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Was ist Erfolg?

Wenn man jeden Abend beim Einschlafen mit sich im Reinen ist – das ist Erfolg.«

Und Almira, die noch daran glaubte,

dass ein Heer von Engeln und Erzengeln

vom Himmel herabkommen würde,

um die Heilige Stadt zu schützen, bat:

»Sprich zu uns über Wunder.«

Und der Kopte antwortete:

»Was ist ein Wunder?

Wir können es auf vielerlei Weisen definieren: etwas, das gegen die Gesetze der Natur verstößt, unerwartete Hilfe in tiefer Krise, Heilungen und Visionen, für unmöglich gehaltene Begegnungen, Rettung im Angesicht des Todes.

All dies stimmt. Aber ein Wunder ist noch viel mehr als das: Es ist etwas, das unsere Herzen spontan mit Liebe erfüllt. Wenn dies geschieht, empfinden wir eine tiefe Ehrfurcht vor der Gnade, die Gott uns gewährt hat.

Unser tägliches Wunder gib uns heute, Herr.

Selbst wenn wir nicht imstande sind, es zu erkennen, weil unser Verstand auf große Taten und Eroberungen gerichtet ist. Selbst wenn wir zu sehr in unserem Alltag verhaftet sind, um zu bemerken, wie unser Weg durch das Wunder verändert wurde.

Und wenn wir einsam und niedergeschlagen sind, hilf uns, unsere Sinne für das Leben um uns herum offen zu halten: die Blume, die erblüht, die Sterne am Himmel, den fernen Gesang eines Vogels oder die nahe Stimme eines Kindes.

Und hilf uns zu begreifen, dass es bestimmte Dinge gibt, die so wichtig sind, dass wir sie ganz allein entdecken müssen.

Und hilf uns, dass wir uns nicht allein und schutzlos fühlen: Denn du bist an unserer Seite und bereit einzugreifen, wenn unser Fuß sich gefährlich dem Abgrund nähert.

Und hilf uns, trotz aller Angst voranzuschreiten und trotz unseres Bedürfnisses, alles erklären und wissen zu wollen, das Unerklärliche hinzunehmen.

Hilf uns, die Kraft der Liebe zu verstehen, die in ihrer Widersprüchlichkeit liegt. Denn die Liebe bleibt nur erhalten, wenn sie sich verändert und uns vor immer neue Herausforderungen stellt.

Und hilf uns jedes Mal, wenn wir den Demütigen erhöht und den Hochmütigen erniedrigt sehen, auch darin ein Wunder zu erkennen.

Hilf uns, wenn unsere Beine müde sind, mit der Kraft unseres Herzens voranzuschreiten. Hilf uns, wenn unser Herz müde geworden ist, mit der Kraft des Glaubens weiterzugehen.

Hilf uns, in jedem Sandkorn der Wüste das Wunder der Vielfalt zu erkennen, und möge dies uns den Mut verleihen, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind. Denn so wie es auf der ganzen Welt nicht zwei Sandkörner gibt, die miteinander identisch sind, so gibt es auch nicht zwei Menschen, die genau dasselbe denken und identisch handeln.

Hilf uns, demütig zu empfangen und freudig zu geben.

Hilf uns zu begreifen, dass die Weisheit nicht in den Antworten liegt, die wir erhalten, sondern dass es die Fragen sind, die unser Leben bereichern.

Hilf uns, dass wir nicht zum Sklaven dessen werden, was wir zu wissen glauben – denn in Wahrheit wissen wir nur wenig über das Schicksal. Doch möge uns dies dazu bringen, richtig zu handeln, indem wir uns gemäß den vier Kardinaltugenden verhalten: mit Wagemut, Anmut, Liebe und Freundschaft.

Unser tägliches Wunder gib uns heute, Herr.

So wie verschiedene Wege zum Gipfel des Berges führen, gibt es auch viele Wege zum Ziel. Hilf uns, den einzigen Weg zu erkennen, der es verdient, gegangen zu werden: jenen, auf dem sich die Liebe offenbart.

Hilf uns, die Liebe, die in uns selber schlummert, zu wecken, bevor wir Liebe in anderen wachrufen. Nur so können wir Zuneigung, Begeisterung, Achtung erlangen.

Hilf uns, zwischen dem Kampf zu unterscheiden, der unser Kampf ist, und den Kämpfen, zu denen wir gegen unseren Willen getrieben werden oder die wir nicht vermeiden können, weil das Schicksal sie uns in den Weg gestellt hat.

Hilf uns, die Augen zu öffnen und zu erkennen, dass wir nie zwei identische Tage erleben. Jeder Tag bringt ein anderes Wunder, das dazu führt, dass wir atmen, träumen und in der Sonne gehen.

Hilf uns, die Ohren zu öffnen, damit wir die Worte hören, die unverhofft aus dem Mund unserer Mitmenschen kommen – auch wenn wir nicht um Rat gebeten haben und keiner weiß, was in diesem Augenblick in unserer Seele vor sich geht.

Und hilf uns, dass wir, wenn wir den Mund öffnen, nicht nur die Sprache der Menschen sprechen, sondern auch die Sprache der Engel und sagen: ›Wunder widersprechen nicht den Gesetzen der Natur. Wir denken das nur, weil wir in Wahrheit die Gesetze der Natur nicht kennen.‹

Und hilf uns, in dem Augenblick, in dem uns dies gelingt, den Kopf ehrfurchtsvoll zu senken und zu sagen: ›Ich war blind und kann jetzt sehen. Ich war stumm und kann jetzt sprechen. Ich war taub und kann jetzt hören. Denn Gott hat Wunder an mir getan, und alles, was ich verloren glaubte, ist zurückgekehrt.‹

Denn so wirken Wunder.

Sie zerreißen die Schleier und verändern alles, aber sie lassen nicht zu, dass wir sehen, was sich jenseits der Schleier befindet.

Sie lassen uns unversehrt aus dem Tal der Schatten und des Todes heraustreten, aber sie sagen uns nicht, welcher Weg uns zu den Bergen der Freude und des Lichts führt.

Wunder öffnen Türen, zu denen niemand einen Schlüssel hat.

Sie umgeben die Erde mit Planeten, damit diese sich im Universum nicht allein fühlt. Und sie verhindern, dass die Planeten der Sonne zu nahe kommen, damit sie nicht von ihr verschlungen werden.

Sie verwandeln Getreide durch Arbeit in Brot, die Trauben durch Geduld in Wein und den Tod in Leben durch die Auferstehung der Träume.

Daher gib uns heute unser tägliches Wunder, Herr.

Und vergib uns, wenn wir es nicht immer erkennen können.«

Und ein Mann, der die Schlachtengesänge

der Kreuzritter vor den Mauern hörte

und um sein Leben und das seiner Familie

fürchtete, bat:

»Sprich zu uns über Angst und die

Bangigkeit des Herzens.«

Und der Kopte antwortete:

»An einem bangen Herzen ist nichts Falsches. Der Mensch kann zwar Gottes Zeit nicht beeinflussen, dennoch möchte er, dass sich seine Wünsche möglichst schnell erfüllen.

Und er möchte, was ihm Angst einflößt, möglichst schnell beseitigen.

Von Kindheit an bis zu dem Augenblick, in dem er das Leben mit Gleichmut betrachtet. Denn solange wir an die Gegenwart gebunden sind, werden wir immer jemanden oder etwas bang erwarten.

Wie soll man einem verliebten Herzen sagen, es solle ruhig sein und still die Wunder der Schöpfung betrachten, frei von Anspannung, Ängsten und Fragen, auf die es keine Antwort gibt?

Angst gehört zur Liebe, und es sollte ihr daraus kein Vorwurf gemacht werden.

Wie soll man jemandem, der sein Leben und sein gesamtes Hab und Gut einem Traum verschrieben hat und immer noch auf dessen Erfüllung wartet, sagen, er solle keine Angst haben? Auch wenn der Bauer den Lauf der Jahreszeiten nicht beschleunigen kann, um die Früchte dessen, was er gepflanzt hat, zu ernten, so wartet er doch ungeduldig auf den Herbst und die Ernte.

Wie soll man einen Krieger bitten, vor einem Kampf nicht innerlich unruhig zu sein?

Er hat für diesen Augenblick bis zur Erschöpfung geübt und sein Bestes gegeben, er glaubt, vorbereitet zu sein, ist aber von Angst erfüllt, all seine Mühen könnten umsonst gewesen sein.

Die Bangigkeit des Herzens ist dem Menschen angeboren. Und da wir sie niemals werden beherrschen können, müssen wir lernen, mit ihr zu leben – so wie der Mensch gelernt hat, mit Unwettern zu leben.