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2. Unsere Schulderörterungen dienen der Aufgabe, den Sinn unserer eigenen Schuld zu durchdringen, auch dann, wenn wir von einer Schuld der anderen reden.

3. Das Wort: die anderen sind nicht besser als wir, gilt wohl. Aber es wird falsch angewandt in diesem Augenblick.

Denn jetzt, in diesen vergangenen 12 Jahren, waren alles in allem genommen die anderen in der Tat besser als wir.

Die allgemeine Wahrheit darf nicht dazu dienen, die besondere gegenwärtige Wahrheit der eigenen Schuld zu nivellieren.

§ 4. Aller Schuld

Sagt man gegenüber den Unstimmigkeiten des politischen Verhaltens der Mächte, daß es sich hier überall um die Unausweichlichkeiten der Politik handelt, so ist die Antwort: das ist die allen Menschen gemeinsame Schuld.

Die Vergegenwärtigung der Handlungen der anderen ist für uns nicht von der Bedeutung, unsere Schuld zu erleichtern, wohl aber berechtigt aus der Sorge, die wir als Menschen mit allen anderen für die Menschheit haben, die heute als Ganzes nicht nur zum Bewußtsein gekommen ist, sondern infolge der Ergebnisse des technischen Zeitalters auf ihre Ordnung hinwirkt oder diese verfehlt.

Die Grundtatsache, daß wir alle Menschen sind, berechtigt uns zu dieser Sorge um das Menschsein im ganzen. Wir sind beseelt von dem leidenschaftlichen Drange, verbunden zu bleiben oder Verbindung wieder zu gewinnen mit den Menschen als Menschen.

Welche Erleichterung würde es bedeuten, wenn die Sieger nicht Menschen wie wir, sondern selbstlose Weltregenten wären. Dann würden sie in weiser Voraussicht den glücklichen Wiederaufbau einschließlich einer wirkungsvollen Wiedergutmachung lenken. Dann würden sie uns durch Tat und Vorbild das Ideal demokratischer Zustände vorleben und es uns täglich als überzeugende Wirklichkeit fühlen lassen. Dann würden sie unter sich einig sein in vernünf-85

tiger, offener, von Hintergedanken freier Aussprache und würden schnell alle auftauchenden Fragen sinnvoll zur Entscheidung bringen. Dann würde keine Täuschung möglich sein und keine Scheinhaftigkeit, kein Verschweigen und kein Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Reden. Dann würde eine treffliche Erziehung unserem Volk zuteil werden, würden wir zu lebendigster Entwicklung unseres Denkens in der gesamten Bevölkerung kommen und uns die gehaltvollste Überlieferung zu eigen machen. Dann würden wir streng, aber auch gerecht und auch gütig, ja liebevoll behandelt werden, sofern nur das leiseste Ent-gegenkommen seitens der Unglücklichen und Irregeleiteten stattfindet.

Aber die anderen sind Menschen wie wir. Und in ihrer Hand liegt die Zukunft der Menschheit. Wir sind als Menschen mit unserem ganzen Dasein und den Möglichkeiten unseres Wesens gebunden an das, was sie tun, und an die Folgen ihres Handelns. Darum ist es für uns wie eine eigene Sache, zu erspüren, was sie wollen, denken und tun.

Wir fragen uns aus dieser Sorge heraus: Sind die anderen Völker vielleicht glücklicher auch durch günstigere politische Schicksale? Machen sie vielleicht dieselben Fehler wie wir, aber ohne daß bisher die verhängnisvollen Folgen eingetreten sind, die uns in den Abgrund brachten?

Sie würden es ablehnen, von uns, den Verderbten und Unglückseligen, Warnungen zu erhalten. Sie würden vielleicht nicht verstehen und es gar anmaßend finden, wenn Deutsche sich Sorgen um den Gang der Geschichte machen, der bei ihnen und nicht bei den Deutschen liegt. Aber es ist so: wie ein Alp liegt auf uns die Vorstellung: Kommt in Amerika einst eine Diktatur im Stile Hitlers, so ist ein Ende, das für unabsehbare Zeiten hoffnungslos wäre. Wir in Deutschland konnten befreit werden von außen. Wenn einmal die Diktatur da ist, so ist eine Befreiung von innen heraus unmöglich. Wird die angelsächsische Welt wie früher wir von innen heraus diktatorisch erobert, dann gibt es kein außen mehr, dann gibt es keine Befreiung. Die Freiheit, die von Menschen im Abendlande errungen wurde, und deren Erringen Sache von Jahrhunderten, ja Jahrtausenden war, wäre vorbei. Es wäre wieder die Primitivität des Despotismus da, aber mit technischen Mitteln. Wohl 86

kann der Mensch nicht endgültig unfrei werden. Aber dieser Trost wird dann einer auf sehr lange Sicht. Mit Plato: im Gang der unendlichen Zeit wird hier oder dort einmal wirklich oder wieder wirklich, was möglich ist. Wir sehen mit Schrecken die Gefühle der moralischen Überlegenheit: wer sich der Gefahr gegenüber absolut sicher fühlt, ist schon auf dem Wege, ihr zu verfallen. Deutschlands Schicksal wäre eine Erfahrung für alle. Möchte diese Erfahrung verstanden werden! Wir sind keine schlechtere Rasse. Überall haben Menschen die ähnlichen Eigenschaften. Überall gibt es die gewaltsamen, verbrecherischen, vital tüchtigen Mino-ritäten, die bei Gelegenheit das Regime ergreifen und brutal verfahren.

Uns kann wohl Sorge befallen wegen der Selbstsicher-heit der Sieger. Denn von nun an liegt alle entscheidende Verantwortung für den Gang der Dinge bei ihnen. Ihre Sache ist, wie sie Unheil verhüten oder neues Unheil her-aufbeschwören. Was nunmehr ihre Schuld werden könnte, das wäre das gleiche Unheil für uns wie für sie. Sie müssen jetzt, wo es um das Ganze der Menschheit geht, gesteigert verantworten, was sie tun. Reißt die Kette des Bösen nicht ab, so geraten die Sieger in dieselbe Lage, wie wir, mit ihnen aber die gesamte Menschheit. Die Kurzsichtigkeit menschlichen Denkens, zumal in Gestalt der jeweils wie eine un-widerstehliche Welle alles überschwemmende Weltmeinung ist eine ungeheure Gefahr. Die Werkzeuge Gottes sind nicht Gott auf Erden. Böses mit Bösem vergelten, zumal an den Zuchthausinsassen, nicht nur an den Zuchthausverwaltern, würde böse machen und neues Unheil zeugen.

Wenn wir unsere eigene Schuld bis in ihren Ursprung verfolgen, so stoßen wir auf das Menschsein, das in deutscher Gestalt ein eigentümliches, furchtbares Schuldig-werden angenommen hat, aber Möglichkeit im Menschen als Menschen ist.

Es wird wohl gesagt, wenn von deutscher Schuld die Rede ist: es ist aller Schuld – das verborgene Böse überall ist mitschuldig an dem Ausbruch des Bösen an dieser deutschen Stelle.

Es wäre in der Tat ein Ausweichen und eine falsche Entschuldigung, wenn wir Deutsche unsere Schuld durch den Bezug auf die Schuld des Menschseins mildern wollten.

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Nicht Erleichterung, sondern Vertiefung kann der Gedanke bringen. Die Frage der Erbsünde darf nicht zu einem Wege des Ausweichens vor der deutschen Schuld werden. Das Wissen um die Erbsünde ist noch nicht Einsicht in die deutsche Schuld. Aber es darf auch nicht das religiöse Bekenntnis der Erbsünde zum Kleide eines falschen kollektiven deutschen Schuldbekenntnisses werden, so daß in unredlicher Unklarheit das eine für das andere steht.

Wir haben keinen Drang, die anderen zu beschuldigen, wir wollen sie nicht hineinreißen und nicht gleichsam an-stecken. Aber im Abstand der Sorge dessen, der hineingeraten ist, und der zu sich kommt und sich besinnt, denken wir: möchten die anderen doch solche Wege nicht gehen, –

möchten wir uns doch, sofern wir guten Willens sind, auf sie verlassen dürfen.

Jetzt hat eine neue Periode der Geschichte begonnen.

Nunmehr haben für das, was geschieht, die Siegermächte die Verantwortung.

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III. Unsere Reinigung Die Selbstdurchhellung als Volk in geschichtlicher Besinnung und die persönliche Selbstdurchhellung des einzelnen scheint zweierlei. Doch geschieht das erstere nur auf dem Wege über das zweite. Was einzelne miteinander in Kommunikation vollziehen, kann, wenn es wahr ist, zum verbreiteten Bewußtsein vieler werden und gilt dann als Selbstbewußtsein eines Volkes.