Augen – auch ein Punkt auf den Listen, die er in seinem Kopf angelegt hatte.
»Ich bin Althea«, sagte sie und setzte die Tasse von ihren Lippen ab.
Ihre Stimme klang vollkommen anders als die ihrer Schwester. Obwohl sie wie Lathea ein Gefühl von Autorität vermittelte; fehlte ihr die typische Überheblichkeit, die normalerweise damit einherging. Sie stand nicht auf. »Ich fürchte, du bist viel früher eingetroffen, als ich erwartet hatte.«
Um jede mögliche Gefahr bereits im Keim zu ersticken, ignorierte Oba sie, ging mit schnellen Schritten zu den nach hinten hinaus gelegenen Zimmern und warf einen Blick in das erste, in dem er eine Werkbank sah. Clovis hatte ihm erzählt, daß Althea einen Ehemann namens Friedrich habe, und natürlich waren draußen die Abdrücke von Männerstiefeln zu sehen gewesen. Meißel, Messer und Holzschlegel lagen fein säuberlich sortiert darauf; in den richtigen Händen konnte jedes einzelne dieser Werkzeuge eine tödliche Waffe sein. Die Werkbank verströmte eine Atmosphäre von Aufgeräumtheit; als hätte jemand seine Arbeit für längere Zeit unterbrochen.
»Mein Mann ist zum Palast gegangen«, rief sie von ihrem Sessel am Kamin aus. »Wir sind allein.«
Er vergewisserte sich trotzdem noch einmal selbst, warf einen Blick ins Schlafzimmer und fand es leer. Sie hatte offensichtlich die Wahrheit gesagt. Bis auf das Tröpfeln des Regens auf dem Dach war es vollkommen still im Haus. Die beiden waren tatsächlich allein.
Endlich überzeugt, daß sie nicht gestört werden würden, kehrte er in das eigentliche Wohnzimmer zurück. Sie beobachtete, wie er auf sie zuging, weder lächelnd noch mißbilligend und offenbar vollkommen ruhig. Hätte sie nur einen Funken Verstand besessen, fand Oba, hätte sie wenigstens ein bißchen unruhig werden müssen. Wenn überhaupt, dann wirkte sie eher resigniert oder auch nur schläfrig. Der Sumpf mit seiner drückenden, feuchten Luft konnte einen ohne Zweifel träge machen.
Unweit ihres Sessels, etwas seitlich auf dem Fußboden, befand sich ein quadratisches Brett mit einem kunstvoll vergoldeten Symbol darauf. Es erinnerte ihn an etwas auf seinen Listen. Am Rand des Brettes lag ein Häufchen kleiner, abgewetzter dunkler Steine, vor ihren Füßen ein rotgoldenes Kissen.
Oba zögerte, als er plötzlich die Verbindung zwischen einem Gegenstand auf seinen Listen und dem vergoldeten Symbol auf dem Fußboden herstellte. Das Symbol erinnerte ihn an den getrockneten unteren Teil einer Bergfieberrose – eines jener Kräuter, die Lathea stets seiner Medizin beimischte. Die meisten ihrer Kräuter waren bereits vorher zerstoßen, dieses dagegen nie. Meist hatte sie eine einzige dieser getrockneten Blumen zerdrückt, unmittelbar bevor sie sie seiner Medizin beigab. Eine so verdächtige Verbindung konnte nur ein Anzeichen drohender Gefahr sein. Er hatte Recht gehabt; die Hexenmeisterin war tatsächlich so gefährlich, wie er immer befürchtet hatte.
Mit geballten Fäusten baute Oba sich vor ihr auf und funkelte sie wütend an.
»Bei den Gütigen Seelen«, sagte sie leise bei sich, »und ich hatte schon gehofft, nie wieder in diese Augen blicken zu müssen.«
»Was für Augen?«
»Die Augen Darken Rahls«, antwortete sie. In ihrer Stimme schwang, ganz leise und entfernt, ein gewisser Unterton mit, vielleicht von Bedauern, vielleicht von Hoffnungslosigkeit, vielleicht sogar von blankem Entsetzen.
»Darken Rahls Augen.« Oba konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Sehr großmütig von Euch, daß Ihr davon sprecht.«
Auf ihrem Gesicht war nicht der Hauch eines Lächelns zu bemerken. »Es war nicht als Kompliment gedacht.«
Obas Lächeln gefror.
Er war nur gelinde überrascht angesichts ihrer Kenntnis, daß er Darken Rahls Sohn war, schließlich war sie eine Hexenmeisterin – und außerdem Latheas Schwester. Wer wußte schon, was dieses ekelhafte Weibsstück in ihrem ewigen Grab in der Welt der Toten alles herumerzählt hatte.
»Du bist der Mann, der Lathea ermordet hat.«
Ihre Bemerkung war weniger eine Frage als vielmehr ein Urteilsspruch. Seine Unbesiegbarkeit hatte ihm Selbstvertrauen eingeflößt, dennoch blieb Oba auf der Hut. Er hatte die Hexenmeisterin Lathea sein Leben lang gefürchtet, und doch hatte sie sich am Ende als längst nicht so übermächtig herausgestellt, wie er stets angenommen hatte.
Aber dieser Frau konnte Lathea nicht das Wasser reichen, in keiner Wei se.
Statt auf ihre Beschuldigung einzugehen, stellte Oba selbst eine Frage.
»Eine Lücke in der Welt, was ist das eigentlich?«
Sie lächelte still bei sich, dann bot sie ihm an, Platz zu nehmen. »Möchtest du dich nicht setzen und einen Tee mit mir trinken?«
Oba nahm an, daß er die Zeit erübrigen konnte. Der Augenblick, da er mit ihr machen konnte, was er wollte, würde schon noch kommen – dessen war er völlig sicher. Es gab keinen Grund, die Dinge zu überstürzen. In gewisser Weise fand er sein etwas übereiltes Vorgehen bei Lathea bedauerlich, denn er hatte nicht daran gedacht, sich erst alle Antworten zu beschaffen. Aber vorbei war vorbei.
Althea aber würde ihm alle seine Fragen beantworten; er würde sich Zeit nehmen und in diesem Punkt ganz sichergehen. Sie würde ihm jede Menge neuer Dinge beibringen, bevor sie miteinander fertig waren. Ein so lang ersehnter Genuß sollte ausgekostet, nicht überhastet werden. Vorsichtig ließ er sich in den Sessel sinken. Auf dem schlichten kleinen Tischchen zwischen den beiden Sesseln stand eine Teekanne, jedoch keine zweite Tasse.
»Oh, Verzeihung«, meinte sie, als sie seinen suchenden Blick bemerkte und sah, daß etwas fehlte. »Geh bitte zum Schrank hinüber und hol dir eine Tasse, ja?«
»Ihr seid doch die Gastgeberin, wieso holt Ihr sie nicht selbst?«
Sie strich mit ihren schlanken Fingern über die verschnörkelten Enden an den Armlehnen ihres Sessels. »Ich fürchte, ich bin ein Krüppel, denn ich kann nicht laufen. Ich kann meine nutzlosen Beine nur im Haus hinter mir herschleifen und gerade mal die einfachsten Dinge für mich selber erledigen.«
Oba starrte sie an, unsicher, ob er ihr glauben sollte. Sie war schweißgebadet – das mußte doch etwas zu bedeuten haben. Zweifellos machte ihr die Gegenwart eines Mannes, der mächtig genug war, ihre Schwester umzubringen, eine Heidenangst, vielleicht versuchte sie aber auch nur, ihn abzulenken, in der Hoffnung, Reißaus nehmen zu können, sobald er ihr den Rücken zukehrte.
Althea faßte ihren Rock mit Daumen und Zeigefinger und hob den Saum geziert ein wenig an, so daß er ihre Knie und noch etwas mehr erkennen konnte. Er beugte sich vor, um besser sehen zu können. Ihre Beine waren verstümmelt und welk; der Anblick faszinierte Oba.
Althea zog eine Braue hoch. »Verkrüppelt, wie ich bereits sagte.«
»Wie ist das passiert?«
»Das ist das Werk deines Vaters.«
Also, wenn das keine Überraschung war.
Zum allerersten Mal fühlte sich Oba auf eine geradezu greifbare Weise mit seinem Vater verbunden.
Er hatte einen anstrengenden und unangenehmen Vormittag hinter sich und fühlte sich berechtigt, in aller Ruhe eine Tasse Tee zu trinken, ja, er fand den Gedanken geradezu aufreizend. Was er mit ihr vorhatte, würde eine schweißtreibende Angelegenheit werden. Oba ging quer durch das Zimmer und nahm sich die Größte aus der Reihe von Tassen, die er auf einem Regal entdeckte. Kaum hatte er sie auf den Tisch gestellt, füllte sie sie mit dunklem Tee.
»Es ist ein ganz besonderer Tee«, erklärte sie, als sie den fragenden Ausdruck in seinem Gesicht sah. »Hier im Sumpf kann es aufgrund von Hitze und Feuchtigkeit schrecklich unangenehm werden; im Übrigen hilft er, nach den Mühen eines anstrengenden Vormittags wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Unter anderem vertreibt er die Müdigkeit aus den erschöpften Muskeln – nach einem langen Fußmarsch zum Beispiel.«
Sein anstrengender Vormittag hatte ihm hämmernde Kopfschmerzen beschert. Und obwohl seine Kleider nach seinem Bad längst wieder trocken und das Blut gänzlich abgewaschen war, fragte er sich, ob sie vielleicht irgendwie ahnte, welch nervenaufreibende Qualen er durchlitten hatte. Unmöglich zu sagen, zu was diese Frau fähig war; aber Sorgen machte er sich deswegen nicht. Schließlich war er unbesiegbar, wie Latheas Ende bewiesen hatte.