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Dann fiel ihm ein, daß diese Frauen, die über den Markt schlenderten, wahrscheinlich einfache Bäuerinnen waren. Frauen, wie Oba sie kennen lernen wollte, gab es wahrscheinlich nur oben im Palast, Frauen von Rang und Stellung. Nichts Geringeres stand ihm zu. Schließlich war er ein Rahl, faktisch ein Prinz, oder doch zumindest etwas Vergleichbares. Vielleicht sogar mehr.

»Wie heißt du überhaupt?«, fragte Oba. »Wo wir schon zusammen reisen.«

»Clovis.«

Oba nannte seinen Namen nicht. Es gefiel ihm, mit ›Sir‹ angesprochen zu werden; schließlich war das nur angemessen.

»Wie kommt es eigentlich«, meinte Oba und ließ den Blick über das Gedränge schweifen, »daß sich deine Amulette bei all den Leuten hier nicht verkaufen?«

Der Mann seufzte sichtlich gequält. »Das ist eine traurige Geschichte, Sir, aber damit müßt Ihr Euch nicht belasten.«

»Die Frage war doch einfach genug.«

»Schon möglich.« Er schützte seine Augen mit einer Hand gegen die Sonne, während er zu Oba hinaufsah. »Nun, Sir vor einer Weile, es war mitten im tiefsten Winter, begegnete ich einer jungen, wunderhübschen Frau.«

Oba sah zu dem buckligen, faltigen, heruntergekommenen Burschen hinüber, der mit schlurfenden Schritten neben ihm herging. »Begegnete?«

»Na ja, Sir, wenn ich ehrlich sein soll, wollte ich ihr ein Amulett verkaufen ...« Plötzlich legte Clovis seine Stirn seltsam in Falten, so als sei ihm völlig unerwartet ein Gedanke gekommen. »Es waren ihre Augen, die einen fesselten. Große, blaue Augen; ein Blau, wie man es selten sieht ...« Clovis bedachte Oba mit einem koketten Blick. »Die Sache ist die, Sir, Ihre Augen sahen genauso aus wie Eure.«

Jetzt war es an Oba, die Stirn zu runzeln. »Genau wie meine?«

Clovis nickte ernst. »Ganz bestimmt, Sir. Sie hatte Augen wie Ihr. Und irgendwas an ihr – an Euch übrigens auch – kam mir bekannt vor. Aber ich kann beim besten Willen nicht sagen, was.«

»Und was hat das damit zu tun, daß du harte Zeiten durchgemacht hast? Hast du ihr etwa dein ganzes Geld gegeben, und sie hat trotzdem nicht die Beine für dich breit gemacht?«

Clovis tat, als fände er schon allein die Vorstellung schockierend. »Aber nein, Sir, nichts dergleichen. Ich wollte ihr nur ein Amulett verkaufen – damit sie Glück im Leben hat. Statt dessen hat sie mir mein ganzes Geld gestohlen.«

Oba brummte skeptisch. »Ich wette, sie hat dir schöne Augen gemacht und dich angelächelt, während sie ihre Hand bis zum Ellbogen in deiner Tasche hatte, und du warst viel zu eifrig, um Verdacht zu schöpfen, was sie wirklich vorhatte.«

»Nichts dergleichen, Sir. Ganz und gar nicht.« Sein Tonfall wurde verbittert. »Sie hat mir einen Kerl auf den Hals gehetzt, der mir alles weggenommen hat. Die Tat hat er begangen, aber auf Geheiß von ihr – da bin ich mir sicher. Die beiden haben mir mein ganzes Geld gestohlen; den gesamten Jahresverdienst haben sie mir geraubt.«

Irgendwas regte sich in Obas Erinnerung. In Gedanken überflog er seine Listen einzelner, nicht zusammengehöriger Dinge. Einige dieser Dinge schienen sich zu einem Bild zu fügen.

»Wie sah denn diese Frau mit den blauen Augen aus?«

»Oh, sie war wunderhübsch, Sir, mit dichtem, rotem, lockigem Haar.« Der entrückte Blick in den Augen des Mannes verriet Oba, daß er eindeutig noch von der Frau angetan war, obwohl sie ihm angeblich seine Ersparnisse gestohlen hatte. »Ihr Gesicht glich dem Traumbild einer Gütigen Seele, und ihre Figur war geradezu atemberaubend. Aber an ihren sündhaften roten Haaren hatte ich sofort erkennen müssen, daß sie nicht nur ungewöhnlich schön, sondern auch verschlagen war.«

Oba blieb stehen und hielt ihn am Arm fest. »War ihr Name vielleicht Jennsen?«

Clovis konnte nur bedauernd mit den Schultern zucken. »Tut mir leid, Sir, ihren Namen hat sie mir nicht verraten. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß viele Frauen so gut aussehen wie sie. Nicht bei diesen blauen Augen, ihrer prächtigen Figur und den roten Locken.«

Oba war ganz derselben Meinung. Die Beschreibung paßte haargenau auf Jennsen.

Wenn das keine Überraschung war.

Clovis deutete nach vorn. »Dort drüben, Sir. Da unten steht der Mann, der uns die Pferde verkaufen kann.«

36

Oba blinzelte in das Dunkel unter der üppigen Vegetation. Kaum zu glauben, wie düster es unter den riesigen Bäumen am Fuß des gewundenen Felsgrats war nachdem sich der Morgen, oben auf der Wiese, noch strahlend schön gezeigt hatte. Außerdem schien es weiter vorne feucht zu werden.

Er drehte sich auf dem Weg herum, der unter den Kletterpflanzen und hängenden Moosranken in die Tiefe führte, und blickte den steilen, felsigen Abhang hinauf zu der Stelle, wo er Clovis am warmen Feuer zurückgelassen hatte, um auf die Pferde und ihre Sachen aufzupassen. Oba war heilfroh, diesen hektischen kleinen Burschen endlich los zu sein. Er konnte einem mächtig auf die Nerven gehen, wie eine lästige Fliege, die einen unablässig umschwirrte. Den gesamten Weg quer durch die Azrith-Ebene hatte er ohne Unterlaß über alles und nichts drauflosgeplappert. Oba hätte sich des Straßenhändlers lieber entledigt und wäre allein geritten, in einem Punkt allerdings hatte der Mann recht gehabt, Es wäre überaus schwierig gewesen, die Stelle zu finden, von der aus man in den rückwärtigen Teil von Altheas Sumpf gelangte.

Wenigstens hatte er keinerlei Anstalten gemacht, Oba durch den Sumpf zu begleiten. Clovis schien allerdings ziemlich nervös und gereizt darauf bedacht gewesen zu sein, daß sein Auftraggeber hinunterkletterte. Wahrscheinlich aus Sorge, Oba könnte ihm nicht glauben, und weil er unbedingt sein Können unter Beweis stellen wollte. Jetzt stand er oben, schaute Oba hinterher und scheuchte ihn mit seinen in zerschlissenen, fingerlosen Handschuhen steckenden Händen ungehalten hinunter, damit er endlich sah, daß er auch den entsprechenden Gegenwert für sein Geld bekam.

Seufzend machte sich Oba wieder auf den Weg und arbeitete sich mühsam durch das Unterholz voran. Wo immer es ging, tastete er sich auf Zehenspitzen von Wurzel zu Wurzel und watete durch stehendes Wasser, wo es sich nicht vermeiden ließ. Die Luft stand ebenso still wie das Wasser; sie stank nicht nur abscheulich, sondern war auch noch extrem feucht.

Seltsame Vogelrufe hallten von weit her durch die Bäume, aus den entlegenen Schatten, in die vermutlich nie ein Licht vordrang, jenseits der Kletterpflanzen, der dichten Blätterbüschel und der faulenden Baumstämme, die wie betrunken an ihren aufrecht stehenden Gefährten lehnten. Auch im Wasser bewegte sich so manches Getier. Was es sein mochte, Fische, Reptilien oder die Ausgeburt irgendeines Zaubers, war unmöglich zu sagen. Oba mochte diesen Ort nicht.

Immer wieder duckte er sich unter Ästen hindurch, zerriß Spinnennetze. Die fetteste Spinne, die er je gesehen hatte, fiel zu Boden und versuchte blitzschnell in ein sicheres Versteck zu krabbeln. Oba, noch schneller, zertrat sie gründlich. Haarige Beine griffen im Todeskampf ins Leere, bevor ihre Bewegung endgültig zum Erliegen kam. Grinsend setzte Oba seinen Weg fort; der Ort begann ihm allmählich etwas besser zu gefallen.

Doch dann rümpfte er die Nase. Je tiefer er in den Sumpf vordrang, desto übler wurde der Gestank; mittlerweile roch es eigenartig beißend feucht nach Fäulnis. Als er Dampf zwischen den Bäumen aufsteigen sah, stieg ihm ein neuer Geruch in die Nase, etwa so wie faule Eier, nur säuerlicher. Sein Unbehagen über diesen Ort nahm wieder zu.

Irgendwann begann er sich zu fragen, ob es eine gute Idee gewesen war, Althea zu besuchen, insbesondere auf der von dem händeringenden Straßenhändler vorgeschlagenen Route. Seufzend kämpfte Oba sich durch ein dichtes Gestrüpp. Je schneller er ans Ziel gelangte und mit Althea plauderte, desto eher konnte er diesem ekelhaften Ort wieder den Rücken kehren.