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Überdies hatte sich die Stimme wieder gemeldet und trieb ihn unermüdlich weiter.

Je eher er mit Latheas Schwester fertig wäre, desto schneller konnte er das Stammhaus seiner Ahnen besuchen, den Palast des Volkes. Es wäre jedoch klug, vorher so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen, damit er ungefähr im Bilde war, was ihn von seinem Halbbruder erwartete.

Oba fragte sich, ob Jennsen bereits bei Althea gewesen war, und wenn ja, was sie erfahren hatte. Seine Überzeugung wuchs, daß sein Schicksal irgendwie mit dieser Jennsen verknüpft war. Zu viele Dinge verwiesen immer wieder auf sie, als daß die Verbindung zufällig sein konnte.

Er und Jennsen waren Lücken in der Welt. Und, möglicherweise noch interessanter, in ihrer beider Augen war etwas, das Clovis aufgefallen war. Was genau, hatte er selbst nicht sagen können, nicht einmal auf Obas Drängen hatte er es benennen können.

Der Vormittag ging allmählich zur Neige, und noch immer kämpfte sich Oba so schnell es nur irgendwie ging durch dieses Gewirr aus verflochtenen Wurzeln, das angeblich ein Pfad sein sollte, bis das Gelände schließlich vor ihm weiter abfiel und in eine weite, stehende Fläche fauligen Wassers überging. Keuchend, das Gesicht schweißüberströmt, hielt Oba inne und sah sich, einen anderen Weg zur gegenüberliegenden Seite suchend, wo das Gelände wieder anstieg nach beiden Seiten um. Weiter vorn schien der Weg wie ein Tunnel durch die dichte, dampfende Vegetation zu führen. Aber zuerst galt es, das Wasser zu durchqueren.

Er konnte keine herunterhängenden Kletterpflanzen entdecken, an denen er sich hätte festhalten können, also schnitt er kurzentschlossen einen kräftigen Ast ab, befreite ihn von seinen Zweigen und machte sich einen Stab, auf den er sich beim Durchqueren der Senke stützen konnte.

Den Stab in der Hand, watete er hinaus ins Wasser. Es war längst nicht die kühle Erfrischung, die er sich erhofft hatte; es stank entsetzlich und wimmelte nur so von braunen Egeln. Während er durch das Wasser stakste, konnte er sich der Schwärme stechender Mücken vor seinem Gesicht kaum erwehren. Er sah sich immer wieder um, aber wenn er nicht denselben Weg zurückgehen wollte, um einen anderen Übergang zu suchen, mußte er sich eingestehen, daß dies der einzige Weg zum trockenen Ufer auf der anderen Seite war. Allein dieser Gedanke trieb ihn weiter.

Die Wurzeln unter der Oberfläche boten einen ausreichend sicheren Stand, doch schon bald stand Oba bis zur Brust im Wasser, obwohl er nicht einmal die Hälfte des Weges hinter sich hatte. Das tiefe Wasser gab ihm Auftrieb, was zur Folge hatte, daß sein Stand zunehmend unsicher wurde. Die Wurzeln auf dem Grund waren glitschig und boten dem Stab kaum Halt, halfen aber wenigstens, das Gleichgewicht zu wahren.

Er war ein guter Schwimmer, aber da ihm die Vorstellung nicht behagte, was außer ihm noch alles im Wasser schwimmen mochte, zog er es vor weiter aufrecht zu gehen. Kurz vor Erreichen des anderen Ufers, Oba wollte gerade den Stab fortschleudern, um den Rest der Strecke schwimmend zurückzulegen und den Schweiß abzuwaschen, streifte etwas Schweres sein Bein. Er kam nicht einmal mehr dazu, sich eine Reaktion zu überlegen, als ihn dieses Etwas mit einem wuchtigen Stoß von den Füßen riß und ins Wasser warf. Und dann wickelte sich das Etwas um seine Beine.

Oba schrie aus lauter Angst vor dem Ungetüm, das ihn gepackt hielt, panisch auf. Keuchend wehrte er sich wie ein Besessener und versuchte seine Beine freizustrampeln, doch die Bestie hielt ihn umklammert und weigerte sich loszulassen. Das hilflose Gefühl, in der Falle zu sitzen, erinnerte ihn an das Eingesperrtsein in seinem Verschlag als kleiner Junge. Obas Schrei hallte über das aufgewühlte Wasser, um dreifach aus der Düsternis dahinter zurückzuschallen. Nur einen einzigen klaren Gedanken konnte er fassen, Er war noch zu jung, um zu sterben – noch dazu auf so grauenerregende Weise. Er hatte noch so viel vor sich. Daß ihm dies widerfuhr, war ungerecht.

Plötzlich riß ihn das Wesen gewaltsam herum und zog ihn in einer trudelnden Bewegung unter Wasser.

Oba konnte gerade noch rechtzeitig Luft in seine Lungen pumpen. Als er mit vor Angst weit aufgerissenen Augen ins Wasser eintauchte, erblickte er zum ersten Mal die Schuppenhaut seines Häschers. Es war die größte Schlange, die er je gesehen hatte, gleichzeitig war er überwältigt vor Erleichterung, weil es trotz allem doch nur eine Schlange war. Sie mochte riesig sein, aber sie war nur ein Tier – kein Feuer speiendes Ungeheuer.

Bevor sein Arm an den Körper gepreßt werden konnte, packte Oba das Messer an seinem Gürtel und riß es aus der Scheide. Er wußte, unter Wasser würde er kaum die gleiche Kraft entfalten können wie an Land, trotzdem hatte er nur eine Chance, Er mußte die Bestie erstechen, bevor er endgültig unterging.

Den Hals der Luft entgegengereckt, mußte er mit ansehen, wie die lebensspendende Wasseroberfläche in immer weitere Ferne rückte und ihn das Gewicht an seinem Körper unerbittlich immer tiefer zog. Plötzlich stießen seine Füße überraschend auf etwas Festes. Er gab den Versuch auf, zum Luftholen an die Oberfläche zu gelangen, und knickte im Absinken die Beine ein. Als sie angewinkelt waren wie bei einem sprungbereiten Ochsenfrosch, spannte er seine kräftigen Beinmuskeln und drückte sich mit aller Kraft vom Grund nach oben.

Oba schoß aus dem Wasser, am ganzen Körper umwickelt von der Schlange. Er landete in Seitenlage halb auf dem Trockenen inmitten verdrehter Wurzeln. Die Schlange mußte sein Gewicht beim Aufprall auf dem Boden mit ihrem Körper abfedern und war davon sichtlich nicht begeistert. Schillernde grüne Schuppen schimmerten im trüben Licht, als das stinkende Wasser von den beiden Kämpfern abtropfte.

Der Schlangenkopf schob sich über Obas Schulter. Gelbe Augen starrten ihn hinter einer dunklen Maske hervor an. Eine rote Zunge schnellte vor und betastete ihre widerspenstige Beute.

Oba feixte. »Komm nur näher, Freundchen.«

Falls Schlangen wütend werden konnten, so war dies hier ohne Zweifel der Fall. Blitzschnell schnappte Oba das Tier unterhalb des Kopfes und hielt es mit seiner muskulösen Hand gepackt. Er fühlte sich an seine gelegentlichen Ringkämpfe in früheren Zeiten erinnert. Gerungen hatte er immer gern und nie dabei verloren.

Die Schlange zischte ihn an. Beide hielten sich den jeweils anderen mit ihrer ungeheuren Muskelkraft vom Leib. Die Schlange versuchte Oba weiter zu umwickeln, um durch Zusammenziehen die Oberhand zu gewinnen. Es war ein gewaltiges Kräftemessen.

Oba ermahnte sich, daß er unbesiegbar geworden war, seit er die Stimme erhört hatte. Er mußte daran denken, daß sein Leben früher von Angst beherrscht gewesen war, Angst vor seiner Mutter, Angst vor der übermächtigen Hexenmeisterin. Was bedeutete angesichts eines solchen Gegners schon eine primitive Schlange? Er verspürte einen leisen Anflug von Ärger, weil er vor Angst geschrien hatte. Was hatte er, Oba Rahl, schon zu befürchten, noch dazu von einer bloßen Schlange?

Oba wälzte sich mitsamt Schlange höher auf den festen Untergrund. Grinsend schob er sein Messer unter den schuppenbewehrten Unterkiefer. Oba preßte die Klinge ohne jede Hast mit seiner anderen Hand nach oben, deshalb fing die Schlange plötzlich an, sich heftig zu winden – nicht, um die Oberhand zu gewinnen, sondern um zu fliehen. Ihre muskulösen Windungen lösten sich von Obas Beinen, wischten über den Erdboden, suchten etwas, an das sie sich klammern konnten. Oba zog einen Teil des grünlich schimmernden Leibes mit dem Fuß wieder zu sich heran und unterband dadurch jedes Entkommen.

Plötzlich durchbrach die rasiermesserscharfe Klinge unter dem Druck von Obas kräftigen Muskeln den dicken Schuppenpanzer unterhalb des Kinns. Fasziniert sah Oba zu, wie das Blut an seiner geballten Faust herablief. Die Schlange geriet vor Angst und Schmerz völlig in Panik. Es existierte nur noch der verzweifelte Wunsch nach Flucht, und diesem einen Bestreben widmete sie ihre ganze, nicht unbeträchtliche Körperkraft.

Aber Oba war stark. Ihm entkam nichts.