Выбрать главу

»Gegen all das hilft Euer Tee?«

»Aber ja. Es ist ein sehr wirksames Stärkungsmittel, das zahllose Probleme kuriert. Du wirst es selbst erleben.«

Oba bemerkte, daß sie von demselben starken Tee trank und stark schwitzte; in diesem Punkt hatte sie vermutlich also die Wahrheit gesagt. Nachdem sie den kleinen Rest in ihrer Tasse getrunken hatte, schenkte sie sich sogleich nach.

Sie erhob ihre Tasse zu einem Trinkspruch. »Auf das gute Leben, solange wir es noch genießen können.«

Oba fand den Trinkspruch ein bißchen seltsam. Er klang fast, als wollte sie damit zugeben, daß sie von ihrem nahen Ende wußte.

»Auf das Leben«, sagte Oba und hob seine Tasse. »Solange wir es noch genießen können.«

Oba nahm einen kräftigen Schluck Tee und verzog das Gesicht, als er den Geschmack wiedererkannte. Er schmeckte nach der Pflanze, die die Zeichnung auf dem Brett symbolisierte – nach Bergfieberrose.

»Trink aus«, forderte ihn sein Gegenüber auf. Ihr Atem wirkte schleppend. Sie nahm ein paar kräftige Schlucke. »Wie gesagt, er wird eine Menge Probleme lösen.« Sie leerte ihre Tasse.

Oba wußte, daß Lathea, trotz ihrer gelegentlichen Anwandlungen von Gehässigkeit, manchmal Arzneien zusammenrührte, mit denen sie Kranken half. Und jetzt schüttete Althea das Zeug tassenweise in sich hinein, offenbar vertraute sie also ebenfalls auf das widerlich schmeckende Kraut. Trotz des bitteren Geschmacks nahm er noch einen Schluck in der Hoffnung, er werde die Müdigkeit aus seinen Muskeln und den Druck aus seinem Kopf vertreiben.

»Ich hätte ein paar Fragen.«

»Das sagtest du bereits«, erwiderte Althea und musterte ihn über den Rand ihrer Tasse hinweg. »Und du erwartest, daß ich dir die Antworten darauf gebe.«

»So ist es.«

Oba trank noch einen Schluck des starken Tees. Wieder verzog er das Gesicht. Er hatte wirklich keine Ahnung, warum die Frau das Zeug als »Tee« bezeichnete, denn es hatte mit Tee nichts gemein, war nichts weiter als zerstoßene Bergfieberrose, aufgelöst in ein wenig heißem Wasser. Als er die große Tasse auf dem Tisch abstellte, folgte sie seinen Bewegungen mit finsterem Blick.

Mittlerweile hatte der Wind aufgefrischt und peitschte den Regen gegen die Fensterscheiben. Oba fand, daß er das Haus genau im richtigen Augenblick erreicht hatte. Dieser ekelhafte Sumpf. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Hexenmeisterin zu.

»Ich will wissen, was das ist, eine Lücke in der Welt. Eure Schwester meinte, Ihr könntet diese Lücken in der Welt erkennen.«

»Hat sie das, ja? Ich wüßte wirklich nicht, warum sie so etwas sagen sollte.«

»Ich mußte ein wenig nachhelfen«, erklärte Oba. »Was meint Ihr, werde ich Euch auch überreden müssen?«

Hoffentlich. Die Aussicht, endlich mit der Klinge ans Werk gehen zu können, machte ihn schon ganz ungeduldig. Aber er hatte es nicht eilig, er hatte Zeit. Er genoß es, mit den Lebenden seine Spielchen zu treiben. Es half ihm, ihre Denkweise zu verstehen, so daß er, wenn der Augenblick gekommen war und er ihnen in die Augen schaute, sich ihre Gedanken im Angesicht des nahen Todes besser vorstellen konnte.

Althea wies mit dem Kopf auf das Tischchen zwischen ihnen. »Der Tee nützt nichts, wenn man ihn nicht in ausreichend großen Mengen zu sich nimmt. Trink aus.«

Oba tat ihre Sorge mit einer Handbewegung ab und beugte sich, auf einen Ellbogen gestützt, naher zu ihr hin. »Ich habe eine weite Reise hinter mir. Beantwortet mir endlich meine Fragen.«

Schließlich wandte Althea ihre Augen unter seinem stechenden Blick ab und hievte ihr Gewicht unter Zuhilfenahme ihrer Arme aus dem Sessel hinunter auf den Boden – ein ziemlich mühseliges Unterfangen. Die Hexenmeisterin zog sich auf das rotgoldene Kissen, brachte sich in eine aufrecht sitzende Stellung und legte ihre leblosen Beine vor ihrem Körper übereinander. Einfach war es nicht aber mit Hilfe präziser, effektiver Bewegungen, die gut einstudiert wirkten, gelang es ihr.

Die Plackerei schien Oba zu verwirren. »Wieso benutzt Ihr nicht Eure Magie?«

Sie maß ihn mit ihren großen, dunklen Augen, aus denen nichts als stumme Mißbilligung sprach. »Dein Vater hat mit meiner Magie dasselbe gemacht wie mit meinen Beinen.«

Oba war verblüfft. Er fragte sich, ob sein Vater ebenfalls unbesiegbar gewesen war. Vielleicht war Oba schon immer dazu ausersehen, das wahre Erbe seines Vaters anzutreten. Vielleicht hatte das Schicksal endlich ein Einsehen gehabt und Oba für Höheres gerettet.

»Soll das heißen, Ihr seid eine Hexenmeisterin, könnt aber keine Magie wirken?«

Ein ferner Donner rollte über das Sumpfgebiet hinweg, als sie auf einen Platz auf dem Fußboden wies. Während Oba sich vor ihr niederließ, zog sie das Brett mit dem vergoldeten Symbol zu sich heran und plazierte es zwischen ihnen.

»Man hat mir nur jenen Teil meiner Talente gelassen, der es mir ermöglicht; Weissagungen zu machen«, erklärte sie. »Sonst nichts. Wenn du wolltest, könntest du mich mit einer Hand erwürgen, während du mit der anderen deinen Tee austrinkst. Ich könnte nicht das Geringste dagegen tun.«

In Obas Augen würde das den Spaß beträchtlich mindern, schließlich war das Abmühen, der Kampf, das sich Wehren Teil jeder wirklich befriedigenden Auseinandersetzung. Aber wie heftig vermochte sich eine alte, verkrüppelte Frau schon zu wehren? Wenigstens waren da noch die Todesangst, die Qualen und der Augenblick des Todes, auf die er sich freuen konnte.

»Aber Prophezeiungen könnt Ihr doch noch abgeben? Deshalb wußtet Ihr doch überhaupt, daß ich auf dem Weg hierher war?«

»So könnte man sagen.« Sie seufzte schwer, so als hätte die Anstrengung, sich bis auf das rotgoldene Kissen zu schleppen, sie völlig erschöpft. Als sie ihre Aufmerksamkeit dem vor ihr liegenden Brett zuwandte, schien die Mattigkeit von ihr abzufallen.

»Ich möchte dir etwas zeigen.« Sie schlug jetzt einen vertraulichen Tonfall an. »Vielleicht werden dir dadurch endlich ein paar Dinge klar.«

Erwartungsvoll beugte er sich vor, froh, daß sie endlich Vernunft angenommen und sich dazu durchgerungen hatte, ein paar Geheimnisse preiszugeben. Oba lernte gern etwas Neues hinzu.

Er beobachtete, wie sie in ihrem Häuflein Steine herumsuchte und mehrere von ihnen genau prüfte, bevor sie den richtigen gefunden hatte. Die Übrigen legte sie in einer offenbar für sie verständlichen Ordnung zur Seite, obwohl er fand, daß sie alle gleich aussahen.

Sie drehte sich wieder zu ihm herum und hielt ihm den einen Stein vors Gesicht. »Das bist du«, sagte sie.

»Ich? Was soll das heißen?«

»Dieser Stein repräsentiert dich.«

»Wieso?«

»Weil er sich so entschieden hat.«

»Ihr wollt sagen, Ihr habt entschieden, daß er mich darstellen soll.«

»Nein. Ich will damit sagen, daß der Stein sich entschieden hat, dich zu repräsentieren – oder vielmehr, die Kräfte, die den Stein kontrollieren, haben so entschieden.«

»Und welche Kräfte kontrollieren die Steine?«

Zu seiner Überraschung sah er, wie ein Lächeln über Altheas Gesicht ging, das sich zu einem gefährlichen Grinsen auswuchs. Nicht einmal Lathea hatte es geschafft, so böse auszusehen.

»Die Magie«, zischte sie.

Oba mußte sich ermahnen, daß er unbesiegbar war; gestikulierend versuchte er, sich den Anschein von Unbekümmertheit zu geben.

»Was ist mit den anderen? Wer sind dann sie?«

»Ich dachte, du wolltest etwas über dich erfahren, nicht über andere.« Mit einem Ausdruck größter Selbstgewißheit beugte sie sich zu ihm hin. »Andere Menschen interessieren dich doch überhaupt nicht, hab ich Recht?«

Oba begegnete ihrem vertraulichen Lächeln mit stechendem Blick. »Schätze, nein.«

Sie schüttelte den einzelnen Stein in ihrer leicht geschlossenen Hand. Ohne den Blick von seinen Augen abzuwenden, warf sie den Stein über das Brett. Ein Blitz flackerte. Der Stein holperte über das Brett und blieb jenseits des äußeren vergoldeten Kreises liegen. In der Ferne krachte ein Donner.