Wenn die geographischen Bedingungen noch einen Spiel-raum von Freiheit lassen, ist es also, so pflegt man zu sagen, der naturgegebene Volkscharakter, der entscheidet und außerhalb von Schuld und Verantwortung liegt. Das nun ist ein asylum ignorantiae und ein Mittel, falsche Wer-77
tungen, sei es Steigerungen, sei es Herabsetzungen zu vollziehen.
Daß in der naturgegebenen Grundlage unseres vitalen Daseins etwas liegt, das bis in die Spitze der Geistigkeit irgendwelche Auswirkungen hat, ist wahrscheinlich. Aber wir dürfen sagen, daß wir so gut wie gar nichts davon wissen. Die Intuition des unmittelbaren Eindrucks, ebenso evi-dent wie täuschend, im Augenblick bezwingend wie auf die Dauer unverläßlich, ist durch irgendeine Rassenkunde nicht auf ein höheres Niveau wirklichen Wissens gebracht worden.
Der Volkscharakter wird in der Tat immer geschildert mit jeweils herausgegriffenen geschichtlichen Erscheinungen. Diese jedoch sind immer schon Ergebnis der Ereignisse und der durch sie geprägten Zustände. Sie sind jeweils eine Gruppe von Erscheinungen, die nur als ein Typus unter anderen vorkommt. Je nach Lage können ganz andere sonst verborgene Möglichkeiten des Charakters ans Licht kommen. Ein endgültiger naturgegebener Charakter nebst Be-gabungen besteht wahrscheinlich, aber wir kennen ihn schlechthin nicht.
Wir dürfen unsere Verantwortung nicht dahin abschie-ben, sondern müssen als Menschen uns frei wissen zu allen Möglichkeiten.
2) Die weltgeschichtliche Lage
Wie Deutschland in der Welt steht, was in der Welt geschieht, wie die anderen sich zu Deutschland verhalten, das ist für Deutschland um so wesentlicher als seine ungeschützte geographische Lage in der Mitte es den Auswirkungen von der Welt her mehr aussetzt als andere Länder. Daher das Rankewort vom Primat der Außenpolitik vor der Innen-politik für Deutschland, nicht historisch überhaupt gilt.
Ich stelle die politischen Zusammenhänge des letzten halben Jahrhunderts und besonders der Ereignisse und Ver-haltensweisen seit 1918, seit dem ersten Sieg der Alliierten über Deutschland, nicht dar. Sie sind gewiß nicht gleichgültig für das, was in Deutschland möglich wurde. Ich werfe den Blick nur auf ein inneres, geistiges Weltphänomen.
Vielleicht – aber wer dürfte es wagen, hier wirkliche Er-kenntnisse zu behaupten – darf man sagen: In Deutschland kam zum Ausbruch, was in der gesamten 78
abendländischen Welt als Krise des Geistes, des Glaubens im Gange war.
Das mindert die Schuld nicht. Denn hier in Deutschland und nicht anderswo kam es zum Ausbruch. Aber es befreit aus der absoluten Isolierung. Es wird lehrreich für die andern. Es geht jeden an.
Diese kritische weltgeschichtliche Lage ist nicht einfach zu bestimmen. Das Absinken der Wirksamkeit christlichen und biblischen Glaubens überhaupt; die Glaubenslosigkeit, die nach Ersatz greift; die durch Technik und Arbeitsweise hervorgerufene gesellschaftliche Wandlung, die aus der Natur der Sache unaufhaltsam zu sozialistischen Ordnun-gen führt, in denen die Masse der Bevölkerung, jedermann zu seinem Recht als Mensch kommt. Diese Wandlungen sind im Gange, der Zustand ist überall mehr oder weniger so, daß man sagt: es muß anders werden. In solcher Lage neigen die am schwersten getroffenen, ihrer Unbefriedigung bewußtesten Menschen zu voreiligen, überhasteten, täuschenden, schwindelhaften Lösungen.
In einem Prozeß, der die Welt ergriffen hat, hat Deutschland eine solche schwindelhafte Extratour in seinen Abgrund getanzt.
§ 3. Die Schuld der anderen
Wer noch nicht aus eigenem Antrieb sich selbst durch-leuchtend seine Schuld begriffen hat, der wird die Neigung haben, den Ankläger anzuklagen, etwa mit der Frage, ob er nicht von derselben Art sei, wie die Menschen, denen er Vorwürfe macht, oder ob er nicht eine Mitschuld trage an dem, was getan worden ist, durch Handlungen, die solche Möglichkeiten fördern mußten.
Die Neigung zum Zurückschlagen ist in diesem Augenblick bei uns Deutschen ein Zeichen dafür, daß wir uns selbst noch nicht verstanden haben. Denn in der Katastrophe ist das erste Interesse eines jeden von uns die Klarheit über sich selbst. Die Grundlegung unseres neuen Lebens aus dem Ursprung unseres Wesens kann nur erreicht werden in restloser Selbstdurchleuchtung.
Aber das heißt nicht, daß wir nicht sehen dürften, was Tatsache ist und was wahr ist, wenn wir auf die anderen Staaten blicken, denen Deutschland am Ende die Befrei-79
ung vom Hitlerjoch verdankt und deren Entscheidungen unser weiteres Leben überantwortet ist.
Wir müssen und dürfen uns klarmachen, was durch das Verhalten der anderen unsere Lage innerlich und äußerlich erschwert hat. Denn was sie getan haben und tun werden, kommt aus der Welt, in der wir, in völliger Abhängigkeit von ihr, unseren Weg finden sollen. Wir müssen Illusionen vermeiden und die rechte Einschätzung im ganzen gewinnen. Wir dürfen weder in blinde Ablehnung noch in blinde Erwartung verfallen.
Wenn wir von einer Schuld der anderen sprechen, so kann das Wort irreführen. Wenn sie die Ereignisse durch ihr Verhalten ermöglicht haben, so ist das eine politische Schuld.
Deren Erörterung darf keinen Augenblick vergessen lassen, daß sie auf einer anderen Ebene liegt als die Verbrechen Hitlers.
Zwei Punkte scheinen uns wesentlich: Die politischen Handlungen der Siegermächte seit 1918, und das Dabeistehen dieser Mächte, als Hitlerdeutschland sich aufbaute: 1. England, Frankreich, Amerika waren die Siegermächte von 1918. In ihren Händen, nicht in denen der Besiegten, lag der Gang der Weltgeschichte. Der Sieger übernimmt eine Verantwortung, die nur er hat, oder er entzieht sich ihr. Und wenn er es tut, ist seine geschichtliche Schuld offenbar.
Es kann nicht gelten, daß der Sieger sich einfach zurück-zieht auf seinen engeren Bereich und Ruhe haben will, und nur zusieht, was in der Welt sonst geschieht. Er hat die Macht, es zu verhindern, wenn ein Ereignis unheilvolle Folgen ankündigt. Die Nichtbenutzung dieser Macht ist eine politische Schuld dessen, der sie besitzt. Beschränkt er sich auf papierene Beschuldigungen, so hat er sich seiner Aufgabe entzogen. Dieses Nichthandeln nun ist ein möglicher Vorwurf gegen die Siegermächte, der uns allerdings von keiner Schuld befreit.
Man kann dies weiter erörtern unter Hinweis auf den Friedensvertrag von Versailles und seine Folgen, dann auf das Hineingleitenlassen Deutschlands in den Zustand, der den Nationalsozialismus hervortrieb. Man kann weiter die Duldung des Einmarsches der Japaner in die Mandschurei, dieses ersten Gewaltaktes, der, wenn er gelang, Schule ma-80
chen mußte, man kann die Duldung des Abessinienfeld-zuges 1935, dieses Gewaltaktes Mussolinis, vorhalten. Man kann die Politik Englands beklagen, das am Genfer Völker-bund durch Beschlüsse Mussolini mattsetzte, aber diese Beschlüsse papierene bleiben ließ, ohne Wille und Kraft, jetzt Mussolini wirklich zu vernichten, – aber auch ohne die klare Radikalität, sich ihm umgekehrt zu verbinden und mit ihm, sein Regime langsam verwandelnd, gegen Hitler zu stehen, um den Frieden zu sichern. Denn damals war Mussolini bereit, mit den Westmächten gegen Deutschland zu halten, wie er noch 1934 mobilisierte und die später vergessene Drohrede gegen Hitler hielt, als dieser in Österreich ein-marschieren wollte. Diese halbe Politik bewirkte das Bünd-nis Hitler-Mussolini.
Aber dazu ist zu sagen: Niemand weiß, was bei anderen Entschlüssen die weiteren Folgen gewesen wären. Und vor allem: Die Engländer machen eine auch moralische Politik (was von nationalsozialistischem Denken sogar als Schwäche Englands einkalkuliert wurde). Die Engländer können daher nicht hemmungslos jeden politisch wirkungsvollen Entschluß fassen. Sie wollen den Frieden. Sie wollen jede Chance, ihn zu erhalten, noch nutzen, bevor sie zum Äußersten schreiten. Erst bei offenbarer Ausweglosigkeit sind sie zum Krieg bereit.