Er schnippte ihn dem schäbigen Burschen zu. »Also schön, mir soll’s recht sein.« Als der Mann die Münze fing, packte Oba dessen knochendürres Handgelenk. »Ich zahle dir den verlangten Preis. Aber sobald ich glaube, daß du mich anlügst, oder ich annehmen muß, daß du mir was verschweigst, hole ich mir das Geld zurück. Allerdings werde ich erst dein Blut abwaschen müssen, bevor ich es in meine Tasche stecke.«
Der Mann schluckte, als er Obas drohenden Gesichtsausdruck bemerkte, »Ich würde Euch niemals betrügen. Sir – erst recht nicht, wenn ich Euch mein Wort gegeben habe.«
»Das würde ich dir auch nicht raten. Also, wo steckt sie? Wo kann ich Althea finden?«
»Sie wohnt in einem Sumpf. Aber ich kann Euch den Weg dorthin genau beschreiben; es würde Euch höchstens ...«
»Willst du mich für dumm verkaufen!« Oba verdrehte ihm das Handgelenk. »Ich weiß längst, daß Leute diese Hexenmeisterin besuchen und daß sie Besucher in ihrem Sumpf empfängt. Für das ansehnliche Sümmchen, das ich dir gezahlt habe, kann ich ja wohl ein wenig mehr erwarten als nur den Weg zu ihrem Haus.«
»Ja!« Der Straßenhändler versuchte, seinen Schmerz zu unterdrücken. »Aber ja. natürlich.« Oba lockerte seinen Griff. Mit schmerzverzerrtem Gesicht fuhr der Bursche hastig fort, »Ich wollte ja gerade erklären, daß ich Euch für den großzügigen Preis, den Ihr bezahlt habt gern das Geheimnis verrate, wie man zu ihrem Haus gelangt, und zwar nicht nur den üblichen Weg, den jeder kennt, sondern auch den geheimen. Den kennen, wenn überhaupt, nur wenige. Alles im Preis inbegriffen. Ich werde doch einem ehrlichen Mann wie Euch nichts verschweigen, Sir.«
Oba funkelte den Mann wütend an. »Den geheimen Weg? Sofern es einen normalen Weg gibt, den Leute benutzen, wenn sie Althea besuchen, was kümmert mich dann dieser andere Weg?«
»Die Leute besuchen Althea, um sie um eine Weissagung zu bitten. Sie ist eine mächtige Frau, diese Hexenmeisterin.« Er beugte sich vor. »Aber um sie wegen einer Weissagung aufsuchen zu können, muß man eingeladen sein. Ohne Einladung traut sich kein Mensch dort hin. Die Leute benutzen alle denselben Weg, damit sie sie kommen sieht – nachdem sie sie eingeladen und ihre blutrünstigen Bestien zurückgepfiffen hat, die den Pfad bewachen.« Ein durchtriebenes Grinsen ging über sein verschlagenes Gesicht. »Mir scheint, Sir wäret Ihr eingeladen, brauchtet Ihr nicht nach dem Weg zu fragen.«
Oba schob den stinkenden Straßenhändler sacht von sich. »Es gibt also einen zweiten Weg?«
»Allerdings, hinten herum. Einen Weg, um sich an sie heranzuschleichen, falls Ihr das vorhabt, während ihre Bestien sozusagen die Vordertür bewachen. Wer klug ist, zieht es womöglich vor eine mächtige Hexenmeisterin nicht zu ihren Bedingungen aufzusuchen.«
Oba sah sich nach beiden Seiten um, vergewisserte sich, daß niemand lauschte. »Dieser geheime Weg hinten herum interessiert mich nicht, ich habe keine Angst vor dieser Hexenmeisterin. Aber da ich für alles bezahlt habe, will ich auch alles hören. Die beiden Wege und auch sonst alles, was du über sie weißt.«
Der Mann zuckte mit den Achseln. »Wenn Ihr unbedingt wollt, könnt Ihr einfach genau nach Westen reiten, wie alle, die zu Althea eingeladen sind. Ihr reitet in westlicher Richtung quer durch die Ebene, bis Ihr den höchsten schneebedeckten Berg erreicht. Dahinter schwenkt Ihr nach Norden ab und folgt dem Fuß der Klippen. Von da an senkt sich das Gelände, bis es schließlich in das Sumpfgebiet übergeht. Folgt einfach weiter dem gut ausgetretenen Pfad durch den Sumpf. Und haltet Euch an den Pfad – Ihr dürft ihn auf keinen Fall verlassen. Er führt genau zum Haus der Hexenmeisterin Althea.«
»Aber zu dieser Jahreszeit ist der Sumpf doch sicher gefroren.«
»Nein, Sir. Dies ist das verfluchte Zuhause einer Hexenmeisterin und ihrer gefährlichen Magie. Altheas Sumpf unterwirft sich nicht dem Winter.«
Oba verdrehte dem Mann das Handgelenk, bis er aufschrie. »Hältst du mich für einen Trottel? Nirgendwo gibt es mitten im Winter einen Sumpf.«
»Ihr könnt alle fragen!«, winselte der Straßenhändler und vollführte eine ausladende Bewegung mit seinem anderen Arm. »Jeder wird Euch erzählen, daß Altheas Sumpf sich dem Winter des Schöpfers nicht unterwirft, sondern daß es dort das ganze Jahr hindurch morastig und heiß ist.«
Oba ließ sein Handgelenk los. »Du hast gesagt, es gibt einen Weg hinten herum. Wie finde ich den?«
Zum ersten Mal wirkte der Mann unschlüssig. Er benetzte seine von Wind und Wetter rissigen Lippen. »Das ist nicht ganz einfach. Es gibt ein paar Punkte, an denen man sich orientieren kann, aber die sind nicht leicht zu erkennen. Ich könnte Euch natürlich erklären, wie man die Stelle findet, aber womöglich verfehlt Ihr sie dann und denkt, ich hatte Euch angelogen, obwohl es bloß schwierig ist, sie allein auf Grund einer Wegbeschreibung zu finden, wenn man mit dieser Gegend nicht vertraut ist.«
»Ich fange ganz allmählich an darüber nachzudenken, ob ich mein Geld zurückverlangen soll.«
»Ich hab einzig Eure Sicherheit im Auge, Sir.« Er ließ kurz ein entschuldigendes Lächeln sehen. »Ich möchte einen Mann wie Euch nicht mit unvollständigen Auskünften abspeisen, schließlich könnte mir das irgendwann noch einmal leid tun. Es ist mein Geschäftsprinzip, voll und ganz zu meinem Wort zu stehen.«
»Komm endlich zur Sache.«
Der Straßenhändler räusperte sich geräuschvoll, spie zur Seite hin aus und wischte sich den Mund an seinem dreckigen Ärmel ab. »Nun, Sir das Sicherste wäre, wenn ich Euch hinbrächte.«
Oba musterte argwöhnisch ein älteres Ehepaar, das ganz in der Nähe vorüberging, dann zog er den Mann am Handgelenk. »Ausgezeichnet. Gehen wir.«
Der Straßenhändler sträubte sich. »Augenblick mal. Ich war einverstanden, Euch den Weg zu erklären, und das kann ich auch tun. Wie gesagt, er ist schwer zu finden. Aber kein Mensch kann erwarten, daß ich mein Geschäft im Stich lasse, um den Fremdenführer zu spielen. Da hatte ich ja mehrere Tage lang keinerlei Einkünfte.«
Oba beugte sich mit finsterer Miene zu ihm hinunter. »Und wie viel verlangst du dafür, daß du mich dort hinführst?«
Der Mann holte tief Luft und begann leise murmelnd nachzurechnen, als müßte er mühsam irgendwelche Zahlenkolonnen im Kopf bewegen.
»Nun ja, Sir«, meinte er schließlich und streckte den Daumen seiner freien Hand in die Höhe. »Schätze, ein paar Tage könnte ich schon fort, vorausgesetzt, man zahlt mir einen Goldtaler.«
Oba lachte schallend. »Ich denke nicht daran, dir dafür, daß du mich ein paar Tage durch die Gegend führst, einen Taler zu bezahlen – weder Gold noch Silber. Ich wäre bereit, dir einen weiteren Silberpfennig zu geben, mehr nicht. Schlag ein, oder gib mir meinen ersten Silberpfennig zurück und mach, daß du verschwindest.«
Der Straßenhändler murmelte kopfschüttelnd leise vor sich hin; schließlich blinzelte er mit resigniertem Blick hoch zu Oba.
»In letzter Zeit gehen meine Amulette nicht gut. Um ehrlich zu sein, ich könnte das Geld gebrauchen. Ihr kommt wieder besser weg als ich, Sir. Also gut, für einen Silberpfennig mache ich Euch den Führer.«
Oba ließ sein Handgelenk los. »Gehen wir.«
»Es liegt jenseits der Azrith-Ebene. Wir brauchen unbedingt Pferde.«
»Soll ich dir jetzt etwa auch noch ein Pferd kaufen? Hast du den Verstand verloren?«
»Zu Fuß ist es jedenfalls unmöglich. Ich kenne hier ein paar Leute, die Euch bestimmt einen guten Preis für ein paar Pferde machen. Wenn wir die Tiere ordentlich behandeln, sind sie sicherlich bereit, sie nach unserer Rückkehr zurückzukaufen – abzüglich einer kleinen Gebühr.«
Oba dachte darüber nach. Er wollte noch hinauf in den Palast, um sich dort umzusehen, hielt es jedoch für das Sinnvollste, erst einmal Latheas Schwester zu besuchen.
»Klingt annehmbar.« Oba nickte dem buckligen Straßenhändler zu. »Gehen wir uns also ein paar Pferde beschaffen, und dann los.«
Sie verließen den ruhigeren Seitenweg und bogen in eine der Hauptverkaufsstraßen ein, wo sich die Menschen dicht gedrängt in beide Richtungen schoben. Es waren etliche attraktive Frauen unterwegs. Einige schauten in Obas Richtung, mit unübersehbar auffordernden und sehnsüchtigen Blicken in den Augen. Oba lächelte ihnen zu, ein Zeichen, daß später vielleicht mehr drin war.