Aber das war jetzt nebensächlich. Die vordersten Gestalten hatten Vivian fast erreicht. Sie fuhr herum und rannte mit schnellen Schritten auf das Fenster zu. Hinter ihr klang wütendes Geschrei auf, als ihre Verfolger erkannten, was sie vorhatte. Vivian riß die Vorhänge beiseite und warf sich in panischer Angst gegen die Glastür. Der dünne Holzrahmen gab knirschend nach; Glas splitterte und fiel klirrend nach draußen, während Vivian auf den schmalen Balkon hinausstolperte. Zwei der Angreifer waren jetzt dicht hinter ihr. Sie prallte gegen das schmale Ziergitter, sah aus den Augenwinkeln eine huschende Bewegung und duckte sich instinktiv. Der Mann prallte gegen sie, verlor das Gleichgewicht und schien einen Moment lang mit wild rudernden Armen in der Luft zu hängen, ehe ihn sein eigener Schwung über das Balkongitter riß. Er verschwand lautlos in der Tiefe.
Auch Vivian warf kurz einen Blick nach unten und wandte den Blick schaudernd wieder ab, als sie spürte, wie sich sofort alles vor ihren Augen zu drehen begann.
Sie hatte sich durch ihren Fluchtweg selbst in die Enge manövriert. Der zweite Angreifer war unter der Tür stehengeblieben und musterte sie drohend; hinter ihm drängten sich drei, vier weitere Männer.
Sie hatte nur noch eine Wahl, auch wenn sich alles in ihr sträubte. Neben dem Balkon verlief ein schmaler Sims, der rings um das gesamte Gebäude zu führen schien. Vivian schwang die Beine über das Balkongitter und tastete nach Halt. Eng gegen die Wand gepreßt, ließ sie mit klopfendem Herzen das Balkongitter los und schob sich hastig weiter. Dabei bemühte sie sich, nicht in die Tiefe zu sehen. Eisiger Wind schlug nach ihr, fuhr schmerzhaft durch ihr dünnes Ballkleid und schien ihre Glieder zu lahmen.
»Das ist vollkommen sinnlos, Missis Taylor«, sagte eine Stimme. Vivian drehte sich vorsichtig zu dem Sprecher um. Es handelte sich um Conelly. »Wirklich«, fuhr er fort. »Es ist sinnlos. Der Sims führt lediglich von einem Balkon zum nächsten. Es wäre besser, wenn Sie aufgeben würden.« Er lehnte fast gemütlich am Balkongitter und streckte auffordernd die Hand aus. Seine Fingerspitzen waren nur wenige Zentimeter von Vivians Schultern entfernt. »Kommen Sie zurück. Es ist sinnlos.«
Vivian spürte, wie ihre Kraft nachließ. Der Kampf hatte sie fast vollkommen erschöpft, und die Angst und die eisige Kälte schienen ihre Muskeln zu lahmen. Sie sah vorsichtig in die Tiefe. Der Boden befand sich vielleicht zehn Meter unter ihr - gepflegter, kurzgeschnittener Rasen, in dem Blumenbeete ein lustiges Muster zu bilden schienen. Ihr schwindelte, und sofort schloß sie wieder die Augen. Ihr Puls raste.
»Versuchen Sie es lieber nicht«, warnte Conelly. »Es sind fast zehn Meter. Selbst wenn Sie den Sturz überleben, würden meine Leute Sie unten erwarten. Sie würden sich nur unnötig Schmerzen bereiten.« Er winkte ungeduldig. »Also kommen Sie endlich.«
Vivian dachte nicht daran, sondern wich unwillkürlich noch weiter zurück. Sie überlegte krampfhaft, was sie tun könnte. Sie hatte etwa die Hälfte der Strecke zum nächsten Balkon zurückgelegt, aber bis sie ihn erreicht hätte, würden Conellys Leute längst dort sein. Dennoch mußte sie es versuchen.
Vorsichtig tastete sie sich weiter. Der Sims unter ihren Füßen war schmal und glitschig, und ihre hochhackigen Schuhe waren denkbar ungeeignet für Kletterpartien, doch sie konnte sich unmöglich bücken, um sie auszuziehen. Ihre Finger krallten sich in winzigen Vor Sprüngen und Rissen im Mauerwerk fest, während sie sich weitertastete. Ihr Blick glitt verzweifelt über die glatte Fassade. Eine der alten, knorrigen Eichen, mit denen der Park um die Villa bepflanzt war, schien ihr verlockend nahe zu sein. Seine Äste reichten bis auf wenige Meter an das Haus heran. Aber Vivian erkannte auch, daß sie viel zu dünn waren, um ihr Gewicht zu tragen, und wenngleich zwei oder drei Meter keine große Distanz darstellten, waren sie für einen Sprung aus dem Stand heraus zuviel.
Conelly runzelte unwillig die Stirn und sagte etwas zu seinen Begleitern, die hinter ihm standen. »Also schön, Sie haben es nicht anders gewollt«, rief er. »Letztlich ist es egal, wie Sie sterben. Ich hatte gehofft, vor Ihrem Tod noch etwas über Ihre Fähigkeiten zu erfahren, aber wahrscheinlich hätte ich es ohnehin nicht geschafft, Sie wieder in Melissa zu verwandeln. Vielleicht ist es am besten, wenn wir es gleich hier zu Ende bringen, statt noch ein Risiko einzugehen.«
Vivian beachtete ihn nicht. Zentimeter um Zentimeter schob sie sich weiter voran und blieb erst stehen, als auch auf dem Balkon vor ihr zwei der maskierten Gestalten auftauchten. Sie machten keinerlei Anstalten, sie zu erreichen, sondern blieben ruhig stehen und warteten auf sie.
Vivian wußte, daß sie sich nicht mehr lange würde halten können. Bislang hatte die Furcht vor Conelly und seinen unheimlichen Begleitern alle ihre anderen Gefühle überdeckt, aber je länger sie auf dem schmalen Sims stand und den Wind spürte, der wie mit unsichtbaren Händen an ihr zerrte, desto mehr machte ihr die Höhenangst zu schaffen. Sie brauchte gar nicht erst in die Tiefe zu sehen, das bloße Wissen um den Abgrund direkt vor ihren Füßen reichte bereits aus, alles in ihr erstarren zu lassen. Übelkeit stieg in an- und abschwellenden Wellen in ihr auf, und das Schwindelgefühl wurde immer stärker.
Gehetzt warf Vivian einen Blick zu dem Baum hinüber. Sie hatte das Gefühl, die Äste würden ihr höhnisch zuwinken. Möglicherweise würde es ihr doch gelingen, sie zu erreichen, und wenn die Zweige auch nicht kräftig genug waren, ihr Gewicht zu tragen, würden sie doch ihren Sturz ein wenig abfedern. Höchstwahrscheinlich machte sie sich selbst nur etwas vor, aber vielleicht hatte sie doch noch eine kleine Chance.
Vivian war fast entschlossen, den Sprung zu wagen, als auf dem Balkon vor ihr plötzlich Tumult entstand. Einige Männer, unter ihnen Jeremy Cramer, waren dort erschienen und lieferten sich mit den Maskierten ein Handgemenge. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis die Gestalten in den Echsenkostümen über die Brüstung in die Tiefe stürzten. Conelly brüllte zornig auf.
»Kommen Sie, Missis Taylor!« rief Cramer ihr zu und streckte ihr die Hand entgegen. »Schnell!«
Vivian zögerte kurz. Sie begriff nicht, was diese neue Wendung der Geschehnisse zu bedeuten hatte, aber in ihrer Situation konnte sie nicht besonders wählerisch sein. Vielleicht war alles nur ein weiterer Trick, dieses Risiko mußte sie eingehen. So schnell sie konnte, schob sie sich auf dem Sims weiter.
Zu schnell.
Ein lockerer Stein auf dem Sims brachte sie ins Straucheln. Verzweifelt versuchte sie, sich irgendwo festzuhalten, doch die Wand vor ihr war zu glatt. Wild mit den Armen rudernd verlor sie vollends das Gleichgewicht und kippte nach hinten.
Das letzte, was sie spürte, waren kräftige Finger, die sich wie ein Schraubstock um ihr Handgelenk schlossen und sie vorwärts rissen, dann tauchte plötzlich direkt vor ihr die Brüstung des Balkons auf, und direkt darauf löschte ein wuchtiger Schlag auf den Kopf ihr Bewußtsein aus.
Vivians Ohnmacht dauerte nicht besonders lange, doch als sie erwachte, befand sie sich nicht mehr in Conellys Haus, sondern im Fond einer großen Limousine. Zwei hünenhafte, breitschultrige Männer in eleganten Straßenanzügen saßen wie steinerne Statuen rechts und links neben ihr. Auch ihre Gesichter schienen aus Stein gemeißelt zu sein. Sie reagierten in keiner Form auf Vivians Aufwachen, verzogen nicht einmal eine Miene.
Der Wagen wurde von einem uniformierten Chauffeur gefahren. Neben ihm saß Cramer auf dem Beifahrer sitz. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte aus halb zusammengekniffenen Augen auf den vorüberfließenden nächtlichen Verkehr.
»Was ... haben Sie mit mir vor?« fragte Vivian. In ihrem Mund war ein bitterer Geschmack, und das Sprechen fiel ihr schwer. Eine ganze Kompanie boshafter Zwerge hatte offenbar ihren Kopf mit einem Bergwerk verwechselt und schien voller sadistischer Freude darin herumzuhämmern. Vorsichtig tastete Vivian über ihr Gesicht. Sie spürte eine dicke Beule, bei deren Berührung sofort eine neue Schmerzwelle durch ihren Körper fuhr. »Wo bringen Sie mich hin?«