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»Und«, fragte er, »was bedeutet das jetzt?«

Statt seine Frage zu beantworten, nahm sie den Stein ohne hinzusehen wieder auf. Ihr Blick blieb fest auf sein Gesicht geheftet, während sie den Stein erneut schüttelte. Wieder warf sie ihn wortlos über das Brett. Ein Blitz zuckte. Erstaunlicherweise kam der Stein an derselben Stelle zur Ruhe wie beim ersten Mal – nicht nur in der Nähe derselben Stelle, sondern exakt auf demselben Punkt. Regen trommelte aufs Dach, während ein anhaltender, krachender Donner über das Sumpfgebiet hinweg rollte.

Blitzschnell nahm Althea den Stein erneut auf und warf ihn ein drittes Mal, wiederum begleitet vom Zucken eines Blitzes, nur daß die gleißende Helligkeit diesmal näher war. Oba benetzte sich die Lippen und wartete gespannt den Fall des ihn repräsentierenden Steins ab.

Eine Gänsehaut überlief seine Arme, als er den dunklen, kleinen Stein exakt an derselben Stelle wie die beiden Male zuvor liegen bleiben sah. Er war kaum ausgerollt, als bereits ein Donner krachte.

Oba legte die Hände auf die Knie und lehnte sich zurück. »Das ist ein Trick.«

»Nein, kein Trick«, meinte sie. »Das ist Magie.«

»Ich dachte, Ihr könntet keine Magie mehr bewirken.«

»Kann ich auch nicht.«

»Und wie macht Ihr es dann?«

»Wie ich schon sagte, ich mache es nicht. Die Steine tun es ganz von selbst.«

»Na schön, und was soll das jetzt über mich aussagen, daß er immer an derselben Stelle liegen bleibt?«

Ihm fiel auf, daß sie irgendwann aufgehört hatte zu lächeln. Mit einem vom Schein des Feuers angestrahlten Finger zeigte sie auf die Stelle, wo sein Stein lag.

»Diese Stelle repräsentiert die Unterwelt«, erklärte sie mitleidlos. »Die Welt der Toten.«

Oba versuchte so zu tun, als interessiere ihn das bestenfalls am Rande. »Und was hat das mit mir zu tun?«

Ihre großen, dunklen Augen bohrten sich weiter unbeirrt bis in die Tiefen seiner Seele. »Von dort kommt die Stimme, Oba.«

Eine Gänsehaut überlief seine Arme. »Woher wißt Ihr meinen Namen?«

Sie neigte ihren Kopf zur Seite, so daß eine Gesichtshälfte in tiefe Schatten getaucht wurde. »Ich habe einmal, vor langer Zeit, einen Fehler gemacht.«

»Was denn für einen Fehler?«

»Ich habe geholfen, dein Leben zu retten. Ich habe deiner Mutter geholfen, dich aus dem Palast zu schaffen, bevor Darken Rahl von deiner Existenz erfahren und dich töten konnte.«

»Ihr lügt!« Oba klaubte den Stein vom Brett. »Ich bin sein Sohn! Warum hätte er mich töten sollen?«

Ihr durchdringender Blick war noch immer auf ihn gerichtet. »Vielleicht weil er wußte, daß du auf die Stimmen hören würdest, Oba.«

Am liebsten hätte Oba ihr diese fürchterlichen Augen ausgestochen. Er nahm es sich ganz fest vor. Zunächst jedoch hielt er es für das Sinnvollste, noch mehr in Erfahrung zu bringen, vorausgesetzt er schaffte es, seinen ganzen Mut zusammenzunehmen.

»Ihr wart mit meiner Mutter befreundet?«

»Nein. Ich kannte sie eigentlich kaum, Lathea kannte sie viel besser. Deine Mutter war nur eins von vielen jungen Dingern, die in Schwierigkeiten steckten und sich in große Gefahr gebracht hatten. Ich habe ihnen damals geholfen, weiter nichts. Dafür hat Darken Rahl mich zum Krüppel gemacht. Solltest du es vorziehen, seine wahren Absichten dich betreffend nicht zu glauben, so steht es dir frei, dir nach eigenem Gutdünken eine andere Antwort darauf auszudenken.«

Oba ließ sich ihre Erwiderung durch den Kopf gehen und prüfte sie auf irgendwelche Verbindungen zu den Dingen auf seinen Listen. Auf Anhieb vermochte er keine zu erkennen.

»Ihr und Lathea habt den Kindern Darken Rahls geholfen?«

»Meine Schwester und ich standen uns damals sehr nahe. Wir beide hatten es uns, jede auf ihre Art, zur Aufgabe gemacht, Menschen in Not zu helfen. Doch dann begann sie dich und deinesgleichen, die Nachkommen des Lord Rahl, zu verabscheuen, weil ich für den Versuch, Euch zu helfen, solche Qualen erleiden mußte. Sie ertrug es nicht länger, Zeugin meiner Strafe und meines Leids zu sein. Also ging sie fort.

Das war eine Schwäche von ihr, aber ich wußte, diesen Gefühlen stand sie machtlos gegenüber. Ich liebte sie, also unterließ ich es, sie zu bitten, mich hier – in diesem Zustand – zu besuchen, so sehr ich sie auch vermißte. Ich habe sie nie wieder gesehen. Es war der einzige Liebesdienst, den ich ihr erweisen konnte – sie weggehen zu lassen. Ich könnte mir denken, daß sie keine gute Meinung von dir hatte.«

Oba war nicht gewillt, sich Mitleid für dieses verhaßte Weibsstück einreden zu lassen. Er untersuchte den dunklen Stein einen Augenblick, ehe er ihn Althea zurückgab.

»Die drei Würfe waren purer Zufall. Versucht es noch mal.«

»Du würdest mir nicht mal glauben, wenn ich es hundertmal probierte.« Sie gab ihm den Stein zurück. »Versuch du es. Wirf ihn selbst.«

Oba schüttelte den Stein trotzig in seiner geschlossenen Hand, wie er es bei ihr gesehen hatte. Sie ließ sich gegen ihren Sessel zurücksinken, wahrend sie ihn beobachtete. Ihre Augen wurden schläfrig.

Oba schmiß den Stein so schwungvoll auf das Brett, daß er sicher war, er würde über das Brett hinausrollen und sie widerlegen. Als der Stein seine Hand verließ, zuckte ein so gleißend heller Blitz, daß er zusammenzuckte und aus Angst, er könnte in das Dach einschlagen, hochsah. Unmittelbar darauf folgte ein krachender Donner, der das Haus erzittern ließ. Der Knall fuhr ihm durch Mark und Bein. Aber dann war es vorbei, und das einzige Geräusch war wieder der auf das unversehrte Dach und gegen die Fensterscheiben trommelnde Regen.

Erleichtert grinsend blickte Oba auf das Brett, nur um den vermaledeiten Stein in exakt derselben Position vorzufinden wie auch schon die drei Male davor.

Er zuckte wie von der Schlange gebissen zusammen und wischte sich seine schweißnassen Hände an den Oberschenkeln ab.

»Das ist ein Trick«, stammelte er. »Es ist bloß ein Trick. Ihr seid eine Hexenmeisterin, und Ihr vollführt bloß irgendwelche magischen Tricks.«

»Du bist es, der den Trick vollführt hat, Oba. Du bist es, der seine Boshaftigkeit in deine Seele hineingelassen hat.«

»Und wenn schon!«

Sein Geständnis ließ sie schmunzeln. »Du hörst vielleicht auf die Stimme, Oba, aber du bist nicht er. Du bist nur sein Diener, weiter nichts. Er wird einen anderen auswählen müssen, wenn er die Welt mit Bosheit überziehen will.«

»Ihr wißt doch gar nicht, was Ihr da redet!«

»O doch, das tue ich. Du bist vielleicht eine Lücke in der Welt, aber dir fehlt eine wichtige Zutat.«

»Und was sollte das sein?«

»Grushdeva.«

Oba spürte, wie sich die Härchen in seinem Nacken aufstellten. Zwar erkannte er dieses eine spezielle Wort nicht wieder, seine Herkunft war dennoch unbestreitbar. Seinem unverwechselbaren Wesen nach konnte dieses Wort nur zu der Stimme gehören.

»Ein sinnloses Wort, das keinerlei Bedeutung hat.«

Sie maß ihn einen Moment mit einem Blick, der ihm Angst einflößte, weil eine ganze Welt verbotenen Wissens darin enthalten schien. Der Zug eiserner Entschlossenheit um ihre Augen sagte ihm, daß er allein mit einer Messerklinge dieses Wissen niemals würde erlangen können.

»Vor langer Zeit, an einem weit entfernten Ort«, sagte sie mit ihrer ruhigen Stimme, »brachte mir eine andere Hexenmeisterin einige Brocken der Sprache des Hüters bei. Dies ist eines seiner Worte, das seiner alten, ursprünglichen Sprache entstammt. Du hättest es niemals gehört, wenn du nicht einer der Richtigen warst. Grushdeva. Es bedeutet ›Rache‹. Du bist aber deshalb noch lange nicht der von ihm Auserwählte.«

Oba glaubte, sie wollte sich über ihn lustig machen. »Ihr wißt doch gar nicht, welche Worte ich gehört habe, noch sonst irgendwas. Ich bin der Sohn Darken Rahls und somit einer seiner rechtmäßigen Erben. Woher wollt Ihr wissen, was ich höre? Ich werde über Macht verfügen, von der Ihr nur träumen könnt.«