Es ist zugleich die tragische Verwirrung, zumal eines großen Teils der ahnungslosen Jugend. Pflicht gegen das Vaterland ist der Einsatz des ganzen Menschen für die höchsten An-sprüche, die zu uns sprechen aus den Besten unserer Ahnen und nicht aus den Idolen einer falschen Überlieferung.
Daher war das Erstaunliche, wie trotz alles Bösen die Selbstidentifizierung mit der Armee und dem Staat vollzogen wurde. Denn diese Unbedingtheit einer blinden nationalen Anschauung – begreiflich nur als der letzte morsche Boden in einer glaubenslos werdenden Welt – war in gutem Gewissen zugleich moralische Schuld.
Diese Schuld hatte weiter ihre Ermöglichung durch das mißverstandene Bibelwort: Sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über dich hat, – aber sie war vollends entartet in der wunderlichen Heiligkeit des Befehls aus der militärischen Überlieferung. »Es ist Befehl«, das klang und klingt noch vielen pathetisch so, daß es die höchste Pflicht aus-spricht. Aber dies Wort brachte zugleich die Entlastung, wenn es achselzuckend das Böse und Dumme als unumgäng-59
lich gelten ließ. Vollends schuldig im moralischen Sinne wurde dieses Verhalten im Gehorsamsdrang, diesem trieb-haften, sich als gewissenhaft fühlenden und in der Tat alles Gewissen preisgebenden Verhalten.
Mancher hat in dem Ekel vor der Naziherrschaft in den Jahren nach 1933 die Offizierslaufbahn ergriffen, weil hier die einzige anständige Atmosphäre, unbeeinflußt von der Partei, in der Gesinnung gegen die Partei, und scheinbar aus eigener Macht ohne Partei zu bestehen schien. Auch das war ein Gewissensirrtum, der sich – nach Ausschaltung aller eigenständigen Generäle alter Überlieferung – in der schließlichen moralischen Verwahrlosung des deutschen Offiziers an allen führenden Stellungen in seinen Folgen offenbarte – trotz der zahlreichen liebenswerten, ja edlen soldatischen Persönlichkeiten, die hier vergeblich Rettung gesucht hatten, geführt von einem täuschenden Gewissen.
Gerade wenn das redliche Bewußtsein und der gute Wille im Anfang führten, muß die Enttäuschung und Selbst-enttäuschung um so stärker sein. Sie führt zur Prüfung auch des besten Glaubens mit der Frage, wie ich für meine Täuschung, für jede Täuschung, der ich verfalle, verantwortlich bin.
Erwachen und Selbstdurchleuchtung dieser Täuschung ist unerläßlich. Durch sie werden aus idealistischen Jüng-lingen aufrechte, moralisch verläßliche, politisch klare deutsche Männer, die in Bescheidung das nun verhängte Schicksal ergreifen.
c) Die teilweise Billigung des Nationalsozialismus, die Halbheit und gelegentliche innere Angleichung und Abfin-dung war eine moralische Schuld ohne jeden Zug von Tra-gik, die den vorhergehenden Weisen der Schuld eignet.
Diese Argumentation: es ist doch auch Gutes daran –
diese Bereitschaft zur vermeintlich gerechten Anerkennung
– war bei uns verbreitet. Nur das radikale Entweder-Oder konnte wahr sein. Erkenne ich das böse Prinzip, so ist alles schlecht und die scheinbar guten Folgen sind selber nicht das, was sie zu sein scheinen. Weil diese irrende Objektivität bereit war, das vermeintlich Gute im Nationalsozialismus anzuerkennen, wurden auch bis dahin nahe Freunde einander fremd, man konnte mit ihnen nicht mehr offen reden. Derselbe, der eben beklagte, daß kein Märtyrer für 60
die alte Freiheit und gegen das Unrecht auftrete und sich opfere, konnte die Aufhebung der Arbeitslosigkeit (durch Rüstung und betrügerische Finanzwirtschaft) als hohes Verdienst preisen, konnte 1938 die Einverleibung Österreichs als Erfüllung des alten Ideals der Reichseinheit begrüßen, 1940
Hollands Neutralität anzweifeln und den Angriff Hitlers rechtfertigen, und vor allem: sich der Siege freuen.
d) Manche gaben sich der bequemen Selbsttäuschung hin: Sie würden diesen bösen Staat schon ändern, die Partei werde wieder verschwinden, spätestens mit dem Tod des Führers. Jetzt müsse man dabei sein, um von innen heraus die Sache zum Guten zu wenden. So waren die typischen Unterhaltungen:
Mit Offizieren: »Wir werden den Nationalsozialismus nach dem Krieg gerade auf Grund unseres Sieges abschaf-fen; jetzt gilt es erst mal zusammenzuhalten, Deutschland zum Siege zu führen; wenn das Haus brennt, löscht man, und fragt nicht erst nach dem Urheber des Brandes« –
Antwort: Nach dem Sieg werdet Ihr entlassen, geht gern nach Hause, allein die SS behält die Waffen und das Terror-regime des Nationalsozialismus steigert sich zum Sklaven-staat. Kein menschliches Eigenleben wird mehr möglich sein, Pyramiden werden errichtet, Straßen und Städte nach der Laune des Führers gebaut und umgestaltet. Eine ungeheure Rüstungsmaschinerie wird entwickelt zur endgül-tigen Welteroberung.
Mit Dozenten: »Wir sind in der Partei die Fronde. Wir wagen unbefangene Diskussion. Wir erreichen geistige Verwirklichungen. Wir werden das Ganze langsam zurück-verwandeln in die alte deutsche Geistigkeit« – Antwort: Ihr täuscht Euch. Man läßt Euch Narrenfreiheit unter der Bedingung jederzeitigen Gehorsams. Ihr schweigt und gebt nach. Euer Kampf ist ein Schein, der der Führung erwünscht ist. Ihr tragt nur bei zum Grab deutschen Geistes.
Viele Intellektuelle, die 1933 mitgemacht haben und für sich eine führende Wirkung erstrebten, und die öffentlich weltanschaulich für die neue Macht Stellung nahmen – die dann später, persönlich beiseite gedrängt, unwillig wurden
– zumeist aber noch positiv blieben, bis der Kriegsverlauf seit 1942 den ungünstigen Ausgang sichtbar und sie nun erst ganz zu Gegnern machte, diese haben das Gefühl, unter 61
den Nazis gelitten zu haben und darum berufen zu sein für das Nachfolgende. Sie halten sich selbst für Antinazis.
Es gab all die Jahre eine Ideologie dieser intellektuellen Nazis: Sie sprächen in geistigen Dingen unbefangen die Wahrheit aus –, sie bewahrten die Überlieferung des deutschen Geistes, – sie verhüteten Zerstörungen, – sie bewirk-ten im einzelnen Förderndes.
Unter diesen finden sich vielleicht manche, die schuldig sind durch eine Unveränderlichkeit ihrer Denkungsart, welche, ohne identisch zu sein mit Parteidoktrinen, doch die innere Haltung des Nationalsozialismus in der Tat festhält im Scheine einer Wandlung und Gegnerschaft, ohne sich selber zu klären. Durch diese Denkungsart sind sie vielleicht ursprünglich verwandt dem, was im Nationalsozialismus das unmenschliche, diktatorische, existenzlos nihilistische Wesen war. Wer als reifer Mensch im Jahre 1933 die innere Überzeugtheit hatte, die nicht nur in einem politischen Irrtum wurzelte, sondern in einem durch den Nationalsozialismus gesteigerten Daseinsgefühl, der wird nicht rein außer infolge einer Umschmelzung, die vielleicht tiefer gehen muß als alle anderen. Wer 1933 sich so verhalten hat, bliebe ohne das innerlich brüchig und zu weiterem Fana-tismus geneigt. Wer am Rassenwahn teilnahm, wer Illusionen von einem Aufbau hatte, der sich auf Schwindel gründete, wer schon damals geschehene Verbrechen in Kauf nahm, ist haftbar nicht nur, sondern muß sich moralisch erneuern. Ob er es kann, und wie er es vollzieht, ist allein seine Sache und von außen kaum zu beurteilen.
e) Es ist ein Unterschied zwischen den Aktiven und Passiven. Die politisch Handelnden und Ausführenden, die Lei-tenden und die Propagandisten sind schuldig. Wenn sie nicht kriminell wurden, so haben sie doch durch Aktivität eine positiv bestimmbare Schuld.
Jedoch jeder von uns hat Schuld, sofern er untätig blieb.
Die Schuld der Passivität ist anders. Die Ohnmacht entschuldigt; der wirkungsvolle Tod wird moralisch nicht verlangt. Schon Platon hielt es für selbstverständlich, in Un-heilzeiten verzweifelter Zustände sich zu verbergen und zu überleben. Aber die Passivität weiß ihre moralische Schuld für jedes Versagen, das in der Nachlässigkeit liegt, nicht jede irgend mögliche Aktivität zum Schutz Bedrohter, zur 62