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Unter Aufbietung seiner gesamten Körperkraft schleifte er den sich windenden, verdrehenden, schlängelnden Körper auf höheres, trockeneres Gelände, dann stemmte er das schwere Tier ächzend in die Höhe. In dieser Haltung rannte Oba, seine ganze Wut herausschreiend, los. Mit einem mächtigen Satz nach vorn rammte er sein Messer in einen Baum und nagelte die Schlange dort fest.

Hilflos mußten die gelben Schlangenaugen mit ansehen, wie Oba ein zweites Messer aus dem Stiefel zog. Er wollte sehen, wie das Leben aus diesen häßlichen gelben Augen wich, wahrend sie ihn beobachteten.

In einer Vertiefung zwischen den Schuppenreihen brachte er ihr einen Schnitt im blassen Unterbauch bei, keinen tödlichen Schnitt, nur gerade groß genug für seine Hand.

Oba feixte. »Bist du bereit?«, fragte er das Tier. Unfähig, etwas anderes zu tun, starrte es ihn an.

Oba schob seinen Ärmel hoch, dann bohrte er seine Hand mit schlängelnden Bewegungen durch den Schlitz hinein. Es war eng, trotzdem gelang es ihm, erst seine Hand, dann sein Handgelenk und schließlich seinen Arm in den lebenden Körper hineinzuschieben, tiefer und tiefer, während die Schlange ihren Körper von einer Seite auf die andere warf, nicht nur in dem vergeblichen Versuch zu entkommen, sondern in erster Linie vor Schmerz. Oba preßte den Leib mit einem Knie gegen den Baum und hielt den peitschenden Schwanz mit einem Fuß nieder.

Für Oba schien die Welt ringsum zu versinken, als er spürte, was es hieß, eine Schlange zu sein. Dann spürte er beim Hineinschieben seiner Hand ihre Haut auf seiner und stellte sich vor, wie er sich in das Tier verwandelte. Seine Augen waren nur noch wenige Zoll von denen der Schlange entfernt, und der Blick in diese Augen versetzte ihn in unbändiges Entzücken, als er dort nicht nur heftigste Schmerzen, sondern auch fassungsloses Entsetzen sah. Oba spürte hinter den glitschigen Eingeweiden sein pulsierendes Ziel, dann endlich hatte er es gefunden – das noch lebende Herz. Wie rasend schlug es in seiner Hand, pochend, zuckend. Mit einem tiefen Blick in ihre Augen drückte Oba mit seinen kräftigen Fingern zu, bis das Herz in einem mächtigen Schwall zerplatzte. Die Schlange schlug mit der Kraft des nahen Todes plötzlich um sich, doch dann, noch während Oba das zitternde, zerplatzte Herz in seiner Hand hielt, wurden die Bewegungen der Schlange immer schwerfälliger und träger, bis sie mit einem letzten schlaffen Schlagen ihres Schwanzes vollends zum Erliegen kamen.

Während dieser ganzen Zeit starrte Oba unverwandt in die gelben Augen, bis er sicher wußte, daß sie erloschen waren. Es war durchaus erregend, den Übergang vom Leben zum Tod zu beobachten.

Der Sumpf gefiel ihm immer besser.

Siegestrunken und blutverschmiert kauerte Oba am Ufer um sich und seine Messer zu reinigen.

Als er fertig war, hatte sich das dunkle Wasser rot verfärbt. Die Farbe ließ ihn an Jennsens Haar denken. Er richtete sich auf und sah nach, ob er alle seine Habseligkeiten beieinander und bei dem Kampf nichts verloren hatte, klopfte dann gegen seine Jackentasche, um sich des beruhigenden Vorhandenseins seines schwer verdienten Reichtums zu vergewissern.

Sein Geldbeutel war fort.

In einem Anfall kalter Panik stieß er seine Hand in die Tasche, doch der Beutel blieb verschwunden. Ihm dämmerte, daß er ihn bei der Rangelei mit der Schlange im Wasser verloren haben mußte. Er hatte den Geldbeutel sicherheitshalber mit einer Schnur an einer Gürtelschlaufe befestigt, damit er nicht versehentlich verloren gehen konnte. Ihm war schleierhaft, wie das hatte passieren können, es sei denn, der Knoten in der Lederschnur hatte sich beim Kampf gelöst.

Sein verdrießlicher Blick fiel auf das tote, zu einem schlaffen Haufen am Stamm des Baumes zusammengesunkene Etwas. In einem Tobsuchtsanfall packte Oba die Schlange bei der Kehle und hämmerte den leblosen Kopf gegen den Baum, bis sich die Schuppen abzulösen begannen.

Schließlich hielt Oba keuchend und erschöpft von der Anstrengung inne und ließ die blutige Masse zu Boden gleiten. Mutlos rang er sich zu der Erkenntnis durch, daß er noch einmal ins Wasser zurück mußte, um sein verlorenes Geld zu suchen. Dann bemerkte er daß der an seiner Gürtelschlaufe befestigte Lederriemen noch dort hing. Er zog das kurze Stück Lederschnur heraus und besah es sich genauer.

Durchgeschnitten.

Oba drehte sich um und schaute den Weg zurück, den er gekommen war. Clovis!

Dieser geschwätzige Halunke hatte ihn unablässig umschwirrt wie eine lästige Fliege. Beim Kauf der Pferde mußte er dann seinen Geldbeutel gesehen haben.

Knurrend warf er einen wütenden Blick zurück durch den Sumpf. Mittlerweile hatte ein leichter Regen eingesetzt, der auf dem üppig wuchernden Blätterdach ein leises Wispern erzeugte. Die Tropfen fühlten sich angenehm kühl an auf seinem erhitzten Gesicht.

Er würde diesen Dieb umbringen, und zwar langsam.

Clovis würde zweifellos so tun, als könnte er kein Wässerchen trüben; zum Beweis, daß er den verschwundenen Geldbeutel nicht hatte, würde er verlangen, durchsucht zu werden. Vermutlich hatte der Bursche das Geld, in der Absicht, irgendwann zurückzukommen und es zu holen, längst irgendwo vergraben.

Oba würde ein Geständnis aus ihm herausholen, daran bestand für ihn nicht der geringste Zweifel. Clovis hielt sich für gerissen, aber er war noch keinem Mann wie Oba Rahl begegnet.

Oba marschierte los, zurück durch den Sumpf, um dem Straßenhändler den Hals umzudrehen, blieb jedoch bereits nach wenigen Schritten wieder stehen. Nein. Es hatte ihn eine Menge Zeit gekostet, sich bis hierhin durchzuschlagen; bestimmt war er bereits ganz in der Nähe von Altheas Haus. Also durfte er sich nicht von seinem Zorn beherrschen lassen, sondern mußte seinen Verstand gebrauchen. Er war klug, klüger als seine Mutter, klüger als die Hexenmeisterin Lathea und allemal klüger als ein armseliger kleiner Taschendieb. Er würde durchdacht und überlegt vorgehen und nicht aus blindem Zorn heraus handeln. Mit Clovis konnte er sich beschäftigen, sobald er mit Althea fertig war.

Finsteren Blickes und mit ebensolcher Laune machte er sich wieder auf den Weg zur Hexenmeisterin.

37

Oba beobachtete das aus Zedernstämmen gezimmerte, hinter dichtem Gestrüpp und Bäumen verborgene Blockhaus durch den gemächlich fallenden Regen aus einiger Entfernung, konnte in seiner Nähe aber niemanden entdecken. Allerdings hatte er Fußspuren gesehen, die Stiefelabdrücke eines einzelnen Mannes, die um das Ufer des kleinen Sees herumliefen. Die Spuren waren nicht frisch gewesen, hatten Oba aber über einen Pfad zum Haus geführt. Aus dem Schornstein stieg träge kräuselnder Rauch in die stehende, feuchte Luft.

Das beinahe vollständig hinter Kletterpflanzen und Moosranken verborgene Haus weiter vorn mußte das Heim der Hexenmeisterin sein. Niemand sonst wäre so dumm, sich an einem so abscheulichen Ort niederzulassen.

Leichtfüßig schlich Oba über die hintere Treppe auf die schmale Veranda. Nach vorn raus, auf der anderen Seite, stützten aus dicken Stämmen gemachte Säulen ein tief heruntergezogenes, überstehendes Dach. Jenseits der breiten Vordertreppe begann ein breiter Fußpfad – zweifellos der Weg, auf dem sich ängstliche Naturen zur Hexenmeisterin begaben, um von ihr eine Weissagung zu erbitten.

Ungehalten und nicht länger bereit, den Schein der Höflichkeit zu wahren und anzuklopfen, stieß Oba die Tür auf. Im Kamin brannte ein kleines Feuer. Da es nur dieses Feuer und zwei kleine Fenster gab, herrschte im Haus ein ziemlich schummriges Licht. Die Wände waren mit pedantisch genauen Schnitzereien, meist von Tieren, übersät, manche naturbelassen, andere bemalt oder vergoldet. Sie entsprachen kaum Obas Art, Tieren mit dem Messer beizukommen. Das Mobiliar war besser als alles, womit er aufgewachsen war.

In einem reich verzierten Sessel – dem besten Möbelstück – in der Nähe des Kamins saß, wie eine Königin auf ihrem Thron, eine Frau mit großen, dunklen Augen und musterte ihn über den Rand einer Tasse hinweg, an der sie gerade nippte. Obwohl sie ihr langes, goldenes Haar anders trug und sie nicht diesen unheimlichen, strengen Ausdruck im Gesicht hatte, erkannte Oba ihre Züge sofort wieder. Ein Blick in ihre Augen räumte jeden Zweifel aus: Dies war Latheas Schwester.