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Alle diese Einschränkungen gegenüber unserer Befreiung von einer moralischen Schuld zugunsten einer nur politischen Haftung heben nicht auf, was wir im Anfang begründeten und jetzt noch einmal formulieren: Wir tragen die politische Verantwortung für unser Regime, für die Taten des Regimes, für den Anfang des Krieges in dieser weltgeschichtlichen Lage und für die Artung der Führer, die wir an unsere Spitze geraten ließen. Daher haften wir den Siegern gegenüber mit unserer Arbeit und Leistungsfähigkeit und müssen wiedergutmachen, wie es dem Besiegten auferlegt wird.

Dazu kommt unsere moralische Schuld. Obgleich diese immer nur im einzelnen Menschen liegt, so daß ein jeder mit sich selbst zurechtkommen muß, gibt es doch im Kollektiven etwas gleichsam Moralisches, das in der Lebensart und den Gefühlsweisen liegt, denen sich kein einzelner völlig entziehen kann. Diese sind auch politisch wesentlich.

Hier liegt der Ansatz zum Besserwerden, dessen Ergreifen an uns selber liegt.

B. Das eigene Bewußtsein einer Kol ektivschuld: Wir fühlen etwas wie Mitschuld für das Tun unserer Fa-milienangehörigen. Diese Mitschuld ist nicht objektivierbar.

Jede Weise der Sippenhaftung würden wir verwerfen. Aber wir sind doch geneigt, weil gleichen Blutes, uns mitgetroffen zu fühlen, wenn einer aus unserer Familie Unrecht tut, und darum auch geneigt, je nach Lage und Art des Tuns und der vom Unrecht Betroffenen, es wiedergutzumachen, auch wenn wir moralisch und juristisch nicht haften.

So fühlt der Deutsche – d. h. der deutsch sprechende Mensch – sich mitbetroffen von allem, was aus dem Deut-70

schen erwächst. Nicht die Haftung des Staatsangehörigen, sondern die Mitbetroffenheit als zum deutschen geistigen und seelischen Leben gehörender Mensch, der ich mit den andern gleicher Sprache, gleicher Herkunft, gleichen Schicksals bin, wird hier Grund nicht einer greifbaren Schuld, aber eines Analogons von Mitschuld.

Wir fühlen uns weiter beteiligt nicht nur an dem, was gegenwärtig getan wird, als mitschuldig am Tun der Zeit-genossen, sondern auch an dem Zusammenhang der Überlieferung. Wir müssen übernehmen die Schuld der Väter.

Daß in den geistigen Bedingungen des deutschen Lebens die Möglichkeit gegeben war für ein solches Regime, dafür tragen wir alle eine Mitschuld. Das bedeutet zwar keineswegs, daß wir anerkennen müßten, »die deutsche Gedanken-welt«, »das deutsche Denken der Vergangenheit« schlechthin sei der Ursprung der bösen Taten des Nationalsozialismus. Aber es bedeutet, daß in unserer Überlieferung als Volk etwas steckt, mächtig und drohend, das unser sittliches Verderben ist.

Wir wissen uns nicht nur als einzelne, sondern als Deutsche. Jeder ist, wenn er eigentlich ist, das deutsche Volk. Wer kennt nicht den Augenblick in seinem Leben, wo er in op-positioneller Verzweiflung an seinem Volk zu sich sagt: ich bin Deutschland, oder im jubelnden Einklang mit ihm: auch ich bin Deutschland! Das Deutsche hat keine andere Gestalt als diese einzelnen. Daher ist der Anspruch der Umschmelzung, der Wiedergeburt, der Abstoßung des Ver-derblichen Aufgabe an das Volk in Gestalt der Aufgabe für jeden einzelnen.

Weil ich mich nicht entbrechen kann, in tiefer Seele kollektiv zu fühlen, ist mir, ist jedem das Deutschsein nicht Bestand, sondern Aufgabe. Das ist etwas ganz anderes als die Verabsolutierung des Volkes. Ich bin zuerst Mensch, ich bin im besonderen Friese, bin Professor, bin Deutscher, bin mit anderen Kollektiven nahe, bis zur Verschmelzung der Seelen, verbunden, näher oder ferner mit allen mir fühlbar gewordenen Gruppen; ich kann mich in Augenblicken vermöge dieser Nähe fast als Jude fühlen oder als Holländer oder als Engländer. Darin aber ist die Gegebenheit des Deutschseins, das heißt wesentlich das Leben in der Mutter-sprache, so nachhaltig, daß ich mich auf eine rational nicht 71

mehr faßliche, ja rational sogar zu widerlegende Weise mitverantwortlich fühle für das, was Deutsche tun und getan haben.

Ich fühle mich näher den Deutschen, die auch so fühlen

– ohne daraus eine Pathetik zu machen – und fühle mich ferner denen, deren Seele diesen Zusammenhang zu verleugnen scheint. Und diese Nähe bedeutet vor allem die gemeinsame, beschwingende Aufgabe, nicht Deutsch zu sein, wie man nun einmal ist, sondern Deutsch zu werden, wie man es noch nicht ist, aber sein soll, und wie man es hört aus dem Anruf unserer hohen Ahnen, nicht aus der Geschichte der nationalen Idole.

Weil wir die Kollektivschuld fühlen, fühlen wir die ganze Aufgabe der Wiedererneuerung des Menschseins aus dem Ursprung – die Aufgabe, die alle Menschen auf der Erde haben, die aber dringender, fühlbarer, wie alles Sein entscheidend, dort auftritt, wo ein Volk durch eigene Schuld vor dem Nichts steht.

Es scheint, daß ich als Philosoph nun vollends ins Gefühl abgeglitten bin und den Begriff verloren habe. In der Tat hört die Sprache auf, und nur negativ ist zu erinnern, daß alle unsere Unterscheidungen, unbeschadet dessen, daß wir sie für wahr halten und keineswegs rückgängig machen, nicht zum Ruhebett werden dürfen. Wir dürfen nicht mit ihnen die Sache erledigen und uns befreien von dem Druck, unter dem wir unseren Lebensweg weiter gehen, und durch den das Kostbarste zur Reife kommen soll, das ewige Wesen unserer Seele.

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II. Möglichkeiten der Entschuldigung Wir selbst und die uns wohlwollen haben Gedanken bereit, unsere Schuld zu erleichtern. Es kann sich nicht darum handeln, die Schuld in dem Sinne, den wir unterschei-dend und wieder vereinend entwickelt haben, aufzuheben.

Aber es gibt Gesichtspunkte, die, indem sie ein milderes Urteil nahelegen, zugleich die Art der jeweils gemeinten Schuld schärfer fassen und charakterisieren.

§ 1. Der Terrorismus

Deutschland unter dem Naziregime war ein Zuchthaus.

Die Schuld, in dieses Zuchthaus zu geraten, ist politische Schuld. Sind die Türen des Zuchthauses aber einmal zugeschlagen, so kann das Zuchthaus von innen nicht auf-gebrochen werden. Die Verantwortlichkeit und die Schuld der Eingesperrten, die nun noch bleibt und entsteht, ist immer unter der Frage zu erörtern, was dann zu tun überhaupt möglich ist.

Im Zuchthaus die Zuchthausinsassen insgesamt verantwortlich zu machen für die Schandtaten der Zuchthausauf-seher ist offenbar ungerecht.

Man sagte, die Millionen, die Millionen Arbeiter und die Millionen Soldaten hätten Widerstand leisten sollen. Sie haben es nicht getan, sie haben für den Krieg gearbeitet und haben gekämpft, also sind sie schuldig.

Dagegen ist zu sagen: Die 15 Millionen Fremdarbeiter haben so gut für den Krieg gearbeitet wie die deutschen Arbeiter. Daß auf ihrer Seite mehr Sabotageakte vorgekom-men seien, ist unerwiesen. Nur in den letzten Wochen, als der Zusammenbruch schon im Gange war, scheinen die Fremdarbeiter größere Aktivität entfaltet zu haben.

Es ist unmöglich, zu größeren Aktionen zu kommen, ohne sich unter Führern zu organisieren. Die Forderung an eine Staatsbevölkerung, auch gegen einen Terrorstaat zu revol-tieren, verlangt das Unmögliche. Solche Revolte kann nur zerstreut, ohne wirklichen Zusammenhang geschehen, bleibt durchweg anonym und in der Folge unbekannt, ist ein stilles Versinken in den Tod. Nur wenige Ausnahmen gibt es, die durch besondere Umstände bekannt wurden, aber auch nur mündlich und in beschränktem Umfang (wie das Hel-73

dentum der Geschwister Scholl, dieser deutschen Studen-ten, und des Professors Huber in München).

Es ist verwunderlich, wie da Anklage erhoben werden kann. Franz Werfel, der kurz nach dem Zusammenbruch Hitler-Deutschlands einen Aufsatz erbarmungsloser Anklage gegen das ganze deutsche Volk schrieb, sagte: Nur der eine Niemöller habe Widerstand geleistet; – und im selben Aufsatz spricht er von den Hunderttausenden, die im KZ umgebracht wurden – warum? doch weil sie, wenn auch meist nur durch Worte, Widerstand geleistet hatten.