Am nächsten Morgen verkündete Pe Ell, der seit ihrer Flucht aus den Tunneln in eine so finstere Laune verfallen war, daß keiner sich ihm zu nähern wagte, er mache sich alleine auf.
»Wir sind zu viele, die da rumstolpern, um je irgendwas zu finden«, erklärte er mit ruhiger, ausdrucksloser Stimme und undurchdringlichem Gesicht. Er sprach zu Quickening, so als zähle nur sie. »Falls es tatsächlich einen Steinkönig gibt, dann weiß er inzwischen, daß wir hier sind. Es ist seine Stadt; wenn er will, kann er sich unauffindbar verstecken. Der einzige Weg, ihn zu finden, ist, indem man ihn erwischt, wenn er nicht damit rechnet, sich anschleicht und ihn überrascht. Das ist ausgeschlossen, wenn wir weiterhin wie eine Hundemeute hinter ihm herjagen.«
Morgan setzte zum Widerspruch an, doch Walkers Finger schlossen sich mit eisernem Griff um seinen Arm.
Pe Ell schaute um sich. »Ihr könnt meinetwegen weiter rumpoltern, wenn ihr wollt. Aber ohne mich. Ich habe genug Zeit mit eurer Herde verbracht. Ich hätte von Anfang an alleine losziehen sollen, dann wäre diese Angelegenheit längst erledigt.« Er wandte sich wieder zu Quickening. »Wenn ich Uhl Belk und den schwarzen Elfenstein gefunden habe, komme ich dich holen.« Er hielt inne und schaute ihr fest in die Augen. »Falls du noch am Leben bist.«
Er stolzierte verächtlich an ihnen vorbei und verschwand. Seine Stiefel hallten dumpf aus dem Treppenhaus, dann wurde es still.
Horner Dees spuckte aus. »Den sind wir los«, murmelte er.
»Aber er hat recht«, sagte Walker Boh, und alle drehten sich zu ihm um. »In einem Punkt zumindest. Wir müssen uns in Gruppen aufteilen, wenn diese Suche Erfolg haben soll. Die Stadt ist zu groß, und wir sind zu leicht zu umgehen, wenn wir zusammenbleiben.«
»Also zwei Gruppen«, stimmte Dees zu und nickte. »Niemand darf allein losziehen.«
»Pe Ell schien sich nicht zu scheuen, allein loszugehen«, bemerkte Morgan.
»Der ist wie ein Raubtier, daran besteht kein Zweifel«, erwiderte Dees. Er sah Quickening nachdenklich an. »Was hältst du davon, Mädchen? Hat er irgendeine Chance, Belk und den Elfenstein allein zu finden?«
Aber Quickening sagte nur: »Er wird wiederkommen.«
Sie setzten sich hin, um eine Strategie auszuhecken, um die Stadt von einem Ende bis zum anderen methodisch abzusuchen. Von ihrem Unterschlupf aus erstreckte sich Eldwist vor allem nach Norden, also wurde beschlossen, die Stadt in zwei Hälften zu teilen, und daß eine Gruppe den Osten, die andere den Westen übernehmen sollte. Die Suche sollte sich auf die Häuser und die Straßen konzentrieren, nicht die Tunnel. Wenn sie überirdisch nichts fänden, würden sie weitersehen.
»Pe Ell mag sich irren, wenn er sagt, daß der Steinkönig längst wissen muß, daß wir hier sind«, sagte Quickening zum Abschluß. Sie hob ihre schlanken Finger mit der Behendigkeit eines Vogels. »Wir sind in seinen Augen unbedeutend, und er hat uns vielleicht nicht einmal bemerkt. Dafür hat er den Kratzer. Und ansonsten füllt der Malmschlund seine Zeit.«
»Wie verteilen wir uns?« fragte Carisman.
»Du kommst mit mir«, antwortete Quickening sofort, »und Walker Boh.«
Morgan war überrascht. Er hatte erwartet, daß sie ihn wählen würde. Seine Enttäuschung traf ihn tief. Er setzte an, um ihrer Entscheidung zu widersprechen, doch ihre schwarzen Augen fixierten ihn mit solcher Eindringlichkeit, daß er sofort verstummte. Welche Gründe sie auch immer für ihre Entscheidung hatte, sie wollte sie nicht in Frage gestellt sehen.
»Damit bleiben wir zwei übrig, Hochländer«, brummte Horner Dees und schlug Morgan mit seiner schweren Hand auf die Schulter. »Meinst du, wir können Pe Ell enttäuschen und mit heiler Haut davonkommen?«
Sein unerwartetes Lachen war so ansteckend, daß Morgan lächeln mußte. »Wetten, daß?« gab er zurück.
Sie sammelten ihre Habe zusammen und gingen auf die Straße hinunter. Es war düster und nebelig zwischen den Gebäuden, dicke Wolken hingen tief am Himmel. Die Luft war feucht und frostig, und ihr Atem bildete weiße Fahnen. Sie wünschten einander Glück und gingen in verschiedene Richtungen davon, Morgan und Dees nach Westen, Quickening, Walker und Carisman nach Osten.
»Paß auf dich auf, Morgan«, flüsterte Quickening. Ihr edles Gesicht lag halb im Schatten unter ihrer Silbermähne. Sie berührte ihn sanft an der Schulter und eilte dann hinter Walker Boh her.
»Wir gehen auf die Jagd, tralali, tralala!« sang Carisman fröhlich, als sie verschwanden.
Es begann zu nieseln. Morgan und Horner Dees stapften mit gesenkten Köpfen, die Umhänge fest um die Schultern gezogen, voran. Sie hatten sich darauf geeinigt, der Straße bis zum Ende zu folgen, bis zum Stadtrand, und dann der Küste entlang nach Norden zu gehen. Im Stadtkern war wenig genug zu finden gewesen, vielleicht gab es weiter draußen etwas – insbesondere, wenn die Magie des Steinkönigs gegen Wasser nichts ausrichten konnte. Sie hielten sich auf den Gehsteigen und prüften aufmerksam die finsteren Schluchten der Seitenstraßen, die sie überquerten. Regenwasser sammelte sich auf der steinernen Haut der Stadt in dunkel schimmernden Pfützen und Rinnsalen. Seevögel warteten in Spalten und Nischen den Regen ab. In den Schatten rührte sich nichts.
Im Laufe des frühen Vormittags erreichten sie den Gezeitenstrom, das Land endete mit Klippen, die tief ins Meer abfielen. Felsbrocken ragten aus den schäumenden Wellen, erodiert und zerklüftet. Wogen brachen sich an den Klippen, ihr Tosen mischte sich mit dem Heulen des Sturms. Morgan und Dees zogen sich wieder in den Schutz der äußeren Bauwerke zurück. Regen und Sprühwasser hatten sie schnell durchweicht, und sie schlotterten unter ihren nassen Kleidern. Zwei Stunden lang folgten sie der westlichen Stadtgrenze, ohne etwas zu finden. Gegen Mittag, als sie anhielten, um etwas zu essen, waren sie mürrisch und erschöpft.
»Hier draußen gibt’s nichts, Hochländer«, bemerkte Dees, während er auf einem Stück getrockneten Rindfleischs kaute – seinem letzten Stück. »Nur das Meer und den Wind und diese verfluchten Vögel, die schreien und rufen wie verrückte Weiber.«
Morgan nickte, ohne zu antworten. Er fragte sich, ob er imstande wäre, einen dieser Seevögel zu essen, wenn es sein mußte. Ihre Nahrungsreserven waren fast aufgebraucht. Bald wären sie gezwungen zu jagen. Was außer den Vögeln gab es denn? Fisch, entschied er. Die Vögel sahen zu mager und zäh aus.
»Vermißt du das Hochland?« fragte Dees ihn plötzlich.
»Manchmal.« Er dachte an seine Heimat. »Immerzu.«
»Ich auch, und ich habe es seit Jahren nicht mehr gesehen. Es ist das schönste Stück Arbeit, das die Natur je hervorgebracht hat. Ich mochte, wie ich mich dort fühlte, wenn ich dort war.«
»Carisman sagte, auch er sei gern dort gewesen. Er sagte, er liebte die Stille dort.«
»Die Stille. Ja, ich erinnere mich, wie friedlich es auf jenen Hügeln ist.« Sie hatten Schutz in einem dämmrigen Hauseingang gefunden. Der große Mann rückte von einer wachsenden Pfütze ab, wo das Wasser, das an den Wänden herunterrieselte, sich auf den Stufen sammelte, während sie mit dem Rücken an der Wand saßen und in den Regen hinausschauten.
Er beugte sich vor. »Ich will dir was sagen«, meinte er leise. »Ich kenne diesen Kerl, diesen Pe Ell.«
Morgan schaute ihn neugierig an. »Woher?«
»Von früher. Lange her. Fast zwanzig Jahre. Er war fast noch ein Kind damals; ich war schon alt.« Dees kicherte. »Und was für ein Kind. Schon damals ein Killer. Von Anfang an ein Mörder – als sei er dazu geboren und könne nie etwas anderes sein.« Er schüttelte sein ergrautes Haupt. »Ich kannte ihn. Ich wußte, daß es gefährlich war, ihm in die Quere zu kommen.«
»Und bist du das?«
»Ihm in die Quere gekommen? Ich? Nein, nicht ich. Ich weiß sehr genau, wem ich mich stelle und wem ich aus dem Weg gehe. Hab’ ich immer gewußt. Darum bin ich noch am Leben. Pe Ell gehört zu der Sorte, die, wenn sie dich mal auf dem Kieker haben, nicht nachlassen, bis du tot bist. Er läßt einfach nicht locker.« Er zeigte auf Morgan. »Eins solltest du begreifen. Ich weiß nicht, was er hier tut. Ich weiß nicht, warum das Mädchen ihn mitgenommen hat. Aber er ist für keinen von euch ein Freund. Weißt du, was er ist? Er ist ein Mörder der Föderation. Ihr bester übrigens. Er ist Felsen-Dalls Liebling.«