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Morgan erstarrte. Alles Blut wich aus seinem Gesicht. »Das kann doch nicht wahr sein!«

»Kann und ist«, sagte Dees nachdrücklich, »es sei denn, es hat sich was geändert, und das bezweifle ich.«

Morgan schüttelte ungläubig den Kopf. »Woher weißt du das alles, Horner Dees?«

Horner Dees grinste ein breites, hämisches Grinsen. »Seltsame Sache das. Ich erinnere mich an ihn, auch wenn er sich nicht mehr an mich erinnert. Ich kann es in seinen Augen lesen. Er versucht zu erfahren, was es ist, das ich weiß und er nicht. Hast du nicht bemerkt, wie er mich mustert? Versucht, es rauszufinden. Ist zu lange her, nehme ich an. Er hat zu viele Menschen ermordet, hat zu viele Gesichter in seiner Vergangenheit, um sich an alle erinnern zu können. Ich habe nicht so viele Gespenster, über die ich mich sorgen muß.« Er machte eine Pause. »Die Wahrheit ist, Hochländer, daß ich selbst einer von ihnen war.«

»Einer von ihnen?« fragte Morgan leise.

Der andere stieß ein scharfes Lachen aus, das wie ein Bellen klang. »Ich war bei der Föderation! Ich habe für sie spioniert!«

Im gleichen Moment schlug Morgan Leahs Bild von Horner Dees um. Der große, bärenhafte Kerl war nicht länger ein mürrischer, alter Fährtensucher, dessen beste Zeiten hinter ihm lagen; er war nicht einmal mehr ein Freund. Morgan wich zurück und erkannte dann, daß es keine Fluchtmöglichkeit gab. Er faßte nach seinem Breitschwert.

»Hochländer!« fauchte Dees und ließ ihn erstarren. Der große Mann ballte eine Faust und entspannte sich wieder. »Wie gesagt, das ist lange her. Ich bin schon seit zwanzig Jahren nicht mehr dabei. Setz dich ruhig wieder hin. Von mir hast du nichts zu befürchten.«

Er legte die Hände mit den Handflächen nach oben auf den Schoß. »So jedenfalls habe ich das Hochland kennengelernt, ob du’s glaubst oder nicht – im Dienst der Föderation. Ich war Zwergenrebellen auf der Spur, beim Regenbogensee und beim Silberflußland. Hab’ nicht viel gefunden. Zwerge sind wie Füchse; sie verschwinden im Nu, wenn sie wissen, daß man sie jagt.« Er lächelte in unerwarteter Weise. »Hab´ mich auch nicht besonders angestrengt. War ein sinnloses Unterfangen.«

Morgan ließ den Griff seines Breitschwerts los und setzte sich wieder hin.

»Jedenfalls war ich lange genug dabei, um herauszufinden, wer Pe Ell ist«, fuhr der andere fort. Sein Blick war jetzt sorgenvoll in die Ferne gerichtet. »Damals wußte ich so ziemlich alles, was vorging. Felsen-Dall wollte mich zum Sucher machen. Kannst du dir das vorstellen? Mich? Ich hielt diesen Wolfschädelkram für Kokolores. Aber ich erfuhr von Pe Ell, während Dall mich bearbeitete. Sah ihn einmal kommen und gehen, ohne daß er es wußte. Dall sorgte dafür, daß ich es sah, denn er liebte es, einen mit Pe Ell zu beeindrucken. Es war so was wie ein Spiel zwischen den beiden, jeder versuchte, den anderen vorzuführen. Wie auch immer, ich sah ihn und hörte, was er tat. Und ein paar andere hörten auch Sachen über ihn. Jeder wußte sich von ihm fernzuhalten.«

Er seufzte. »Nicht lange danach hab’ ich mich von dem Haufen abgesetzt. Bin abgehauen, als es niemand sah, ging durch das Ostland nach Norden und wanderte herum, bis ich nach Rampling Steep kam und beschloß, dort zu leben. Fern von dem Wahnsinn im Süden, der Föderation, den Suchern, allem.«

»Allem?« wiederholte Morgan zweifelnd. »Sogar den Schattenwesen?«

Dees blinzelte. »Was weißt du über die Schattenwesen, Morgan Leah?«

Morgan lehnte sich vor. Der Wind hatte Nebel in Homers Gesicht geblasen, das feucht glänzte. Wassertropfen hingen in seinem Haar und seinem Bart. »Eins will ich vorher von dir wissen: Warum erzählst du mir das alles?«

Horner Dees Lächeln war ungewöhnlich freundlich. »Weil ich will, daß du über Pe Ell unterrichtet bist, und das kannst du nur sein, wenn du über mich Bescheid weißt. Ich mag dich, Hochländer. Du erinnerst mich ein bißchen an mich selbst, als ich dein Alter hatte – unbekümmert und dickköpfig und furchtlos. Ich will nicht, daß es Geheimnisse über mich gibt, die auf die falsche Weise ans Tageslicht kommen. Zum Beispiel, wenn Pe Ell sich erinnern sollte, wer ich bin. Ich möchte dich als Freund und Verbündeten haben. Ich traue sonst keinem der anderen.«

Morgan musterte ihn eine Weile wortlos. »Mit einem anderen würdest du vielleicht besser fahren.«

»Darauf laß’ ich’s ankommen. Nun, wie ist das also? Ich habe deine Frage beantwortet. Jetzt sag du mir, wie du von den Schattenwesen erfahren hast.«

Morgan zog die Knie vor die Brust und legte die Arme darum, während er nachdachte. »Mein bester Freund«, sagte er schließlich, »war ein Zwerg namens Steff. Er gehörte zum Widerstand. Die Frau, die er liebte, war ein Schattenwesen, und sie brachte ihn um. Dann habe ich sie getötet.«

Hornes Dees zog seine Brauen fragend in die Höhe. »Ich meinte verstanden zu haben, daß nur Magie diese Wesen töten kann.«

Morgan bückte sich und zog das zersplitterte Ende des Schwerts von Leah hervor. »In diesem Schwert war einst Magie«, erläuterte er. »Allanon selbst hat sie hineingegeben – vor dreihundert Jahren. Ich zerbrach es im Kampf mit den Schattenwesen in Tyrsis, bevor das alles losging. Dennoch war noch genug Magie übrig, um Steff zu rächen und mich selbst zu retten.« Er prüfte die Klinge nachdenklich, steckte sie in die Scheide zurück und wartete vergeblich, seine Wärme zu fühlen, dann schaute er Dees wieder an. »Vielleicht ist noch immer ein wenig davon da. Wie auch immer, das ist der Grund, warum Quickening mich mitgenommen hat. Dieses Schwert. Sie sagte, es bestünde eine Chance, daß es wiederhergestellt werde.«

Homers Dees runzelte die Stirn. »Wirst du es dann gegen Belk einsetzen?«

»Keine Ahnung«, gab Morgan zu. »Ich weiß nichts, als daß es wieder heilgemacht werden kann.« Er schob das Schwert wieder unter seine Kleider. »Versprechungen«, sagte er und seufzte.

»Sie scheint zu jenen zu gehören, die ihre Versprechen halten«, bemerkte der Alte nach einigem Nachdenken. »Magie, um Magie zu finden. Magie, um andere Magie zu übertrumpfen. Wir gegen den Steinkönig.« Er schüttelte den Kopf. »Das ist mir zu kompliziert. Sorg nur dafür, daß du an das denkst, was ich dir über Pe Ell gesagt habe. Du darfst ihm nicht den Rücken kehren. Und du darfst genausowenig gegen ihn vorgehen. Überlaß das mir.«

»Dir?« rief Morgan überrascht aus.

»Genau. Mir. Oder Walker Boh. Einarmig oder nicht, er ist Pe Ell gewachsen, oder ich habe ihn völlig fehleingeschätzt. Du konzentrierst dich darauf, dafür zu sorgen, daß dem Mädchen nichts passiert.« Er machte eine Pause. »Das dürfte dir nicht schwerfallen, wenn man bedenkt, was ihr füreinander empfindet.«

Morgan errötete gegen seinen Willen. »Ich bin es vor allem, der etwas empfindet«, murmelte er verlegen.

»Sie ist das hübscheste Ding, das ich je gesehen habe«, sagte der alte Mann und lächelte über Morgans Verlegenheit. »Ich weiß nicht, was sie ist, Mensch oder Elementarwesen oder was, aber sie kann dich glatt vom Sockel zaubern. Wenn sie dich anschaut mit ihrem sanften Gesicht, und wenn sie so redet, wie sie das tut, dann bist du bereit, alles für sie zu tun. Ich kann ein Lied davon singen. Ich wollte nie wieder hierherkommen, und hier bin ich. Sie hat uns allesamt um den Finger gewickelt.«

Morgan nickte. »Sogar Pe Ell. Er ist ebenso in ihrem Bann wie wir alle.«

Doch Dees schüttelte den Kopf. »Ich bin mir nicht so sicher, Hochländer. Schau bei der nächsten Gelegenheit mal ganz genau hin. Er ist in ihrem Bann und ist es auch nicht. Mit dem da geht sie haarscharf bis an die Grenze. Er kann sich so schnell umdrehen wie eine Katze. Darum sag’ ich dir, du sollst auf sie aufpassen. Denk daran, was er ist. Er ist nicht hier, um uns irgendeinen Gefallen zu tun. Er ist um seiner selbst willen hier. Früher oder später wird er rückfällig werden.«