»Geh da rein!« rief der Dunkle Onkel und zeigte auf ein paar massive Steintore, die offen standen.
Dann schlug Walker Boh seinen Umhang zurück, und sein gesunder Arm kam zum Vorschein. Der Kratzer hatte ihn fast erreicht, als Walker den Arm senkte und ein weißes Feuer aufflammte. Morgan wich geblendet an die Mauer zurück. Er hörte einen schrillen Schrei und erkannte, daß er von dem Kratzer stammte. Sein Sehvermögen kehrte langsam zurück. Er sah die Kreatur wild mit den Metallarmen fuchteln und erhaschte einen Blick auf Carisman und Dees, die davonrannten. Dann wurde er hart gepackt und nach hinten in den offenen Toreingang gerissen.
Es war Pe Ell, der ihn hereingezerrt hatte. Quickening war schon dort. Das weiße Licht von Walkers Magie leuchtete draußen noch immer, und sie hörten, wie der Kratzer gegen das Gebäude schlug. Sein Angriff war so gewaltig, daß Steinsplitter in alle Richtungen spritzten. Walker kam in Sicht, Carisman und Dees rannten vor ihm her, benommen, aber befreit. Sie stolperten über den Boden, stürzten und sprangen sofort wieder auf, als der Kratzer die riesigen Steintüren aus den Angeln riß, die steinerne Einfassung auseinanderbrach und hereinstürmte.
Hinter ihnen führte eine breite Steintreppe nach oben, und sie rannten darauf zu. Der Kratzer kam hinterher. Er torkelte etwas. Wenn Walkers Magie auch nicht viel gebracht hatte, so hatte sie das Biest jedenfalls zeitweilig verwirrt. Es fuchtelte wild mit den Tentakeln nach seiner Beute. Die sechs rasten die Treppe hinauf. Wie ein Peitschenhieb flog ein Arm vor ihnen über die Treppe, doch Pe Ells seltsames Messer tauchte auf, schlug gegen den Arm und verletzte ihn. Der Arm zog sich zurück. Sie rasten hinauf, sprangen von einem Treppenabsatz zum nächsten, ohne sich umzuschauen.
Schließlich, zehn Stockwerke höher, brachte Walker sie zum Anhalten. Hinter ihnen war es still. Sie standen keuchend aneinandergedrängt und lauschten.
»Vielleicht hat er aufgegeben«, flüsterte Carisman voller Hoffnung.
»Nicht dieses Vieh«, widersprach Horner Dees, nach Atem ringend. »Der gibt nie auf. Ich habe gesehen, was er zu tun in der Lage ist.«
Pe Ell drängte sich vor. »Wenn du so viel darüber weißt, dann sag uns doch, was er hier tun kann!« spottete er.
Dees schüttelte heftig seinen bärenhaften Kopf. »Ich weiß es nicht. Beim letzten Mal sind wir nie bis in die Häuser gelangt.« Dann erschauderte er. »Teufel noch mal! Ich kann diese Arme noch immer fühlen, wie sie sich um mich geringelt haben!« Er warf einen Seitenblick auf Quickening. »Ich hätte mich niemals überreden lassen sollen, wieder herzukommen!«
»Psssst!« Walker Boh stand mit leicht geneigtem Kopf auf dem obersten Treppenabsatz. »Da ist irgendwas …«, setzte er an und hielt inne.
Pe Ell war augenblicklich neben ihm und beugte sich über das Treppengeländer. »Draußen ist er!« knurrte er und schnellte herum.
Das einst verglaste Gitterwerk zerbarst, und der Kratzer brach hindurch. Morgan war entsetzt. Während sie im Treppenhaus nach ihm Ausschau gehalten hatten, war er an der Fassade heraufgeklettert!
Zum zweiten Mal erwischte er sie beinahe. Tentakel peitschten über den engen Treppenabsatz und warfen sie fast alle um, doch Pe Ell war zu schnell. Sein seltsames Messer materialisierte sich in seiner Hand und zerschlitzte den nächstgelegenen Fangarm. Der Kratzer zuckte zurück und wollte sich auf ihn stürzen, aber das Manöver hatte Walker Boh Zeit zum Handeln gegeben. Er hatte eine Handvoll von Coglines schwarzem Pulver hervorgeholt und schleuderte es dem Biest entgegen. Es explodierte zu Feuer.
Die Gruppe jagte weiter die Treppen hinauf – eine Etage, zwei, drei. Hinter ihnen schlug der Kratzer gegen die Flammen an. Dann wurde es still. Er war nicht mehr zu hören, aber sie wußten alle, wo er war. Im ganzen Treppenhaus waren auf jeder Etage Öffnungen, wo im Laufe der Zeit die Fenster herausgefallen waren. Der Kratzer konnte durch irgendeines hindurch wieder angreifen. Er würde sie weiterhin verfolgen, und früher oder später würde er sie erwischen.
»Wir müssen ihm standhalten und kämpfen!« brüllte Morgan den anderen zu und zog sein Breitschwert.
»Wenn wir das tun, werden wir alle sterben, Hochländer!« brüllte Horner Dees zurück. Da unterbrach Pe Ell, sprang vor und schaute sie an. »Die Treppen runter mit euch! Sofort! Bleibt zusammen und ich sorg dafür, daß ihr heil rauskommt!«
Niemand widersprach, nicht einmal Walker. Sie hasteten die Treppen wieder hinunter, zwei oder drei Stufen auf einmal nehmend, und hielten ein Auge auf die Fensteröffnungen auf jeder Etage. Zwei Stockwerke tiefer erhaschten sie einen Blick auf den Kratzer, der sich gerade an dem Fenstersims hochzog. Tentakel schnellten hervor, ohne sie zu erreichen. Während sie nach unten stürmten, hörten sie, wie sich das gewaltige Biest vom Stein abstieß und hinter ihnen herkam.
Noch drei Etagen tiefer, noch immer hoch über dem Erdgeschoß, ließ Pe Ell sie wieder anhalten. »Hier! Hier ist es!« Er trieb sie einen langen Flur mit hoher Decke entlang. Hinter ihnen erreichte der Kratzer den Treppenabsatz und setzte schnell watschelnd die Verfolgung fort. Das Geschöpf schien länger zu werden und seine Körperform zu verändern, um sich den baulichen Gegebenheiten besser anzupassen, während es sich näherte. Morgan war außer sich vor Entsetzen. Dieser Schleicher konnte sich jeder Situation anpassen. Enge Durchgänge oder hohe Fassaden reichten nicht, um ihn aufzuhalten.
Der Flur endete in einen überdachten Laufsteg, der zu einem Nachbargebäude führte. »Macht, daß ihr so schnell wie möglich rüberkommt!« fauchte Pe Ell sie an.
Sie taten wie geheißen, doch der Hochländer hielt ein Entkommen auf diesem Wege für ausgeschlossen. So eng dieser Durchgang auch sein mochte, den Kratzer würde das nicht hindern.
Er gelangte ans andere Ende und drehte sich um. Pe Ell kniete am vorderen Ende des Durchgangs, wo es mit dem Gebäude verbunden war, und sägte mit seinem seltsamen Messer an der steinernen Verankerung. Morgan starrte ihn fassungslos an. Hatte Pe Ell den Verstand verloren? Glaubte er tatsächlich, sein Messer – irgendein Messer – könnte den Stein zerschneiden? Der Kratzer hatte ihn fast erreicht, als Pe Ell wieder aufsprang und mit der Behendigkeit einer Katze über den Laufsteg rannte. Er war bei ihnen angelangt, als der Kratzer ins Blickfeld kam und sich inzwischen schlangengleich durch die enge Tunnelöffnung zwängte.
Und dann geschah das Unmögliche. Die Verankerung, an der Pe Ell herumgesägt hatte, knackte und brach durch. Der ganze Laufsteg kippte nach unten, blieb einen Moment so hängen und stürzte dann unter dem Gewicht des Kratzers in die Tiefe. Er krachte auf die Straße und zersplitterte in tausend Stücke. Staub und Gesteinsbrocken wirbelten auf und vermischten sich mit dem Nebel und der Nacht.
Die sechs aus Rampling Steep starrten nach unten und warteten. Dann hörten sie etwas – ein Knirschen, das Geräusch von Metall, das über Stein kratzt.
»Er ist nicht tot!« flüsterte Dees voller Entsetzen.
Hastig zogen sie sich von der Öffnung zurück, schlüpften eine andere Treppe hinunter ins Erdgeschoß, verließen das Gebäude durch eine Tür am anderen Ende und gelangten auf die Straße. Pe Ell und Walker gingen voran. Sie konnten hören, daß der Schleicher die Suche nach ihnen wieder aufgenommen hatte.
Fünf Blocks weiter gelangten sie an das Bauwerk, das Walker Boh gesucht hatte, einen gedrungenen, praktisch fensterlosen Bunker. Sie traten ein, wobei sie sich ängstlich umdrehten und schauten, wo sie waren. Es war tatsächlich wie ein Kaninchenbau, ein Labyrinth aus Zimmern und Fluren mit mehreren Treppenhäusern und einem halben Dutzend Eingängen. Sie gingen ins vierte Geschoß hinauf und ließen sich in einem zentralen Raum weit von den Fenstern entfernt nieder.
Die Minuten verstrichen, und der Kratzer erschien nicht. Eine Stunde verstrich. Sie aßen ein kaltes Mahl und lehnten sich zurück. Keiner schlief.