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Doch für jene, denen es nicht gelingt, ihre Ängste zu beherrschen, wird das Leben ein Alptraum sein.

Das, wofür sie stündlich dankbar sein sollten, wird zu einem Fluch. Sie möchten, dass die Zeit schneller vergeht, ohne zu begreifen, dass sie dann auch schneller dem Todesengel begegnen werden.

Und schlimmer noch: Um die Angst zu vertreiben, tun sie Dinge, die ihre Angst noch vergrößern.

Die Mutter, die auf die Heimkehr ihres Kindes wartet, beginnt, sich das Schlimmste auszumalen.

Der Liebende klagt: ›Meine Liebste gehört mir und ich gehöre ihr. Als sie gegangen ist, habe ich sie in den Straßen der Stadt gesucht und nicht gefunden.‹ Und an jeder Straßenecke, an der er vorbeikommt, und mit jedem Menschen, den er fragt und der ihm keine Auskunft über sie geben kann, verwandelt sich die Sorge um seine Liebste in Verzweiflung.

Dem arbeitenden Menschen, der sich, während er auf die Früchte seiner Mühen wartet, mit anderen Aufgaben beschäftigt, werden so noch mehr Augenblicke des Wartens beschert. Aus einem Augenblick bangen Wartens werden viele, und er wird nicht mehr imstande sein, in den Himmel zu sehen, zu den Sternen zu blicken oder seinen Kindern beim Spielen zuzuschauen.

Die Mutter, der Liebende und der arbeitende Mensch hören auf, ihr Leben zu leben. Sie rechnen nur mit dem Schlimmsten, hören auf Klatsch und Tratsch, klagen darüber, wie langsam die Zeit vergeht, und mäkeln an allem und allen herum. Außerdem ernähren sie sich schlecht, essen entweder zu viel oder bekommen nichts herunter. Und wenn sie nachts ihren Kopf aufs Kissen legen, finden sie keinen Schlaf.

Dann webt die Angst einen Schleier, durch den sie alles nur noch verzerrt sehen.

Und die Augen der Seele trüben sich, weil sie nie zur Ruhe kommen.

In diesem Augenblick nistet sich einer der schlimmsten Feinde des Menschen ein: die Besessenheit.

Die Besessenheit kommt und sagt:

›Dein Schicksal gehört von nun an mir. Ich werde dafür sorgen, dass du Dinge suchst, die es nicht gibt.

Auch deine Lebensfreude gehört jetzt mir. Denn dein Herz wird keinen Frieden mehr finden, weil ich daraus die Begeisterung vertreibe und ihren Platz einnehme.

Ich werde dafür sorgen, dass die Angst sich in der Welt ausbreitet, und du selbst wirst ständig voller Furcht sein, ohne zu wissen, warum.

Deine Arbeit, die einst eine Liebesgabe war, wird von mir in Besitz genommen. Die anderen werden sagen, dass du ein Vorbild bist, weil du dich bemühst, über deine Grenzen hinauszugehen, und du wirst sie anlächeln und dankbar für das Kompliment sein.

Doch dein Herz wird sagen, dass deine Arbeit jetzt mir gehört und dazu dienen wird, dich von allem und allen fernzuhalten – von deinen Freunden, deinem Kind, von dir selber.

Arbeite ruhig mehr, damit dir nur ja keine Zeit zum Nachdenken bleibt. Arbeite mehr, als nottut, damit du ganz und gar aufhörst zu leben.

Deine Liebe, die einst die Offenbarung der göttlichen Kraft war, gehört ebenfalls mir, der Besessenheit. Und jeder Mensch, den du liebst, wird sich keinen Augenblick lang entfernen dürfen, ohne dass ich dir sage: ‘Vorsicht, er könnte gehen und nie wiederkehren.’

Dein Kind, das in die Welt hinausgeht und seinen eigenen Weg finden will, gehört jetzt ebenfalls mir. Ich werde dafür sorgen, dass du es mit übermäßiger Sorge erstickst, ihm jegliche Abenteuerlust und Risikofreude nimmst und es jedes Mal bestrafst, wenn es etwas tut, was dir missfällt, oder ihm Schuldgefühle machst, wenn es deine Erwartungen nicht erfüllt.‹

Daher lasse nicht zu, dass die Bangigkeit des Herzens dein Leben kontrolliert.

Wenn sie aufkommt, sage zu ihr: ›Ich sorge mich nicht wegen des morgigen Tages, denn Gott ist da und wartet auf mich.‹

Und wenn die Besessenheit dir einredet, dass dauerndes Arbeiten ein produktives Leben bedeute, dann sage ihr: ›Ich brauche Muße, um die Sterne zu betrachten und um meine Arbeit mit Hingabe zu verrichten.‹

Wenn die Besessenheit dir mit dem Gespenst des Hungers droht, sage ihr: ›Der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort Gottes.‹

Wenn die Besessenheit sagt, dass deine Liebe vielleicht nie zu dir zurückkommt, dann sage: ›Meine Liebste gehört mir und ich ihr. Sie hütet tagsüber die Herden am Fluss, und ich kann ihren Gesang in der Ferne hören. Wenn sie am Abend zurückkommt, wird sie sich müde und glücklich zu mir an den Tisch setzen, die Speisen essen, die ich für sie zubereitet habe, und ich werde über ihren Schlaf wachen.‹

Wenn die Besessenheit sagt, dass dein Sohn die Liebe, die du ihm gibst, nicht achtet, antworte: ›Zu viel Fürsorglichkeit erstickt Herz und Seele, denn Leben ist ein Akt des Mutes. Und ein Akt des Mutes ist immer ein Akt der Liebe.‹

So wirst du die Bangigkeit des Herzens fernhalten.

Zwar wird sie nie völlig verschwinden. Doch wahre Lebensklugheit besteht darin, zu begreifen, dass wir die Angst beherrschen können, die ursprünglich uns beherrschen wollte.«

Und ein junger Mann bat:

»Sprich zu uns über das, was die

Zukunft für uns bereithält.«

Und der Kopte antwortete:

»Wir alle wissen, was die Zukunft am Ende für uns bereithält: den Tod. Er kann jederzeit ohne Ankündigung da sein und sagen: ›Komm mit!‹

Und auch wenn wir es nicht wollen, bleibt uns doch keine Wahl. Im Angesicht des Todes werden wir voller Freude oder voller Trauer auf unsere Vergangenheit zurückschauen und uns fragen:

›Habe ich genug geliebt?‹

Und mit Liebe meine ich nicht allein die Liebe zu einem anderen Menschen. Lieben heißt auch offen sein für Wunder, für Siege wie für Niederlagen, für alles, was uns, solange wir leben, im Alltag widerfahren kann.

Unsere Seele wird von vier unsichtbaren Kräften regiert: Liebe, Tod, Macht und Zeit.

Wir müssen lieben, weil wir von Gott geliebt werden.

Wir müssen uns unserer Sterblichkeit bewusst werden, um das Leben verstehen zu können.

Wir müssen kämpfen, um zu wachsen – aber wir dürfen uns nicht von der Macht täuschen lassen, die wir erlangen, wenn wir wachsen, denn wir wissen, dass sie nichts wert ist.

Schließlich müssen wir hinnehmen, dass unsere Seele, auch wenn sie unsterblich ist, in diesem Augenblick mit ihren Möglichkeiten und Grenzen im Netz der Zeit gefangen ist.

Unser Traum, der als Wunsch in unserer Seele wohnt, kommt nicht aus dem Nichts. Jemand hat ihn dort eingepflanzt. Und dieser Jemand, der die reine Liebe ist und nur unser Glück will, hat es getan, weil er uns mit dem Traum auch die Werkzeuge gegeben hat, ihn zu verwirklichen.

Wenn du schwierige Zeiten durchlebst, vergiss nie: Magst du auch Schlachten verloren haben, du hast überlebt und bist hier.

Das ist ein Sieg. Zeige deine Freude, und feiere deine Fähigkeit voranzuschreiten.

Verteile deine Liebe großzügig über Felder und Weiden, über die Straßen der großen Stadt und über die Dünen der Wüste.

Zeige, dass dir die Armen etwas bedeuten, denn sie erlauben dir, dich in der Tugend der Barmherzigkeit zu üben.

Und zeige auch, dass dir die Reichen etwas bedeuten, die allem und allen misstrauen, ihre gefüllten Getreidespeicher verschließen, aber trotz ihres Reichtums die Einsamkeit nicht vertreiben können.

Lass keine Gelegenheit aus, deine Liebe zu zeigen. Vor allem jenen, die dir nahestehen, weil wir mit ihnen oft besonders nachlässig umgehen.

Von der Liebe wirst du als Erster etwas haben – und die Welt, die dich umgibt, wird dich belohnen, auch wenn du dir zunächst sagst: ›Sie werden meine Liebe nicht verstehen.‹

Liebe muss nicht verstanden werden. Sie muss nur gezeigt werden.