Menschen, die sich um die Stände unter freiem Himmel drängten, schienen bester Laune zu sein, vielleicht weil nach langer Zeit endlich der Frühling vor der Tür stand, auch wenn der Winter noch nicht bereit zu sein schien, seine strenge Herrschaft vollends aufzugeben. Trotz der klirrenden Kälte schwatzten und lachten, handelten und stritten die Menschen, kauften und prüften die Angebote.
Die Menschenmassen hatten keine Ahnung, daß sich mitten unter ihnen eine bedeutende Persönlichkeit befand. Oba feixte. Mitten unter ihnen stand ein Rahl, ein Mitglied der Herrscherfamilie.
Seit seinem Entschluß, unbesiegbar zu werden, sowie auch während seiner weiten Reise in den Norden des Landes war Oba zu einem anderen Mann geworden, zu einem Mann von Welt. Anfangs, unmittelbar nach dem Tod der lästigen Hexenmeisterin und seiner verrückten Mutter, hatte er seine neu gewonnene Freiheit noch in tiefen Zügen ausgekostet und keinen Gedanken an einen Besuch im Palast des Volkes verschwendet, aber je mehr er über die entscheidenden Ereignisse und all die neuen Dinge, die er gelernt hatte, nachdachte, desto mehr gelangte er zu der Überzeugung, daß die Reise für ihn unverzichtbar war. Es fehlten noch immer ein paar Kleinigkeiten, Kleinigkeiten, die leicht zum Problem werden konnten.
Diese Jennsen hatte davon gesprochen, sie werde von Quadronen verfolgt, allerdings machten Quadronen nur Jagd auf bedeutende Personen. Oba sorgte sich, sie könnten auf die Idee kommen, auch auf ihn Jagd zu machen, jetzt, da er ebenfalls eine bedeutende Persönlichkeit war. Er war, wie Jennsen auch, eine dieser Lücken in der Welt. Lathea hatte es versäumt, ihm zu erklären, was genau es damit auf sich hatte, auf jeden Fall aber machte es sowohl Oba als auch Jennsen zu etwas Besonderem. Und irgendwie verband es sie miteinander.
In Anbetracht all der Scherereien, die sich womöglich bereits zusammenbrauten, hielt Oba es für das Klügste, seine Interessen selbst in die Hand zu nehmen, indem er das Stammhaus seiner Ahnen aufsuchte und so viel wie möglich in Erfahrung brachte.
Auch schon vor seinem Entschluß, in den Norden zu reisen, hatte Oba sich mit verschiedenen Problemen herumschlagen müssen.
Trotzdem, er reiste gern an neue Orte, außerdem hatte er eine Menge neuer Dinge gelernt. In seinem Kopf hatte er eine Liste von ihnen angelegt, die Orte, Sehenswürdigkeiten und Menschen umfaßte. In stillen Momenten ging er diese Liste durch, prüfte, was zusammengehörte und welche Schlüsse sich daraus ziehen ließen. Immer geistig rege bleiben, lautete sein Motto. Er war jetzt ganz auf sich gestellt, traf seine eigenen Entscheidungen, wählte allein seinen Weg und tat, was ihm beliebte, trotzdem mußte er noch lernen und sich weiterentwickeln.
Da ihm seine Mutter stets mit resoluter Härte verboten hatte, auch nur einen Pfennig für Frauen auszugeben, hatte Oba gleich nach seiner Ankunft in der erstbesten halbwegs größeren Stadt seine Befreiung von der Tyrannei seiner Mutter damit gefeiert, daß er die kostspieligste Hure aufgesucht hatte, die er finden konnte. Danach war ihm klar, warum seine Mutter so hartnäckig gegen ein Zusammensein mit Frauen gewesen war – es machte Spaß.