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Später war ihm der Gedanke gekommen, daß das Schattenwesen von Felsen-Dall geschickt worden sein mochte, um ihn zu testen. Er hatte sich mit dieser Möglichkeit nicht lange aufgehalten. Es spielte keine Rolle. Der Stiehl machte ihn unbesiegbar.

Das Schicksal hatte ihm diese Waffe gegeben, dachte er. Er wußte nicht, wer den Stiehl hergestellt hatte, aber er war für ihn bestimmt. Er war zwölf Jahre alt gewesen, als er ihn fand, auf einer Reise mit einem Mann, der behauptete, sein Onkel zu sein – ein schroffer, verbitterter Trunkenbold mit der Neigung, alles, was kleiner und schwächer war als er, zu verprügeln –, auf einer Reise durch das Tiefland von Battlemound nach Norden in eine endlose Folge von Städten und Dörfern, die sie aufsuchten, damit der Onkel sein Diebesgut verhökern konnte. Sie kampierten in einem trostlosen, leeren Gestrüppgelände am Rande der Schwarzen Eichen, einem Grenzgebiet zwischen den Sirenen und den Waldwölfen, und der Onkel hatte ihn wieder einmal für irgendeine eingebildete Untat geschlagen und war mit der Flasche in der Hand eingeschlafen. Pe Ell machten die Prügel nichts mehr aus; er hatte sie ertragen, seit er mit vier Jahren zum Waisen geworden und von seinem Onkel aufgenommen worden war. Er erinnerte sich kaum mehr daran, wie es war, nicht mißhandelt zu werden. Was ihm etwas ausmachte, war die Art und Weise, wie der Onkel es in diesen Tagen tat – als wollte er mit jedem Schlag testen, wieviel der Junge aushalten konnte. Pe Ell hatte begonnen zu vermuten, daß die Grenze erreicht war.

Er ging in der einfallenden Dämmerung davon, um allein zu sein, schlenderte die leeren Hänge hinunter, trottete über trostlose Anhöhen und wartete, daß die Schmerzen von den Striemen und Beulen nachließen. Die Talmulde war nicht weit, nur ein paar hundert Meter entfernt, und die Höhle in ihrer Sohle zog ihn an wie ein Magnet. Er spürte ihre Existenz in einer Weise, die er nicht zu erklären vermochte, nicht einmal später. Verborgen unter Gestrüpp und halb unter lockerem Geröll begraben öffnete sich ein schwarzer, geheimnisvoller Schlund in der Erde. Pe Ell ging ohne zu zögern hinein. Selbst damals gab es nicht vieles, das ihm angst machte. Seine Augen waren immer ausgezeichnet gewesen, und ein Minimum an Licht reichte ihm, um seinen Weg zu finden.

Er drang in die Höhle ein bis zu der Stelle, wo die Knochen herumlagen – jahrhundertealte Menschenknochen, verstreut, als habe man sie auseinandergetreten. Der Stiehl lag dazwischen. Seine Klinge leuchtete silbern in der Dunkelheit, pulsierte vor Leben, und sein Name war in den Griff geritzt. Pe Ell hob ihn auf und fühlte seine Wärme. Ein Talisman aus einem anderen Zeitalter, eine Waffe von großer Kraft – er wußte augenblicklich, daß sie magisch war und daß ihr nichts widerstehen konnte.

Er zögerte nicht. Er verließ die Höhle, kehrte ins Lager zurück und schnitt seinem Onkel die Kehle durch. Vorher weckte er ihn, damit er wußte, wer ihn umbrachte. Sein Onkel war der erste Mensch, den er tötete.

Das alles lag schon lange zurück.

»Es gibt da ein Mädchen«, sagte Felsen-Dall plötzlich und schwieg wieder.

Pe Ells Blick schwenkte wieder zurück auf das grobknochige Gesicht des anderen, das sich vor der Nacht abzeichnete. Er sah die karmesinroten Augen leuchten.

Der Erste Sucher ließ seinen Atem zwischen den Lippen herauszischen. »Man sagt, sie verfüge über Magie, sie könne das Land verändern, indem sie es einfach berührt, sie vertreibe Befall und Krankheit und lasse ausgewachsene Blumen aus dem schlechtesten Boden sprießen. Man sagt, sie sei die Tochter des Königs vom Silberfluß.«

Pe Ell lächelte. »Und ist sie das?«

Felsen-Dall nickte. »Ja, sie ist das, was die Geschichten behaupten. Ich weiß nicht, mit welchem Auftrag sie geschickt worden ist. Sie reist ostwärts in Richtung Culhaven zu den Zwergen. Es sieht aus, als habe sie etwas Bestimmtes im Sinn. Ich will, daß du herausfindest, was das ist, und sie dann tötest.«

Pe Ell räkelte sich genüßlich und beeilte sich nicht mit seiner Antwort. »Warum bringst du sie nicht selber um?«

Felsen-Dall schüttelte den Kopf. »Nein. Die Tochter des Königs vom Silberfluß ist für uns tabu. Außerdem würde sie ein Schattenwesen sofort erkennen. Feengeschöpfe sind einander verwandt, und die Verwandtschaft vereitelt jede Tarnung. Es muß jemand anderes sein als einer von uns, jemand, der ihr nah genug kommen kann, jemand, den sie nicht verdächtigt.«

»Jemand.« Pe Ells schiefes Lächeln verhärtete sich. »Es gibt haufenweise Jemands, Dall. Schick einen anderen. Du hast ganze Armeen von blindlings gehorsamen Halsabschneidern, die nur zu glücklich wären, ein Mädchen zu beseitigen, das töricht genug ist, zu zeigen, daß sie über Magie verfügt. Dieses Geschäft interessiert mich nicht.«

»Bist du sicher, Pe Ell?«

Pe Ell seufzte innerlich. Jetzt geht das Feilschen los, dachte er. Er stand auf und lehnte seinen gertenschlanken Leib über den Tisch, so daß er das Gesicht des anderen klar sehen konnte. »Ich habe dich oft genug sagen gehört, wie sehr ich für dich wie ein Schattenwesen wirke. Wir sind uns sehr ähnlich, erzählst du mir. Wir üben Magie aus, gegen die es keinen Schutz gibt. Wir verfügen über Einsicht in den Sinn des Lebens, die anderen abgeht. Wir teilen gemeinsame Instinkte und Fähigkeiten. Wir riechen, schmecken und fühlen gleich. Wir sind zwei Seiten der gleichen Münze. Und so weiter und so fort. Abo dann, Dall, wenn das so ist und du nicht lügst, würde ich doch von diesem Mädchen genauso schnell wie du erkannt werden, oder? Daher hat es keinen Sinn, mich hinzuschicken.«

»Du mußt es tun.«

»Muß ich wirklich?«

»Deine Magie ist nicht angeboren. Sie ist getrennt und unabhängig von dir und von dem, was du bist. Selbst wenn das Mädchen sie spürt, weiß sie nicht, wer du bist. Sie wird die Gefahr, die du für sie bedeutest, nicht erkennen. Du wirst in der Lage sein, zu tun, was zu tun ist.«

Pe Ell zuckte mit den Achseln. »Wie gesagt, die Sache interessiert mich nicht.«

»Weil du meinst, sie bedeutet keine Herausforderung?«

Pe Ell schwieg und setzte sich langsam wieder hin. »Ja. Weil es keine Herausforderung ist.«

Felsen-Dall lehnte sich in seinem Stuhl zurück, und sein Gesicht verschmolz mit dem Schatten. »Dieses Mädchen ist nicht einfach ein Geschöpf aus Fleisch und Blut; sie wird nicht leicht zu überwältigen sein. Sie besitzt gewaltige Magie, und ihre Magie wird sie beschützen. Es braucht noch stärkere Magie, um sie zu töten. Gewöhnliche Menschen mit gewöhnlichen Waffen haben keine Chance. Meine Legionen von Halsabschneidern, wie du sie so verächtlich nennst, sind wertlos. Föderationssoldaten können sich ihr nähern, doch sie können ihr nichts anhaben. Schattenwesen können ihr noch nicht einmal nahe kommen. Und selbst wenn sie das könnten, nehme ich an, würde es keinen Unterschied machen. Verstehst du, was ich dir sage, Pe Ell?«

Pe Ell antwortete nicht. Er schloß die Augen und konnte fühlen, wie Felsen-Dall ihn anschaute.

»Dieses Mädchen ist gefährlich, Pe Ell, und um so gefährlicher, weil sie offensichtlich geschickt worden ist, um etwas von Bedeutung zu erreichen, und ich weiß nicht, was es ist. Ich muß es herausfinden, und ich muß es verhindern. Es wird beides nicht leicht zu erledigen sein. Es mag sogar deine Fähigkeiten übersteigen.«

Pe Ell neigte nachdenklich den Kopf. »Glaubst du das im Ernst?«