2. Es gibt nicht nur staatsbürgerliche, sondern auch europäische und menschheitliche Solidarität. Die Verantwortung des untätigen Dabeistehens besteht in Abstufungen von Staatsbürgern untereinander bis zur Menschheit.
Ob berechtigt oder unberechtigt, wir haben, als die Tür des Zuchthauses Deutschland zugeschlagen war, auf europäische Solidarität gehofft.
Noch ahnten wir nicht die letzten grauenhaften Folgen und Verbrechen. Aber wir sahen den radikalen Verlust der Freiheit. Wir wußten, daß damit der Willkür der Macht-haber Raum gegeben sei. Wir sahen das Unrecht, sahen Ausgestoßene, wenn es auch noch harmlos war gegen das, was spätere Jahre brachten. Wir wußten von Konzentrationslagern noch ohne Kenntnis der dort geschehenden Grausamkeiten.
Gewiß war es unser aller Mitschuld in Deutschland, daß wir in diesen politischen Zustand hineingeraten waren, daß 81
wir unsere Freiheit verloren hatten und unter der Despotie kulturloser, roher Menschen leben mußten. Aber wir durften zugleich zur Entlastung uns sagen, daß wir einer Kom-bination von verschleierten Rechtsbrüchen und Gewalt-akten zum Opfer gefallen waren. Wie im Staat der durch Verbrechen Verletzte vermöge der Staatsordnung sein Recht erhält, so hofften wir, daß eine europäische Ordnung solche Staatsverbrechen nicht zulassen würde.
Mir ist unvergeßlich ein Gespräch in meiner Wohnung mit einem später emigrierten, jetzt in Amerika lebenden Freunde im Mai 1933, in dem wir sehnsüchtig die Möglichkeit baldigen Einmarsches der Westmächte erwogen: wenn sie noch ein Jahr warten, hat Hitler gewonnen, ist Deutschland verloren, ist vielleicht Europa verloren.
In solcher Verfassung, als in der Wurzel Getroffene und darum in manchem Hellsichtige, für anderes blind, erlebten wir folgende Ereignisse mit immer neuen Schrecken: Im Frühsommer 1933 schloß der Vatikan ein Konkordat mit Hitler. Papen führte die Verhandlungen. Es war die erste große Bestätigung des Hitlerregimes, ein gewaltiger Prestigegewinn für Hitler. Es schien zunächst unmöglich.
Aber es war Tatsache. Uns befiel ein Grauen.
Alle Staaten erkannten das Hitler-Regime an. Man hörte Stimmen der Bewunderung.
1936 wurde in Berlin die Olympiade gefeiert. Die ganze Welt strömte dahin. Ingrimmig konnten wir jeden Aus-länder, der dort erschien, nur mit dem Schmerze sehen, daß er uns im Stiche läßt, – aber sie wußten es so wenig, wie viele Deutsche.
1936 wurde das Rheinland von Hitler besetzt. Frankreich duldete es.
1938 stand ein offener Brief Churchills an Hitler in der Times, in dem Sätze vorkamen wie dieser: Sollte England in ein nationales Unglück kommen, das dem Unglück Deutschlands 1918 vergleichbar wäre, so werde ich Gott bitten, uns einen Mann zu senden von Ihrer Kraft des Willens und des Geistes (ich erinnere selbst, aber zitiere nach Röpke).
1935 schloß England durch Ribbentrop den Flottenpakt mit Hitler. Das bedeutete uns: England gibt das deutsche Volk preis, wenn es nur Frieden mit Hitler halten kann.
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Wir sind ihnen gleichgültig. Sie haben noch nicht eine europäische Verantwortung übernommen. Sie stehen nicht nur dabei, wo hier das Böse wächst, sondern sie vertragen sich mit ihm. Sie lassen die Deutschen in einem terroristischen Militärstaat versinken. Zwar wird in ihren Zeitungen ge-scholten, aber sie tun nichts. Wir in Deutschland sind ohnmächtig. Sie könnten noch, jetzt noch vielleicht ohne über-mäßige Opfer, die Freiheit bei uns wiederherstellen. Sie tun es nicht. Es wird auch für sie Folgen haben und viel größere Opfer kosten.
1939 schloß Rußland den Pakt mit Hitler. Dadurch wurde im letzten Augenblick der Krieg für Hitler erst möglich, –
und als der Krieg begonnen wurde, da standen alle die neu-tralen Staaten abseits. Keineswegs stand die Welt zusammen, um durch eine einzige gemeinsame Anstrengung schnell die Teufelei auszulöschen.
Die Gesamtsituation der Jahre 33 bis 39 charakterisiert Röpke in seinem in der Schweiz erschienenen Buch über Deutschland:
»Die heutige Weltkatastrophe ist der gigantische Preis, den die Welt dafür zahlen muß, daß sie sich taub gestellt hat gegenüber allen Alarmsignalen, die von 1930 bis 1939
in immer schrilleren Tönen die Hölle ankündigten, die die satanischen Kräfte des Nationalsozialismus loslassen sollten, zuerst gegen Deutschland selbst und dann gegen die übrige Welt. Die Schrecken dieses Krieges entsprechen genau den anderen, die die Welt in Deutschland hingehen ließ, während sie sogar normale Beziehungen mit den Nationalsozialisten aufrechterhielt und mit ihnen internationale Feste und Kongresse organisierte.«
»Heute sollte sich jeder darüber klar sein, daß die Deutschen die ersten Opfer der Barbareninvasion gewesen sind, die sich von unten herauf über sie ergoß, daß sie die ersten waren, die mit Terror und Massenhypnose überwältigt wurden und daß alles, was dann später die besetzten Länder zu erdulden hatten, zuerst den Deutschen selbst zugefügt worden ist, eingeschlossen das allerschlimmste Schicksaclass="underline" zu Werkzeugen weiterer Eroberung und Unterdrückung ge-preßt oder verführt zu werden.«
Wenn man uns vorwirft, daß wir – unter dem Terror –
untätig dabeistanden, als die Verbrechen begangen wurden, 83
und als das Regime sich befestigte, so ist das wahr. Wir dürfen uns vergegenwärtigen, daß die anderen – ohne unter Terror zu stehen – ebenfalls untätig geschehen ließen, ja unabsichtlich förderten, was sie, weil es in einem anderen Staate geschah, nicht als eine sie betreffende Sache an-sahen.
Sollen wir anerkennen, daß wir allein schuldig sind?
Ja, sofern es sich handelt darum, wer den Krieg angefangen hat, –
wer zuerst die terroristische Organisation aller Kräfte auf den einen Zweck des Krieges hin durchgeführt hat, –
wer als Volk in seinem Staat das eigene Wesen verraten und preisgegeben hat, –
mehr noch: wer eigentümliche, alle anderen übertreffende Greuel getan hat. Dwight Macdonald sagt, daß viele Kriegs-greuel auf allen Seiten stattfanden, aber einiges den Deutschen eigentümlich sei: ein paranoischer Haß ohne politischen Sinn, – eine mit allen modernen technischen Mitteln rational vollzogene Grausamkeit der Qualen, hinaus über alle mittelalterlichen Folterwerkzeuge. – Jedoch waren das einige Deutsche, eine kleine Gruppe (mit einer unbestimmten Grenze derer, die auf Befehl imstande waren mitzu-wirken). Der deutsche Antisemitismus war in keinem Augenblick eine Volksaktion. Bei den deutschen Pogromen fehlte die Mitwirkung der Bevölkerung, es fanden keine spontanen Grausamkeitsakte gegen Juden statt. Die Volksmenge schwieg und zog sich zurück, soweit sie nicht ihren Unwillen zu schwachem Ausdruck brachte.
Sollen wir anerkennen, daß wir allein schuldig sind?
Nein, sofern wir als Ganzes, als Volk, als dauernde Artung zu dem bösen Volk schlechthin gemacht werden, – zu dem schuldigen Volk an sich. Gegen diese Weltmeinung können wir hinweisen auf Tatsachen.
Solche Erörterungen sind aber für unsere innere Haltung nur dann nicht gefährlich, wenn wir nie vergessen, was noch einmal wiederholt sei:
1. Alle Schuld, die man den anderen geben kann, und die sie sich selbst geben, war nicht die Schuld der Verbrechen, die Hitlerdeutschland begangen hat. Es war bei ihnen damals ein Gehenlassen und eine Halbheit, ein politisches Irren.
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Daß in der Folge des Krieges die Gegner auch Gefangenenlager als Konzentrationslager hatten und Kriegshand-lungen vollzogen, die zuerst Deutschland vollzog, das ist sekundär. Von den Ereignissen seit dem Waffenstillstand ist hier nicht die Rede, nicht von dem, was Deutschland erlitten hat und nach der Kapitulation weiter erleidet.