Dann verlangsamten sie ihre Schritte, schauten sich um und lauschten. Nichts. Das Geschrei und Gelächter der nächstgelegenen Bierhäuser übertönte, was dahinter lag. Sie sahen kein Zeichen von Feuer. Und keine Anzeichen einer Verfolgung.
Nebeneinander wanderten Wren und Garth die Straße, auf der sie gekommen waren, zurück, ruhig und ohne Hast schlenderten sie zwischen den Nachtschwärmern durch die Hitze und die Finsternis.
»Wir gehen nach Süden zur Blauen Spalte«, verkündete Wren in der Fingersprache, als sie den Stadtrand erreichten.
Garth nickte ohne Kommentar.
Dann verschwanden sie in der Nacht.
23
Nachdem Walker Boh, Quickening und Carisman sich von Morgan und Horner Dees getrennt hatten, legten sie nur ein kurzes Stück ostwärts durch die dunklen Straßen von Eldwist zurück und machten Halt. Walker und das Mädchen schauten einander an. Keiner hatte etwas über anhalten gesagt; es war, als hätten sie gegenseitig ihre Gedanken gelesen. Carisman schaute verwirrt von einem zum anderen.
»Du weißt, wo sich der Steinkönig verbirgt«, sagte Quickening. Sie ließ es wie eine Feststellung von Tatsachen klingen.
»Ich glaube ja«, erwiderte Walker. Er starrte in die unergründlichen schwarzen Augen und wunderte sich über die Zuversicht, die er darin fand. »Hast du das geahnt, als du beschlossen hast, mit mir zu kommen?«
Sie nickte. »Wenn er gefunden wird, muß ich dabeisein.«
Sie gab keine Erklärungen ihrer Gründe, und Walker fragte nicht danach. Er schaute in die Ferne, versuchte vergeblich, die Dunkelheit zu durchdringen, jenseits von Nebel und Finsternis etwas von dem zu finden, was von ihm erwartet wurde. Aber dort war natürlich nichts zu finden. Die Antworten auf seine Fragen lagen irgendwo in seinem Inneren.
»Ich glaube, der Steinkönig versteckt sich unter der Kuppel«, sagte er leise. »Ich hatte den Verdacht schon, als wir vor ein paar Tagen dort waren. Es scheint keinen Zugang zu geben, doch als ich den Stein berührte und an den Mauern entlangging, fühlte ich Leben. Da war etwas, das ich nicht erklären konnte. Und dann gestern, als wir in jener unterirdischen Höhle festsaßen, fühlte ich es wieder – nur daß es diesmal über uns war. Als wir aus den Tunneln auftauchten, habe ich kurz ein paar Berechnungen angestellt. Die Kuppel steht direkt über jenen Höhlen.«
Er verstummte für einen Augenblick und sah sich um. »Die Stadt Eldwist ist das Werk ihres Schöpfers. Uhl Belk hat diese Stadt der Alten Welt zu seiner eigenen gemacht, alles, was nicht schon aus Stein war, zu Stein verwandelt und seine Domäne symmetrisch ausgebreitet, soweit das Land es erlaubt. Die Kuppel steht genau in der Mitte, die Nabe eines Rades aus Straßen und Häusern, Mauern und Ruinen.«
Sein bleiches Gesicht wandte sich ihr zu. »Uhl Belk ist dort.«
Er konnte förmlich sehen, wie ihre Augen lebhaft aufleuchteten. »Dann müssen wir ihn besuchen gehen«, sagte sie.
Sie machten sich wieder auf, folgten dem Gehsteig bis zum Ende des Häuserblocks und bogen dann scharf nach Norden. Walker ging voran, hielt sich sorgfältig von den Straßen fern und blieb nahe der Hausmauern, außerhalb der freien Flächen und fern der Falltüren. Weder er noch Quickening sagten etwas; Carisman summte leise vor sich hin. Sie prüften die Düsternis wie Habichte, lauschten auf unbekannte Geräusche und witterten wachsam in die feuchte, abgestandene Luft. Ein kurzer Regenguß überraschte sie und hinterließ sie mit triefenden Umhängen und Kapuzen und eiskalten Füßen in ihren nassen Stiefeln.
Walker Boh dachte an zu Hause. Er hatte das in letzter Zeit immer häufiger getan, getrieben von dem ständigen, unnachgiebigen Druck, eingeengt zu sein von dem Stein und der Düsterkeit der Stadt, auf der Suche nach etwas, das einst erfreulich und heilsam gewesen war. Eine Zeitlang hatte er alle Gedanken an Hearthstone zu verbannen versucht; die Erinnerungen daran verletzten ihn wie zerbrochenes Glas. Die Hütte, die er zu seinem Heim erkoren hatte, war im Kampf mit den Schattenwesen niedergebrannt. Cogline und Ondit hatten dort ihr Leben gelassen. Er war selbst haarscharf am Tod vorbeigekommen, und es hatte ihn seinen Arm gekostet. Er hatte sich einst für unverwundbar durch Übergriffe von der Außenwelt gehalten. Er war eitel und dumm genug gewesen, zu prahlen, daß das, was außerhalb von Hearthstone lag, keine Gefahr für ihn darstellte. Er hatte die Träume, die Allanon ihm aus der Geisterwelt gesandt hatte, abgewehrt, die drängenden Bitten um seine Hilfe, die Par Ohmsford an ihn gerichtet hatte, und schließlich auch den Auftrag, auf die Suche nach Paranor und den Druiden zu gehen. Er hatte sich hinter eingebildeten Mauern verschanzt und sich in Sicherheit geglaubt. Als jene Mauern einzustürzen begannen, hatte er herausgefunden, daß sie nicht ersetzt werden konnten, daß die Dinge, die er für gesichert gehalten hatte, verloren waren.
Doch es gab auch ältere Erinnerungen an Hearthstone, die die jüngeren Tragödien überdauerten. Da waren alle jene Jahre, als er in Frieden in dem Tal gelebt hatte, die Zeiten, als die Außenwelt nicht eingriff und er Zeit für alles hatte. Da waren der Duft der Blumen, der Bäume, der frischen Quellen, das Zwitschern der Vögel im Frühling, das Summen der Insekten im Sommer, das Aroma der Dämmerung an einem klaren Herbsttag; das Gefühl von friedvoller Heiterkeit bei jedem Sonnenuntergang und dem Hereinbrechen der Nacht. Er konnte jenseits der Ereignisse der letzten Wochen Frieden in diesen Erinnerungen finden. Er tat es jetzt, denn sie waren alles, was ihm blieb.
Doch auch seine stärksten Erinnerungen boten ihm nur zeitweilige Zuflucht. Die herben Unvermeidlichkeiten der Gegenwart drängten sich ihm auf und ließen sich nicht verbannen. Für kurze Momente konnte er in die Vergangenheit fliehen, in die Welt, die ihn eine Weile geborgen hatte, ehe die Flut der Ereignisse, die er in törichter Weise zu ignorieren versucht hatte, ihn fortspülte. Flucht mochte das Gemüt stärken und besänftigen, doch nur vorübergehend. Seine Gedanken schlüpften fort aus den Erinnerungen, und er mußte erkennen, daß die Vergangenheit für immer unwiederbringlich verloren und die Gegenwart für immer greifbar war. Er rang mit seinem Leben, erkannte er. Er war hilflos preisgegeben, ein Schiffbrüchiger, der inmitten der Trümmer seiner Verwirrung und Zweifel darum kämpfte, über Wasser zu bleiben. Er fühlte fast schon, wie er zu sinken begann.
Sie erreichten die Kuppel im Laufe des Vormittags und begannen ihre Erkundungen. Sie blieben zusammen, sie wollten sich nicht trennen, für den Fall, daß der Steinkönig tatsächlich im Inneren wartete. Sie fingen an, die Oberfläche der Kuppel zu untersuchen, gingen um das ganze Gebäude herum, tasteten die Wände ab und erforschten sogar den Boden, auf dem sie stand. Das Bauwerk war perfekt gestaltet, auch wenn die gealterte Schale gesprungen und gesplittert war. Der Scheitelpunkt ragte fast hundert Meter in die Höhe, und der Durchmesser betrug mehr als hundert Meter. Einbuchtungen wie Daumenabdrücke einer Riesenhand zierten den Gipfel wie Blütenblätter, unterteilt von steinernen Bändern, die bis ans Fundament verliefen. Nischen und Alkoven zerklüfteten das Erdgeschoß, doch sie boten keinen Eingang, führten nirgendwohin. Gehauene Muster schmückten den Stein, doch die meisten waren im Laufe der Zeit vollständig abgenutzt und nicht mehr deutbar, Runen einer Welt, die längst vergangen war.
»Ich kann noch immer etwas fühlen«, sagte Walker Boh, blieb stehen und zog seinen Umhang fester um seine Schultern. Er schaute in den Himmel hinauf. Es regnete wieder, ein langsames, aber stetiges Nieseln. »Dort drinnen ist etwas. Irgend etwas.«