»Wir werden genug Mühe haben, uns selbst vor der Magie des Steinkönigs zu bewahren«, stimmte Horner Dees ihm zu.
Carisman hüpfte schon voraus, und Morgan fand sich plötzlich Walker Boh gegenüber, ohne eine Antwort geben zu können. Quickening war es, die statt dessen sprach. »Wenn du ihm dein Versprechen gegeben hast, Walker Boh, dann muß es gehalten werden.« Sie sagte allerdings nicht, wie.
Sie wandten sich von der Knochensenke ab und betraten die Kluft zwischen den beiden Bergen, die auf den Gezeitenstrom zuführte. Der Durchgang war schattig und im schwindenden Nachmittagslicht dunkel. Ein eisiger, scharfer Wind blies von den Klippen herunter und trieb sie wie die Hand eines Riesen erbarmungslos vor sich her. Die Sonne hatte sich dem westlichen Horizont genähert, gefangen in einem Wolkennetz, das ihr Licht goldrot färbte. Der Geruch von Salzwasser, Fisch und Seetang füllte scharf und beißend die Luft.
Morgan Leah schaute ein- oder zweimal hinter sich zu Walker Boh, noch immer erstaunt, wie es ihm gelungen war, den Koden davon abzuhalten, sie anzugreifen, sondern geradewegs auf ihn zuzugehen, wie er es getan hatte, ohne daß ihm etwas geschah. Er erinnerte sich an die Geschichten über den Dunklen Onkel, über den Mann, der er gewesen war, ehe der Asphinx ihn gebissen hatte und bevor Cogline und Ondit ums Leben gekommen waren. Über den Mann, der Par Ohmsford gelehrt hatte, sich nicht vor der Macht der Elfenmagie zu fürchten. Bis jetzt hatte er geglaubt, Walker Boh sei bei dem Schattenwesenüberfall auf Hearthstone verkrüppelt worden. Nachdenklich schürzte er die Lippen. Vielleicht hatte er sich geirrt. Und wenn er sich in Walker Bohs Fall geirrt hatte, warum dann nicht auch in seinem eigenen? Vielleicht konnte das Schwert von Leah wieder geheilt und seine eigene Magie wiederhergestellt werden? Vielleicht hatten sie alle eine Chance, wie Quickening gesagt hatte.
Der Hohlweg öffnete sich plötzlich vor ihnen, die Schatten, von denen sie umgeben waren, erhellten sich zu einem grauen, diesigen Licht, und sie lugten durch ein schmales Fenster in den Klippen. Unten dehnte sich der Gezeitenstrom ins Endlose, seine schaumgekrönten Wogen rollten gegen das Ufer. Die Gruppe ging weiter, wieder in den Schatten. Der Weg, dem sie folgten, fiel jetzt ab und schlängelte und wand sich durch die Felsen. Der Nebel und das Sprühwasser des Ozeans machten ihn glitschig und trügerisch. Die Wände spalteten sich wieder, diesmal zu zerklüfteten Steinsäulen, zwischen denen hindurch das Meer und der Himmel zu sehen waren. Unter ihren Füßen war der Fels locker, und es fühlte sich an, als sei alles nahe davor einzustürzen.
Dann machte der Weg eine Biegung und fiel so steil ab, daß sie gezwungen waren, sitzend hinunterzurutschen. Dann gelangten sie in einen engen Korridor, der sich bis zu einem Tunnel schlängelte. Sie mußte sich ducken, um hindurchzugehen, denn aus den Tunnelwänden ragten spitze Felszacken. Am anderen Ende gelangten sie auf einen Sims, der himmelwärts führte, entdeckten einen Pfad und kletterten hinauf, bis er vor einer Art Befestigungswall aus Steinquadern endete.
Sie standen am Rand des Walls und schauten nach unten. Morgan drehte sich der Magen um. Von der Stelle, auf der sie standen, fiel das Land steil zu einer schmalen Landenge ab, die ins Meer hinausragte. Mit der Landenge verbunden war eine Halbinsel, breit und ausgezackt an den Rändern, ganz und gar aus Klippen, an denen sich die Wellen des Gezeitenstroms ohne Unterlaß brachen. Oben auf den Klippen thronte eine Stadt aus hohen, steinernen Gebäuden. Die Bauwerke stammten nicht aus dieser Zeit, sondern aus der Alten Welt, aus dem Zeitalter, bevor die Großen Kriege die Ordnung der Dinge zerstörten und die neuen Rassen entstanden. Sie türmten sich hoch in den Himmel hinauf, glatt und symmetrisch, mit Reihen von Fenstern, die schwarz in das graue Licht gähnten. Alles stand eng beieinander, so daß die Stadt aussah wie ein Wald Steinobelisken, der aus dem Fels gewachsen war. Seevögel kreisten um die Gebäude, und ihre klagenden Schreie schallten durch das schwindende Licht.
»Eldwist«, verkündete Horner Dees.
Weit im Westen tauchte die Sonne ins Wasser des Ozeans, verlor ihre Helligkeit und ihre Farben mit dem Einbrechen der Nacht, das rotgoldene Licht verblaßte silbrig. Der Wind heulte hinter ihnen von den Klippen herunter in stetigem Crescendo, und es fühlte sich an, als würde selbst die Zinne, auf der sie standen, geschüttelt. Sie drängten sich gegen seine Wucht zusammen und beobachteten fasziniert, wie Eldwist mit dem Einbruch der Nacht schattenschwarz wurde. Der Wind heulte auch durch die Stadt, durch die Straßenschluchten, über die Klippen. Morgan schauderte bei dem Geräusch. Eldwist war leer und tot. Nur der Stein war da, hart und unnachgiebig, unwandelbar und fest.
Horner Dees rief durch das Brausen des Sturms nach ihnen, als er sich abwandte. Er führte sie zurück zu einer Stelle, wo Stufen in die Steilwand gehauen worden waren, die in die Stadt hinunterführten. Die Stufen liefen die Wand entlang, winkelten sich durch Spalten und Nischen und wanden sich immer tiefer in den Schatten. Die Nacht fiel ein, während sie hinunterstiegen, die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden, und Sterne blinkten am Himmel auf, der klar und wolkenlos war. Der Mond spiegelte sich auf dem Gezeitenstrom, und Morgan konnte die schroffen, hoch aufragenden Spitzen der Stadt sehen, die sich aus den Felsen erhoben. Nebel wehte in langen Schleiern um die Stadt, und Eldwist bekam ein unwirkliches Aussehen – als tauche es aus den Legenden auf. Die Seevögel flogen davon, ihre Schreie verklangen. Bald war nur noch das Dröhnen der Brecher zu hören, die gegen die Felsenküste rollten.
Am Fuß der Treppe fanden sie eine Nische in den Felsen. Horner Dees ließ sie anhalten. »Es hat keinen Sinn, daß wir weiterzugehen versuchen«, erklärte er mit müder Stimme. Der Wind erreichte sie hier nicht, so daß er mit normaler Lautstärke sprechen konnte. »Zu gefährlich während der Nacht. Dort unten ist ein Schleicher …«
»Ein Schleicher!« Morgan, der gerade etwas Gras und Gestrüpp untersucht hatte, das perfekt erhalten und versteinert war, schaute abrupt auf.
»Ja, Hochländer«, fuhr Dees fort. »Ein Ding, das nach Einbruch der Dunkelheit durch die Straßen fegt und alles einsammelt, das lebt …«
Ein Rumpeln im Erdinnern unterbrach seine Rede. Die Quelle dieses Rumpelns war Eldwist, und sie schauten sich hastig um. Die Stadt hob sich schwarz vor dem Nachthimmel ab, nur hier und da spiegelte sich Licht auf dem Stein. Sie wirkte größer und unnahbarer von hier unten, dachte Morgan, während er sie betrachtete. Noch unzugänglicher …
Etwas Riesiges tauchte aus den dunklen Winkeln auf, die er gerade betrachtete, etwas von so gewaltiger Größe, daß es für einen Augenblick die Illusion weckte, es sei sogar größer als die Bauwerke. Es erhob sich zwischen den Monolithen, als wäre es mit ihnen verwandt, massig und schwer, doch gleichzeitig lang und sehnig wie eine Schlange, als wären Steinblöcke für einen Moment flüssig geworden, um sich neu zu formen und zu gestalten. Dann klappten die Kiefer auf – Morgan konnte den gezackten Zahnkranz im Mondlicht aufblitzen sehen –, und sie hörten einen grauenerregenden Schrei wie ein ersticktes Husten. Die Erde bebte unter diesem Schrei, und die Mitglieder der Gruppe aus Rampling Steep kauerten sich schutzsuchend nieder – alle außer Quickening, die aufrecht stehen blieb, als sei sie allein stark genug, diesem Alptraum standzuhalten.
Eine Sekunde später war es verschwunden, versank so schnell und geschmeidig, wie es gekommen war, nur das Rumpeln seines Auftauchens hallte noch nach.
»Das war kein Schleicher«, flüsterte Morgan.
»Und vor zehn Jahren gab es das noch nicht«, flüsterte ein erblaßter Horner Dees zurück. »Darauf kann ich wetten.«
»Nein«, sagte Quickening und wandte ihnen nun ihr Gesicht zu. Ihre Gefährten kamen langsam wieder auf die Füße. »Es ist neu geboren«, sagte sie, »nicht einmal fünf Jahre alt. Es ist noch ein Baby.«