Выбрать главу

Es sind die anonymen Märtyrer, die durch ihr wirkungs-loses Verschwinden nur um so deutlicher machen, daß es unmöglich war. Bis 1939 waren doch die KZ’s eine rein inner-deutsche Sache und auch nachher wurden sie zu guten Teilen mit Deutschen gefüllt. Politische Verhaftungen im Jahre 1944 übertrafen in jedem Monat die Zahl von 4 000.

Daß es bis zuletzt KZ’s gab, beweist die Opposition im Lande.

In dem Anklagen meinen wir zuweilen den Ton eines Pharisäismus zu hören derer, die unter Gefahren entronnen, aber am Ende – gemessen am Leiden und Tod im KZ wie an der Angst in Deutschland, – doch ohne Zwang des Terrors, wenn auch mit dem Leid des Emigranten, im Ausland lebten, – und nun ihre Emigration als solche für Verdienst halten. Solchem Ton gegenüber halten wir uns für berechtigt zur Abwehr ohne Zorn.

Es gibt in der Tat Stimmen gerechter Menschen, die gerade den Terrorapparat und seine Folgen durchschauen.

So Dwight Macdonald in der Zeitschrift Politics vom März 1945: Der Gipfel des Terrors und der erzwungenen Schuld unter dem Terror wird erreicht mit der Alternative: Töten oder getötet werden. Manche der Komman-danten, die zum Erschießen und Ermorden bestimmt waren, sagt er, weigerten sich, an den Grausamkeiten teilzu-nehmen, und wurden erschossen.

So Hannah Arendt: Der Terror brachte das erstaunliche Phänomen hervor, daß an den Verbrechen der Führer das deutsche Volk beteiligt wurde. Aus Unterworfenen wurden Komplizen. Allerdings nur in beschränktem Umfang, aber doch so, daß Menschen, von denen man es niemals für möglich gehalten hätte, Familienväter, fleißige Bürger, die 74

pflichtgemäß jeden Beruf ausüben, so auch pflichtgemäß mordeten und auf Befehl die andern Untaten in den KZ’s vollzogen *.

§ 2. Schuld und historischer Zusammenhang Wir unterscheiden Ursache und Schuld. Die Darlegung, warum etwas so gekommen ist und wie es gar notwendig so kommen mußte, gilt unwillkürlich als Entschuldigung. Die Ursache ist blind und notwendig, die Schuld ist sehend und frei.

So pflegen wir es auch mit dem politischen Geschehen zu machen. Der historische Kausalzusammenhang scheint das Volk von der Verantwortung zu entlasten. Daher die Befriedigung, wenn im Unheil die Unausweichlichkeit aus wirksamen Ursachen begreifbar scheint.

Es ist die Neigung vieler Menschen, die Verantwortung zu übernehmen und zu betonen, wenn es sich um ihr gegenwärtiges Tun handelt, dessen Willkür sie von Einschränkungen, Bedingungen und Forderungen entlasten möchten,

– aber andererseits die Neigung, bei Mißlingen die Verantwortung abzulehnen zugunsten vermeintlich unausweichlicher Notwendigkeiten. Von Verantwortung war nur ge-redet, was Verantwortung sei, aber nicht erfahren worden.

Entsprechend hörte man all die Jahre: Wenn Deutschland den Krieg gewinnt, so hat die Partei ihn gewonnen und hat das Verdienst, – verliert Deutschland den Krieg, so verliert ihn das deutsche Volk und hat die Schuld.

Nun liegt es aber bei historischen Kausalzusammen-hängen so, daß die Trennung von Ursache und Verantwortung überall da nicht durchführbar ist, wo menschliches Handeln selber ein Faktor ist. Sofern Entschlüsse und Taten mitwirken am Geschehen, ist, was Ursache ist, zugleich Schuld oder Verdienst.

Was nicht an Wille und Entschluß liegt, das ist doch immer zugleich Aufgabe für den Menschen. Wie das Naturgegebene sich auswirkt, das liegt noch zugleich auch daran, wie der Mensch es auffaßt, damit umgeht, was er daraus

* Hannah Arendt hat dies mit sachlicher Nüchternheit ergreifend dargestellt in ihrem Aufsatz »Organisierte Schuld« (Wandlung, erster Jahrgang, Heft 4, April 1946, – zuerst englisch erschienen in Jewish Frontier, Januar 1945).

75

macht. Daher ist die historische Erkenntnis in keinem Falle von der Art, daß sie den Ablauf als schlechthin notwendig begreifen kann. Diese Erkenntnis, wie sie niemals eine sichere Voraussage machen kann (wie es etwa in der Astro-nomie möglich ist), kann auch in der rückläufigen Betrachtung keine Unausweichlichkeit des Gesamtgeschehens und des einzelnen Handelns nachträglich erkennen. Sie sieht in beiden Fällen den Raum der Möglichkeiten und diesen in bezug auf die Vergangenheit nur reicher und konkreter.

Diese Erkenntnis – die historisch-soziologische Einsicht und das historische Bild, das entworfen wird – ist selber wieder ein Faktor des Geschehens und insofern Sache der Verantwortung.

Unter den gegebenen Bedingungen, die als solche noch außerhalb der Freiheit, daher außerhalb von Schuld und Verantwortung liegen, nennt man vor allem die geographischen Bedingungen und die weltgeschichtliche Lage.

1) Die geographischen Bedingungen

Deutschland hat nach allen Seiten offene Grenzen. Wenn es als Staat sich halten will, muß es militärisch jeden Augenblick stark sein. Zeiten der Schwäche machten es zur Beute der Staaten von Westen, Osten und Norden, schließlich sogar von Süden (Türken). Deutschland kannte seiner geographischen Lage willen niemals die Ruhe unbedrohten Daseins, wie England und noch mehr Amerika. England konnte sich für seine großartige innenpolitische Entwicklung Jahr-zehnte außenpolitischer Ohnmacht und militärischer Schwäche leisten. Es wurde darum noch keineswegs erobert. 1066

war die letzte Invasion. Ein Land wie Deutschland, das nicht zusammengehalten ist durch klare Grenzen, war gezwungen, militärische Staaten hervorzubringen, um überhaupt als Volkstum bestehen zu bleiben. Das leistete lange Zeit Österreich, dann Preußen.

Die Besonderheit des jeweiligen Staates und seine militärische Art prägte sich dem übrigen Deutschland als etwas stets auch als fremd Gefühltes auf. Man mußte es sich mit Mühe verschleiern, daß innerhalb Deutschlands im Grunde immer eine Herrschaft des, obzwar auch Deutschen, doch Fremden über das übrige war, oder daß die Ohnmacht des Zerstreuten es dem Ausland preisgab.

76

Daher gab es kein dauernd gültiges Zentrum, sondern nur vorübergehende Mittelpunkte. Die wechselnden Schwer-punkte Deutschlands hatten zur Folge, daß jeder nur von einem Teile Deutschlands als der seinige gefühlt und anerkannt werden konnte.

So gab es in der Tat auch keine geistige Mitte, in der sich alle Deutschen trafen. Auch unsere klassische Literatur und Philosophie war noch nicht Besitz des deutschen Volkes, sondern nur einer kleinen Bildungsschicht, die aber über alle deutschen Staatsgrenzen hinaus soweit reichte wie deutsch gesprochen wurde. Und hier besteht nicht einmal Einmütigkeit in der Anerkennung des Großen.

Man könnte sagen, daß die geographische Lage sowohl den Militarismus mit den Folgen des allgemeinen Unter-tanengeistes, der Servilität, des Mangels an Freiheitsbewußt-sein und demokratischem Geist erzwang, als auch jedes Staatsgebilde zu einer notwendig vorübergehenden Erscheinung machte. Nur solange günstige Umstände und unge-wöhnlich besonnene, überlegene Staatsmänner da waren, konnte ein Staat eine Weile bestehen. Ein einziger verant-wortungsloser Führer konnte den Staat und Deutschland für immer zur politischen Vernichtung bringen.

So richtig ein Grundzug aller dieser Überlegungen ist, so wesentlich aber ist es für uns, hier nicht etwa eine absolute Notwendigkeit zu sehen. Welche Militärform sich bildet, ob weise Führer auftreten oder nicht, das entspringt keineswegs der geographischen Lage.

In ähnlicher geographischer Lage hat etwa die politische Energie, Solidarität und Besonnenheit der Römer ganz andere Ergebnisse, nämlich die Vereinigung Italiens und schließlich ein Weltreich hervorgebracht, allerdings auch am Ende mit Vernichtung der Freiheit. Das Studium des republikanischen Roms ist von höchstem Interesse (weil es zeigt, wie militärische Entwicklung und Imperialismus ein demokratisches Volk zum Verlust der Freiheit und zur Diktatur führen).